So soll es sein.

Gestern beschrieb ich, wie wohltuend eine kleine Auszeit aus dem Hörnchen-Trott manchmal ist. Heute möchte ich mich der Rückwärts-Abwicklung der Auszeit widmen; denn die ist für gewöhnlich nach einigen Stunden ohne Hörnchen bitter nötig. So sehr ich es genieße, mal ohne zu sein – lange halte ich das nicht aus. Nicht lange nach dem Aufstehen packt mich die Sehnsucht und ich beginne meine Brut wieder zusammenzusammeln.

Und so beginnt das, was ich im Alltag so liebe. Die Taschen liegen halb ausgepackt im Flur, alles wird von einem Hauch Sand überzogen. Zwei rennen gleich in den Garten, backen Matschkuchen, zwei sitzen zwischen Schlafanzügen und Kuscheltieren und spielen mit den so lange vermissten Spielzeugen. „Wir hatten Eis, ich habe auf dem Pustebett geschlafen, Oma hat Monopoly gewonnen, wir waren ganz spät im Bett, ich war auf dem Spielplatz, wir haben Uroma besucht, Oma hat mit mir Autos gespielt,…“ Ein Highlight jagt das nächste und ich staune, was man nach nicht einmal 24 Stunden außer Haus alles zu erzählen hat.

Am Abend essen wir alle gemeinsam. Das Haus ist endlich wieder so wie es sich gehört: Laut und sandig. Die Hörnchen streiten sich von Pontius zu Pilatus, betteln ums Fernsehen und kippen Wasser über den Tisch. Reiskörner zieren schnell jeden Stuhl und jeder findet seine Geschichte am aller wichtigsten. Zum Zähneputzen hat keiner Lust, dafür dauert das Duschen ewig. Alles schwimmt, nur die Haare sind nicht ganz sauber. In tiefen Zügen atme ich das Chaos ein, genieße jeden Moment.

Ja! Genau so muss ich es haben. Laut und irre, in jedem Moment. In Bewegung und schneller als ich es fassen kann. Herzlich und voller Liebe, immer mit einer Priese Streit. Sich aneinander reiben, spüren, dass man nicht allein ist. Ich bin viele, und die wichtigsten sind hier bei mir.

One night out

Tanzen bis zum Morgengrauen, nette Menschen, gute Musik und der simple Konsens einfach eine gute Zeit haben zu wollen. Das ist in etwas das Erfolgsrezept für eine gelungene Nacht. Gestern war eine dieser Nächte, die es mir erlauben meinen Hörnchen-Trott weitestgehend hinter mir zu lassen und einfach ich zu sein. Himmlisch, und viel zu selten.

Denn was immer mal vergessen wird ist, dass in diesen leicht staubigen Mutti-Hüllen auch immer noch echte Menschen stecken. Menschen, die früher mal Interessen hatten, ein abwechslungsreiches Leben und all sowas. Klingt frustriert? Ist es manchmal auch. Wenn aus einem jungen Menschen ein Mutti wird, gehen viele Dinge verloren. Schlafmangel, ständiges Gebraucht-werden und so manches falsch verstandenes Pflichtbewusstsein schalten häufig das „Ich“ aus und ersetztes es durch ein „Mutti“. Schrecklich, und für niemanden ein Vorteil.

Immer wieder rate ich Müttern im Beratungsgespräch auch an sich zu denken, zufrieden zu sein und sich nicht vollständig dem Kind zu unterwerfen. Um eine gute Mutter sein zu können, muss man zunächst glücklich sein, zufrieden und mit sich selbst sauber. Dann erst stimmt die Grundlage für alle möglichen pädagogischen Ausschweifungen, faires Handeln und gelebte Liebe. Was es braucht um glücklich zu sein, muss jedes Mutti selbst wissen. Manche gehen zum Friseur, andere gehen Shoppen. Ich muss einfach aus dem Haus. Kluge Gespräche und ein schönes Bier, Musik, Menschen und ab und zu eine durchtanzte Nacht. Das ist mein Ausgleichssport; der Stoff aus dem ich meine Energie gewinne, aus dem ich all meine Geduld und meine Ruhe schöpfe.

Mehr Demokratie

Das Land schreit nach mehr Demokratie und die Rechte schreit mit. Das Volk soll bestimmen, und das am besten direkt. Die Definition von Demokratie lautet „Regierungsform,bei der eine gewählte Volksvertretung die politische Macht ausübt.“ Doch ist dies wirklich das, was die Rechtspopulisten überall auf der Welt so gewinnbringend verkaufen? Ich denke nicht.

