What’s the story of morning glory

Um sechs Uhr dreißig beginnt es. Die liebliche Melodie aus „Täglich grüßt das Murmeltier“ weckt mich aus unruhigen Träumen und anders als Gregor Samsa erwache ich in der Regel nicht als hässlicher Käfer sondern als ich. „I got you Babe“ singt mein Wecker mir vor und eigentlich ist es der Alltag der in Zungen zu mir spricht. Auf ins Gefecht, Mutti sit am Start.

Die ersten 20 Minuten eines jeden Tages gehören mir und würde ich noch früher aufstehen, hätte ich sogar Zeit einen Kaffee zu trinken oder sonst irgendwas zu tun. Da ich das aber niemals tun würde (also früher aufstehen) beginnt der Tag mit dem Programm, das in meinem Kopf als „Mama morgens“ abgespeichert ist. Brotdosen.

A-Hörnchen vegan, keine Marmelade oder so, die glitscht. In die Flasche gern lauwarmen Tee, ordentlich Obst und Nüsse gegen das verhungern; mit vierzehn verhungert man immer. Ununterbrochen. Vor allem Donnerstags, da ist achte Stunde und da muss im Grunde ein Kleinlaster her.

C-Hörnchen nimmt Müsli mit, in so einem kleinen Glas. Löffel nich vergessen, das ist schlimm, weil die Schule wegen Corona (!!) keine Löffel verleihen kann. Löffel also, und eine Banane. Und auch Nüsse, aber keine Haselnüsse, und keine Datteln, Datteln sind der Tot. Vielleicht eine Mandarine, aber nicht jeden Tag. Und Wasser bitte, Tee schmeckt so nach Tee. Apropos Wasser, Montags ist schwimmen, da muss was in den Schwimmbeutel, sonst verhungert das Menschlein im Bus. Ein Müsliriegel ist genehm.

B-Hörnchen ist da umgänglicher, sie mag lediglich 13 Sorten Käse nicht, fünf Sorten Wurst, Marmelade geht manchmal aber nicht jede, ausserdem sollte das Brot die richtige Konsistenz haben und Tee ist Montags, Dienstags und Donnerstags in Ordnung, an den anderen Tagen bitte Wasser. Und das Obst sollte nicht zu obstig sein und die Nüsse nicht zu nussig und wenn doch, dann kann man ja immer noch alles einmal anbeißen und es dann verschmähen. Mittwochs und Montags muss was zusätzlich her, da ist siebte Stunde. Aber nichts komisches bitte sondern was gutes.

D-Hörnchen mag grad keine Mini- Salami, weil die nach Salami schmeckt, das ist so ähnlich wie das mit dem Tee beim C-Hörnchen. Sonst mag er vieles, vor allem am Montag, da hat er nämlich auch schwimmen und wenn ich nicht aufpasse, ist er verhungert wenn er nach Hause kommt. Same story again. Ansonsten mag er es simpel. Am besten Toast mit Nutella. Da ich das nicht mache geht auch Wurstbrot, oder Käsebrot. Dazu am besten Bounty oder Snickers. Da ich das nicht mache geht aber auch Apfel oder Kiwi oder Banane. Und als Snack am liebsten Chips oder Erdnussflips. Da ich das aber nicht mache, geht auch Studentenfutter.

Irgendwann schleicht dann ein Teenie-Zombie wortlos an mir vorbei ins Bad. Meine ersten Worte eines jeden Morgens sind ein freudig geträllertes: „Guten Moorgen!!“. Die Antwort bleibt zu 98% aus. Während der Zombie versucht den Teenie-Anteil herauszuarbeiten, mache ich Frühstück. Wenn es Brote gibt meckert jemand, wenn es Müsli gibt auch. Wenn ich Porridge koche motzt garantiert jemand und wenn ich nix mache erst Recht. A-Hörnchen mag einen Schwarzen Kaffee zum Frühstück, die drei anderen trinken Saft. C-Hörnchen mag keinen O-Saft und wenn es „immer nur“ Apfelsaft gibt, meckern sie. Mangosaft schmeckt nur mit Wasser und wenn es MultivitaminSaft gibt, nimmt auch A-Hörnchen ein Glas. Nach und nach rücken alle an, meistens angezogen und gewaschen, manchmal nicht. Manchmal verschläft einer, das gilt es rechtzeitig zu bemerken.

