Liebesbeweis

Vor einigen Tagen begleitete ich einen Zweitklässler bei den Hausaufgaben. Der zuständige Betreuer machte mich auf die Federmappe des Kindes aufmerksam, in der kaum ein intakter Stift zu finden war. Später erklärte er, dass ein gut sortiertes Mäppchen ja durchaus als Liebesbeweis der Eltern zu werten wäre und das Mäppchen des Jungen einfach nur traurig. Ich nahm die Aussage an diesem Tag zur Kenntnis und dachte nicht weiter drüber nach.

Gesten öffnete mein. C-Hörnchen zum ersten Mal sein Wochen ihre Fesermappe vor mir. Mich sahen drei abgebrochene Bleistifte und 12 Filzstifte an, die meisten ohne Deckel. Buntstifte, wie von der Schule vorgeschrieben, fand ich nicht. C-Hörnchen erklärte, dass diese im Schlampermäppchen wären, und schaffte auch dies herbei. Im Inneren fanden sich ein Dutzend Fragmente. Früher einmal müssen es Buntstifte gewesen sein, nun aber waren es zerbrochene, angespitzte, schmutzige Reste. Ich fühlte mich schrecklich. LIEBESBEWEIS!! raste es mir durch den Kopf. Ich habe versagt!

„C-Hörnchen,… “ stammelte ich mit zitternder Stimme, „wieso sagst du denn nicht, dass du mal neue Stifte brauchst? Die sind ja alle kaputt!“ Ich war gradezu verzweifelt und sah mein Kind mitleidig an. C-Hörnchen wiederum hatte einige Fragezeichen im Gesicht und legte die Stifte auf den Tisch.

Sachlich erklärte sie mir, dass Hautfarbe noch ganz gut sei, den benutze sie selten, keiner habe so eine Haut. Pink und lila würde sie liiiiieeeeben, die wären so schön. Auf die kleinen Stifte wären alle voll neidisch, weil keiner so mini-kleine hätte und den einen, mit dem könne nur sie schreiben, weil das der einzige links-Mini-Stift ist. Mit den beiden grünen Stiften könne man die besten Blumenwiesen der Welt malen, und die blauen wären sogar gut für Wasser UND Himmel! C-Hörnchen erklärte und erläuterte die genaue Funktion und ihr Liebe zu jedem einzelnen Stift. Alle sind sie einzigartig, jeder ist perfekt. Sie sah nicht die Notwendigkeit einen von ihnen auszutauschen, leisteten sie doch alle gute Dienste.

Wir einigten uns auf einen Kompromiss. Mein Gewissen durfte einen Liebesbeweis für die Lehrer statuieren. Ich sortierte nagelneue Bunt-und Filzstifte in die Federmappe. Im Schlampermäppchen wohnen weiter alle liebgewonnenen Freunde vom C-Hörnchen. Und mit wem sie am Ende malt, bleibt ihr überlassen. Liebesbeweis, so ein blodsinn! Und viel wichtiger ist am Ende der Respekt, und den haben wir beide bewiesen – vor einander und vor jedem einzelnen Stiftchen.

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