Plötzlich alt

Heute war meine Schwester zu Besuch; sie ist 1,5 Jahre jünger als ich. In irgendeinem x-beliebigem Kontext, der hier garantiert nichts zu Sache tut, erwähnte sie, dass sie ja nun 34 wäre und bla. Ich gackerte auf und klärte sie hämisch darüber auf, dass sie wohl eher 33 wäre, schließlich sei ich 34 und gerade wäre die Hälfte im Jahr, in der ich nur ein Jahr älter sei. Gut gelacht, die ist ja putzig.

Dass ich 34 bin war zuletzt klar wie Kloßbrühe, wurde ich doch im neuen Job nur allzu oft gefragt, wie alt ich bin. 34, habe ich 1000x geantwortet. Logo.

Meine Schwester prustete nicht schlecht, lachte laut auf und klärte mich danach einfühlsam und liebevoll darüber auf, dass ich im Winter 1982 geboren sei und somit dieses Jahr 36 werden würde.

Glaubt es mir oder nicht, mir fehlt ein Jahr. In meiner Welt war ich 34, den 35. Geburtstag habe ich nicht erlebt und somit ist es seltsam, in einem halben Jahr schon 36 zu werden. Abgefahren, plötzlich einfach so ein Jahr älter zu sein. Und noch ein „sorry“ von Herzen, an all die, die ich versehentlich angeflunkert habe. War keine Absicht, ich bin so doof.

Gedenken

Der 21.7. ist der internationale Gedenktag für Verstorbene DrogenkonsumentInnen. Kurz gedacht ist es nunmal so, dass Drogen tödlich sind und man eben keine nehmen sollte. Die Realität sieht jedoch weit anders aus und hat mit kurzgedachter Logik nichts zu tun. Drogensucht ist eine schwere Erkrankung, die multiple Ursachen hat und komplex zu behandeln ist. Die Gründe zu Drogen zu greifen sind fast immer andere psychische Erkrankungen wie Traumata, Belastungsstörungen, Depressionen oder auch ein unbehandeltes ADHS. Viele Konsumenten haben schlimmes erlebt und nutzen die Droge zunächst als Ausweg.

Sucht ist nicht durch Strafe oder Drohungen zu kurieren. Ein Teil im Kampf ist die Prävention, also die Sucht zu bekämpfen, bevor sie entsteht. Und der andere Teil ist es, sie zu akzeptieren und versuchen die Risiken zu minimieren. Natürlich sind gute Therapien unabdingbar, natürlich gehört eine Krankheit behandelt. Der Verzicht auf die Droge, also das Medikament an sich, sollte aber nicht als primäres Ziel betrachtet werden. Dieser Teilbereich, die Akzeptanz der Sucht und die Gesunderhaltung des Klienten, fasst sich unter dem Begriff der Harm Reduction zusammen.

Harm Reduction ist vor allem Aufklärung. Welche Risiken bestehen, welche Konsumformen minimieren, welche maximieren das Risiko. Auch die Ausgabe steriler Spritzen etc. ist wichtig, ebenso wie die Sicherstellung medizinischer und medikamentöser Behandlung. Für all dies, den Aufbau von Beziehung zum Klienten, das Schaffen von Vertauen und oftmals dem bloßen Auffinden des einzelnen, braucht es vor allem Zeit. In der Arbeit mit einem Personenkreis, in dem viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, ein großes Misstrauen herrscht, sind es vor allem Stabilität und Zeit, die für uns arbeiten.