Das Frühstück nimmt seinen lauf. Danach werden panisch Turnbeutel bestückt und die Sporthose ist immer an dem Ort, über den keiner spricht. Ungewaschen, denn an diesem Ort suche ich nicht. Manchmal finden wir Montags das Schwimmzeug von der Woche davor wieder, manchmal auch nicht. Ist noch eine Entschuldigung zu schreiben, eine Zettel zu sichten oder was auszufüllen? Müssen noch Arbeiten unterschrieben werden und hat B-Hörnchen alles für ihr Referat dabei? Irgendwer tritt immer auf irgendwas von einem anderen, irgendwas fehlt immer. Sind die Fahrradlampen geladen? Wo ist der Hausschlüssel und bitte Maske nicht vergessen!!

Zum Abschied hagelt es Küsse. „Du bist die beste Mama der Welt!“ trällerte das D-Hörnchen beim rausstiefeln und ich habe plötzlich gar keinen Zweifel mehr daran, dass alles gut ist. Sind sie nicht wundervoll?

Um 7:45 ist der Spuk vorbei. Alle sind weg.

Atmen.

Kurz, denn meistens hat einer was vergessen. Dann aber, Ruhe und schnell fertig machen für die Arbeit. Das Mama-ich ablegen und auf in den nächsten Wahnsinn.

Und Maske nicht vergessen.

24 hours

Als ich ein Kind war hatte ich oft Hausarrest. Manchmal auch Stubenarrest und wahlweise Zimmerarrest; das war das selbe wie Stubenarrest, klang nur anders. Diese freiheitsentziehenden Maßnahmen war bei uns zu Hause das absolute Mittel der Wahl – warscheinlich weil ich von Natur aus gern und viel auf Achse war. Ich weiß nicht wie oft ich arrestiert wurde, mein Vater sagt heutzutage selbst, dass ich warscheinlich nach wie vor Hausarrest hätte, wenn ich jeden Tag abgesessen hätte.

Meine Hörnchen kennen keinen Hausarrest, auch keinen Stubenarrest und im allgemein keine Strafen. Umso amüsierter war ich, als C- und D-Hörnchen am Samstag Morgen mit der Idee um die Ecke kamen, sich 24 Stunden im Kinderzimmer aufzuhalten. Schnell waren die Verhandlungen abgeschlossen und die notwendigen Vorbereitungen getroffen. Konkret heißt dies: Die Toilette wird aufgesucht, Eimer sind keine Option. Die Betten waren fix gebaut und Wasserflaschen gefüllt. Zusätzlich horteten die beiden allerlei Spielzeuge, CDs, Ladekabel und Zeugs im Zimmer von C-Hörnchen. Nach dem Mittag begann das Spektakel.

Die folgenden 24 Stunden verliefen vollkommen ereignislos. Wir lieferten Essen, trugen benutztes Geschirr wieder weg, plauderten und bestaunten was zu bestaunen war und freuten uns über die niedlichen zwei. Nach 20 Stunden waren sie immer noch ein Herz und eine Seele. Ununterbrochen hörte man sie quasseln, kichern und gackern; es war ganz zauberhaft! Nach dem Mittagessen am Sonntag hoben sie dann die selbstverhängte Quarantäne auf.

Alles was von da an passierte kann man grob mit Sodom und Gomorra bezeichnen, aus der Traum. Immer heulte einer, immer schrie eine. Sie stritten über die Farbe der Wand, den Gescmack der Luft und die Aussprache des Wortes „Mama“, sie stritten um jeden Krümel und jeden Furz, es war nicht auszuhalten. Und nachdem ich jetzt am eigenen Leib erfahren hatte, wie praktisch Stubenarrest ist, habe ich doch das eine oder andere mal mit mir gehadert.

Nein, niemand bekommt hier irgend einen Arrest. Diese Art der Strafe führt zu gar nichts als Traurigkeit und Unverständnis. Niemand überdenkt seine Taten, wenn er einsam in seinem Zimmer sitzt, niemand verändert sein Handeln wegen so bekloppter Strafen. Die Grenzen von „geht“ und „geht nicht“ zu erlernen gehört zur Entwicklung eines jeden Menschen dazu. Anstatt bei einem Fail allerdings abgestraft zu werden, halte ich es für weit sinnvoller wenn der heranwachsende Mensch die Möglichkeit bekommt sein Handeln zu verstehen und die Konsequenzen zu erfassen. Als besonders hilfreich haben sich außerdem Liebe, Respekt und Anerkennung erwiesen, auch zuhören und kuscheln wirken Wunder.

