🍉

Ein kleines Wunder fand ich heute in meinen Beeten,

ja, ich war fast drauf getreten.

Ihre Mutter schon längst gestorben,

Keiner da sie zu versorgen;

wuch sie trotzdem tapfer weiter,

machte ihre Sache heiter.

Wurd‘ nicht groß,

nicht lang nicht breit und

schaffte’s dennoch mit etwas Zeit,

mein Herz voll Gänze zu entzücken

und mein von Hitze geplanten Geist

mit großem Glück zu schmücken.

Ich möchte euch meine Wassermelone vorstellen. Bin ein bisschen verknallt.

Regeln und Raufen

Ich finde schon, dass ein paar Regeln sein müssen. In einem gemeinsamen Haushalt finde ich es wichtig, dass alle sich wohl fühlen. Hierdurch kommen gewisse Absprachen zustande, die zB. Lautstärke oder Ordnung betreffen. Ich möchte nachts schlafen, zumindest fast immer, deshalb sind wir nachts leise. Damit nicht einer alles aufräumen muss, räumt jeder seins und da keiner geschlagen werden möchte, schlägt keiner – so einfach kann es sein. Ich bezeichne diese Gattung von Regeln als „Regeln des Zusammenlebens“, sie sind eine Art Grundfeste, haben viel mit Respekt und Wertschätzung zu tun und sind elementar für’s Zusammensein.

Eine weitere Gattung von Regeln sind die „Autoritären Regeln“. Diese stülpe ich meinen Kindern über, weil ich meine sie schützen zu müssen und davon ausgehe, dass der Horizont der Hörnchen nicht ausreicht um das Corpus Delikti richtig einzuschätzen. Ein Beispiel hierfür wäre das C-Hörnchen, das mit sechs Jahren gern wahnsinnig knappe Kleider getragen hätte, die ihren Popo rausgucken lassen; ohne Hose. Sie fand das schick, ich unverantwortlich. Zwar versuchte ich dem Hörnchen klar zu machen, was meine Beweggründe sind, wollte, dass sie meine Entscheidung versteht, war aber in keiner Minute bereit von meinem Standpunkt abzuweichen.

Die dritte Gattung an Regeln sind die, die ich als Verhandlungsmasse bezeichnen würde. Die Uhrzeit, zu der man zu Hause sein soll, ob man noch Fernsehen darf oder ob es eine Scheibe Käse auf die Hand gibt. Jeden Tag gibt es hunderte dieser kleinen Situationen, in denen ich eine Meinung habe und das Hörnchen eine andere. An diesem Punkt sehe ich es als meine Aufgabe das Anliegen auf die genannten autoritären Regeln sowie die Regeln des Zusammenlebens zu überprüfen. Fällt es nicht in eine dieser Kategorien, ist es wert darüber nachzudenken. Das Hörnchen lernt zu argumentieren, sich für seine Sache stark zu machen. Ich lerne meinen Standpunkt zu überprüfen und ihn gegebenenfalls zu korrigieren. Denn in 90% der Anliegen gibt es keinen guten Grund meine Meinung als Manifest zu sehen; im Gegenteil. Fast alles kann man von verschiedensten Seiten betrachten und wieso sollte die eigene immer die beste sein? Im Zweifel für den Zweifel – denn vom Ja-sagen ist noch keiner ein großer Denker geworden.

Die Sterne und ich

„Sterne gucken“ hatte für mich bisher wenig mit den Sternen zu tun, tatsächliche Begeisterung für all das, was da unterwegs ich konnte ich kaum aufbringen. Den gestrigen Abend verbrachte ich mit der Familie einer lieben Freundin. Der Großvater meiner Freundin begründete einst die ansässige Sternwarte, und so gehört es von jeh her dazu, das Himmelsgeschehen zu verfolgen. Der gestrige Blutmond war natürlich ein Ereignis, das celebriert werden musste.

Und so saßen wir pünktlich zum Anstoß mit Sektchen und Kamera ausgerüstet im Garten und warteten sehnlichst auf den Mond. Zunächst konnte ich dem Spektakel wenig abgewinnen. Dann plötzlich tauchte der Jupiter am Himmel auf; Minuten später der Saturn. Noch während ich mir die Sterne des Sommerdreiecks erklären ließ, zog zügig die ISS heran und plötzlich war ich schwer beeindruckt. Der Nordstern wurde sichtbar, der Nabel des ganzen. Und dann kämpfte sich auch endlich der rote Mond seinen Weg durch den Dunst. Im Anhang der Mars, der durch das rot der Sonne wirklich erstaunlich rot aussah. Und so kam es, dass ich tatsächlich mit Kamera und Fernglas bewaffnet auf einer Dachterrasse stand und den Himmel über mir bestaunte.