Zeit; genau an der fehlt es vielen Einrichtungen. Der Drogenhilfebereich ist zwar irgehdwie ein Muss in jeder Stadt, leider wird er absolut stiefmütterlich behandelt. Die finanziellen Mittel der Einrichtungen sind so knapp, dass die Personaldecke extrem dünn ist. Auch den Einrichtungen fehlt es an vielem. Darunter leiden tut die Qualität der Arbeit, die Effektivität und damit unmittelbar der Klient. Lange Wartezeiten in einer medizinischen Ambulanz können Menschen unter Suchtdruck nicht aushalten, für längere Gespräche oder gar aufsuchende Arbeit (Streetwork) fehlt es schlicht an Zeit und die so wichtigen Kooperationen im Hilfesystem hinken gewaltig. Statt Gelder locker zu machen um Probleme konstruktiv anzugehen, setzt der Staat auf Repressionen. Drogenkonsumenten werden vertrieben, Plazverweise werden inflationär ausgesprochen. Der dadurch resultierende Rückzug der Klienten in Wohnunen oder halb-öffentliche Plätze, macht es dem Hilfesystem schwer sinnvoll anzusetzen. Und so sterben weiter Menschen an Überdosen, schweren Inektionen, Organschäden oder Blutungen, weil keiner sie gefunden hat. In meiner Stadt waren es 19 im vergangenen Jahr, in diesem vielleicht schon mehr und 500 in den vergangenen 25 Jahren. Menschen, die Träume hatten, Familien und Freunde und irgendwann in ihrem Leben einmal keinen anderen Ausweg gesehen haben als zu Drogen zu greifen. Menschen, die für mich, und viele andere Menschen im Drogenhilfesystem, Gesichter hatten und durch ihre Geschichten weiterleben.

Gut zu wissen

Wusstet ihr, dass „nothing else matthers“ von Metallica während eines Telfonates entstanden ist?

James Hetfield habe mit dem Telefon in der linken und der Gitarre auf dem Schoß ein Telefonat geführt und sich mit dem Spielen auf der Gitarre die Zeit vertrieben. Hierdurch seien auch die gebrochenen E-Mol Akkorde zustande gekommen; schließlich war die Greifhand beschäftigt.

Ein zauberhaftes Lied ist es eh, aber jetzt mag ich es noch mehr. Es ist quasi eine akustische Telefon-Kritzelei.

Land in Sicht

Heute, am 5. Tag ohne Kinder, habe ich viel über mich gelernt – und freue mich riesig, meinen Hörnchen nachher endlich wieder zu bekommen. Es war ein schönes Erlebnis, letztlich bin ich froh, dass mein Alltag regulär von den vier Hörnchen geprägt ist und nicht ausschließlich von den Inhalten der letzten Tage.

In den vergangenen Tagen habe ich maßgeblich zu viel gearbeitet. Das war leicht möglich, da ich ja niemanden irgehdwo abholen musste, so baute ich einen beachtlichen Haufen Überstunden auf. Nach der Arbeit kam ich in aller Regel halb verhungert nach Hause, fiel ins Bett und aß da. Der Fernseher lief und ich glotzte sinnloses Zeug. Zwei mal trafen wir abends Freunde, das war schön. Und ja, auch das liegen und glotzen und nichts tun war schön – wann habe ich das zuletzt getan?! Dennoch bin ich jetzt, nach 5 Tagen faktisch fertig damit.

Was mir im Leben offenbar ein kleines Bisschen fehlt, sind Beschäftigungen für MICH, ohne Kind und Kegel, die nicht nur als blankes Ausruhen gelten, sondern auch meinen Geist zufrieden stellen. Ich glaube Fachleute nennen das „Hobby“. Tatsächlich habe ich sowas nicht und sollte mir bis zu dem Tag, an dem das letzte Hörnchen auszieht eins zulegen. Vielleicht sogar vorher. Da jedoch reell drüber nachdenken; mach ich später! 2025 oder so. Vielleicht auch morgen.

Der Himmel klärt sich

Am zweiten Morgen ohne meiner Kinder ist es nach wie vor eigenartig. Per WhatsApp bin ich gut darüber informiert, dass es allen vier Knipsen hervorragend geht. Auch die Omas und Opas haben viel Spaß; hier liegt das Problem also nicht begraben. Nein, es sind viel mehr andere Kleinigkeiten die mich nach und nach verwirren. Mein Waschbecken ist eigenartig sauber. Da ich immer nach den Kindern ins Bad gehe, benutze ich konsequent ein eingespucktes, gesprenkelt das Waschbecken. Heute ist es sauber! Auch die Toiletten sehen, ohne tägliche Reinigung, erstaunlich gut in Takt aus. Mir wird bewusst was ich sonst so alles mache. Mein Küchenfußboden knirscht, obwohl er seit Sonntag Mittag nicht gesaugt wurde, kein kleines bisschen. Man kann einfach so, barfuß über ihn hinweg laufen und es ist nicht ekelhaft! Ich weiß nicht, ob irgend jemand versteht wie erstaunt ich das für mich ist.

