Der Mann und die Steine

Seit einigen Monaten wird unsere Straße erneuert. Vom Herbst letzten Jahres an war es zunächst ein lustiges Trüppchen Tiefbauer, die über die fiesen, kalten Monate die Straße erst aufrissen, dann Kabel für Kabel, Rohr für Rohr erneuerten. Die fünf Männer arbeiteten hart, lange und unter miesen Bedingungen. Wann immer man sie aber traf, waren sie gut drauf. Die Truppe hatte sich und jede Menge Spaß bei der Arbeit. Selbst bei Schneeregen und Sturm waren sie am klönen und taten dabei was sie tun müssen. Ich fand es beeindruckend diese gut funktionierende Gruppe zu sehen.

Nach den Tiefbauern kamen die Strassenbauer. Sechs Männer die, ebenso wie ihre Vorgänger, hart arbeiteten. An so manchem Tag hatte ich großes Mitleid wenn ich den Regen sah und viele Male dachte ich:“Hoffentlich werden meine Kinder nicht Bauarbeiter!“ Tatsächlich aber war auch dieser Trupp irgendwie sehr zufrieden. An jedem noch so fiesen Tag, und eigentlich war es immer fies, herrschte gute Stimmung zwischen den Bergen von Sand, Schotter und den Baggern.

Inzwischen ist die Straße fast fertig. Nur noch die langen Parkplätze müssen gepflastert werden; Kopfsteinpflaster. Seit drei Wochen ist dies nun in Arbeit. Und wo vorher immer gut gelaunte Gruppen hatte Arbeiten verrichteten, ist seit drei Wochen ein einsamer Mann. Seit drei Wochen klopft der Mann von morgens um 7.00 Uhr bis abends um 17.00 Uhr Steine klein, setzt sie ein und klopft weiter. Stunde um Stunde, Reihe um Reihe. Immer allein, immer in der sengenden Sonne. Es ist ein Graus dem armen Kerl zuzugucken und inzwischen versorgen ihn etliche Nachbarn mit Eis und kalten Getränken.

Mir zeigt dies auf, wie wichtig ein gut funktionierendes Team ist! Man kann so einige Scheisse aushalten, wenn man dabei doof sabbeln kann und ab und zu einem Kollegen sein Leid klagen kann. Und selbst 1500 Pflastersteine ersetzten keinen Kollegen der einfach nur da ist.

Bamf II

Gestern nahm ich Stellung zu dem soganennten Skandal um das Bamf, das angeblich unerlaubt Asylbewerbern gestattet hat hier in Deutschland zu bleiben. Heute möchte ich etwas genauer hinsehen. Eine Leserin bat mich die Rolle der unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge zu betrachten.

Exemplarisch für die tausenden von jungen Menschen, halben Kindern und Teenagern, die in den Jahren hier angelandet sind, stellen wir uns also einen 16 jährigen Teenie in Syrien vor. Mutter tot, Vater verfolgt. Würde dieser Junge in Deutschland leben, deutscher Staatsbürger sein, würde er bereits an dieser Stelle als schwer traumatisierte gelten. Er bekäme alle Hilfen dieser Erde um den Verlust der Mutter zu verkraften, die Familie bekäme Schutz. Unser Teenie ist aber nicht in Deutschland. Er lebt in Syrien, er bekommt nichts; nur Angst.

Der verfolgte Vater beschließt mit dem Jungen zu fliehen. Sie lassen alles zurück, Haus, Freunde, Familie, den Ort an dem man immer gelebt hat. Sie machen sich auf eine lange, beschwerliche und lebensgefährliche Reise. Würde die Familie in Deutschland leben, waren an dieser Stelle alle Behörden alarmiert. In Syrien ist die Flucht jedoch der bessere, der sicherere Ausweg. Für einen Teenie ist es ein schweres Trauma alles zurück zulassen, inklusive der Erde, auf der die Mutter starb.

Auf der Monatelangen Flucht wird das Geld knapp. Schlafen im Freien, Kälte und Hunger machen jeden Tag zu einer Qual. Der Vater des Jungen wird schwächer. Er schafft es nicht. Als Vollwaise schlägt er sich allein durch, hilflos, allein gelassen und voller Angst. An was soll man sich halten, wenn alles was man erfährt Schmerz, Elend und Angst ist. Da es für den Rückweg allein zu spät ist, zieht der Junge weiter. Immer mit der Masse, nach Europa. Nach Monaten erreicht er ein Auffanglager in Deutschland.

