Schluss

Als ich 1993 den Film „Schindlers Liste“ sah, war ich ganz besonders von Amon Göth angewiedert, der morgens, zu seiner eigenen Belustigung, KZ-Haflinge vom Balkon aus erschoss. Diese Kaltblütigkeit, diese abartige Offenheit mit Willkür zu arbeiten hat mich tief getroffen. Lange habe ich nicht mehr an diese Szenen gedacht, einfach weil mir lange nichts vergleichbar ekelhaftes mehr begegnet ist. Bis jetzt, also genauer gesagt bis zum Seehofer-Geburtstag und den unfassbaren Geschmacklosigkeiten rund um die Abschiebung von 69 Menschen.

Denn plötzlich ist es wieder da, das Leid und der Tod einzelner, die von einem anderen, mächtigeren, zu seiner eigenen Belustigung und Inszenierung genutzt werden. Wiederlich und abartig, überhaupt einen solchen Gedanken fassen zu können, unfassbar grausam einen derartig bizarren Zusammenhang herzustellen. Das nun noch bekannt wurde, dass einer der Menschen sich das Leben nahm, macht es zwar noch grausamer, steigert an der Ekelhaftigkeit des gesamten Exzesses nichts mehr.

Menschen nach Afganistan (oder in eines der vielen anderen Länder) abzuschieben bedeutet, ihren wahrscheinlichen Tod nickend in Kauf zu nehmen. Ein Land, in dem Krieg, Terror und Verfolgung herrschen, ist lebensgefährlich; PUNKT. An dieser Stelle ging es kein Aber, keine weiteren Ausschweifungen. Einen Menschen weiter als Minister zu billigen, der den Tod Tausender in Kauf nimmt und sich auf Kosten derer Witze erlaubt, die unter ihm zu leiden haben, ist schlicht falsch. Seehofer gehört geschmissen, abgeschoben und ignoriert.

Wer mir grad noch einfällt sind Menschen wir Sophie Scholl und Georg Elser… Schluss mit ja-sagen!

In seinem schönsten Gewandt

Ab und zu bin ich bei Menschen zu Besuch, bei denen sieht es unsagbar aufgeräumt aus. Alles hat seinen Platz, im Allgemeinen steht ganz wenig rum. Kein Staubkörnchen, kein herab gefallenen des Blatt. Selbst die Regale scheinen nach Größe und Farbe sortiert bestückt zu sein und alles wird wirklich tadellos. Bei mir ist das irgendwie anders. Also, es ist nicht schmutzig! Das kann man wirklich nicht sagen, ich putze glaube ich relativ viel. Trotzdem leben wir in einem durch aus sortiert im Chaos.

Heute haben meine Hörnchen etwa 1 1/2 Stunden oben im Wohnzimmer gespielt. Sie waren alle vier da, haben friedlich miteinander gespielt und waren einfach mal weg. Viel später, am Abend, kam mich dann in mein Wohnzimmer und fand es in seinem wunderschönsten Gewandt:

Mal im Ernst, kann es etwas schöneres geben? Für mich kaum. Sie fragten, ob sie es stehen lassen dürfen und ja, natürlich. Und ganz bestimmt auch wieder ein bisschen zu lange. Nein, steril ist es hier nicht, dafür aber liebevoll belebt, in jedem Winkel. Und ich mag es wie es ist.

Sie piepen

Unsere Katzen sind Freigänger und verbringen, vor allem im Sommer, viel Zeit im Garten. Das ist seit 14 Jahren so und war zumeist eher unspektakulär. Hier und da gab es mal ein Geschenk; ein Mäuschen hier, ein Vögelchen da – alles in einem hielt es sich meist in Grenzen. In diesem Sommer ist alles anders.

Also, eigentlich nicht. Vor allem der Kater ist viel im Garten, rennt da so rum und schläft vornehmlich auf dem Tisch. Das tut er gern, jeden Tag. Leider hat der arme Kater in diesem Jahr ein großes Problem. Na ja, ein kleines Problem mit großer Tragweite, sollte man fairerweise sagen. Denn das Problem ist zwischen 24 und 27 cm groß, 100g schwer und, ebenso wie der Kater, schwarz. Ein Amselpärchen treibt unseren armen Lotti in den Wahnsinn!

