Zeugnistag

Heute gab’s Zeugnisse. Für das A-Hörnchen das aller erste auf dem Gymnasium; der Schule, auf die er nicht empfohlen wurde. Auf der Grunschule war den Lehrern seit der ersten Klasse klar: Der bringt’s nicht. Nicht ganz richtig, etwas seltsam, scheinbar schräg. Mein Sohn gefiel den Lehrern nicht. Erst war er hochbegabt, dann dumm. Egal was er tat, es war falsch, zumindest aber zum falschen Zeitpunkt.

So bekamen wir in der 4. Klasse den dringenden Rat, dieses Kind auf eine Oberschule im unteren Segment einzuschulen; das könnte er schaffen. In keiner Sekunde habe ich an meinem Sohn gezweifelt, und auch wenn ich Gymnasien, Einser und all den Leistungsdruck verachte, war mir klar, dass A-Hörnchen keineswegs zu dumm für seine Grundschule war sondern allenfalls zu schlau. Ich wusste, dass er aufgrund von Langeweile mit angezogener Handbremse fährt. In jedem Fall aber war er immer richtig. Richtig laut oder leise, richtig langsam oder schnell.

A-Hörnchens erstes Zeugnis hat einen 3er Schnitt. Er hat kaum einen Finger gekrümmt, hatte ein tolles ersten Halbjahr. Er hat alles richtig gemacht – wie immer! Denn er ist einfach richtig – immer!

Und weil ich es so mag, hier noch den Zeugnistag von Reinhard Mey. DS zippelte mir nämlich den ganzen Tag im Kopf rum.

Zora

Eben klemmte ich mir böse den Daumen im Geschirrspüler. Nicht gerade heldenhaft, dafür sehr schmerzhaft. Ich hüpfte, meinen Daumen pustend und schreiend, durch die Küche und schnell war das A-Hörnchen da. Er erkundigte sich was passiert sei und nahm mich tröstend in den Arm. Ich sah ihn verstört an und fragte:“ Sag mal A-Hörnchen, gibt es außer mir noch einen Erwachsenen, dem ständig so dumme Sachen passieren?“ A-Hörnchen dachte kurz an und sagte dann überzeugt und doch leicht zögernd: „Zora?!“

Zora ist meine beste Freundin, seit immer. Und seit mindestens schon immer verfolgen wir einen unausgesprochen Wettbewerb. Wir kämpfen um den Preis für die größte anzustellende Dummheit. Gut sind wir beide, das steht außer Frage. Was wir neben selbstverletzenden Dummheiten ganz besonders gut beherrschen ist es, in Situation verwickelt zu werden, in denen andere Menschen sich vollkommen absurd verhalten.

Das zauberhafte an dem Moment mit der bösen Spülmaschine ist jedoch nicht etwa die Dummheit. Was mich verzaubert hat ist A-Hörnchens großes Empfinden für den Moment. Seine Empathie ist immer wieder überwältigend, ebenso wie sein Sinn für Humor. Ich liebe diesen kleinen großen Kerl!!

Paradoxe Intervention

Es gibt Zeiten,in denen ist das Klima hier etwas rau. A-Hörnchen motzt alles und jeden an, alles weiß er besser. Ins besondere C-Hörnchen reagiert darauf mit heftigen Protest. Gleichzeitig ist es C-Hörnchen, die immer wieder das D-Hörnchen nervt und bevormundet, so dass er außer sich gerät. Auf diese Bevormundungen reagieren wiederum A- und B-Hörnchen mit Reglementierungen in Richtung des C-Hörnchens, was diese zum erneuten Protest ermutigt.

Ja, manchmal ist es zum weglaufen. Die ständige Gereiztheit schlägt, vor allem dem Menne und mir, massiv auf’s Gemüt. Und das bekloppte ist, wettert man immer noch dagegen, wird es in nu noch ungemütlicher. Verhext, denn nichts dazu zu sagen, kommt faktisch auch nicht in Frage. Heute morgen hatte ich dann eine bahnbrechende Idee:

Immer wenn jemand quängelt, motzt oder jammert, sagen wir: „Hansterkäfig!“, schreit einer: „Stoooop!“, „lass das“ oder ähnliches in einer beschriebenen Konfliktsituation, sagen wir „Kaninchenstall!“. Klingt hirnlos? Ist es aber nicht!

Durch das Einbringen der vollkommen unpassenden Worte geschehen zwei Dinge. Zum einen wird der abgenutzte Konflikt unterbrochen, zum anderen wird verdeutlicht, wie oft der immer selbe Dialog zwischen den verschiedenen Parteien geführt wird. Dadurch, dass wir aber als Intervention nicht meckern, sondern etwas sinnloses sagen, verschlechtert die Intervention nicht zusätzlich das Klima. Paradoxe Intervention ist der Fachausdruck für dieses irre aber manchmal sinnvolle Vorgehen. Und was auch in der klinischen Praxis gelegentlich erfolgreich ist, kann doch hier nicht so schlecht sein.

