Es beginnt bei jedem von uns

In Berlin wurden zwei Obdachlose im Schlaf angezündet, in Dresden rufen hunderte „absaufen“ in lauten Chören auf einer Kundgebung der AFD, im Mittelmeer ertrinken täglich Menschen und ebenso täglich gehen wir in den Fußgängerzonen der Republik an Menschen in Not vorbei ohne sie auch nur wahrzunehmen. Der Mensch verroht, in den letzten Monaten in Höchstgeschwindigkeit. Hass wird immer salonfähiger; Äußerungen, die die Menschenwürde verletzen und zum Tod einzelner aufrufen, werden auf der großen Bühne getroffen und bejubelt. Auf die Frage wie sowas passieren kann, gibt es keine einfache Antwort. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Die mangelnde Empathie, die Abstumpfung und die Prägung durch die Umwelt des einzelnen.

Empathie ist die Fähigkeit des einzelnen, sich emotional in andere hineinzuversetzen. Als Basis hierfür braucht der Mensch Kenntnis über seine eigenen Emotionen. Diese erlangt er während seiner frühen Kindheit. Über gemachte Erfahrungen und eine Bindungsperson lernen Kinder zu unterscheiden, ob sie eher wütend sind oder eher traurig, ob sie sich freuen oder eigentlich aufgeregt sind, ob etwas Angst oder Ekel ist. Sie lernen ihre Emotionen zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Im nächsten Zug beginnen sie im Kindergartenalter, die Emotionen des anderen zu erkennen. „Er weint weil er Aua hat!“ ist eine bahnbrechende Erkenntnis, die darauf aufbauende, dass „pusten und trösten“ guttut, ist dann die Königsdisziplin. Menschen, die diese wichtigen Schritte nicht gelernt haben, sind auch im Erwachsenenalter nicht in der Lage abzuleiten, wie welche Handlungen beim Gegenüber ankommen. Hinzu kommt eine oftmals schlechte Regulation der eigenen Emotionen, was die Aggressionen noch anfeuert.

Natürlich zündet nicht jeder, der in seiner Kindheit zu wenig mit Emotionen zu tun hatte Obdachlose an! Der zweite Faktor ist eine Abstumpfung in Sachen Gewalt. Jede Gewalttat, in die ein Mensch verwickelt ist, macht die nächste wahrscheinlicher. Verbale Wortgefechte, Rangeleien, ein aggressiver Umgangston sind oft der Beginn. Bei vielem Menschen wird schon hier schnell klar, dass dieser Weg nicht gut sein kann, man steigt aus, das Hirn zieht eine klare Grenze. Tut es das aber nicht, weil in Sachen Empathie nicht viel passiert und weil ja die Gewalt bisher auch keine negativen Folgen hatte, macht der Mensch weiter und jede geglücktes Aktion legitimiert die nächste.

Allgemein ist es erschreckend, wie sehr unsere Gesellschaft in Sachen Gewalt schon abgestumpft ist. Denn die Absumpfung findet nicht nur beim einzelnen statt. Jeder einzelne von uns lernt jeden Tag Not, Elend und Gewalt nicht wahrzunehmen. Angst und Hilflosigkeit sind hier der Motor. Eine Schlägerei in der Öffentlichkeit; zu gefährlich. Diskriminierung in der Bahn; was soll man da sagen. Auch Menschen in Not werden nicht gesehen, sie laufen oftmals unter dem Radar – das ist sicherer und was soll man denn auch tun. Die Angst etwas falsch zu machen, in etwas verwickelt zu werden oder selbst in Not zu geraten ist zu groß, und so schalten wir ab, bleiben auf Abstand.

Die Angst spielt auch im letzten Punkt eine große Rolle. Panikmache durch Parteien oder Gruppierungen, Angst die in den Familien geschürt wird, erstellen ein Feindbild von allem was fremd und neu ist. Fehlende Empathie begünstigt die Erstellung des Feindbildes und schürt neue Ängste. Ängst führt zu dem Bedürfnis nach Schutz und kompensiert sich in Agression. Hier schließt sich der Kreis. Alle die, die irgendwie fremd oder eben nicht in der persönlichen Norm sind, sind falsch und potentiell gefährlich. Wer gefährlich ist muss – und das ist neu – darf offen bekämpft werden. Und da dagegen auch kaum einer was sagt, muss es ok sein.

Was tun? Zunächst muss jeder bei sich selbst genau hinsehen. Wie nehme ich die Welt wahr, wie offen bin ich? Im zweiten Schritt kann man beobachten, wie man in komplexeren, potentiell überfordernden Situationen reagiert, wovor man Angst hat, um dann zu überprüfen, wie berechtigt diese sind. Aufmerksamkeit ist der Schlüssel, geht mit offenen Augen durch’s Leben und mischt euch sein. Jeder Eklat der verhindert wurde, jede Form von Gewalt, die unterbunden wurde, hemmt eine weitere. Die Spiale kann umgedreht werden, von jedem von uns.

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