Demokratie ist Deutschland hat eine gewisse traditionelle Last zu tragen. Zwar sind in den letzten 70 Jahren viele Wahlen durchgeführt worden und einige Parlamentarier haben gewählt, so richtig demokratisch mitbestimmt haben die Menschen jedoch wenig. Nachdem die schlimmsten Kriegsschäden beseitigt und die größte Not bezwungen waren, ging es den Menschen im Land rasch recht gut. Es gab eine stabile Mittelschicht, man hatte Arbeit, eine schöne Wohnung und für ein mal im Jahr in den Urlaub. Die Politik baute dieses System aus, langsam und statig und der Bürger war zufrieden. Die Kluft zwischen Arm und Reich war vorhanden aber nicht relevant. Man lebte gut.

Der Ruf nach Mitbestimmung kam in den späten 60ern zum ersten Mal auf. Studenenproteste, Anti-Atombewegung und schließlich der so benannte Linke Terror der RAF. Durch wachsende Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung wurde eine Niesche geschaffen. Die Linke nahm diese für sich in Anspruch, machte sich bemerkbar und bündelte die Unzufriedenen. Auch Ende der 80er entstand eine solche Niesche. „Die Mauer muss weg“, und so sollte es geschehen. Wieder war es die Unzufriedenheit, die die Menschen mobilisierte.

Heute ist die Schere zwischen Arm und Reich erschreckend weit auf. Ein großer Teil der Bevölkerung ist unzufrieden, viele fühlen sich existenziell bedroht. Die Politik schafft es schon lange nicht mehr, alle zufrieden zu stellen. Eine Niesche tat sich auf, eine große. Und auch dieses Mal werden die Unzutriedenen aufgefangen und gebündelt. Der Unterschied ist, dass es dieses Mal eben die Rechten sind, die den Menschen eine vermeintliche Richtung, eben eine Lösung aufzeigen. Und so lange, wie Mitte und Links keine bessere, lautere, attraktivere oder einfacherer Lösung haben, werden die Massen folgen. Rechtsradikalismus lasst sich nicht mit gutem Zurden, mit netten Worten bekämpfen. Die Alternative, und zwar nicht blau-rote, muss laut, kräftig und überzeugend sein. Eine wohl-formierte Linke, die Vertrauen schenken und Sicherheit bieten kann, die brauchen ängstliche und verunsicherte Menschen. Keine rot-blauen Hampelmänner, die selbst kaum wissen was sie wollen und leider einfach zum richtigen Zeitpunkt „Hier“ geschrien haben.

Nachts um halb zwei

Letzte Nacht um halb zwei stieg ich in eine Straßenbahn. Als erfahrene Ausgeherin kann mich nachts wenig schocken. Streit, kotzen, prügeln; alles schon gesehen. Letzte Nacht erwischte es mich dennoch kalt. Ich stieg ein, setzte mich hin und mein Hirn brauchte einige Sekunden um zu begreifen was es sieht. Mir gegenüber saß eine Familie; Papa, Mama und ein etwa 6-7 jährigen Kind. Ich konnte nicht wegsehen. Die ganze Fahrt über suchte ich nach einer Antwort auf die Frage, wieso ein so kleines Kind um diese Zeit in der Bahn sitzt. Es zerbrach mir das Herz wie die kleine immer wieder hilflos mit dem Kopf an der Scheibe einschlief und des aufgrund des feierndes Volkes um sie herum dennoch nicht schaffte.

Von außen zu beurteilen, ob Eltern gut oder schlecht handeln ist fast unmöglich. Jedes noch so irrwitzige Verhalen kann einen Grund haben, jeder Ausrutscher eine Vorgeschichte haben. Und doch bleibt der ewige Zwiespalt zwischen Einmischen und Nicht-einmischen. Auch bei mir hat schon eine Nachbarin geklingelt weil das damals 5-jährige A-Hörnchen nicht aufhörte zu brüllen – er sollte Socken allein ausziehen. In dem Moment starb ich vor Scham, passiert ist halt nix. Hätte ich aber wirklich mein Kind misshandelt, hätte es dieser Moment sein können, der mir wenigstens zeigt: Du wirst gesehen und gehört!

Ich werde nie dahinter kommen, ob die Kleine von letzter Nacht vielleicht eine schwere Krankheit hat und kein Sonnenlicht verträgt. Vielleicht war die Familie auch so eben ausgebrannt und nun mit der Bahn auf dem Weg zu den Großeltern. Vielleicht. Höchstwahrscheinlich aber waren es einfach scheiss Eltern, die einen Scheissdreck darauf gegeben haben, wie ihre Tochter sich nachts um halb zwei in der Straßenbahn fühlt. Und ich habe es verkackt.

