Strumpfhose in vier Akten

Es ist kalt geworden da draußen. So kalt, dass meine kleinen Hörnchen eine Strumpfhose unterziehen sollen. Schlimm, ich weiß. Das C-Hörnchen steht vor der Aufgabe, sich eine handelsübliche Kinderstrumpfhose anzuziehen. Das Drama beginnt im 4. Stock des Wohnhauses der Familie Hörnchen im Kinderzimmer. 

1. Akt; Oben

Auf dem Boden das verzweifelte Kind, zerrend an der Strumpfhose. Das blaue Material dehnt sich gefährlich in alle Richtungen. Nicht aber produktiv sondern vollkommen kontraproduktiv zerrt das tobende Kind an dem sich bärstenden Stoff. Der kleine Zeh scheint abzusterben, bedrohlich zeichnen sich seine Umrisse unter dem gespannten Stoff ab. Das Hörnchen tobt, auf dem Rücken liegend kreischt es nach seiner Mutter. Diese eilt sobald ins Zimmer, geht in die Knie und fragt mit sanfter Stimme:“Brauchst du Hilfe?“  Hinter ihr das bereits fertig angezogene D-Hörnchen. Aufgeregt und voller Energie der vergangenen Nacht hüpft es dem tobenden Kind mal hier und mal da ins Blickfeld und quiekt dabei vergnügt :“Ich habe auch eine Strumpfhose an!!“ 

Das nunmehr jammernde Kind verfällt wieder in schreien und heischt barsch die Mutter an:“Ich kann das aaaalllllleiiiiiiinnneeeeeee!!“ und beginnt sofort wieder wie von Sinnen an der Hose zu zerren. Der Stoff stöhnt angestrengt auf. 

Mutter und Bruder verlassen den Schauplatz und wechseln ins Badezimmer. Die Mutter beginnt Wasser in die Zahnputzbecher zu lassen, gibt Zahnpasta auf die Zahnbürsten und bittet das D-Hörnchen zum Zähneputzen zu kommen. Dieses steht noch nicht ganz auf dem kleinen Hocker, da fegt wie ein Orkan, das C-Hörnchen ins Badezimmer. Ein Bein in der Strumpfhose, das andere frei. Weinend weist sie an, auf keinen Fall ohne sie Zähne zu putzen. Plötzlich herrscht Stille. 

Beide Kinder putzen drei Minuten lang Zähne. Spucken aus, nehmen das Wasser. Sie waschen die Gesichter und trocknen sich ab. Die Mutter macht dem plötzlich so friedlichen Hörnchen Zöpfe und cremt den Kindern die die kleinen Gesichter ein. Dann teilt sie mit, dass sie nun nach unten müsse, den großen das Frühstück bereiten und dafür sorgen, dass sie pünktlich zur Schule kommen. 

2. Akt; Auf der Treppe

Die Mutter sitzt mit dem kleinen D-Hörnchen und den zwei großen Hörnchen in der Küche und alle essen Müsli. Der Platz des C-Hörnchens ist frei, alle sind in Gespräche vertieft. Es herrscht eine fröhlich-gelöste Stimmung. Nur von der Treppe her kommen seltsame Geräusche, ein kreischen, dann wieder nicht. Poltern durchmischt von bösestem Schimpfen. 

Plötzlich taucht im Hintergrund der Küche das C-Hörnchen auf. Ein Bein in der Strumpfhose, eins frei. Die Augen gerötet von den Tränen und der Wut. Das zweite Bein der Strumpfhose inzwischen zu einem wirren Knoten verflochten. Das Hörnchen tobt. Die Stimme bekommt einen heiseren Anklang, die Worte überschlagen sich. Das Ziehen an der Hose leicht resigniert und kraftlos. 

Abermals hockt sich die Mutter zum Hörnchen nieder. „Soll ich dir nicht einfach helfen?“ fragt sie mit ruhiger Stimme. Das Hörnchen schluchzt. Ihre Atmung bebt, Tränen Rinnen ihr über das Gesicht. Dann ein erneuter Ausbruch. Das Hörnchen reißt sich aus den Armen der Mutter, tritt wild und befreit auch das erste Bein aus der Strumpfhose. Erneut beginnt sie zu schreien, zu schimpfen und bitterlich zu schluchzen. 

Am Tisch,  das A-Hörnchen isst seelenruhig und unbeeindruckt Müsli. Auch das B-Hörnchen ist nicht irritiert. D-Hörnchen hingegen dringt auf, stellt sich auf seinen Stuhl, geht in Siegerpose und johlt:“Ich habe schon eine Strumpfhose an!!!“ C-Hörnchen bricht auf dem kalten Flur zusammen. 

3. Akt; In der Küche 

Die Mutter hebt das erschöpfte und schluchzende Hörnchen in die warme Küche. Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Fußboden, direkt vor dem wärmenden Ofen. „Soll ich dir einmal helfen?“ Fragt sie vorsichtig und ohne zu drängen. Das C-Hörnchen drückt sich an seine Mama und schluchzt mit letzter Kraft ein „Ja“. Mama zieht ihr die wieder entwirrte Hose an, gibt den Hörnchen einen Kuss und hält es noch einmal ganz fest. 

4. Akt; Am Tisch 

Der Klang des Kusses ist noch nicht ganz verhallt, da springt das vormals schluchzende Kind auf, hüpft in seiner Hose und steigt singend auf die Bank am Küchentisch. Erfreut nimmt sie das Müsli zur Kenntnis und plappert, als wäre nie etwas gewesen, munter drauf los. 

Die zwei großen Hörnchen müssen derweil zur Schule. Die Mutter hilft Ihnen in die Klamotten, verabschiedet sie mit einem Kuss und kehrt schließlich an den Esstisch zurück. C- und D-Hörnchen sitzen munter plappernd zusammen und genießen den schönen Morgen. Dann stellt das D-Hörnchen abschließend fest:“Jetzt haben wir beide eine Strumpfhose an!“ 

Der Vorhang schließt sich. 

Applaus. 

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