Fast ununterbrochen sitzen die gefiederten Kläffer im Garten, einer links, einer rechts vom Kater und piepen Alarm. Sie warnen sich, die Vögel im Umkreis von 3 km und alle anderen Lebewesen unseres Breitengrades vor der brandgefährlichen schwarzen Pelz-Bestie. Die Pelz-Bestie hingegen möchte in Wirklichkeit nur eins: Pennen! Gequält und am Rande eines Kollaps schleppt er sich also von Schlafplatz zu Schlafplatz und versucht zur Ruhe zu kommen. Die Terroristen im Federkleid interessieren ihn, gelinde gesagt, einen Scheissdreck; ebenso ihre Brut, die Brut der anderen, die Vogeleltern der anderen, deren Großeltern oder die Meerschweinchen des Nachbarn drei Häuser weiter. Alles was er will ist schlafen. Zum jagen wäre er genau genommen viel zu faul. Und während der arme Kater versucht ein ruhiges Plätzchen zu finden, piepen die Piepser weiter. Inzwischen allerdings auch wenn keine unserer Katzen draussen ist; wahrscheinlich sogar wenn allgemein keine Katze draußen ist.

Die Leiden der jungen Mama

Heute war Kopfschmerzen. Nachmittags musste noch der Großeinkauf erledigt werden und so schleppte ich mich in den Bioladen meines Vertrauens. Ich lud meinen Einkauf in den Wagen und ignorierte die diversen antiautoritär erzogenen Kinder (zugegeben, böses Paradoxon). Am Ende packte ich einen Schokoriegel in den Wagen, schließlich muss ich mich belohnen.

An der Kasse piepte es 96 mal bevor die nette Kassiererin als letztes das kleine Stück Glück nahm. Glucksend und kichernd sagte sie:“Na, gönnst du dir mal was?“, und zog verschwörerisch guckend den Riegel über den Piepser. Ich gluckste kichernd zurück:“Hihi jaa, hihi und den esse ich gleich heimlich im Auto..!“ und dachte dabei halblaut sowas wie „man, halt die Fresse, viel lieber würd ich mir’n Bier aufmachen oder was rauchen und jetzt laber mich nicht wegen dem verkackten Schokoriegel voll“. Nach dem Bezahlen schleppte ich meinen Einkauf zum Auto, lud ihn in den Kofferraum und ließ mich murrend auf den Fahrersitz fallen. Im Abgang aus dem Geschäft trällerte sie mir noch ein „lllaaaaaas es dir schneeeeckeeeeennnn!“ hinterher, es hallte noch in meinem schmerzzerfressenem Kopf.

Mein Riegel sag gut aus. Knusprig und weiß und süß. Mein Hirn machte einen kurzen Freudensprung, aua. Dann biss ich rein. Meine Zähne glitten durch Butter bei 10 Grad. Binnen einer Sekunde waren meine Zähne belegt, kein Schmelzen, kein Genuss. Der Geschmack war eine Mischung aus purer Kakaobutter und einem Hauch Kaffeefilter. Kein Süß. Obwohl objektiv nichts dafür sprach, biss ich wieder rein. Gleiches Resultat. Abartig. Wie ein Schokoladen-Zombie aß ich den Rest des Dinges, schwer enttäuscht und in der steten Hoffnung es würde besser werden. „lllaaaaaas es dir schneeeeckeeeeennnn!“, hallte es in meinem Kopf. Probiert die denn ihre eigenen Produkte nicht? Zu den Kopfschmerzen habe ich jetzt zumindest auch noch Magenschmerzen; und schlechte Laune. Elende Ökos.

*Dieser Aktikel ist sarkastisch gemeint und soll keine Bevölkerungsgruppen oder Lebensmittel diskriminieren.

Kaum auszuhalten

Ich kann mich nicht erinnern, jeh mit der deutschen Politik zufrieden gewesen zu sein. Sicherlich bin ich ein wenig linker und vielleicht radikaler als die Bundesdeutsche Polit-Mitte. Während ich aber in den ganzen Jahren meinen Umgang damit gefunden hatte, gerate ich immer mehr an meine Grenzen. Es ist kaum auszuhalten was dort passiert und in meinem Kopf rast das „was soll man tun-Karussell“. Hilflosigkeit mischt sich mit Wut und Verzweiflung und nach und nach wird mir klar, wenn keiner war macht, passiert auch einfach mal nix.