Sicherheit im Staate

Gestern erst kündigte Horst Seehofer an, dem Thema Sicherheit mehr Bedeutung zukommen lassen zu wollen; mehr Schuz für die Heimat. Heute lese ich, dass die CSU in Bayern zZt. versucht im Eilverfahren ein neues Polizeigesetz zu verfassen. Handgranaten, V-Männer und Ermittlungen ohne konkreten Hinweis. Klingt gruselig – ist es auch!

Denn prinzipiell ist in Deutschland der Staatsapparat durch die Gewaltenteilung so gegliedert, dass Gesetzgebung, Rechtsprechung und Ausführende Gewalt einander regulieren und ein jeweiliges Ausnutzen der Macht unmöglich machen sollen. Dies hat unter Anderem den Sinn, dass diktatorische Strukturen unterbunden werden. Konkret heißt dies, die Legislative (Bundestag) beschließt das Gesetz, die Judikative (Gericht) spricht Recht und die Exikikutive (Polizei) führt Recht aus. Jede der drei Gewalten ist auf die andere angewiesen, jede sicher die andere mit ab.

Kommt es nun, wie im Falle Bayern, zu einer umverschiebung der Macht, wackelt das ganze System. Erhält die Exikutive die Freiheit, ohne konkreten Versachtsfall zuzuschlagen, wird hierdurch die Legislative lächerlich gemacht. Ein Gesetz, dass unter dem Deckmantel des Schutzes des Volkes erlassen wird, hat so in erster Linie den Nutzen, an den Grundfesten der Demokratie zu wackeln. Was dem besorgten Bürger als Sicherheit verkauft wird, ist in Wirklichkeit eine massive Aufgabe seiner Persönlichkeitsrechte.

Der Bürger soll beruhigt sein! Schließlich ist er, so lange er sich nach Schema F verhält, sicherer denn jeh. Hinzu kommt, dass der einfache Bürger an sich auch wenig von dem ganzen Spuk mitbekommt. Denn daran, den Entwurf , der schon ab Sommer gelten soll, im Land publik zu machen, ist Horst wenig interessiert. Recht hat er, was keiner weiß, macht keinen heiß. Zudem sagt man dem Polizeigesetz eh schon nach quasi „unlesbar“ zu sein. Praktisch, denn wenn es keiner versteht, dann kann es auch keiner kritisieren.

Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?

Im Kinderbuch „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ wetteifern Hasen-Kind und Hasen-Papa darum, wer den anderen am liebsten hat. „So hoch ich reiche“, „so weit ich hüpfen kann“ und „bis zum Mond“ haben beide sich lieb. Auch bei uns sind die Sätze aus dem Buch geflügelt; regelmäßig erklärt eins der Kinder es würde mich bis zum Kindergarten lieb haben. Ich entgegne dann:“Und ich hab dich lieb bis zu Oma!“ und so geht es dann weiter und weiter und weiter. Ein hübsches Spiel.

Eben verließ das C-Hörnchen die Küche und ich rief ihr hinterher, dass ich die ganz doll lieb habe. Sie drehte sich kurz um und sagte, dass sie mich auch ganz doll lieb hat. Ich erwiderte, in bekannter Manier, dass ich sie noch doller … da unterbrach sie mich. Klar und deutlich erklärte sie mir folgendes: Das ganze Lieb-haben um die Wette ist doch doof! Viel schöner ist es doch, wenn beide sich gleich doll lieb haben!“

Du kluges kluges Kind! Ich wünsche dir, dass dich diese theoretische Erkenntnis vor der praktischen Erfahrung schützen möge. Denn mit vollster Sicherheit hat du Recht. Lieb-haben ist dann am aller schönsten, wenn alle sich gleich doll lieb haben. Eben bis zum Mond- und wieder zurück!

Der Kampf gegen die Drogen

Aktuell ist es Donald Trump, der sich dem Kampf gegen Drogen verschrieben hat und mit dramatischen Schlagzeilen von sich reden macht. Mehr Härte, sogar die Todesstrafe fordert er. Natürlich soll auch die Mauer nach Mexiko nicht vergessen werden, denn da kommen die Drogen ja schließlich her. Und dann Herr Trump? Was passiert dann?

Was ganz deutlich wird ist, dass weder Trump noch andere Politiker sich jemals ernsthaft mit der Problematik harter Drogen auseinandergesetzt haben. Denn hätten die dies, würde sie selbst erkennen, wie sinnlos all die Härte ist.