Heute Abend lerne ich weiter. Mit etwas Glück kann ich die Plejadem sehen, und vielleicht sogar eine echte Sternschnuppe.

Wusstet ihr

Wusstet ihr, dass Alkohol vom Körper in drei Stufen verstoffwechselt wird? Im ersten Schritt verwurstet das Enzym Alkoholdehydrogenase (ADH) den Alkohol Acetaldehyd. Hierauf folgt der zweite Schritt vom Acetaldehyd zur Essigsäure, das zuständige Enzym hierfür ist das Aldehyddehydrogenase (ALDH). Erst danach wird die Essigsäure durch eine ganze Reihe von Enzymen zu Kohlendioxid und Wasser und kann dann ausgeschieden werden.

Spannend sind hier bei drei Fakten:

1. Wirklich schädlich für den Organismus ist das Acetaldehyd. Vieleln Asiaten fehlt das Enzym ALDH, wodurch sie die schädliche Zwischenstufe nicht verstoffwechseln können. Deshalb werden sie von kleinsten Mengen betrunken und diese sind wiederum viel schädlicher als sie es für eine Person mit ALDH wären.

2. Den Kater verursacht ebenfalls das Acetaldehyd. Schädlich und so.

3. Auch der Typische Geruch des „morgens nach der Nacht davor“ ist den Abbauprodukten geschuldet. Er hat also nichts mit Ethanol im Atem zu tun, viel mehr ist es das Acetaldehyd, das wir ausatmen und das aus jeder Pore steigt, mit dem wir unsere Umwelt beglücken. Somit kann man vom Atem eines Menschen der am Vorabend getrunken hat, nicht betrunken werden – ganz entgegen dem Volksmund.

Und wieso mir das grad einfällt? Ganz einfach, ich sitze in der Bahn in der Mann neben mir hatte definitiv eine harte Nacht.

Es beginnt bei jedem von uns

In Berlin wurden zwei Obdachlose im Schlaf angezündet, in Dresden rufen hunderte „absaufen“ in lauten Chören auf einer Kundgebung der AFD, im Mittelmeer ertrinken täglich Menschen und ebenso täglich gehen wir in den Fußgängerzonen der Republik an Menschen in Not vorbei ohne sie auch nur wahrzunehmen. Der Mensch verroht, in den letzten Monaten in Höchstgeschwindigkeit. Hass wird immer salonfähiger; Äußerungen, die die Menschenwürde verletzen und zum Tod einzelner aufrufen, werden auf der großen Bühne getroffen und bejubelt. Auf die Frage wie sowas passieren kann, gibt es keine einfache Antwort. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Die mangelnde Empathie, die Abstumpfung und die Prägung durch die Umwelt des einzelnen.

Empathie ist die Fähigkeit des einzelnen, sich emotional in andere hineinzuversetzen. Als Basis hierfür braucht der Mensch Kenntnis über seine eigenen Emotionen. Diese erlangt er während seiner frühen Kindheit. Über gemachte Erfahrungen und eine Bindungsperson lernen Kinder zu unterscheiden, ob sie eher wütend sind oder eher traurig, ob sie sich freuen oder eigentlich aufgeregt sind, ob etwas Angst oder Ekel ist. Sie lernen ihre Emotionen zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Im nächsten Zug beginnen sie im Kindergartenalter, die Emotionen des anderen zu erkennen. „Er weint weil er Aua hat!“ ist eine bahnbrechende Erkenntnis, die darauf aufbauende, dass „pusten und trösten“ guttut, ist dann die Königsdisziplin. Menschen, die diese wichtigen Schritte nicht gelernt haben, sind auch im Erwachsenenalter nicht in der Lage abzuleiten, wie welche Handlungen beim Gegenüber ankommen. Hinzu kommt eine oftmals schlechte Regulation der eigenen Emotionen, was die Aggressionen noch anfeuert.

Natürlich zündet nicht jeder, der in seiner Kindheit zu wenig mit Emotionen zu tun hatte Obdachlose an! Der zweite Faktor ist eine Abstumpfung in Sachen Gewalt. Jede Gewalttat, in die ein Mensch verwickelt ist, macht die nächste wahrscheinlicher. Verbale Wortgefechte, Rangeleien, ein aggressiver Umgangston sind oft der Beginn. Bei vielem Menschen wird schon hier schnell klar, dass dieser Weg nicht gut sein kann, man steigt aus, das Hirn zieht eine klare Grenze. Tut es das aber nicht, weil in Sachen Empathie nicht viel passiert und weil ja die Gewalt bisher auch keine negativen Folgen hatte, macht der Mensch weiter und jede geglücktes Aktion legitimiert die nächste.