Endlich angekommen und auf Hilfe hoffend, ausgezehrt udn schwer traumatisierte von den vergangenen Monaten wird nun geprüft. Ob er wirklich 16 wäre, ob er wirklich allein sei. Anstatt sorgsam mit den seelischen Wunden des Teenies umzugehen, zwingt man ihn immer und immer wieder seine Identität zu beweisen, seine Geschichte zu erzählen. Für einen traumatischen Menschen ist dies eine Qual. Während das Gehirn versucht die Ereignisse zu vergraben, sie unzugänglich macht, zwingt das Außen zum Graben. Helfen würde hier eine gute, sensible, langjährige Therapie – sicher aber keine Befragungen.

Nach weiteren Monaten des Wartens im Lager bekommt der Junge eine Aufenthaltserlaubnis. Er darf bleiben. In der letzten Zeit hatte er zaghaft erste Schritte in sein neues Leben gemacht. Eine Schule besucht, die neue Sprache erlernt und endlich Kontakt zu netten Menschen hergestellt. Sogar seine schweren Verluste durfte er endlich vorsichtig bearbeiten, es ging voran.

Seit einigen Wochen nun ist es wieder aus mit der Ruhe. Der Skandal um die Asylverfahren lässt alles wieder aufkochen. Aus wohlwollenden Mitmenschen werden plötzlich Zweifler. Jeder, Asyl bekommen hat, muss sich nun rechtfertigen. Ist das alles rechtes? Haben die dich vielleicht auch einfach nur durchgewunken? Ging es dir denn wirklich so schlecht? Und an dieser Stelle ist es nicht das Bamf, dass die Wellen hochschlagen lässt, es sind die von den Medien aufgepeitschten Bürger, die wieder zweifeln, wieder skeptisch sind.

Liebe Leute, wer alles zurück lässt, sich Monate lang auf eine furchtbare Flucht begiebt, wer friert und hungert, in kauf nimmt, dass Familienangehörige sterben, der tut dies weil die Situation im eigenen Land es verlangt. Jeder, der diesen Scheiss auf sich nimmt, sucht Hilfe, weil er Hilfe braucht. Oder was müsste alles passieren, damit DU noch heute mit einem Rucksack, deinem Pass und deinen Kindern losziehst; nach Finnland.

BAMF

Das Bamf Bremen ist derzeit in aller Munde. Auch mich lässt das nicht kalt. Hat doch das Bamf in rund 4500 Fällen offenbar falsch entschieden. Um es zu sagen wie es ist: Die Menschen im Amt haben gemacht, dass Flüchtlinge, die gar nicht ganz in akuter Lebensgefahr schweben, hier bleiben durften. Ein Skandal, so Seehofer. Ein Skandal, so ganz Deutschland.

Ein Skandal, sage ich auch. Jedoch funktioniert meine Welt da etwas anders herum. Ich kann nicht verstehen, was das Problem sein soll; Menschen suchen Zuflucht, Menschen bekommen Zuflucht. Wer um Hilfe bittet, dem wird geholfen, Not ist doch schließlich nicht in eine Norm zu quetschen. Wie soll man denn aus dem muckelig warmen Büro, zwischen Frühstück und Mittag entscheiden, ob die Not eines anderen so groß ist, dass sie ein Hier-bleiben rechtfertigt. Albern!

Der wahre Skandal ist in meiner Welt ein ganz anderer und befasst die jenigen, die nicht hier bleiben durften. Weil sie nur ein bisschen Hungern, oder in ihrer Heimat nur ein paar Bomben fallen. Weil in ihrem Land nur eine fast radikale Miliz regiert oder nur jedes 2. Kind verhungert. Was um alles in der Welt maßen sich Menschen an, die über Leid und Not und Bedürfnis anderer entscheiden. Es kotzt mich so an!

Kinder….

Wenn man so ein Kind bekommt, ist alles plüschig und schön, zumindest wird das so erwartet. Irgendwann aber kommt jeder an den Punkt, an dem dieses Eltern-sein einfach nur noch anstrengend und doof ist. Der eine erlebt diesen Schlüsselmoment nach wenigen Stunden, bei anderen dauert es Monate. Fakt ist, irgendwann erwischt es jeden. Von da an redet man sich Kriesen schön. Kinder leben in Phasen, und in der Natur der Phase liegt, dass die eines Tages zu Ende geht. Im Rückblick kann man dann rekapitulieren – und das fällt manchmal wenig schmeichelhaft aus:

Am Anfang, da sind die Kinder klein und hilflos. Mit Null, da brüllen, kacken und kotzen sie. Eltern bekommen wenig Schlaf und es ist ja so anstrengend.

Mit Eins sind sie unstet und tollpatschig. Man kann nicht genug Augen und Hände haben. Alles räumen Sie einem aus. Ja, einjährige sind ja so anstrengend!

