Through the never 

So ein guter Abend! ARTE zeigte mir „Through the never“, den Metallica Konzertfilm von 2013. Was für ein Himmelreich  für meine Ohren. Es war so gut! Zwei erstaunliche Feststellungen habe ich nebenbei gemacht. 

1. E-Gitarren haben keine Kabel mehr. Als ich Metallica zuletzt (und zum einzigen Mal) live gesehen habe, von 10 Jahren in etwa, hatten Bass und Gitarren lange Kabel, die zu dieser gewissen Art der Bewegung auf der Bühne geführt haben. Eine Mischung aus entfesseltem Ballett, klassischem Drama und Pogo mit angezogener Handbremese. Alles vorbei; keine Kabel mehr! 

2. Ich habe in meiner Jugend ganze Arbeit geleistet. Obwohl ob in den letzten Jahren nur noch selten Metallicas Gesamtwerk konsumiert habe, ist mir alles wie ins Hirn gebrannt. Gut gemacht!! Nun wird es ausgesprochen Zeit für ein neues Konzert. Mit Hirn, ohne Kabel. 

Ein Hühnerleben

D-Hörnchen öffnet seine Brotdose im Kindergarten. „Ich will malwieder was anderes!“, motzt er mich an. Ich hocke mich zu ihm und erkundige mich nach seinen Vorstellungen. 

„Am liebsten will ich malwieder eine Wurst in der Dose. Eine echte, wo ein echtes, totes Tier drin ist!“ 

Die Erzieher zucken zusammen. Ich sichere dem Hörnchen seine Wurst zu und verabschiede mich. Hoffentlich haben möglichst viele Kinder von den echten, toten Tieren gehört. Und hoffentlich fragen sie viel nach. Ich zumindest finde es enorm wichtig, dass die Kinder wissen was sie essen. Meine Hörnchen wurden in Sachen Fleisch, Vieh und Schlachten von Anfang an, den Alter angemessen aufgeklärt. Hier haben wir zB auch über Haltungsbedingungen und Bio-Fleisch gesprochen. Jedes Kind hat die Möglichkeit sich zu entscheiden ob es Fleisch essen will oder nicht. 

A-Hörnchen will keine toten Tiere essen. Wir anderen essen wenig und gutes Fleisch. Ich kann den Kindern quasi versichern, dass die Kuh zwar tot ist, dass sie davor aber ein gutes Kuhleben hatte, auf einer Wiese mit leckerem Gras und anderes Kühen. Und auch die Hühner, die wir essen, haben ein gutes Hühnerleben geführt, im Sand gescharrt und im Schatten der Büsche gedöst.

Verlernt zu lesen

In den vergangenen Monaten habe ich einen beachtlichen Uni-Marathon durchlaufen. Ich habe Tonnen von Büchern auswendig gelernt, hunderte Studien gelesen und ausgewertet, eine Bachelorarbeit geschrieben, Referate und Forschungsberichte. Mein Hirn ist im Training, ich bin schnell und effizient. Gestern wollte ich zur Belohnung ein echtes Buch lesen, einen Roman. Einfach so. Was dann geschah hat mich entsetzt.

Ich begann zu lesen: „Mauser fuhr auf seiner kleinen BMW Maschine die nebelige Landstraße hinunter nach Kettenacker…“ . Mein Hirn legt los: Ich brauche die topografischen Daten, die statistischen Verteilungsdaten der Bevölkerung und das BJ der Maschine. Welchen Einfluss üben die Daten „Nebelig“ und „kleine Maschine“ auf den Leser aus. Gut es signifikante Störeffekte,…

Das Buh geht weiter: „Er stellte die Maschine am vorgesehenen Parkplatz ab und schaute sich die Umgebung an.. Berge.. Hügel..Gras.. …“. Mein Hirn überspringt. Ich schalte in „querlesen“, überfliege die kommenden drei Seiten wage und komme da zum Stillstand, als er die Umgebungsbeschreibungen abgeschlossen hat. Nicht relevante Daten ausblenden. Seitenzahlen merken falls Daten doch relevant. Ich ertappe mich beim Auswendiglernen der Daten. 

Von hier an versuche ich konzentriert langsam und normal zu lesen. Fast unmöglich. Immer wieder bemerke ich, wie mein kopf Daten absichert und nach Relevanz sortiert. Orte, Zahlen, Fakten. alles wird sofort abgelegt und sortiert. Und der Clou: Mein Kopf baut es sogleich in den noch zu lernenden Stoff für meine nächste Klausur ein. Großes Kino: Klinische Störungsbilder im Herbstwald von Kettenacker. Nein danke, in den kommenden vier Monaten keine Romane mehr. Und danach werde ich mir das Lesen neu beibringen.