Allgemein ist es erschreckend, wie sehr unsere Gesellschaft in Sachen Gewalt schon abgestumpft ist. Denn die Absumpfung findet nicht nur beim einzelnen statt. Jeder einzelne von uns lernt jeden Tag Not, Elend und Gewalt nicht wahrzunehmen. Angst und Hilflosigkeit sind hier der Motor. Eine Schlägerei in der Öffentlichkeit; zu gefährlich. Diskriminierung in der Bahn; was soll man da sagen. Auch Menschen in Not werden nicht gesehen, sie laufen oftmals unter dem Radar – das ist sicherer und was soll man denn auch tun. Die Angst etwas falsch zu machen, in etwas verwickelt zu werden oder selbst in Not zu geraten ist zu groß, und so schalten wir ab, bleiben auf Abstand.

Die Angst spielt auch im letzten Punkt eine große Rolle. Panikmache durch Parteien oder Gruppierungen, Angst die in den Familien geschürt wird, erstellen ein Feindbild von allem was fremd und neu ist. Fehlende Empathie begünstigt die Erstellung des Feindbildes und schürt neue Ängste. Ängst führt zu dem Bedürfnis nach Schutz und kompensiert sich in Agression. Hier schließt sich der Kreis. Alle die, die irgendwie fremd oder eben nicht in der persönlichen Norm sind, sind falsch und potentiell gefährlich. Wer gefährlich ist muss – und das ist neu – darf offen bekämpft werden. Und da dagegen auch kaum einer was sagt, muss es ok sein.

Was tun? Zunächst muss jeder bei sich selbst genau hinsehen. Wie nehme ich die Welt wahr, wie offen bin ich? Im zweiten Schritt kann man beobachten, wie man in komplexeren, potentiell überfordernden Situationen reagiert, wovor man Angst hat, um dann zu überprüfen, wie berechtigt diese sind. Aufmerksamkeit ist der Schlüssel, geht mit offenen Augen durch’s Leben und mischt euch sein. Jeder Eklat der verhindert wurde, jede Form von Gewalt, die unterbunden wurde, hemmt eine weitere. Die Spiale kann umgedreht werden, von jedem von uns.

Im Zweifel für den Zweifel

Gestern Abend sah ich im Kino einen Dokumentarfilm über den G20 Gipfel in Hamburg 2017. Es war traurig die zahllosen gewalttätigen Übergriffe der Polizei auf Demonstranten zu sehen, die endlosen Repressalien. In vielen Interviews mit Anwälten und Hamburger Politikern sowie Demonstranten und Polizei wurde deutlich, dass die Eskalationen und zum Teil schwersten Verletzungen wenigstens billigend in Kauf genommen wurden, wenn nicht sogar teilweise von staatlicher Seite provoziert.

Nach dem Film war meine Stimmung gedämpft und während der Abspann begann, spielte das Lied „Im Zweifel für den Zweifel“ von Tocotronic an:

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Und für die Pubertät

Im Zweifel gegen Zweisamkeit

Und Normativität

Im Zweifel für den Zweifel

Und gegen allen Zwang

Im Zweifel für den Teufel

Und den zügellosen Drang

Im Zweifel für die Bitterkeit

Und meine heißen Tränen

Bleiern wird mir meine Zeit

Und doch muss ich erwähnen

Im Zweifel für Ziellosigkeit

Ihr Menschen, hört mich rufen!

Im Zweifel für Zerwürfnisse

Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für Verzärtelung

Und für meinen Knacks

Für die äußerste Zerbrechlichkeit

Für einen Willen wie aus Wachs

Im Zweifel für die Zwitterwesen

Aus weit entfernten Sphären

Im Zweifel fürs Erzittern

Beim Anblick der Chimären

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Und die Unfasssbarkeit

Für die innere Zerknirschung

Wenn man die Zähne zeigt

Im Zweifel fürs Zusammenklappen

Vor gesamtem Saal

Mein Leben wird Zerrüttung

Meine Existenz Skandal

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Erstarrt vor Hilflosigkeit glotzte ich auf die vorbeilaufenden Buchstaben, die Namen und den Dank. Dann sickerte der Text des Liedes nach und nach zu mir durch.

„…gegen all den Zwang… für die Bitterkeit und meine heißen Tränen..“

„Im Zweifel für Ziellosigkeit

Ihr Menschen, hört mich rufen!