Hört nicht auf drüber zu sprechen

Am 27. Januar 1945 ist das Vernichtungslager Auschwitz befreit worden. Erst seit 1996 gibt es einen Gedenktag für die Opfer der Shoah. Viel zu lange wurde geschwiegen, viel zu lange war dieses Kapitel der Geschichte so Tabu-besetzt, dass es wieder ein stiller Teilnehmer am gesellschaftlichen Leben vieler Menschen werden konnte.

Leider ist es des Menschen Natur, über unangenehme Dinge im Leben nicht zu sprechen. Sind die unangenehmen Dinge dann noch so unbegreiflich, dass man sie kaum zu Ende denken kann, verstummt der Mensch und lässt das ungeheuerliche geschehen.

Mit den Jahren habe ich viel über die Shoah gelesen. Augenzeugenberichte, Studien, lange Arbeiten, Fakten und Daten. Verschiedenste Autoren versuchen mir zu erklären, was damals passiert ist, was die Gedanken, die Ursachen und die Mechanismen waren. All dies zu begreifen und weiter zu geben ist eines jeden Menschen Pflicht. Denn wer versteht wie aus Angst und Verzweiflung Hass wird, wie eng Hoffnung und Selbstaufgabe beieinander sind, der kann frühzeitig erkennen. Es wird immer dumme, gewalttätige, diktatorische und irre Menschen geben. Worauf es ankommt ist, dass zu jeder Zeit eine aufgeklärte und geeinte Menge an Menschen den Dummen entgegensteht und dafür sogt, dass das Gute gewinnt.

Für Immer!!

„Wollen wir Winter spielen?“ fragt das D-Hörnchen seine Schwester. C-Hörnchen entgegnet ein kurzes „nein“ und will schon gehen. Da baut sich das D-Hörnchen drohend vor ihr auf und zischt: „Dann bin ich nicht mehr dein Bruder!“ C-Hörnchen denkt herrisch die Hände in die Hüften, setzt ihr klügstes Gesicht auf und erklärt: „Du bist immer mein Bruder. Sogar wenn du weggehst! Immer mein kleiner Bruder.“ D-Hörnchen schießt das Wasser in die Augen, verzweifelt schluchzt er: „Ich bin nicht klein!“ , C-Hörnchen aber holt zum finalen Schlag aus und fügt noch hinzu: „Hier wirst du immer der ganz kleine sein; kannst Papa fragen!“

D-Hörnchen zuckt. Eine Sekunde hält er inne, danach werden seine Gesichtszüge ernst und kraftvoll. Er sieht zu seiner großen Schwester auf, fixiert ihr Gesicht und schmettert ihr entgegen: „Hnd dafür wirst du hier immer die Doofste sein!“

Elternsprechtag

Immer wieder ein Vergnügen der ganz besonderen Art sind ja Elternsprechtage in der Schule. Was ich da immer über meine Kinder lerne ist spannend und erschreckend zu gleich. Nach dem heutigen Abend bin ich um zwei Erkenntnisse reicher: Mein B-Hörnchen ist pedantisch und leidet an selektivem Mutismus und C-Hörnchen hat ADHS. Das einzig beruhigende ist, dass mein Berufsstand dank so kompetenter Lehrkräfte nie aussterben wird.

Ich denke, dass ich eigentlich eine recht reflektierte Mutter bin. Ich weiß, dass B-Hörnchen nicht gern spricht; sie kann es aber. Ich weiß, dass sie im Überforderungsfall verstummt wie ein Fisch und es ihr das Wasser in die Augen treibt. Ebenso weiß ich, dass sie sehr grundlich, zielstrebig und ordentlich ist. Auch C-Hörnchens Hibbeligkeit ist mir nicht verborgen geblieben. Sie liebt die Welt in der sie lebt und fokussiert sich nicht immer auf das, was sie gerade sehen soll. Ja, von außen betrachtet ist sie leicht ablenkbar. Ich weiß das alles; vor allem aber weiß ich, dass Kinder einfach unterschiedlich ticken.