Sehnsucht 

Es ist 16.45 Uhr. Ich stehe an der Uni an der Bahnhaltestelle. Es wird langsam dunkel, der Tiefnebel hatte sich den ganzen Tag nicht aufgelöst. Es ist bitterkalt, der Wind pfeift durch meine drei oder zehn Schichten Klamotten. Ich bibbere, halte die Fäuste verkrampft in den Jackentaschen. Ein langer Unitag geht zu Ende, ein unendlich langer und vor allem langweiliger. Ich starre über eine trübe Wiese ins grau und sehe eine Frau mit ihrem Hund. Plötzlich packt mich die Sehnsucht. 

Von jetzt auf gleich kann ich es nicht erwarten in mein warmes, wohliges, geborgenes Chaos zu kommen. Alles fehlt mir. D-Hörnchen, wie er hinter mir herläuft und von Feuerwehrmann Sam redet, C-Hörnchen, wie sie mir die Dramen des Tages berichtet. Ich sehne mich nach B-Hörnerns stolze Augen, wenn Sie mir ihr Buch entgegen hält um zu zeigen wie weit sie schon ist; und ich sehen mich nach A-Hörnchen, der vor lauter Langeweile und Groß-sein fast keine Zeit hat irgendwas anderes zu zu machen als zu meckern. Ich sehne mich nach meinem Mann, den Storys des Tages. Nach Ofenwärme und einem heißen Kaffee. Ich kann es kaum erwarten übers Zimmeraufräumen zu debattieren, Vokabeln abzufragen und Streit zu schlichten. 

Was bin ich für ein gesegneter Mensch. Ohne jeden Zweifel habe ich das beste Zuhause der Welt. Und die besten Kinder, den besten Mann! Was für ein Volltreffer!  

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Große Überraschung am Morgen. Ich komme vor der Uni mit C- und D-Hörnchen in den Kindergarten. Es herrscht Chaos. C-Hörnchens herzensgute Erzieherin kommt mit glasigen Augen und bebender Stimme auf uns zu. Es herrsche Notdtand. Die Hälfte der Erzieher wäre krank, die Leitung dazu. Es gäbe einen Notdienst für die Kinder der berufstätigen Eltern. Um uns herum toben dutzende Kinder. Einige Mütter sitzen stumpf da, trinken Kaffee tratschen ein wenig und gehen dann ohne ihre Kinder nach Hause. Mütter schieben ihre Babys rein, lassen das große Kind da und schieben mit ihren Babys wieder nach Hause. Schwangere reichen ihre Kinder rein und ziehen sich dann aufs Sofa zurück. 

Ich bin überfordert. An der Uni warten drei Termine, einer davon mit meinem Prüfer. Vier Vorlesungen stehen an, alle durchaus wichtig. Technisch bin ich damit ein berufstätiger Notfall. Faktisch war der Kindergarten zu diesem Zeitpunkt, um 8.05 Uhr schon überfordert. Es brach mir das Herz. Überfordert und gleichermaßen wütend nahm ich meine Kinder wieder mit. Zuhause rief ich den arbeitenden Mennne an, dank einiger Überstunden rettete er die Uni-Termine. 

Ich bin in solchen Situationen immer wieder entsetzt, wie egoistisch und unfair die Eltern zueinander sind. Die jenigen, die ihre Kinder in solchen Fällen selbst betreuen, sind immer die, die arbeiten gehen und für die es mit Stress und Umplanen zu tun hat. Die Leidtragenden sind die Erzieher, die überfordert einem tobendem Mob gegenüber stehen. Ich finde das traurig. Ich war viele Jahre lang schwanger und in Elternzeit. Ich habe mich an vielen Montagen auf einen ruhigen Vormittag gefreut und jedes einzelne Mal alles möglich gemacht um das System Kita zu entlasten. Und wer entlastet mich? Gibt es keine Solidarität unter Eltern? 

Es werde licht 

Im Winter ziehen wir eine Lichterkette in den Kletterbaum. B-Hörnchen, die ungeschlagene Kletterkönigin, fragt schon länger wann es endlich soweit ist. Papa sagte immer:“ Wenn die Blätter ab sind.“ Gestern hat B-Hörnchen dann die Initiative ergriffen:


Kurzerhand hat sie die restlichen Blätter vom Baum geschüttelt und dabei gesungen:“Die Herbst, die Herbst, die Herbst ist da..!“ 

Heute war es dann endlich soweit; es werde Licht. Papa und B-Hörnchen haben die Lichterkette in den Baum gehängt und wir haben den eingezogenen Winter im Garten mit Feuer, Stockbrot und Fleischkäse gefeiert. B-Hörnchen ist selig. Denn von ihrem Bett aus blickt sie jetzt auf ihren geliebten, erleuchteten Baum. Gibt es ein besseres Nachtlicht?

