Chronik eines Tages den keiner braucht

6.20

Aufstehen, zu wenig Zeit eingeplant; wer muss schon duschen, Brote schmieren, Frühstück machen

6.40

C-und D-Hörnchen aus dem Bett kugeln, waschen, anziehen.

6.50

Isomatte, Schlafsack udn diverses Pipapo packen; D-Hörnchen hat Kita-Übernachtung.

7.00 Frühstück mit allen Hörnchen

7.20 Panikattacke A-Hörnchen: Heute ist Sport! Turnhose suchen

7.25 Flechten diverser bodenlanger Zöpfe, erledigen von 20 weiteren Kleinst-Kleinigkeiten.

7.30 Rauschmiss A-, B- udn C-Hörnchen

KAFFEE, Geschenk einpacken

7.45 Aufbruch zur Kita, bepackt wie ein Esel im strömenden Regen

8.05 Ich wieder zu Hause.

KAFFEE. Spülmaschine, Waschmaschine, duschen ist was für Anfänger

8.30 Post, Weg, nass werden

9.00 Elternsprechtag B-Hörnchen

9.30 Elternsprechtag C-Hörnchen

10.00 Arbeiten bis 12.20 mit anschließendem Nasswerden

12.30 Einkauf Mittagessen, schnell ’ne Turnhose kaufen

13.00 D-Hörnchen abholen

13.10 Kochen & essen

13.30 Kuchen backen für das Klassenfest des C-Hörnchens

13.45 lernen, dass die gekaufte Turnhose sau-hässlich ist

14.20 fertigen Kuchen auf den Boden fallen lassen

14.21 Schreien brüllen Fluchen

14.22 Panisch zum nächsten Geschäft, was anderes kaufen

14.35 Genervt mit 2 Melonen nach Hause rasen

14.37 Melonen schneiden und verpacken

14.45 Aufbruch zum Klassenfest mit A- und D-Hörnchen; nass werden

14.56 sorgfältig Melonen auf die Straße klatschen lassen

14.57 brüllen schreien kotzen auf der Straße vor der Schule

15.00 bis 16.45 Klassenaction mit Muddi-Chick. Wer mit wer, wann wohin und bla.

17.00 D-Hörnchen zur Kita-Übernachtung bringen

17.15 Ankunft zu Hause; „Was essen wir?“

Dunkelheit. Tod.

Ich nenne diesen Tag: Tage, an denen ich Kurt Cobain verstehe!!

Lieber Kalender,

Lieber Kalender,

was ich dir schon lange mal sagen wollte: Fick dich!

In letzter Zeit bist du zu dominant in unserer Beziehung, du lässt mir keine Freiräume, ich fühle mich von dir rungeschubst. Wann immer ich mal eine Zeile für mich erobere, belehrst du mich schnell eines besseren. Ich mach das nicht mehr mit!

Mal im Ernst, ich weiß! Auch du hast es nicht leicht mit mir. Immer 1000 Baustellen nebeneinander, alles überschlägt sich miteinander und du sollst den Überblick behalten. Drei Dinge zur selben Zeit, schaffen können wir das beide nicht, ja das gebe ich zu.

Ach weißt du, ich kopiere mich einfach, und dann kopiere ich dich. Eine von mir kann dann arbeiten und eine leben; so müsste es gehen! Wir können ja regelmäßig in Kontakt bleiben und uns mit den anderen austauschen. Und wenn wir dann alle 70 sind, der eine Kalender, die andere Anna und wir beiden, dann gehen wir alle vier in Rente. Plan?

Neue Liebe

Wenn was aufhört, tut das weh. Was man aber oft vergisst ist, dass nach Ende auf wieder Anfang kommt. Und da ich eine extrem Bindungs-und Begeisterungsfähige Person bin, habe ich heute zum schnellen Neuanfang getutet. Genauer genommen wurde ich angetutet. Sie stand in einem Schrauberlädchen, völlig unscheinbar und verdeckt von lauter Größeren. Dennoch stach sie mir gleich ins Auge, ihre Schönheit, aber auch ihr ungewöhnliches Antlitz ließen mir keine Ruhe. Sie ist zierlich, gradezu klein. Trotzdem wirkt sie keineswegs gedrungen; viel mehr ist sie wendig und agil. Sie ist schon alt, ein Kind der 80er, dafür aber noch top in Schuss.