Eine weitere spannende Erkenntnis ist, dass ich endlich verstanden habe in welchen Momenten Menschen Zeitungen lesen. Morgens, beim Frühstück. Der Kaffee noch zu warm, das Müsli noch nicht weit genug eingeweicht und so sitze ich da, und habe eigentlich überhaupt gar keine Lust schon wieder bei Facebook zu gucken, ob irgend jemand etwas gepostet hat, dass mich in Wirklichkeit gar nicht interessiert. Eine Zeitung! Das wäre der Moment. Ich könnte hier sitzen, auf das Abkühlen und Einweichen meines Frühstückswarten, und ganz genüsslich Artikel für Artikel eine Zeitung lesen. Es würde herrlich rascheln und meine Hände hätten danach dieses ganz besondere Zeitung-Gefühl. Ach, eine Zeitung! Das wäre jetzt ganz zauberhaft.

Ansonsten stelle ich mit Erschrecken fest, dass es immer noch drei Tage sind, bevor meine Hörnchen zu mir zurückkommen. Und ein ganz kleines bisschen zugegeben stelle ich auch fest, dass ich es durch aus genießen kann. Auf also in einen neuen Tag, an dem ich nicht viel zu erledigen habe und vollkommen selbstbestimmt nach der Arbeit direkt wieder ins Bett gehen kann; mit Schokolade und Chips! Und Red Bull, das habe ich mir nämlich gestern extra gekauft.

Tiramisu

Tatsächlich sieht die Sache ja mal so aus. Immer wenn ich Tiramisu sehe, denke ich: Boa Wahnsinn, sieht das gut aus, ich sterbe vor Verlangen! Dann lade ich auf, trage das Zauberzeug an meinen Platz und das Wasser läuft mir im Mund zusammen! Tiramisu; der Wahnsinn. Ein Himmelreich, ein Träumchen!!

Dann nehme ich den ersten Löffel, voller Vorfreude, lasse es mir langsam auf der Zunge zergehen und nach einigen Sekunden stelle ich fest: Urgs! Tiramisu; mag ich ja gar nicht. Also, was heißt nicht, zumindest dieses hier mag ich nicht. Vielleicht war der erste Löffel nur nix – und dann nehme ich den zweiten. Der ist dann auch nix und schnell kapituliere ich vor dem vermeintlichen Lecker. Meistens zerlege ich es vorher noch in seine Einzelteile, um die nicht-schmeckende Komponente ausfindig zu machen. Ohne Erfolg, ich mag sie alle nicht.

Es ist ein Rätsel, mein Hirn weigert sich die Information: „Mag das nicht“ anzuerkennen und so tappe ich immer wieder in die böse Falle. Ab heute male ich mir schwarze Striche auf den Arm, als Erinnerung!

Stunde Null

Yeah, die Kinder sind aus dem Haus. 1,2,3,4, alle weg. Was man jetzt alles machen kann. Ich entschied mich in aller erster Instanz für ein paar Tränen, Kaffee und Zigarette. Noch eine Zigarette und noch ein paar Tränen. Was bin ich nur für eine Klette.

In zweiter Instanz dann putzte ich das Haus, gründlich. Und ja, danach sortierte ich vorsichtshalber die Unterhosen des D-Hörnchens nach Form, Größe und Farbe; man weiß ja nie. Himmel, und das waren erst die aller ersten paar Stunden. Nein, ich bin nicht gut in sowas. Ein Dank an das offene Ohr der Besten soll an dieser Stelle nicht fehlen.

Eins kann man schon einmal festhalten: Für den Tag, an dem das erste Hörnchen auszieht, und den an dem das letzte geht und die Tage, an denen die anderen gehen werden, sollte ich mich entweder mit lieben Menschen zu Trinken treffen oder mir ein Bett in einer guten Klinik suchen.

Allein allein

In diesem Jahr ist alles neu: Alle vier Kinder werden eine Woche mit Omas und Opas wegfahren; und wir nicht. Wir werden arbeiten und danach sehr viel allein sein. Nun freut es offenbar jeden Hans und Franz. Jeder hat eine gute Idee und verweist auf all die Dinge, die wird doch ganz sicher in den vergangenen Jahren immer mal gern gemacht hätten.