Dennoch, wenn die Hörnchen sich das nächste Mal selbst aus dem Verkehr ziehen, sag ich nicht nein. Nur an dem danach sollten wir noch etwas feilen…

Firestarter war gestern

„I’m the trouble starter, punkin‘ instigator
I’m the fear addicted, a danger illustrated
I’m a firestarter, twisted firestarter
You’re a firestarter, twisted firestarter
I’m a firestarter, twisted firestarter…

Keith Flint brüllt unermüdlich aus meiner Bluetooth-Box und ich kann ihm echt nicht mehr folgen. Energetisch und auf die fresse, wie war das noch gleich? Ich bin leer. Vielleicht sind es auch nur die Dämpfe der Haarfarbe gegen das sprießende Grau, dass mir die Sinne vernebelt aber echt… das ging doch schon mal besser.

Dabei mach ich doch alles richtig. Ich bin geimpft; dreifach sogar. Und im übrigen auch gegen Tetanus, Grippe, Hepatitis und alles mögliche sonst. Ich esse mein Gemüse, meide tierische Produkte und treibe viel Sport. Mein BMI ist im Normbereich und an und in meinen Körper kommt nur Bio-Scheiß. Dennoch bin ich leer, kraftlos und müde im Monat 23 der Pandemie. Nochmal also?

Nochmal!! Ohne wenn und aber und ohne Pardon steuern die geschäftsführenden Vortänzer*innen dieses Landes uns in die Katastrophe und alles was man machen kann ist zugucken. Während im vergangenen Winter noch die Kinder zu Hause waren, was zu enormem Stress durch Homeschooling vs. Homeoffice führte, man Oma und Opa nie sah und es gradezu gemütlich war (nein, das romantisiere ich), ist es jetzt anders irgendwie. Oma und Opa sind impf-safe und die, die jetzt schutzlos sind, jagend wir eben da hin, wo die Seuche am heftigsten wütet: In die Grundschule. Es bring mich um.

Jeden Tag fällt es mir schwerer die Entscheidung pro Schule zu treffen. Die positiven Fälle häufen sich, Quarantänen finden kaum statt, die Betroffenen werden getestet, was wenig Schutz bietet, haha. Die Kleinen einfach zu Hause zu lassen ist auch nicht ganz so einfach. Online findet nichts mehr statt, die Beschulung wäre dann Privatsache. Illegale Privatsache, denn nach wie vor herrscht Schulpflicht. Wenn es dumm läuft winkt also ein Bußgeld, und das kann ich mir neben den festen Zahnspangen der Großen auch nicht mehr leisten.

Hinzu kommt, dass auch die Kinder Pandemie-müde sind. Sie wollen nicht hier sitzen udn isoliert sein, während für alle andern das Leben weiter geht. Selbst Schwimmunterricht und Zirkus-AG finden nach wie vor einfach statt; da erkläre einer dem Achtjährigen, warum er da nicht hin soll. Also doch durchseuchen? Und was wenn dann doch long COVID? Was wenn es doch einen schwer erwischt? Mein Kopf platzt. Mein Herz auch.

Müde, trostlos und abgeschlagen, das ist das eine. Vor allem aber fehlt mir jede Unterstützung derer, die jetzt mal am Drücker sind. Liebe Regierende dieses Landes. Macht die Scheiße zu. Jetzt und nicht wenn 10.000 weitere gestorben sind. Lasst uns nicht im Regen stehen, denn so viel Bio-Gemüse kann man gar nicht essen, dass man das hier unbeschadet übersteht. ich werde krank von eurem Versagen. Es reicht!

Groß, stark und mutig!!

Vor ein paar Tagen begegnete mir morgens eine Frau mit einem Dreijährigen. Das Kind lag am Boden schrie in wütendsten Zungen. Neben ihm lag ein kleines Fahrrad. Immer wieder schrie der Zwerg: “Is darf das wooohl!!” und die Frau erwiderte liebevoll aber bestimmt: “An der Straße bleibst du stehen! Sonst könne wir nicht zusammen Fahrrad fahren.”