Ihr Rahmen ist aus Columbus SL Rohr, bis auf kleinere Laternenpfahl-Stellen in Lee ist er tadellos. Das Shimano 105er Set ist grad letzte Woche um einen Schaltkranz und eine Kette erneuert worden. Nicht mehr original aber dafür butterweich. Vorbau, Bremsen, Felgen und sogar die Reifen sind original. Mit einer Rahmenhöhe von 52 ist sie kleiner als es die Lorelai war. Und ich muss gestehen, es ist ein Hinmelreich einen passenden Rahmen zu fahren.

Ganz zauberhaft zauberhaft ist sie also, und mein Herz schlägt schon fast wieder im Takt. Was uns nun noch fehlt ist ein Name für das schöne Kind, aber der wird kommen.

Keines ist wie sie

Nach der großen Trauer um ein geklautes Fahrrad, tun sich eine bohrende Frage auf: Was nun? Wenn einem der Hund stirbt, soll man sich nicht gleich nen neuen holen, nach der zerbrochenen Liebe nicht gleich die nächste und mein Mann sagt ich soll endlich aufhören mein Herz an Gegenstände zu hängen. Darf ich mir also gleich wieder ein neues Fahrrad kaufen? Und ist es überhaupt möglich ein vergleichbares, gutes Rad zu finden, mit dem ich glücklich werden kann?

Ihr Lenker war abgesägt, das klingt erstmal grausam, war aber für uns beide eine gute Lösung, da ich den klassischen Rennradvorbau schlecht fahren kann. Lorelai wirkte dadurch zierlich und grazil. Allgemein war sie eher schmal bei ihrer Rahmenhöhe von 52cm. Lenkerband und Endstücke hatte ich grad erneuert, sie sah zauberhaft aus. Ich habe ihre Pedalen sehr geliebt, die nur von einer Seite komfortabel zu fahren waren. Es hat mich viel Übung gekostet, elegant und zügig an den Ampeln loszukommen ohne mich zu verletzten. Ihre Ritzel, und ins besondere die kleine 8er Kassette, waren stark abgenutzt. Es wimmelte von Haifischzähnen. Nur ich wusste wie sie zu schalten war; mit Gefühl udn im richtigen Moment. Den könnte man im Tritt spüren. Lorelai’s Kette war ein wenig zu lang geworden. 108 Kettenglieder; mit der Zeit in die Jahre gekommen. Die Erneuerung war für das kommende Wochenende geplant. Ihr Rahmen hatte einiges mitgemacht. Der eine oder andere Sturz und vor allem aber Laternenpfähle haben ihr zugesetzt. Ich hatte zuletzt ein Schloss mit Stoffüberzug und habe darauf geachtet, ihr nicht zu schaden. Einen Ständer hatte sie nie; das Gewicht… 9,5 kg hat sie gewogen, keine 10.

Und nun, Schluss mit dem Gejammer. Schließlich habe ich mich schon öfters von geliebten Dingen verabschieden müssen. Habe ich mal von Bob erzählt… ?

Lazarus

Das er sterben würde wusste David Bowie, und einen kleinen Teil dieser Tatsache, seiner Auseinandersetzung mit dem Leben wurde von zu „Lazarus“. Gestern Abend durfte ich Lazarus erleben, ja genießen. Es handelt von dem Leben zwischen zwei Welten, dem Verhandeln mit den eigenen Dämonen – der eigenen Vergangenheit und der Auseinandersetzung mit ihr. Es handelt von zerrissen sein und davon nicht wieder zum Glück zurückfinden zu können. In unserer Welt kaum leben zu können, vor Einsamkeit und Verzweiflung; in die eigene aber nicht zurückkehren können – weil man auf die Rückkehr der einzig wahren, großen Liebe wartet; davon handelt Lazarus. Es ist schwer, bizarr und traumhaft schön. Bowie schwebt über dem Geschehen, ist in vielen Momenten deutlich zu erkennen. Wohlig warm, das Gefühl, eingefasst und Schwermut und Bewunderung.