Viele Berufsstände haben immer wieder versucht Kinder und ihre Entwicklungzu normieren. Krabbeln zu diesem Zeitpunkt, Laufen zu dem. Sprechen bitte dann und auf einem Bein im Kreis hüpfen auf jeden Fall mit 4 Jahren und acht Tagen. Ja, ein Durchschnitt entsteht aus der Masse und ja, sicher bildet er einen wahrscheinlichen Auftretenszeitpunkt ab, jedoch ist nicht alles andere falsch. B-Hörnchen ist erst mit 19 Monaten gelaufen – Eine Katastrophe! Heute ist sie motorisch sehr begabt. C-Hörnchen könnte erst mit über drei Jahren sprechen – heute hört sie nicht mehr auf. Ich pflege zu sagen: Am Ende können fast alle, fast alles. Das Spektrum von „normal“ ist weit größer als es in den Köpfen so mancher Pädagogen abgebildet ist.

Liebe Eltern, lasst euch nicht verunsichern! Eure Kinder sind perfekt! Und wenn euch irgendwas komisch, langsam oder fasch vorkommt, dann holt euch kompetenten Rat ein.

Bauernregeln

Eine alte Bauernregel besagt: Wenn du die Schneehosen wäscht, kommt der Winter zurück!

Es ist Januar, draußen sind 12 Grad und ich will Schnee! Also gebe ich heute alles! Ich habe völlig ohen Backup und doppelten Boden alle Schneehosen, den Schneeanzug und meine Winterjacke in die Waschmaschine gesteckt. Liebes Wetter, sehe mich, schutz- und hilflos. Leg los!!

Denn so ist es doch immer. Kauft man im Mai Sandalen, wird es bis Juli nicht warm und sie passen nicht mehr. Die Übergangsjacke kommt nie zum Einsatz, da es von 22 Grad direkt auf 7 geht und verzichtet man auf Übergangsjacke oder Sandalen wird man sie schmerzlich vermissen.

Ich bin bereit alles zu geben. Sollte das Waschen der Schneehosen nicht ausreichen, werde ich zu drastischeren Mitteln greifen. Dann würze ich mit dem Streusalz das Essen oder verbrenne die Schlitten im Ofen.

ICH WILL SCHNEE!!

Knock on wood

Vor wenigen Tagen sprach ich mit meiner Schwester. Eines ihrer Kinder war krank, überhaupt war das Jahr bisher eher unruhig. Ich lehnte mich recht weit aus dem Fenster und lobte, dass bei uns bisher wenig war. Wie dumm kann man sein, dachte ich noch, und klopfte auf den Tisch.

Heute morgen um sieben begann das Trauerspiel. D-Hörnchen übergab sich, er war elend. Aus der Traum, hallo Realität. Und irgedwie ist es doch immer wieder das gleiche. Alles auf Holz klopfen, bangen und bitten nützt am Ende nichts. Eben habe ich einmal nachgelesen, was es denn mit diesem Holz und dem klopfen auf sich hat.

Früher klopfte man auf ein Holzkreuz um Gottes Segen zu erhalten. Übrig geblieben ist von diesem Brauch nur noch das Holz – und, das ist viel wichtiger, die Tatsache, dass man sein Glück niemals aussprechen darf, da dies böse Geister anziehe. Tja! Da liegt mein Fehler auf der Hand. Ich werde an mir arbeiten! Muss lernen meine Zunge zu zügeln; böse Geister kann hier keiner brauchen.

Vom Tod

„Was ist wenn Oma stirbt?“ fragt das D-Hörnchen. „Dann sind wir alle bestimmt sehr traurig!“ antwortete ich und füge hinzu, dass Oma aber sicher noch sehr lange nicht sterben wird. D-Hörnchen will wissen, wieso ein Mensch sterben kann und ich versuche zu erklären. „Zu Ende gelebt“ und „der Körper ist dann alt und angestrengt“ stammle ich hilflos.

Prinzipiell macht es mir keine Mühe üben den Tod zu sprechen. Ich möchte mich als recht reflektiert udn gleichzeitig einfühlsam bezeichnen. Der Tod ist ein Teil des Lebens, traurig aber unumgänglich. Er ist nicht nur furchtbar, manches mal ist er logisch oder sogar erlösend. Das alles aber gehört nicht in den Kopf eines vierjährigen. Das letzte was ich will ist ihm Angst zu machen und so versuche ich weiter zu erklären, dass der Tod eben dazu gehört, dass man die Menschen, die gestorben sind niemals vergisst und sie im Herzen bei sich trägt, da holt der Zwerg zu seiner Erklärung aus:

Die Sache sei also so: Wenn der Körper alt ist, hört der Darm auf Kaka zu kneten und Pipi zu machen und dann kann man nicht mehr essen weil schon alles voll ist. Und da das Leben ohne essen auch doof ist, kann man dann auch gleich aufhören zu leben! Ich finde diese Herangehensweise der pragmatisch und hochgradig logisch. Denn mal im Ernst, beim Essen hört der Spaß auf.