Die dramatische Wahrheit ist, es gibt keine Sachen die ich in den vergangenen elf Jahren gern mal gemacht hätte. Naja, schlafen! Das wäre schon wirklich super. Ich könnte ohne Probleme sehr lange und sehr viel schlafen – nur leider werde ich ja trotz alledem arbeiten müssen, und somit keine Stunde mehr schlafen als sonst. Ansonsten will mir, und das ist durchaus von zwei Blickwinkeln zu betrachten, einfach nichts einfallen was wir unbedingt mal wieder machen müssten. Essen gehen mit Freunden, ja gut das werden wir tun. Kino? Nein danke, ist mir viel zu teuer und viel zu selten gut. Auch jeden Abend in die Kneipe gehen fällt definitiv aus – arbeiten gehen! Lustige Events wie Sauna, Massagen oder Wellness reizen mich ungefähr so sehr wie eine Darmspiegelung. Nein, ich bin wirklich durchaus zufrieden mit dem was ich habe und habe überhaupt keinen Bedarf an irgendetwas.

Tatsächlich ist das ja nicht nur schlecht. Natürlich ist es etwas schade, dass der Menne und ich eine offene Wunschliste von in etwa null haben, jedoch spricht es auch dafür, dass unsere Bedürfnisse im Alltag offenbar durchaus gestillt werden. Möchte ich ausgehen, gehe ich aus. Möchte ich mich verabreden, verabrede ich mich und möchten wir gemeinsam etwas unternehmen, dann rufen wir uns eine Oma ins Haus und Unternehmen gemeinsam etwas. Hinzukommt, dass ich einfach gern Zeit mit meiner Meute verbringen und ich viele Dinge, die mir Spaß machen, auch mit meinen Kindern gemeinsam machen kann. Nichts desto trotz wünsche ich meinen Mäusen einen wunderschönen Urlaub und eine tolle Zeit mit Oma und Opa. Ich gönne allen diese Woche und bin ganz sicher, dass es großartig werden wird. Außer vielleicht für mich, denn ich werde fürchterliche Entzugserscheinungen haben und mich vielleicht am Ende dann doch jeden Abend betrinken müssen…

Der Neue

Nach fünf Wochen im neuen Job bin ich so Mittel angekommen, habe langsam das meiste grob durchschaut und eine ganze Reihe Arbeit an Land gezogen. Ich bin jetzt ein Teil des Drogenhilfesystems unserer Stadt; etwas das ich lange wollte und für das ich gekämpft habe. Ich berate Schwangere Frauen mit Drogenthematik sowie Mütter bzw. Eltern nach der Geburt bis zum 2. Geburtstag des Kindes. Meine Stelle versteht sich als Schnittstelle zwischen Drogenhilfe und Kinderschutz; ich vermittle zwischen beiden Hilfesystemen, berate in drogenspezifischen fragen, mache die Therapievermittlung und bin halt irgehdwie da.

Was sich so runter geschrieben nich ganz easy anhört, ist in Realität irgendwas zwischen lehrreich, interessant, wunderschön und tottraurig. Ohne weit auszuholen kann ich sagen, dass die Fälle von traumhafter Familienidylle mit Vater Mutter Kind in eigener Wohnung bin hin zum großen Alptraum reichen. All das gehört dazu, all das ist Alltag. Nach so manchem Tag bin ich platt und wie überfahren, so viele Schicksal, so viel Traurigem, Grausamem oder Überraschendem, dass binnen weniger Stunden durch meinen Kopf fährt wie ein D-Zug.

Abgrenzung, Psychohygiene und Reflexion; Begriffe, die im Studium gebetsmühlenartig wiederholt wurden, bekommen plötzlich eine Bedeutung. Und trotzdem möchte ich keinen Tag und keine Stunde missen. Ich liebe es eine so wichtige und intensive Arbeit zu machen und freue mich über jedes Fünkchen an Aufklärung, dass ich irgehdwo leisten kann. Deutschland ist, nicht nur in Sachen Drogen, ein Entwicklungsland und noch meilenweit bin einer effektiven und guten Prävention entfernt. Ich hoffe in den kommenden vielen Jahren Teil eines Prozesses sein zu dürfen; hin zu einer liberalen und menschlichen Drogenpolitik ohne Repression.