Und mittendrin schießt mir mein, im März diesen Jahres verstorbener, Opa durch den Kopf, seine mahnenden Worte in den letzten Tagen deines Lebens: Lass nichts unbearbeitet, stelle dich deinen Dämonen. Manches aus deinem Leben wartet auf dich und will bearbeitet werden. Verstecke dich nicht, hab keine Angst.

Danke Opa, Danke David. Und ja, so ist es wohl. Verharren und darauf zu warten, dass sich alles löst ist nicht der Weg ins Glück. Das Leben selber anzupacken, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und nichts zu verbuddeln führt einen nach Hause; dort hin, wo man richtig ist. Das Leben nimmt einem keiner ab, auch nicht die richtige Entscheidung. Bleiben oder gehen, lieben oder lassen – das alles entscheidet das Herz und niemand sonst.

Mein Herz

In den 90ern erwarb mein Papa bei einem Fahrradhändler im Dorf ein gebrauches Rennrad. Es war in akzeptablem Zustand, vielleicht ein wenig zu klein; und pink. Er fuhr es einige Zeit, irgendwann zog es in den Schuppen. Dort blieb es lange. Ich hatte es nie ganz vergessen und übernahm den Schatz vor einigen Jahren. Als ich es bekam waren die Reifen platt. Es sah ein wenig jämmerlich aus, dreckig und alt. Ich war sofort verliebt. Ich brachte sie zu einem Rennrad-Opa und bat ihn sie gesund zu machen. Wie durch ein Wunder war sie vollkommen intakt. Bremsen, Mantel, Tretlager, Kette; alles war noch top. Ich taufte sie Lorelai und liebte sie sehr.

Ich fuhr viel und voller Leidenschaft. 9,5 kg Stahlrahmen und ich wurden zu einer Einheit. Meine Rennhexe und ich, so war das. Schon lange haben Fahrräder für mich viel mit Hingabe udn Freiheit zu tun, auf dem Rad bin ich glücklich.

Heute entriss man mir das Herz. Die Lorelai wurde geklaut. Als ich aus der Arbeit kam war sie einfach weg, spurlos verschwunden. Mich zerreißt es, wie kann sowas sein? Wie soll ich jemals wieder ein Rad finden, das ich so lieben kann?

Eigenverantwortung

Eben sah ich etwas verstörendes: Das A-Hörnchen am Schreibtisch; Hausaufgaben machend. Tatsächlich tut er das nicht allzu oft, zumindest aber sehe ich es fast nie. Das Hörnchen ist inzwischen fast in der 6. Klasse. Sein Erfolg in der Schule ist .. ..ok. Sein Notendurchschnitt ist irgendwo zwischen drei und vier; bei Minimalanstrengung. Er tut was er muss, selten mehr, manchmal etwas weniger. Ich versuche es gelassen zu sehen. Mein Ansinnen in Sachen Schule ist es immer gewesen ihn zur Eigenverantwortung zu erziehen. Nicht lernen früher zu schlechten Noten, Hausaufgaben nicht zu machen führt zu Nachsitzen etc. Früher oder später würde er das verstehen, die Zusammenhänge sehen und dann nachhaltig begreifen. Ist es doch viel effektiver über gemachte Erfahrungen zu lernen.

Ein Jahr lang haben wir das nun durchgezogen. Ich gab Ratschläge, machte Angebote zum gemeinsamen Lernen und erinnerte hier und da. A-Hörnchen lehnte alles ab, tat wenig bis nichts für die Schule und blieb stoisch. Ich blieb lange ruhig und wartete auf die Erkenntnis. Dem immer wieder kehrende: „Ich mach das schon“, meines Sohnes versuchte ich irgehdwie Glauben zu schenken, oftmals hilflos, manchmal panisch. Gestern dann brach das System „ich mach das schon“ zusammen. Die Kombination aus „keine Hilfe annehmen“ und „keinen Plan haben“ hatte das A-Hörnchen nach und nach in den schulischen Kollaps geführt. Nach einem tränenreichen Abend und einer schlecht geschlafenen Nacht kamen wir heute endlich zu dem Ergebnis, dass ein wenig Hilfe vielleicht doch nich schlecht ist.