Ich weiß nicht wie die Szene ausging, vermutlich auf die eine oder andere Weise gut oder dramatisch. Hunderte male habe ich genau diesen Moment erlebt, an so vielen Straßen gestanden, in Supermärkten oder an jedem erdenklichen anderen Ort. Mal war ich geduldig, mal riß mir die Hutschnur. Mal haben wir es mit Kuscheln gelöst und mal haben wir das Fahrrad am Poller vorn links angeschlossen und sind schreiend weiter. So viele Jahre lang habe ich Grenzen gesetzt, mich gestritten und Wut ertragen und plötzlich sind sie groß.

Gestern haben wir unsere kleinen Großen zum ersten Mal abends allein gelassen, um uns mit Freunden zu treffen (draußen, Corona-konform). A-Hörnchen hatte sich gern bereit erklärt, die Verantwortung zu übernehmen, B-Hörnchen ist als Helferin an Bord gewesen, C- und D-Hörnchen haben sich wiederum gern in die Hände ihrer großen Geschwister begeben. Alles lief gut. Die Großen haben sich sogar um das Abendessen gekümmert: Es gab Chips, Flips, Salzstangen, Gummie-Getier, Lakritze, Milchschnitte, Schokolade und Limo satt. Das Rahmenprogramm versprach fernsehen bis zum Abwinken. Keiner hat sich übergeben und um 22.15 Uhr erreichte mich die Nachricht, dass die Kleinen im Bett sind. Mega gut!!

Und plötzlich zahlten sie sich aus, die Wutausbrüche, der viele Streit, das Kämpfen um Regeln, Macht und Vertrauen. Jeder Schreianfall, jede Träne hat sich am Ende gelohnt, weil die Fronten geklärt sind, weil man weiß, woran man ist.

Kinder zwischen zwei(ein halb) und fünf Jahren müssen kämpfen. Sie begreifen, dass sie kein Teil ihrer primären Bezugsperson (*Mutter) sind, sie entdecken sich selbst, ihre eigene Meinung, ihr Wollen und Wünschen. Um diese bahnbrechende Erkenntnis zu begreifen und die neuen Realität mit Leben zu füllen, müssen sie die Rahmenbedingungen erstmal erforschen. Die Bezugspersonen (*Eltern) stecken diesen Rahmen immer neu ab, bieten Grenzen, Schutz und Sicherheit. Sie lassen ihre Kinder Autonomie erfahren (Du darfst selbst Fahrrad fahren) und definieren den Rahmen, in dem diese Autonomie erlebbar ist (An Ampeln und Straßen halten wie an!) Diese Verhandlungen führen fast immer zu Spannungen und Streit. Viele Menschen sprechen dann von der Trotzphase des Kindes; eigentlich geht es aber um was ganz anderes: Das Kind wird autonom.

Elementar wichtig ist in dieser Phase das Verhalten der Bezugspersonen. Zu viel Freiheit lässt Kinder orientierungslos werden. Sie suchen nach den Grenzen, wenn sie keine finden, suchen sie weiter. Man sagt dann: “Dein Kind testet dich!”, tatsächlich sucht es nur nach der Grenze. Es braucht seine Bezugsperson. Zu wenig Freiheit wiederum ist auch nicht hilfreich. Ein Kind das Autonomie erfahren will und darin gebremst wird, erfährt, dass es nicht autonom ist, nicht “selbst ist”. Dies kann zu eskalierender Autonomie führen, was oftmals mit hilflosen Diagnosen von Kita-Erzieher*innen einhergeht (Er/Sie hat bestimmt ADHS) oder aber zum Rückzug, das Kind kapituliert. Beides ist traurig und bringt das Kind nicht weiter.

Die Botschaft an unsere Kinder sollte immer sein:

Ich bin bei dir und ich liebe dich. Ich glaube an dich und ich traue dir was zu. Probier dich aus, ich bin da.

Wenn es uns gelingt unser Verhalten nach dieser Botschaft auszurichten, die Kinder wachsen zu lassen und sie aufzufangen, wenn etwas in die Hose gegangen ist, dann … sind sie irgendwann so groß, mutig und selbstständig, dass man sie einfach so zu Hause lassen kann. Weil sie es können, weil man ihnen vertraut und vor allem, weil sie wissen, dass sie es drauf haben.