Was also tun? Unbezahlten Urlaub nehmen und ans Mittelmeer reisen. Boote kaufen, Menschen retten? Eigentlich ja. Und plötzlich sind sie da, die inneren Wiederstände, die guten Gründe, nichts zu tun. Mich selbst in Gefahr bringen, die Komfortzone der Familie zu verlassen – das sind gewaltige Schritte. Nicht hier zu sein, nicht sicher sagen zu können was die Zukunft bringt; nein das kann ich nicht. Oder? Müssten das nicht eigentlich alle, oder zumindestso viele, dass ganz deutlich wird, dass der Tod von tausenden nicht toleriert wird? Was setzt man schon auf’s spiel? Den Job, den Wohlstand. Ein paar Wochen mit der Familie und vielleicht den nächsten Urlaub; all das für ein paar Leben.

Ja! Eigentlichsollte es das mir wert sein. Und mit jedem Tag wächst mein schlechtes Gewissen, nichts zu tun. Was wenn in 40 Jahren die Enkel fragen: „Habt ihr nichts gewusst? Da starben Menschen!“? Was sagt man dann? Dass man zu feige war, zu geizig. Zu viel Angst hatte den eigenen Lebensstandard zu verlieren? Oder lügt man, so wie es die Generationen vor uns taten, und sagt: „Das hat doch keiner gewusst!“

Versteh mich doch

„Kabel an den Wänden, so dass man sie sieht. Und alte Sicherungen und andere Elektobauteile und alles irgehdwie verbunden miteinander!“

Mit diesen Worten erklärte A-Hörnchen die neusten Umgestaltungspläne für sein Zimmer. Er strahlte und hätte am liebsten sofort losgelegt. „Geht das, Papa?“, fragte er aufgeregt beim Frühstück. Der Menne schaute verknautscht drein und antwortete knapp: „Nee, das würde so nicht gehen. Sicherungen kann man nicht ohne Sicherungskasten verbauen und ich leg dir da doch keine Kabel mit 230V. Die Wände wären danach ja auch vollkommen durchlöchert..“ Traurig sah das A-Hörnchen mich an.

Als ich in der 6. Klasse war, hatte auch ich Wünsche und Pläne. Ich wollte mein Zimmer mit Postern und Postkarten tapezieren, eine kleine Festung sollte es werden. Kein Millimeter Tapete solle mehr zu sehen sein, und die Zwischenräume wollte ich mit Edding ausmalen. Mein Vater verneinte, schlug Bilderrahmen vor und ich kotze innerlich. Er verstand kein Wort. Was ich wollte waren nicht Poster sondern Abgrenzung. Ich wollte einen Ausdruck meiner Individualität schaffen, mich von der Masse meiner Klassenkammeraden abgrenzen, anders sein und da ich nunmal 11 war, war mein kleines Zimmer der zunächst einzige Ort, an dem dies geschehen konnte.

Es geschah trotzdem, nach und nach. Erst in meinem Zimmer später über Kleidung, Haare und alles andere. Ich baute mich selbst auf, erschuf meine Person, so wie sie in ihren Grundzügen noch heute erhalten ist. All das, das vollgepflasterte Zimmer, die ollen Klamotten, die bunten und abrasierten Haare, waren wichtige Schritte in meiner Selbstwerdung, in dem Prozess, der mich von der Masse abgrenzte, bis heute und für immer.

Und so erklärte ich dem Menne, im Beisein des A-Hörnchens, dass es vielleicht nicht um funktionierende 230V Leitungen geht, sondern um „anders sein“. Dass es vielleicht darum geht, ein Zimmer zu haben, dass so anders ist, dass alle anderen immer denken, dass das aber sehr anders ist. Dass es um die tolle Persönlichkeit des A-Hörnchens geht, und eben nicht um Strom. Als ich das so erzählte, kullerten dem Hörnchen Tränen der Erleichterung über die Wangen. Und auch der Menne verstand; zumindest rudimentär. Und ich begriff einmal mehr, dass mein Sohn schon echt mein Sohn ist. Apfel und Stamm und so.

Von Brüsten

Heute morgen zwitscherte ein Bild-Artikel vielfach durch meine Twitter-Timeline: „Kann jede Frau den BH weglassen?“. „Oh man!“, dachte ich noch, die BILD befasst sich mit den wirklich wichtigen Themen. Denn was sind schon Ertrinkende im Mittelmeer, Verdurstende in der Sahara, Regierungskreise im eigenen Land und gefährliche Voll-Deppen überall sonst gegen so eine bahnbrechende und wissenschaftlich anspruchsvolle Frage.

