Schritt für Schritt

Kurz vor der Geburt meines ersten Kindes erzählte mir meine Hebamme eine kleine Geschichte. Die Geschichte von Beppo, dem Straßenkehrer aus Momo.

„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt.

Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du?

Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.

Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“

(Michael Ende)

Unter der Geburt war die Metapher gut anzuwenden. Wehe für Wehe, Schritt für Schritt zum Ziel. Doch auch im Rest des Lebens ist es hilfreich das Kleine zu sehen, die aktuelle Herausforderung und nicht immer den ganz großen Rahmen. Leider gelingt das immer weniger.

So steigen viele junge Menschen zum Beispiel ins Berufsleben ein, mit dem Wunsch in eine Führungsposition zu kommen. Die Lister der hierfür zu erfüllenden Aufgaben ist lang und hemmt sich selbst. Anstatt sich gründlich einzuarbeiten, soziale Kontakte im Betrieb aufzubauen und „erst mal rein zu kommen“, geben sie gleich Vollgas, versuchen unersetzlich und Ultra-kompetent zu sein. Das stresst enorm und setzt die Messlatte hoch.

Genau so ist es in vielen anderen Lebensbereichen. Der dringende Wunsch bis zum 35. Lebensjahr drei Kinder und ein Haus zu haben, macht das Eintreffen dieses Ereignisses nicht wahrscheinlicher. Auch der klar formulierte Plan mit 40 ein abgezahltes Eigenheim zu besitzen und ein Ferienhaus in der Schweiz macht lediglich Stress.

Das was vielerorts unter Erfolg verstanden wird, hat zwar manchmal mit harter Arbeit zu tun, viel öfter aber mit Glück und Ausdauer. Letztlich bleibt die Frage, ob es denn überhaupt das ist, was einen glücklich macht. Das Leben läuft langsam und stetig, Schritt für Schritt. Manchmal verstehen wir die eine oder andere Schleife nicht, manchmal beißen wir uns an etwas die Zähne aus. Trotzdem brauchen wir all diese Erfahrungen um am Ende klug draus zu werden und ganz zu sein. Das Leben braucht keine festen Ziele oder Trophäen. Es reicht aus am Ende glücklich zu sein und mit dem was man hätte, all den einzelnen Schritten, im reinen zu sein. Und wenn man dann zurück sieht auf die lange Straße, und sie einem gefällt, mit all ihren Schlenkern, ihren Schlaglöchern und den Pfützen – dann ist doch alles gut!

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