Sie sterben noch immer

Wenn man sich nicht allzuviel Mühe gibt, könnte man glatt glauben, die Welt sei von einer Klimakatastrophe bedroht, der Bundestag ist schick und schön und die Booster-Impfung rettet uns alle. Die Weihnachtsmärkte öffnen bald und die Energiepreise steigen, was für ein Skandal. Aber so alles in einem betrachtet, war es doch schon schlimmer. Zum Beispiel damals, als wir dauernd zu Hause sein mussten, damit Oma und Opa nicht sterben. Bei genauerer Betrachtung ist es jedoch nicht ganz kuschelig.

Aktuell sind weltweit 82,4 Millionen Menschen auf der Flucht. Das sind ungefähr so viele, wie in Deutschland leben. Zwei Drittel dieser Menschen kommen aus nur vier Ländern:

Venezuela, Afghanistan, Süd Sudan und Myanmar.

Sicherlich weiß fast jedes Schulkind warum Menschen aus Afghanistan fliehen; das Versagen der USA, Taliban, die nicht geretteten Ortskräfte; alles nicht lang her. Zuletzt wurde es still in der Presse – dennoch: das Sterben geht weiter. Die Menschen in Afghanistan sind von einer Hungerkatastrophe bedroht, die Taliban schaffen es nicht im geringsten die Bevölkerung zu versorgen. Die Wirtschaft ist am Boden, der Winter steht vor der Tür. Weit über die Hälfte der Bevölkerung ist auf humanitäre Hilfen angewiesen. Terror und Unterdrückung beherrschen weiter den Alltag.

Menschen sterben.

In Venezuela sind rund 70% der Bevölkerung vom Hunger bedroht. Die Regierung steckt in einer tiefen Kriese, Machtinhaber Niclas Maduro und die Opposition kommen zu keiner Einigung, gleichzeitig ist Maduro von vielen Staaten nicht als Regierungschef anerkannt, die Wahlen 2019 gelten als unrechtmäßig. Leidtragend ist die Bevölkerung; die gesundheitliche Versorgung ist fast vollständig zusammengebrochen, Hunger treibt Millionen auf die Flucht. Das einzige Hoch behält die Inflation sich vor.

Menschen sterben.

Der Süd Sudan ist eins der ärmsten Länder der Welt. Erst 2011 erlangte das Land die Unabhängigkeit, von 2013 – 2018 herrschte Bürgerkrieg. Zuletzt wurde das Land von schweren Dürren, gefolgt von schweren Überschwemmungen getroffen. Die ohnehin verarmte Bevölkerung hungert. Die Ernten bleiben Jahr für Jahr aus, das Vieh ist längste verendet. Der Klimawandel hat das Ausmaß und die Häufigkeit der Katastrophen stark beeinflusst.

Menschen sterben.

In Myanmar herrscht seit dem Putsch durch das Militär Ausnahmezustand. Im Rahmen von Demonstrationen im Frühjahr diesen Jahres kam es zu tausenden Festnahmen und Toten. Man spricht von Folter und Mord. Auch in Myanmar hungert die Bevölkerung. Die Pressefreiheit ist faktisch aufgehoben, ausländische Journalisten werden verhaftet und bedroht.

Menschen sterben.

Und zuletzt muss man gar nicht weit gucken. An der Deutsch-Polnischen Grenze kommt es zu Übergriffen durch Rechtsextreme gegen Menschen, die aus Belarus fliehen. Grenzposten sichern die Grenzen, die Festung Europa wird gehalten. Menschen harren in Wäldern aus, hoffnungslos und verzweifelt ist die Lage; dort ebenso wie am Mittelmeer.

Menschen sterben. Überall.

An Hunger, durch Waffen und natürlich auch an Corona. Und während wir uns um den Termin für die Booster-Impfung streiten, sind die Menschen in Myanmar und Venezuela, die im Sudan und die in Afghanistan nicht geimpft. Sie haben keinen Zugang zu Masken und Desinfektionsmitteln, sie können keinen Abstand halten, in den schmutzigen und erbärmlichen Lagern, die an den Grenzen für die aufgeschlagen werden, die es vermeintlich geschafft haben.

Ich will hier nicht die Laune drücken. Auch ich freue mich auf den Weihnachtsmarkt und sehe der Ampelkoalition erstaunlich erfreut entgegen (kleineres Übel und so), dennoch ist es mir wichtig, immer wieder über den Tellerrand zu sehen; immer und immer wieder. Die Welt ist groß und wir alle, die Zugang zu banalen Medien wie diesem albernen Blog haben, leben in einer komfortablen kleinen Blase namens Wohlstand.