Im Zweifel für Zerwürfnisse

Und für die Zwischenstufen“

Und plötzlich dachte ich, ja! So ist es nämlich. Ziellosigkeit führt zu neuen Zielen, zu Orientierung. Zerwürfnis, Diskussion, das ist der Stoff, aus dem ein offener Geist, und aus dem neue Lösungswege gemacht sind. Stillstand, immer nur nicken und ja sagen, bloß nicht anecken und mit dem Strom schwimmen; das ist gefährlich.

„…für meinen Knacks …die äußere Zerbrechlichkeit…“

Ja bitte! Aufhören sich zu verstecken, jede Macke leben und die Welt mit sich selbst zu bereichern – das bringt Menschen weiter, das macht uns zu Individuen. Jede Eigenart macht und zu zauberhaften Wesen, denn im Grunde sind es nicht unsere Hautfarbe und Herkunft, in der wir uns unterscheiden, sondern unsere Macken und Eigenheiten – und die gilt es zu pflegen!

„… für das Zaudern und den Zorn..“

und eben dafür nicht aufzuhören zu kämpfen, zu strampeln und der zu sein, der man ist. Und, das ist unabdingbar, dazu beizutragen, dass die Welt immer ein kleines bisschen mehr die wird, die man sich wünscht. Im Zweifel für den Zweifel, für das selber denken, den erweiterten Horizont.

Nach dem Abspann war es besser. Ein kleiner Kampfgeist sitzt seither auf meiner Schulter, mit Lust zum Debattieren. Ein kleiner Revolutionär, der nicht vor hat, die ganze Scheisse einfach so hinzuhalten. Seine kleine Linke Faust streckt er in den Himmel und schreit laut „Viva la revolution“.

Allein allein

Ich bin allein zu Hause. Nach der Arbeit habe ich im Garten geraucht. Ich habe mich danach in der Küche ausgeruht und danach im Wohnzimmer. Ich bin sehr ausgeruht.

Diese Woche ist der Menne mit der Meute im Urlaub; allein. Ich habe keinen Urlaub und bin nun hier. Und während ich überhaupt gar keinen Zweifel daran habe, dass die fünf eine gute Zeit haben werden, bin ich mit über den Gehalt meiner kommenden Tage nicht im klaren. Ich habe mit Absicht nichts groß geplant, wollte es auf mich zukommen lassen. Nach den ersten zwei Stunden habe ich Kippen im Garten liegen lassen, Bonbons auf dem Sofa und meine Schuhe mitten im Flur. Ich komme mir ausgesprochen rebellisch und autonom vor.

Möglicherweise reicht dieses Programm zum füllen einer ganzen Woche jedoch doch nicht aus. Angebote nimmt das Sekretariat oder Facebook entgegen.

Dummer Mensch

Eben holte mich ein Typ vom Rad, indem er sich sehr spontan überlegte rechts abzubiegen, stark zu bremsen und nicht den Arm rauszuhalten. Dank Vollbremsung meinerseits passierte nichts schlimmes, so stand ich also Rad an Rahmen zu dem Typen und sah ihn entsetzt an. „Kann ich ja nicht wissen, dass du hinter mir fährst!“ blaffte er mich äußerst unfreundlich an. Ich, weiterhin recht atemlos und konsterniert, schlug vor in Zukunft „so zu machen“ und hielt meinen Arm raus; Typ schüttelte den Kopf, beschimpfte mich noch schnell und zog von dannen.

Ich finde ja, Fehler zu machen, gehört im Leben dazu. Ich habe schon 1000x was Dummes gemacht und bestimmt auch schon einige Male was richtig dummes. Auch wenn eine Entschuldigung die Sache an sich nicht verbessert, gehört es doch irgendwie zum guten Ton, dem anderen deutlich zu machen, dass man wenigsten weiß, dass das Kacke war. Der Typ hingegen weiß wenigstens, dass ich Kacke war und wäre noch was schlimmeres passiert, hatte er bestimmt nicht gehadert noch mal nachzutreten. Böse Welt, dumme Menschen.

Sucht

Gestern schrieb ich über den „internationalen Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen“, heute möchte ich noch ein paar Sätze mehr über Sucht verlieren. In der Bevölkerung sind Junkies nach wie vor mit der allgemeinen Meinung konfrontiert, sie „würden es ja nicht anders wollen“. Diese Ansicht ist für mich einer der größten Fehler im Umgang mit Sucht. Das, was ein süchtiger Konsument auf sich nimmt, was er an Strapazen, Logistik und Erniedrigung erträgt um seine Sucht zu befriedigen, tut kein Mensch freiwillig. Sucht macht keinen Spaß, hat nichts mit exzessiver Party zu tun. Sie ist purer Schmerz, der ertragen wird um noch schlimmeren zu vermeiden.

