Unerzogene Tyrannen

Es gibt einen Erziehungsstil, der nennt sich „unerzogen“. Unerzogen sieht das Kind als Individuum, respektiert seinen freien Willen und möchte diesen herausbilden. Unerzogen ist davon überzeugt, dass Kinder ihre natürlichen Grenzen von selbst finden und lässt den Kindern allen Freiraum. Unerzogen widerspricht damit allen Regeln der modernen Pädagogik und auch denen der alten Pädagogik. Und denen der sehr alten Pädagogik. Die Kinder dieser Bewegung haben oft etwas von kleinen Tyrannen. Die Eltern gleichen nicht selten großen Waldbrandaustretern. Es wirkt als seinen sie konstant bemüht, keinen Konflikt entstehen zu lassen und dem Tyrannen keinen Grund zu geben Sie bloß zu stellen.  

Neulich beim einkaufen im. Bio-Laden:

Mutter mit Baby im Tuch und Tyrannin, etwa drei Jahre alt, betreten das Geschäft. Mutter nimmt Joghurt und stellt ihn ihren Wagen. Tyrannin, ihrerseits mit einem kleinen Einkaufswagen ausgestattet, startet großen Protest. Mutter reagiert schnell auf die ohrenbetäubende Drohung, den Weihnachtsaufsteller umzufahren, kehrt zum Joghurtregal zurück und tut so, als nehme sie einen neunen Joghurt. Diesen stellt sie in den kleinen Wagen. Die Szene trägt die Unterschrift: Und nun sei still! 

Nächster Stopp beim Kaffee. Die Tyrannin bestimmt: Es gibt keinen Kaffee. Weil nämlich die Tyrannin auch keinen Kaffee trinken darf. Logisch. Mutter stimmt zu. 

Zuletzt treffe ich das elüstre Trio in der Gemüseabteilung. Mutter greift Brokkoli. Die Tyrannin ist außer sich. Sie bricht in gällendes Geschrei aus, schreit und brüllt von feinsten und teilt mit, dass sie keinen Brokkoli mag. Mutter fügt bei, dass sie aber welchen mögen würde; hierauf wird die Tyrannin noch lauter. Sekunden später entscheidet sich die Mutter gegen Brokkoli. Logisch, ist auch viel einfacher. 

Kinder brauchen Grenzen. Liebevolle, gern auch großzügige Grenzen. Grenzen, in denen man sich ausprobieren kann, Grenzen, die Dummheiten zulassen und Grenzen die Selbstständigkeit erlauben. Aber eben auch Grenzen, die Sicherheit geben, Orientierung bieten und gewissen Dinge einfach regeln. Ungeputzte Zähne faulen, Eltern gehen arbeiten wann SIE es wollen und auf halbgefrorene Seen kann man nicht gehen. Kinder müsse selbstständig werden und eigene Erfahrungen machen. Aber manchmal sind es die Eltern die bestimmen müssen. Und auch das müssen Kinder wissen. Rote Ampeln oder vielbefahrene Straßen sind keine Diskussionsflächen. Punkt. Manchmal ist das so. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s