Leave no one behind!

Flieht ihr Narren!!

Was Urlaub angeht, sind wir nicht wählerisch. Gern lassen wir uns in Jugendherbergen nieder, zu sechst in einem Zimmer geht gut. Wir haben kein Problem mit Klo und Dusche auf dem Flur und schätzen den Charme der Herberge in der Regel sehr.

Als wir gestern in unserer Herberge im Harz ankamen, mussten wir uns die Lage schon ein bisschen schön reden. “Verkehrsgünstig gelegen” sagt man da wohl, wenn das einzige Haus auf einigen hundert Metern malerisch zwischen der Schnellstraße und der anderen Straßen eines Ortes liegt. Den großzügigen Spielplatz direkt vor dem Haus konnten wir beim besten Willen nicht finden – na gut.

Von aussen versprühte die Jugendherberge die Ästhetik der späten 80er mit dem Renovierungsstand anno tuff. Aber hey; ist ja nur von außen.

Innen empfing uns so ein Typ in dreckiger Kochschürze. Das fettige Haar hing in die Stirn, große teile seines Gesäßes lukte aus der schmierigen Karo-Hose, ein Shirt, welches schon bessere Tage gesehen hatte, schmückte seinen Körper unerfreulich unvollständig. Ich schluckte und dachte sowas wie: “Er ist ja nur der Koch…” Mein Magen zuckte empfindlich.

Als wir unser Zimmer betraten traf mich der Schlag.

Wir stiegen zu unserem Zimmer in den 2. Stock empor. Die Flure und Treppen waren mit diesem 80er Linoleum ausgelegt, tiefe Laufspuren zogen sich entlang aller Wege. Große Lachen von Limonade, die vorgestern oder letzte Woche ausgelaufen ist, mischten sich mit Staub und Krümeln. “Na ja”, dachte ich. “Es sind ja nur die Flure.”

Die drei erwarteten Stockbetten standen in einem Zimmer, dass so klein war, dass wir sechs kaum gleichzeitig stehen konnten. Keine Haken für Kleidung, nur ein schmutziger Tisch und vier Stühle. Es roch unangenehm. Die Decken und Kissen auf den wasserabweisenden alten Matratzen waren fleckig; Haare und Krümel rahmten das Bild. Ein Nachttisch war abgerissen, die blanken Kabel der Lampe schauten aus der Wand . Auf den restlichen fünf Nachtschränkchen fand sich eine mehrere Millimeter dicke Staubschicht; teilweise schon mit ebenfalls neu verdreckten Abdrücken von Flaschen.

Wir ließen uns mit viel gutem Willen und letzter Hoffnung ein anderes Zimmer geben. Es war noch kleiner; Rest identisch. Der Blick in das Gemeinschaftsbad auf dem Flur zeigte nichts Bessere. Es war erbärmlich. Es war ekelhaft.

Wir hielten Kriesenrat.

Einige Minuten und viele Tränen später war klar, dass wir eben so schnell abhauen, wie wir angekommen waren. Nichts kann das rechtfertigen, das haben wir nicht verdient. Ein Aufenthalt an so einem Ort ist kein Urlaub sondern eine Strafe. Wir flohen. 250km später waren wir wieder zu Hause. Sorry Umwelt,m das war echt für´n Arsch. Aber noch viel mehr für`n Arsch wäre es gewesen, da unglücklich eine Woche auszuharren.

Ich hab’s versucht

So ein Freizeitpark ist ein spannendes Forschungsfeld. Heute habe ich gleich acht Stunden im Feld verbracht und bin zu packenden Erkenntnissen gekommen:

Früher nahm man das mit, was man tragen konnte, Kinder liefen auf Beinen und was nicht ging, das ging nicht. Peng. Heute haben Eltern einen Bollerwagen.

Hierbei sprechen wir nicht von banalen Holzwagen, die man oder Frau an einer ordinären Holzdeichsel hinter sich her ziehen. Nein nein. Wir sprechen von Statussymbolen!

Den stabdart FuxTec (der heißt echt so) kann man an einer längenverstellbaren Deichsel ziehen. Er ist aus Plastik-Stoff und faltbar. Das Basismodell von Hudora oder UlfBo hat zudem Taschen und eine um 300 Grad beweglich Deichsel. Heissser Scheiß sag ich euch!