Mit zwei, da werden sie störrisch. Zweijährige wollen alles allein machen, bekommen es selten hin. Alles dauert lange mit einem Zweijährigen im Schlepptau. Mit zwei sind sie so anstrengend!

Ab dem dritten Geburtstag werden sie trotzig. Dreijährige motzen und trotzen und werfen sich auf den Boden und schreien. Mit drei ist nichts vor ihnen sicher, ja! Mit drei sind sie so anstrengend!

Vierjährige sind trotzig und frech. Sie wollen bestimmen und die Weltherrschaft an sich reißen und sich um alles in der Welt nichts sagen lassen. Vierjährige sind anstrengend!

Mit fünf fangen sie dann auch noch an zu diskutieren. Mit fünf sind sie trotzig mit frech und diskutieren von Pontius zu Pilatus. Mit fünf sind sie anstrengend.

Sechsjährige sind auch anstrengend. Sie wollen alles besser wissen, wissen es aber nicht und das Trotzige haben sie immer noch.

Mit sieben und acht wird aus trotzig plötzlich bockig. Sieben- oder Achtjährige verstehen ne ganze Menge, haben aber keine Lust zu tun was sie wollen. Mit sieben und acht sind sie so anstrengend!

Neunjährige sind, ebenso wie Zehnjährige, störrisch und bockig. Sie debattieren und machen was sie wollen. Wenn man was von Ihnen will wird es wieder anstrengend.

Mit elf bessert sich nichts, auch nicht mit zwölf. Und danach ist es Pubertät. Ein Elend, und so anstrengend.

Und in Wirklichkeit? Alles scheiss. Babys sind zauberhaft, Kleinkinder einfach putzig und alles danach eben so gut, wie man es findet. Ich konnte bisher jedem Jahr und jeder Phase viel positives abgewinnen. Und wenn es ganz anstrengend war, war es oft ich selbst die nicht ganz rund lief. Kinder sind in aller erster Linie einfach mal genial; zumindest meine.

Berlin

Berlin, was bist du geil! Zugegeben, mein politischer Gesist hat in den vergangenen Jahren arg gelitten. Vor allem der aktive Teil liegt furchtbar brach. Gesten wurde mir das mehr als bewusst. Die Afd rief zum Demo und alle kamen. Linken, ganz linke, mittel linke, mittlere, Omas, Mamas, Papas, Studenten, Arbeiter und eben jeder, der sonst keinen Bock auf rechte Scheisse hatte. Und ich, ich bedaure es sehr nicht da gewesen zu sein!!

Doch folgen wir einmal der Berichterstattung. Gestern demonstrierten zwischen 2000 und 5000 Anhänger und Unterstützer der Afd in Berlin; wir erinnern uns – peinliches Demogeld und so. Auf der anderen Seite, und das ist ganz und gar nicht peinlich, demonstrierten zwischen 25.000 und 75.000 Menschen gegen den Hass – und für die Liebe. Friedlich, mit friedlichen Mitteln und satten Worten. Quer durch alle sozialen Schichten, jedes Alter und Geschlecht war man zusammen gekommen um gegen den rechten Stumpfsinn ein Fest zu feiern. Kein Hass, keine Gewalt. Gemeinsam ging es gegen das, was wir zur genüge hatten – rechten Rotz der keinem nutzt außer sich selbst.

Prokrastination

Das angesagte Wort „Prokrastination“ beschreibt das Auf- oder verschieben anstehender Tätigkeiten. Im hippen Volksmund wird es zur Zeit allerorts als eine besonders gesellschaftsfähige Ausprägung des Nicht-tuns benutzt. Studenten prokrastinieren anstatt die Vorlesuzu schwänzen, Mütter prokrastinieren anstatt sich peinlich berührt vor der Hausarbeit zu drücken und alle andern tun es auch. Alle; außer mir.

Denn ich bin leider ausgesprochen schlecht in Nichts-tun. Ich kann es weder heimlich noch gesellschaftlich akzeptiert, keine 7 Minuten bekomme ich hin. Dabei weiß ich sehr wohl, wie wichtig es für Körper und Seele ist sich zu entspannen und alles frei zu lassen. Ja, ich habe davon gehört, dass der Kopf erst wieder so richtig in Schwung kommt, wenn er ab und zu mal Leerlauf erlebt. Mein Kopf kennt das nicht. Sobald ich still irgehdwo sitze oder liege beginnt das rattern im Oberstübchen. Einkaufszettel, aufstehen Treppe saugen, wann hat B-Hörnchen eigentlich zuletzt geduscht und haben wir noch Eier.. Aufsehen, nachgucken, hinsetzen. Die Wunschzettel der Kinder werden bedacht, googeln. Hier noch mal ne Nachricht an irgendwen, E-Mails checken. Noch mal eben das Altpapier raus bringen. Nein, dieses Nichts-tun habe ich nicht erfunden.