Sucht, und hierbei ist es ganz egal, ob es stoffliche oder andere Süchte sind, findet im Suchtzentrum des Hirnes statt, dem Nuceus Accumbens. Hier entsteht das, was man im Volksmund die psychische Abhängigkeit nennt. Erst im zweiten Schritt kommt in einigen Fällen eine körperliche Abhängigkeit dazu. Man unterscheidet in primäre (psychische) und sekundäre (körperliche) Abhängigkeit. Nicht alle Suchtmittel machen sekundär abhängig, jedoch alle greifen auf der psychischen Ebene.

Primäre Abhängigkeit entsteht aus einem einfachen Mechanismus: Man tut etwas, zum Beispiel an einem Spielautomaten spielen, hat Erfolg, findet es gut und es ist geschehen. Nun sagt man immer gern: Ich hab das schon 1000x gemacht und bin ja nicht süchtig! Richtig, nicht jeder Erfolg und nicht jedes Suchtmittel führen in die Sucht. Es muss eine gewisse Vor-Gefährdung geben, einen Verstärker, der den Menschen dafür prädestiniert das Suchtmittel anzunehmen. Im Falle der Spielsucht heißt das, dass der Betroffene bestenfalls spielt, weil er zB. Geldsorgen hat. Er hat einen gewissen Druck. Ist er womöglich zudem noch sozial schlecht integriert und sucht Freundschaft und Anerkennung, sorgt der plötzlich Gewinn von Geld auf drei Ebenen für Abhilfe: Die Geldprobleme werden geringer, andere Menschen interessieren sich und er bekommt Anerkennung. Diese Erfolge schütten im Hirn Glückshormone aus, der Mensch gerät in einen Rausch, alles ist leicht. An dieser Stelle tritt der Nucleus Accumbens auf den Plan. Er merkt sich alles ganz genau, speichert jedes Detail von Leichtigkeit und Glück; vor allem aber merkt er sich den Weg dorthin!

Tritt nun ein ähnlicher Notstand auf, also zum Beispiel Geldnot und Einsamkeit, weiß der Accumbens die Lösung. Ja, er weiß noch ganz genau wie der Weg war und vor allem wie erlösend der Moment war, in dem alles gut wurde. Es sei noch einmal gesagt, ob stoffliches Suchtmittel, also Alkohol, Koks oder Zucker oder nicht-stoffliches wie zum Beispiel Spielen, Sport oder Sex, ist an dieser Stelle egal. Der Rausch wird im Hirn erzeugt, entweder aus eigenen Mitteln oder durch zugesetzte Stoffe. Der Wunsch und die Not, den Rausch und die damit verbundene Leichtigkeit immer wieder zu spüren macht die Sucht.

Erst im zweiten Schritt kommt in einigen Fällen die körperliche Abhängigkeit hinzu. Sie kommt immer dann zu Stande, wenn ein Suchtmittel die Prozesse im Körper beeinflusst und sich in den Stoffwechsel mit einbaut. In vielen Fällen beginnt der Körper, die eigene Produktion von Botenstoffen herunterzufahren. Bleiben die Stoffe dann aus, kommt es zu Entzugserscheinungen. Schüttelfrost, laufende Nase, Durchfall, Krämpfe; das sind meistens die ersten Vorboten des Entzugs. Treten diese auf, ist es wieder der Nucleus Accumbens, der weiß was zu tun ist: Nachlegen, Glück erzeugen.

Was hier ganz deutlich wird, ist das a) niemand vor Sucht geschützt ist; es sind immer innere und äußere Umstände, die Suchtmittel zu dem werden lassen, was sie sind und b) kein Süchtiger durch den puren Entzug des Suchtmittels geheilt werden kann. Therapie muss in mindesten drei Schritten stattfinden: Dem körperlichen Entzug, der psychischen Therapie und einer Adaption, einer Art Langzeittherapie mit Rückführung in ein geregeltes Leben. Für all das wird Zeit, Personal und Geld benötigt, all das fehlt fast überall. Statt dessen setzt man Süchtige aller Art unter Druck, drängt sie zurück in ihr altes Leben und damit immer wieder in ihre persönlichen Muster von Konsum und Kompensation. Menschen machen Dutzende Kurzzeittherapien um dann, nach wenigen Wochen, wieder in ihre alte Wohnung, die alte Umgebung und die alten Probleme zurückkehren – zum Glück weiß ja der Nucleus Accumbens jederzeit was zu tun ist.