Aber es wird noch besser: wenn man ein paarhundert Euro tiefer in die Tasche greift, kann man den FuxTec auch mit einer Schiebestange, einem “Kofferraum”, einem Dach und Sitzbänken bekommen. Selbiges wird außerdem vom Elvent sowie vom Tresco angeboten. Bahnbrechend!

Eins haben sie alle gemeinsam: Sie treten in Rudeln auf und sind ausnahmslos überladen. Auf eine 4-köpfige Familie kommt da schon mal ein bis zum Dach (wenn er denn eins hat) beladener FuxTec um die Ecke; für einen Tagesausflug. Neben Wechselkleidung fur alle in doppeltet Ausführung sollte für jede/n ein Liter Wasser (oder Pfirsicheistee) an Bord sein und natürlich ein paar Snacks. Und ein Verbandskasten, ebenso wie ein Notstromaggregat, Solarpaneele und ein batteriebetriebenes Radio mit weltweitem Empfang. Nicht zu vergessen drei Liter Sonnencreme, eine Picknickdecke sowie Gummistiefel für alle; man weiß ja nie.

Ja nun, ich kann mir glatt etwas komisch vor mit meinem kleinem Rucksack. Fast etwas unorganisiert, und naiv. Zugegeben, wir waren auf keine Eventualität vorbereitet; noch nicht mal Autan hatte ich dabei. Doch spätestens als klein Tristan glücklich jauchzend in den Wasserspielplatz pinkelte und Mammi nicht schnell genug da war, weil sie den Monster-Fux bewachen musste, wusste ich, dass Wechselkleider und Notstrom einen halt auch nur dann retten, wenn man sie braucht. In allen andern Fällen stehen sie halt im Weg – so wie jeder andere Ballast auch.

Vielleicht muss man nicht alles verstehen, aber einen Versuch war’s wert. Ich genieße weiter mein leichtes Gepäck und freue mich ab heute noch mehr über all die Leute, die bloß nicht vom Leben überrascht werden wollen. Ihr seid leider dumm.

Schwarzes Laub stinkt

Draußen ist es kalt und ganz deutlich dunkel. Die Tage werden kürzer, gestern war sogar Sturm. Kausal zu diesen Tatsachen bin ich müde und gemütlich. Eben gin ich ins Bad, betätigte die Spülung am Klo um das Licht anzumachen, pinkelte im Dunkeln und machte dann das Licht an .. so ist das im Herbst. Alles läuft auf Sparflamme, der Körper beschränkt sich auf´s wesentliche: Warm in der Mitte, Rest egal. Herrlich, Hirn aus, Tee rein.

Und so dümpelt es sich so dahin. Das D-Hörnchen hat schulfrei, weil die Lehrer:innen Fortbildung haben. Im Herbst… Na ja-. Wir jedenfalls sind im Thema, der Wunschzettel für Weihnachten ist geschrieben und priorisiert. Lediglich warme Jacken kann man seltsamerweise noch nicht kaufen; früher ging das im Herbst. Vielleicht ist es der Klimawandel, der das bedingt, oder die Pandemie. Wahrscheinlich die Pandemie, alles ist durcheinander und irgendwie zu spät. So wie die Menstruationen vieler geimpfter Menstruierender. Biontec hat das gemacht, also nicht das mit den Jacken, sondern das mit den Zyklen. Mir issues das alle male wert, lieber verschoben als tot; kein Zweifel.

Durcheinander und dennoch Sortiert. Plötzlich sortiert sich die Welt nämlich im 2G und 3G, und das im Herbst. Letzten Herbst haben wir es noch kurz mit “warm anziehen und Decke draußen” probiert, bevor es das dann wieder war. Dieses Jahr also keine warmen Jacken, gibt es ja auch nicht, deshalb 2G. Mir soll´s recht sein. Friert sich auch viel besser drinnen.

