Unromantisch 

Grad las ich die Hypothese, dass Menschen dazu neigen würden den falschen Partner zu heiraten und so programmiert unglücklich werden würden. Schuld hieran sei die Romantik. Eine großartige Hypothese wie ich finde. 

Mein Menne und ich sind herrlich unromantisch. Wir sind Realisten und pragmatisch durch und durch. Geheiratet haben wir jung, weil wir dachten das man mal heiraten könnte. Wir hatten den Plan zusammen alt zu werden; wie alt, das haben wir nie besprochen. Wir haben ein Haus gekauft, weil wir gemeinsam in ihm leben wollten. Wir haben nicht beschlossen in diesem Haus gemeinsam zu sterben, wir sind erst mal eingezogen. Der romantischste Akt unserer Beziehung war es Kinder zu zeugen, in der Absicht und der Annahme sie gemeinsam großziehen zu wollen. 

Unser gemeinsames Leben ist geprägt von gegenseitiger Wertschätzung und von Respekt. Wir beteuern unsere Liebe und unsere Beziehung selten, wir celebrieren uns nicht. Was wir tun ist einander vertrauen und uns als Lebenspartner in allen Lebenslagen zur Verfügung stehen. Wir stützen einander und lassen uns doch Freiraum. Wir sind nicht verbissen und versuchen nicht es besonders gut zu machen. Die Bilanz solle stimmen – wir müssen im Gros zufrieden sein. 

Ich denke, dass es diese ungezwungene und realistische Herangehensweise ist, die und zu dem macht was wir sind. Ein zufriedenes Paar. Eltern-paar, Ehe-paar und Lebens-paar. Eltern werden wir immer sein, allen andere ist gut, so lange es gut ist. Sollte es das eines Tages nicht mehr sein, gehört es zum gegenseitigen Respekt eine neue Lösung zu finden. Unromantisch aber fair. Und am Ende ist es doch so, dass die Dinge, von denen man nichts erwartet meistens die besten überhaupt werden. 

Alter! 

Im Rahmen der musikalischen Früherziehung habe ich heute mit dem A-Hörnchen gute Musik auf You Tube geguckt. Wir haben Metallica gehört und Nirvana und The Offspring und Guns’n Roses. Das Hörnchen war begeistert und ließ sich gern in meine Helden einweisen. Das sind James und Kirk, Das ist Kurt Cobain, der ist leider tot. Und dann kamen Axel und Slash. Ich erzähle alle möglichen Dinge von früher und irgendwann begann das Video zu „November Rain“. 9.07 Minuten ganz großes Kino lagen vor uns und ich war ganz aus dem Häuschen. 

Nach den ersten Minuten des Epos war die Trauung vollzogen und dann passierte es: Die Braut und der Bräutigam küssten sich. A-Hörnchen bekam große, ja sehr große Augen. Er lief ungemein rosa an und wertete sich dann angeekelt vom Computer ab. Alles was noch kam war ein gepresstes: „Alter!“ Das war er, der wohl peinlichste Moment in seinem bisherigen Leben. Alles meine Schuld, ich gebe es ja zu. Dabei wollte ich ihm nur Gutes tun. Nach diesem pikanten Zwischenfall war seine Lust auf Mamas alte Musik gegessen und ich sah von meinem ursprünglichen Plan, ihm die Aerosmith-Trilogie von Amazing, Crying und Crazy vorzuspielen ab. Alicia Silverstone und Liv Tylor im Liebestaumel hätten ihn wahrscheinlich getötet. 

Geschwister 

Meine großen Hörnchen spielen gern woanders. Wenn bei einer Verabredung die Frage aufkommt, bei wem gespielt werden soll, antworten sie gern: „Lieber bei dir, bei mir nerven die Kleinen.“ Gestern war B-Hörnchen dann das erste mal bei Elena. Hier zu spielen kam nicht in Frage; die Kleinen…

Als ich das Hörnchen am Abend abholte kam sie schnell zur Sache: „Mama! Elena hat zwei kleine Brüder und die nerven noch viel mehr als alle meine Geschwister zusammen!“ Kurz darauf, beim Abendessen,  gab B-Hörnchen dann die Schandtaten der kleinen Brüder zum besten und es herrschte betretenes Entsetzen bei meiner Bande. Die Kleinen waren dauernd ins Zimmer geplatzt, haben Gebautes zerstört und Kekese geklaut. Ein normales Spiel war kaum möglich. Und plötzlich waren meine Hörnchen sich einig:

„Eigentlich nervt bei uns keiner so richtig!“ Denn so ist es. Wer hinter geschlossenen Türen seine Ruhe möchte, egal ob allein oder mit Besuch, der hat Ruhe. Keiner platzt ins Zimmer, keiner nervt beim bauen. Natürlich trifft man in allen offenen Räumen auf Geschwister und natürlich ist hier viel los. Aber genervt und geärgert wird hier nicht. So kamen auch B-Hörnchen und Elena zu der einfachen Entscheidung, dass sie beim nächsten Mal lieber hier spielen würden. Denn hier hat man wenigstens seine Ruhe! 

