Bücher bilden

Wieder einmal ein Ausflug in die Bücherei. Drei Rucksäcke voll als Ausbeute und das wohlige Gefühl von Büchern umgebe zu sein. Und plötzlich die Erkenntnis: Die Bücherei ist ein gradezu abartiger Micokosmus, der ein vollkommen verklärtes und perfides Bild der Eltern in Deutschland wieder gibt. 

Die Kinderabteilung der Bücherei ist modern. Lauschige Ecken und Hängematten laden zum Verweilen ein. Es ist eine angenehme Akustik und man fühlt sich, dank Klettermöglichkeit und Spielzeug, auch mit kleinen Kindern willkommen. Überall sitzen junge und hippe Eltern und lesen ihren, andächtig dreinschauenden, Kindern vor. Sie trinken stilles Wasser aus Glasflaschen, tragen selbstgenähte Kleidung und essen Bio-Snacks aus sündhaft teuren Edelstahldosen. Auf eine kleine Elise kommen zwei Elternteile, die gern und entspannt ihren Samstag Vormittag mit ihrem Kind verbringen. Es fällt kein Lautes Wort, alles ist ruhig. Keiner hat Zeitdruck oder ist gestresst. Alle sind so glücklich. 

Es ist ein seltsames Schauspiel, das sich immer und immer wieder abspielt. An diesem Ort, an dem sich die High-Society der Eltern versammelt um frühkindliche Bildung zu vermitteln und die Entwicklung zu fördern. Es sind die, die es sich leisten können, einen haben Samstag einfach so unterwegs zu sein, die, die Wert auf Bildung und frische Luft legen, und auf Bio. 

Meiner Meinung nach vermittelt die Bücherei eins der falschesten Bilder, das man von Eltern in Deutschland haben kann. Denn die meisten Eltern arbeiten wie die blöden um die Kasse wenigstens ausreichend voll zu bekommen. Sie sind chronisch angespannt und  die Kinder sind es auch. An den Wochenenden heißt es: Einkaufen, putzen und angefallenes nachholen. Ein lümmeliger Tag in der Bücherei oder auf dem Spielplatz bedeutet Rückstand und dann, am Ende, noch mehr Stress. 

Und dann sind da noch die, die nicht arbeiten wie blöde, nicht putzen und doch keinen Wert auf Bücher legen. Auch die bleiben fern von diesem Microkosmus „Bücherei“. All das ändert nichts daran, dass ich die Bücherei mag, jedoch finde ich es mit jedem hippen Wohlstands-Elternpaar ein wenig trauriger, dass sie das Bild so sehr bestimmen. Und wieder einmal zeigt es, dass wir von Chancengleichheit und Bildungsfreiheit in Deutschland weit entfernt sind. 

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