Nicht zu vergessen der Blick auf das Laub. Ganz deutlich beginnt es sich zu verfärben. Während wir uns im Frühjahr alle über das frische junge Grün gefreut haben, verlor selbiges über den Sommer an Frische und Farbe. Die epische Schlacht um die coloristische Vorherrschaft nahm seinen Lauf um sich nun, hoffentlich noch im Herbst, zu entscheiden. Mit Herbst im Herzen lässt all das nur einen Schluß zu: Hat schon mal wer schwarzes Laub gesehen? Nein?! Genau. Wenn das Grün nicht mehr stark genug ist, gesellen sich Gelb und Rot dazu, herbstlich bunt leuchten sie dann in kräftigen Farben. Schwarzes Blatt ist verdorben, stinkt und riecht oll. Alles klar?!

In meiner Küche liegt noch eine letzte gelbe Melone; ein Relikt aus sonnigeren Tagen. Ich mag gar keine Melonen, und schon gar keine gelben. Ich denke ich werde sie zu einem saftigen Kürbisbrot verarbeiten, um ihr mal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Manchmal muss man offenbar auch gelb, schmecken will ich es dennoch nicht.

Herzlich willkommen also im Herbst; zieht euch warm an, aktiviert die Tee-Zellen und freut euch auf den Glühwein der da kommt. In 74 Tagen ist Weihnachten und vielleicht kommt auch schon bald der Schnee. Ich bin bereit.

Reisen mit der Bahn

Vor fünf Tagen bezeichnete ich den Hauptbahnhof Duisburg lapidar als Lost Place. Ich meine, mit Bahnhöfen kenn ich mich aus, ich sehe sie in der Regel mit eine eher zugewandten Blick und mag sie irgendwie. Es heißt sogar, ich hätte einen gewissen Hang zum Dreck; vielleicht habe ich den.. Dennoch, der Hauptbahnhof Duisburg ist hässlich und runter gerockt und er sagte mir schon vor fünf Tagen nicht zu.

Heute rächte sich der Bahnhof bitter an mir; was sollte er tun, ich hatte ihn provoziert.

Ich kam zusammen mit dem Rettungsdienst an und ging meiner Wege ins Reisezentrum. Ein Gleis war polizeilich abgesperrt, es herrschte große Aufregung, aber das juckt mich ja nicht. Frohen mutes teilte ich dem Mitarbeitenden mit, dass mein Fahrrad und ich gern nach Bremen reisen würden (um Stadtmusikanten zu werden). Der Mann sah stoisch auf seinen Bildschirm und schwieg. Dann atmete er schwer und schwieg weiter.

Es war 14:45 und der bald ankommende Zug fiel aus. Für die zwei danach gab es keine Rad-Plätze mehr und so blieb mit “der 17:47er oder eben morgen früh”. Ich entschied mich für den 17:45er und setzte mich vor dem Idyll in die Sonne. Zu meinem großen Glück kam es direkt vor mir zu einer großen Schlägerei mit darauf folgendem Polizeieinsatz, so dass die ersten zwei Stunden fast wie im Fluge vergingen.

Einen Ortswechsel und einen Kaffee später teilte die nette Stimme im Lautsprecher mit, dass es einen erneuten Rettungseinsatz am Gleis gäbe und der Zug 45 Min Verspätung hätte. Innerlich starb ich, an Hunger, Einsamkeit und schlimmem Pipi. 45 minutes to go.. ich hospitalisierte zusehends und tigerte am Gleis auf und ab. Betrunkene Teenies sammelten sich an den äußeren Enden er Gleise, mir bleibt auch nichts erspart.

Um 18:33 kam der Zug. Binnen weniger Minuten waren Rad und Reiterin in verstaut und der Express zog wieder los. Ich ergatterte einen Sitzplatz und eilte zum Richtung Klo. Seit dem versuche ich das Grauen in Worte zu fassen. erfolglos; alles was mein Hirn wiederholt ist der sehnliche Wunsch nach einem Penis.

Ich tat was Frau tut wenn es schon weh tut und sie ihre Urinella zu Hause vergessen hat: Ich kleidete das Klo großzügig mit Klopapier aus und versuchte in einem fahrenden Zug, möglichst kontaktarm und ohne mir in die eigenen Schuhe zu pissen, zu pinkeln. Neben einem Penis wünsche ich mir jetzt noch eine Dusche. Und frische Kleidung.

In zwei Stunden bin ich zu Hause (…). Dann wird alles gut und vielleicht werde ich dann einfach Stadtmusikantin. Die schlafen im Wald und da kann man mit Sicherheit besser Pipi machen als in diesem wiederwertigem, vollgepisstem drecks-Zug!!