Ordnung, Struktur und auch das Lernen muss man lernen. Klingt bescheuert, ist aber so. Beim A-Hörnchen scheiterte es oftmals an banalen Kleinigkeiten, wie sich die Hausaufgaben aufzuschreiben, Klassenarbeiten einzutragen usw. Er bekam keinen Flow, wurde immer wieder von Terminen und Anforderungen überrannt. Aus dem anfänglich überzeugtem „ich mach das schon“ wurde mit dr Zeit ein hilflos ruderndes „geht schon!“. Sich wiederum einzugestehen, dass der Plan, alles allein zu machen, gescheitert ist, fällt wahnsinnig schwer.

Nun also endlich gemeinsam, in die Eigenverantwortung. Aus Fehlern wird man schlau; und so hat das A-Hörnchen gelernt, dass es manchmal klug ist Hilfe anzunehmen und ich, dass es manchmal klug ist dranzubleiben.

Die große Liebe

Plötzlich war sie da, ganz unverhofft und doch nicht ganz überraschend. An der Straßenecke abgestellt, na ja; aufwendig dort hin manövriert. So stand sie da, und das D-Hörnchen war wie gebannt. Er blieb stehen, musterte sie einen Moment und sagte dann:

„Ist sie nicht wunderschön? Sie heißt Bessy!“

Bessy ist eine Teermaschine. Eine riesengroße, dreckige, leicht müffelnde Teermaschine. Bessy hat Kettenräder und zwei Menschen können auf Bessy sitzen. Bessy wird kommende Woche hier arbeiten; drei Tage lang und D-Hörnchen wird Bessy dabei zugucken – drei Tage lang. Und es wird schön. Weil D-Hörnchen Bessy lieb hat – und Bessy das D-Hörnchen bestimmt auch.

Ach Bessy!

Microkosmos

Seit einer Woche bin ich nun Teil von etwas Großem. Es ist 16 Etagen hoch und steht am Bahnhof. 1962 erbaut bietet das 61m hohe Gebäude rund 500 Menschen einen Arbeitsplatz. Was hier zunächst so schnöde klingt, ist in Wirklichkeit viel mehr. Es ist mein neuer Arbeitsplatz, im Herzen von Bremen. Der Ort, an dem ich mich vor zwei Jahren schon einmal pudelwohl gefühlt habe, und an dem ich mit offenen Armen empfangen wurde.

Es ist wie in einem Dorf. Man kennt sich, den einen mehr, den anderen weniger. Vor allem aber ist man für einander da. Es ist ein durchaus hartes Pflaster, diese Drogenhilfe. Menschen mit schlimmen Problemen, krank oder aggressiv oder beides treffen aufeinander, suchen Hilfe oder was auch immer man grad braucht. Manchmal kracht es gewaltig und an anderen Tagen könnte man sich kaputt lachen. Lebensgeschichten, wie man sie sich kaum ausdenken könnte und elende Not und vor allem aber ganz viel zwischenmenschliches Allerlei. Der mit dem und die dafür gar nicht mehr – neue Schuhe oder eine zu eng gewordene Hose und gestern sind Gerda die Nudeln angebrannt.

Man ist für einander da und sieht sich als das was man ist: Mensch! An oberster Stelle steht die Akzeptanz; jeder wie er will und eben so wie er kann. Im Team steht man Schulter an Schulter. Einer für den anderen und eben alle gemeinsam. Bei so harter Kost ist das ‚wir‘ um so wichtiger. Ich bin dankbar Teil dieses Microkosmosses sein zu dürfen udn freue auf alles was noch kommt. Na ja, das meiste.