Sehr schade eigentlich, und ein wenig bleibt die Frage, ob ich es früher einmal konnte. Früher, bevor die kleine Armee hier begonnen hat mich ständig zu beschäftigen. Und während die Studenten im Nachbargarten auf einem Bein stehend meditieren, beschließe ich zumindest noch mal für sechs Minuten das Telefon weg zu legen und zu prokrastinieren. Ab JETZT!

Der kleine Unterschied

Ob ich in diesem Jahr sportlich ambitioniert bin, wurde ich gefragt. Ich habe eine Weile nachdenken müssen um das zu beantworten und bin zu folgendem Schluss gekommen: Meine größte sportliche Herausforderung liegt in diesem Jahr darin, den Unterschied zwischen „Lust auf Sport“ und „Lust auf dünn-sein“ herauszufinden. Für mich persönlich eine harte Nuss!

Tatsächlich nämlich habe ich in den letzten Jahren viel daran gesetzt die Spuren von 34 Jahren Leben und vier Schwangerschaften zu verwischen. Ich habe meinem Körper den coolen Deal vorgeschlagen: Ich bewege dich viel und gebe dir wenig zu essen, dafür machst du, dass wir aussehen wie 16! Mit großen Ideen wie ‚vor dem Frühstück 10km laufen‘ habe ich versucht meinem Teil der Abmachung einzuhalten und muss euch nun mitteilen: Klappt nicht! Und viel schlimmer noch, es macht nicht mal Spaß! Und so stelle ich mich neuen Herausforderungen!

Mit 34 sieht man aus wie mit 34. nach vier Kindern sind manche Stellen an so nem Körper anders als andere. Essen macht Freude und tut gar nicht weh und niemand auf der Welt mag mich mehr nur weil mein Bauch weniger wabbelt. (Sollte das anders sein kann der jemand mich mal!!) Und wenn ich wirklich Lust habe mich zu bewegen, dann tu‘ ich das, und zwar mit Freude. In den letzen Tagen bin ich viel Rennrad gefahren. Es war herrlich und Balsam für die Seele. Ich quäle mich nicht in diesem Jahr, ich versuche es mal mit glücklich sein.

Regen

Als Bremer ist man den Regen gewohnt. Im Herbst regnet es viel und stürmisch, im Winter regnet es kalt und matschig. Im Frühjahr fällt zauberhaft beflügelnder, süsslicher Regen und im Sommer brechen stattliche Gewitter über uns hinein; gern täglich. Ja, den Regen kennen wir hier. Gerüstet ist man in aller Regel, der stolze Bremer wird halt nass und so wundert es keinen, wenn auch bei starkem Regen jede Menge Radfahrer unterwegs sind. Selbst Tage und manchmal Wochen am Stück können uns nicht beeindrucken. Ja, Regen können wir! Manchmal, einige Male im Jahr jedoch, da haut es uns um. Dann regnet es so doll, dass die Keller und Unterführungen in Bremen volllaufen. Und dann – machen wir sie wieder leer.

Und nun das! Es ist Ende Mai und seit Wochen hat es nicht ernsthaft geregnet. Bremen ist staubig, die Pollen vom April kleben noch auf den Autos, die Fußwege sehen ein bisschen Sahara aus. Die Kleingärtner raufen sich die Haare und alle anderen sehen bei jedem Wölkchen irritiert zum Himmel. Wann kommt er wieder, und wenn es dann los geht, wie lange wird er bleiben; Tage, Wochen, Monate?

Bis es soweit ist gilt es zu genießen; die Sonne, die Wärme und die trockenen Klamotten. Das Trocknen der Wäsche im Garten und die Tage im Freien. Und dann, eines Tages wird er wiederkommen, der vertraue Regen. Er wird sich ankündigen und dann doch etwas später kommen als man ihn erwartet hat. Er wird ein vertrautes, wohliges Gefühl verbreiten, die Luft wird duften wie es nur frischer Regen kann und nach der langen Trockenheit wird endlich alles wieder so sein, wie wir Bremer es kennen. Irgehdwie nass aber gut!

Ebbe

Es ist still geworden hier im Blog. Der Grund dafür ist so banal wie nervig: Ebbe im Kopf.

Was denkt ihr denn, worüber sollte ich endlich mal, mal wieder oder überhaupt mal schreiben? Gibt es brennende Themen, offene Fragen oder sonst was? Habe ich was wichtiges vergessen? Los, her damit! Und vielleicht springt die alte Rübe dann ja von ganz allein wieder an; anschieben hilft bestimmt.