Versteh mich doch

„Kabel an den Wänden, so dass man sie sieht. Und alte Sicherungen und andere Elektobauteile und alles irgehdwie verbunden miteinander!“

Mit diesen Worten erklärte A-Hörnchen die neusten Umgestaltungspläne für sein Zimmer. Er strahlte und hätte am liebsten sofort losgelegt. „Geht das, Papa?“, fragte er aufgeregt beim Frühstück. Der Menne schaute verknautscht drein und antwortete knapp: „Nee, das würde so nicht gehen. Sicherungen kann man nicht ohne Sicherungskasten verbauen und ich leg dir da doch keine Kabel mit 230V. Die Wände wären danach ja auch vollkommen durchlöchert..“ Traurig sah das A-Hörnchen mich an.

Als ich in der 6. Klasse war, hatte auch ich Wünsche und Pläne. Ich wollte mein Zimmer mit Postern und Postkarten tapezieren, eine kleine Festung sollte es werden. Kein Millimeter Tapete solle mehr zu sehen sein, und die Zwischenräume wollte ich mit Edding ausmalen. Mein Vater verneinte, schlug Bilderrahmen vor und ich kotze innerlich. Er verstand kein Wort. Was ich wollte waren nicht Poster sondern Abgrenzung. Ich wollte einen Ausdruck meiner Individualität schaffen, mich von der Masse meiner Klassenkammeraden abgrenzen, anders sein und da ich nunmal 11 war, war mein kleines Zimmer der zunächst einzige Ort, an dem dies geschehen konnte.

Es geschah trotzdem, nach und nach. Erst in meinem Zimmer später über Kleidung, Haare und alles andere. Ich baute mich selbst auf, erschuf meine Person, so wie sie in ihren Grundzügen noch heute erhalten ist. All das, das vollgepflasterte Zimmer, die ollen Klamotten, die bunten und abrasierten Haare, waren wichtige Schritte in meiner Selbstwerdung, in dem Prozess, der mich von der Masse abgrenzte, bis heute und für immer.

Und so erklärte ich dem Menne, im Beisein des A-Hörnchens, dass es vielleicht nicht um funktionierende 230V Leitungen geht, sondern um „anders sein“. Dass es vielleicht darum geht, ein Zimmer zu haben, dass so anders ist, dass alle anderen immer denken, dass das aber sehr anders ist. Dass es um die tolle Persönlichkeit des A-Hörnchens geht, und eben nicht um Strom. Als ich das so erzählte, kullerten dem Hörnchen Tränen der Erleichterung über die Wangen. Und auch der Menne verstand; zumindest rudimentär. Und ich begriff einmal mehr, dass mein Sohn schon echt mein Sohn ist. Apfel und Stamm und so.

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