Alles neu

Mit einwöchiger Verspätung (Danke Grippe) starte ich heute in einen neuen Lebensabschnitt. Ich trete meine erste Stelle als Psychologin an. Echte Menschen, echte Probleme und hoffentlich echte Lösungen. Meine Stimmung so kurz vor dem großen Moment: Panisch. Plötzlich finde ich es eine dumme Idee so viel Verantwortung zu tragen. Plötzlich mag ich meinen alten Job in der Pflege, plötzlich mag ich Hierarchie; wünsche mir klare Anweisungen. 

Vor sechs Jahren habe ich entschieden keine Befehlsempfängerin mehr sein zu wollen. Ich wollte mehr, ich wollte gestalten, entscheiden und wegweisend arbeiten. Völlig klar war der Wunsch nach Verantwortung und mehr Kompetenz. In den letzten Jahren habe ich viel gearbeitet um dieses Ziel zu erreichen. Trotz Kind und Kegel habe ich mich durch mein Studium gebissen und nun, da es endlich geschafft ist, geht mir der Arsch auf Grundeis. Ich mag nicht mehr! Aber das ist jetzt alles egal, Augen zu und durch! Das ist die Devise der kommenden Stunden. Und am Ende wird schon alles gut. Bestimmt! Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende! 

WarzenBrust

Beim Anziehen steht das D-Hörnchen mit nackigem Oberkörper vor mir. Er blickt an sich runter und nimmt die 99 cm kritisch in Augenschein. Nach einigen Sekunden des Innehaltens sieht er mich an und fragt mit kritischer Miene: „Warum haben Jungs Warzen Brust?“ 

Ich fand das eine ungemein kluge Frage, wenn auch irgendwie putzig formuliert. Wir hatten in letzter Zeit viel über Babys und Stillen und Milch und Brüste gesprochen. Auch das D-Hörnchen weiß jetzt bestens Bescheid. Nur dieses eine kleine Bisschen hatte er noch nicht verstanden; sehr berechtigt wie ich finde! Um eine sinnvolle Antwort geben zu können musste ich googeln, was ich dem Hörnchen das erklärte war in etwa: „Eigentlich sehen Mädchen und Jungen halt fast gleich aus; am Anfang im Bauch kann man noch keinen Unterscheid erkennen. Und da Brustwarzen keinem schaden, habe eben beide welche bekommen.“ D-Hörnchen fand das zum Glück ausreichend, denn mit Evolution möchte ich bei nem Dreijährigen dann doch noch nicht loslegen. 

Weiter atmen

Kennt ihr die Szene aus „Der Herr der Ringe“, in der Aragon, Legolas und Gimli die Gruppe Urukhai verfolgen, die die Hobbits entführt hat? Genau so ging es mir heute. Ich lief und lief, über Berge und Täler, Tag und Nacht ohne Rast, stets die mahnenden Worte Gimlis im Ohr: „Weiter atmen, das ist der Trick! Atmen!“ Mein Martyrium erstreckte sich von 6.10 Uhr bis 8.30 Uhr heute morgen. Tag 5 von Grippe ist zwar der, an dem ich die Kinder wieder versorgen muss, jedoch längst nicht der, an dem es mir wieder gut geht. 

So erwache ich heute morgen halb erfroren und zog mich zunächst an. Schicht um Schicht pellte ich meinen bibbernden Körper in die Klamotten und machte ihm klar, dass krank jetzt Pause hat. Dann ging ich zwei Treppen –atmen..atmen– und schleppte mich durchs Bad. Kleinstes Waschprogramm sollte reichen. Vier Brotdosen und fünf Frühstücke später war ich schweißgebadet und konnte die elenden Klamotten gar nicht schnell genug loswerden. Während ich am Tisch saß und die Entschuldigungen für die Hörnchen schrieb, die ja auch jeweils lange in der Schule gefehlt hatten, rann mir der Schweiß den Rücken runter. Schwindel und Atemnot versuchen mir klar zu machen, dass es eine dumme Idee war ausfzustehen. Ich atmete. 

Nächste Etappe: Rauf gehen, wecken. Vorher ein frisches Shirt anziehen, schnell gemacht. Ich weckte C- und D-Hörnchen (weitestgehend im sitzen) und war mehr als dankbar, dass diese gut mitmachten. Wieder runter, alter ist mir kalt. – atmen…– Ich zog Lage 2-5 wieder an und startete zum Frühstück. In 20 Minuten Frühstück mit den vier Hörnchen schaffte ich es etwa 34 mal sie zur Ruhe aufzurufen; Mama hat krank. Es gelang so lala. A- und B-Hörnchen verabschiedete ich nicht an der Tür wie sonst, da war es zu kalt. 

Das Finale winkte mir fröhlich zu, die Kleinen mussten zum Kindergarten. Um 7.45 Uhr begann ich also mit dem leidigsten Teil, ich diskutierte zwei Kinder in die Klamotten. In viele Klamotten.. weiter atmen.. Pünktlich um 10 vor acht starteten wir zur Garage um dann mit dem Rad zur Kita zu fahren. Ich war dem Tode geweiht und betete, dass keiner hinfallen möge. Alles ging gut. Um 8.15 Uhr verließ ich auf Beinen wie Wackelpudding den Kindergarten. Ein letztes Mal wies ich mich an einfach weiter zu atmen, dann war es geschafft. Bett. 

Mitleid. Danke.