Das Hätteste an der Droge ist die Sucht. Nach einer Substanz süchtig zu sein, heißt für den Betroffenen in erster Linie beschaffen zu müssen; immer! Härtere Strafen und mehr Überwachungssysteme triggern nur eins: Das Katz und Maus spiel und dadurch das Leid der Betroffenen. Denn wer süchtig ist, der beschafft und konsumiert – gegen alle Wiederstände. Des Pudels Kern ist also die Sucht und der Träger selbiger. Und hier wird es wichtig! Sucht und alles damit verbundene Elend sind, ähnlich wie Schnupfen oder Husten, lediglich Symptome eines viel größeren Problems. Sucht beginnt nicht mit der lustigen Idee mal Drogen zu nehmen, Sucht liegt viel tiefer. Studien belegen inzwischen gut, dass über 80% der Drogenkonsumenten primare Erkrankungen wie Depressionen, Ängste die soziale Probleme haben. Die Drogen kamen in fast allen Fällen später, als eine Art Selbstmedikation, aus der Verzweiflung heraus. Bedenkt man hierzu, dass die Sucht einer der stärksten Mechanismen ist, den das menschliche Hirn erschaffen kann, liegt es auf der Hand, dass kein Betroffener aus Gründen der Vernunft eben aufhört süchtig zu sein, nur weil er bestraft werden könnte.

Was hilft also gegen Drogen im Land? Eigentlich liegt es auf der Hand. Eine gesunde, zufriedene, sozial aufgestellte Bevölkerung, die in Kriesen für einander steht, Schwache auffängt und die individuellen Stärken jedes einzelnen fördert. Freiheit und die Möglichkeit, sich sorgenfrei ausleben zu können, Wegnahme von Stress und Angst und Repressionen. All diese Faktoren kommen in Frage und sollten, nicht nur in den USA, mit aller Härte verändert werden. Denn dann müssten Drogen mittelfristig nicht mehr als Medikament gegen die Verzweiflung eingesetzt werden. Und die Mauer, Herr Trump, die braucht dann auch keiner mehr. Aber das können Sie mit Sicherheit nicht verstehen.

Wenn der Tag gekommen ist

Eben witzelte ich mit meiner Schwester über meine eigene Beerdigung. Lustige Musikauswahl, kluge letzte Worte; allerlei Unfug um eine bedrückende Situation erträglicher zu machen. Eben noch lachte ich sehr und versprach was lustiges dazu zu schreiben. Jetzt, wo ich so darüber nachdenke, gelingt das nicht.

Eine Beerdigung zu planen ist nicht leicht. Sie so zu gestalten, dass sie den Anwesenden gefällt, ist das eine. Sie so zu gestalten, dass sie dem Verstorbenen gefallen hätte, ist das ganz andere. Ich mag den Gedanken, die Sache aufzulockern. Ich mag dem Gedanken, über Lustiges zu lachen; ganz wichtig finde ich es aber auch an gemeinsames zu erinnern, Schönes zu ehren und Schlimmes zu würdigen. Für alle Anwesenden ist dieser letzte Moment das, was im Kopfe haften bleiben wird. Ein bescheidener Redner, welke Blumen oder schlechte Musik, alles bleibt dann für immer.

Ich, als grenzenloser Perfektionist, habe zwei Welten in mir. Zum einen sollte ich wahrscheinlich rechtzeitig alles selber planen, damit es auch gut wird, zum anderen hoffe ich sehr, dass es am Ende Menschen auf der Welt geben wird, die in der Lage sein werden meine wesentlichen Züge und das wofür ich gelebt habe in diesen letzen Akt zu geben.

In einigen Tagen werden wir unseren Opa beerdigen. Hoffentlich gefällt es ihm.

One world

In einem Gespräch mit den großen Hörnchen ging es um sogenannte Ausländer und deren Rolle in Deutschland. Wir sprachen über den Seehofer’schen Heimatbegriff und die damit verbundenen Themen von Freiheit und all sowas. Irgendwann schlug das A-Hörnchen vor, einfach „ein Land zu machen, in dem alle Ausländer sind“. Ich war entsetzt und zweifelte an meiner Erziehung. Das A-Hörnchen wiederum verstand gar nicht, worüber ich so entsetzt war. Er sah mich fragend an und erläuterte dann:

„Wenn es einfach alles ein Land wäre, ohne Grenzen und ohne eigene Politik, wenn alle überall hingehören würden, dann wäre es doch ein Land. Dann wäre alles eine Welt und keiner wäre falsch.“

Mein kluges Kind, wie recht du hast! Normen sind es, die Menschen in die Andersartigkeit zwingen. Grenzen und Besitz sind es, die Krieg und Vertreibung erst möglich machen. Gier und Ungerechtigkeit sind es, die Hunger und Not wachsen lassen, und es dem Großteil der Weltbevölkerung nicht möglich machen, sicher und zufrieden zu leben. Wenn der Mensch aufhören würde sich über Besitz und Macht zu definieren, wenn Menschlichkeit, ein großes Herz und die Bereitschaft zu teilen Attribute wären, die für die Mächtigen erstrebenswert sind, dann wäre allen geholfen. Und dann hätten wir ein großes Land, in dem wir alle Ausländer sind – oder eben auch nicht.