Fifty shades of grey

Gestern habe ich eine vermeintliche Bildungslücke geschlossen. Und da ich für das Buch zu faul oder zu prüde bin (und mich schämen würde, es in der Öffentlichkeit zu lesen), habe ich mit den Film „fifty shades of grey“ angesehen. Was für ein Trauerspiel! 

Was als so tabu-brechend und hemmungslos angepriesen war, verkaufte sich mir eher als semi-romantisches Drama. Deutlich im Vordergrund, das Drama! Christian Grey ist ein armer Hund, ein schwer kranker Mann, der keine Ahnung von Liebe oder Geborgenheit hat. Schnell war klar, das einzige was er in seinem Spielzimmer regelmäßig nutzen sollte, ist die rote Couch. Schwere Kindheit, Missbrauch, Gewalt, Unterwerfung. Das ist alles schrecklich und hinterlässt deutliche Spuren. Nur bitte Herr Grey, zieh doch das arme kleine Ding nicht mit rein. 

Mit der Schlussszene bleibt die beklemmende Frage: Wird die Kleine den Sozialpsychiatrischen Dienst rufen und dafür sorgen, dass dem armen Mann geholfen wird? Psychoanalyse oder Kognitive Verhaltenstherapie? In sensu Traumakonfrontation? Und was ist mit Der Kleinen, muss auch ihr geholfen werden? Fragen über Fragen und die klare Erkenntnis: Kein Film für mich! Viel zu traurig!

Wer weiß wozu es gut ist!

Kinder im Auto sind eine einfache Angelegenheit. So lange sie halbwegs klein sind, setzt man sie hin, nach 10 Metern fallen die Augen zu und dann schlafen sie, bis man wieder anhält. Bei uns war das ganz ähnlich und dennoch völlig anders. Denn sobald wir unsere Kinder ins Auto gesetzt haben, haben Sie angefangen zu schreien was das Zeug hält. Und zwar so lange, bis wir wieder angehalten haben. Nichts half gegen diese Plage und der Fluch hat bei allen vier Hörnchen zugeschlagen. Auto fahren war eine Qual. Somit fuhren wir nur selten und kurz. Auto-Vermeidung stand in den ersten 9 Monaten eines jeden Kindes auf Platz eins. 

Hätte meine Omi noch gelebt, sie hätte gesagt:“Wer weiß wofür es gut ist!“, denn das sagte Omi in Situation die einem schrecklich, schlimm und sinnlos vorkamen. Und gestern erfahre ich dann, dass sich herausgestellt hat, dass Kinder, die in der Babyschale einschlafen, leicht Sauerstoffmangel bekommen, da die eh schädliche Haltung die Gefäße am Hals abdrücken kann. Plötzlich fand ich es gut, und plötzlich wusste ich wozu es gut war. Diese Schreitherapie hat den Hörnchen bestimmt tausende Hirnzellen gerettet. Puuu!!! Glück gehabt!!

Hallo, 9. November 

Und dann wählte sie einen alten Mann mit einem Flokati auf dem Kopf. Und auch wenn das unverständlich und dumm klingt, so überrascht es nicht. Andere haben zu anderen Zeiten einen einen Giftzwerg mit Bartding gewählt, wieder andere wählen die Afd. 

Erneute Panik legt sich über mich. Passiert das in echt? Jap! Offenbar tut es das. Und ein kurzer Blick auf Trumps Wahlversprechen erklärt dann alles. Weniger Steuern, viel Geld und alle bösen, pseudo-bösen oder die, die böse werden könnten oder die, die einen bösen kennen oder die, die so aussehen, als ob sie mal böse werden könnten , schicken wir weg. Dumm, rassisch, verlogen und leider wirksam. Denn, das haben wir aus der Geschichte gelernt, der Mensch in Panik ist dumm genug alles zu glauben, wenn es nur die Verbesserung seiner eigenen Situation in Aussicht stellt. 

Da ist er also wieder, der 9. November. Mal sehen was er dieses Mal bringt. Nichts gutes, das steht fest. Bleibt die Frage wie schlimm es wird. 

Was mir bleibt ist, dass ich es auf dem Klo erfahren habe. Und wenn in 30 Jahren meine Enkel fragen:“Oma, wie hast du erfahren, dass Trump Präsident ist?“ kann ich sagen:“Auf dem Klo!“ Das machts nicht besser aber irgendwie … doch.