Leben ohne BH also, krass banal. Womit sich genau der mit Sicherheit tiefgründige Artikel befasst kann ich nicht sagen; Gesundheitsrisiken, Muskulaturauf- und Abbau, Bindegewebe, bla. Und während ich noch bedauerte, dass die Menschen sich mit so einem irren Shit beschäftigen, begann ich die Kommentare zu lesen. Und da, ganz plötzlich, wurde mir das eigentliche Problem bewusst.

Der allgemeine Akt, morgens ein Kleidungsstück auszusparen ist keinen Satz wert. Die Tatsache, dass sich am Oberkörper von menschlichen Weibchen eine Brust befindet ist im Grunde unspektakulär. Schlimm ist der geistige Dünnpfiff, der dem Thema zugedacht wird. „Sollte ab Körbchengrösse D verboten werden“ und „das will aber auch keiner sehen“ stehen Aussagen wie „Boa geil, Nippelalarm“ und „dann aber bitte ein weißes Top“ gegenüber. Zu Hunderten reihen sich die dreisten, bösen und sexistischen Kommentare aneinander und teilen die Frauen in zwei Kategorien: Die jenigen, die immer ihre Titten zeigen sollten, und die jenigen, dessen Titten keiner sehen will. Alter!!

Die traurige Quintessenz meines morgens: Wir müssen offenbar noch sehr viel sprechen. Über Respekt, Anstand und das Recht auf Unversehrtheit. Über BHS und Brüste hingegen ist im Grunde alles gesagt. Also Bild, wie wäre es mal mit einer Sonderausgabe über Menschenreche?

Sieben

Heute vor sieben Jahren kam das C-Hörnchen zur Welt. Ihr Leben auf Erden begann ungewöhnlich, sie wurde in ihrer intaken Fruchtblase geboren, in unserer Wanne ohne die Hilfe einer Hebamme. Sowohl C-Hörnchen als auch ich wussten offenbar genau was wir da tun – und wir taten es gern!

Und ebenso wie das Leben mit ihr begann, kraftvoll, zauberhaft und bestimmt, ist es auch heute noch. C-Hörnchen weiß wo es lang geht. Sie ist stets organisiert, kümmert sich um alles und behält den Überblick. Sie weiß was zu tun ist. Was ihr manchmal fehlt ist eine Art Schutzhülle. Emotionen lebt sie direkt. Alles geht direkt ins Herz und ebenso kommt es von genau da. Schlimmes trifft sie, löst heftige Tränen aus und große Freude tut meistens das selbe. Vielleicht wusste sie schon damals, vor sieben Jahren, dass sie ein wenig dünnhäutig ist und wollte die schützende Hülle gern behalten. Ich liebe C-Hörnchen für ihre zarte Art. Alles ist offen, nichts bleibt im verborgenen, n diesem Menschlein muss keiner Rätsel raten. Und ebenso wie sie sich so direkt lebt, versteht sie auch die Befindlichkeiten anderer aufzunehmen und damit zu arbeiten. In C-Hörnchen’s Nähe bleibt kein Gefühl unausgesprochen, sie kümmert sich um alles.

Für mich ist C-Hörnchen das dritte Kind gewesen. Und während beim ersten alles neu und kompliziert ist, es einen beim zweiten überfordert, plötzlich zwei zu haben, ist man beim dritten in Flow. C-Hörnchen profitierte von Anfang an von einer Mama, die weiß was sie da tut. Die dritte Trotzphase kann einen nicht mehr schocken, die dritte Eingewöhnung im Kindergarten verläuft easy und auch die dritten Windpocken hauen einen nicht mehr um. Und so passen wir irgendwie gut zusammen; C-Hörnchen mit ihrem guten Gespür und ich, mit meinem ruhigen Gemüt.

Der Horscht

Seehofer. Es ist mir ein gewisses Bedürfnis, dazu noch was zu sagen, aber gibt es denn nich was zu sagen? Was bleibt, wenn alles gesagt, alles ausgesprochen ist? Genau! Mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Und da ich damit jetzt aber auch fertig bin, sage ich halt doch noch was.

Da gibt es also einen alten Mann in Bayern, der ein nicht ganz unrepräsentatives Amt in einer nicht ganz aber dennoch sehr rechten Partei bekleidet, und dieser alte Mann hält sich für eine Art lieben Gott und möchte gern, dass alle ihn auch so behandeln. Vor allem aber möchte er selbst so handeln, denn er ist der Horscht, und der Horscht weiß was gut ist. Und gut ist es zum Beispiel, Menschen auszusperren, in Lager zu setzen oder im Meer ertrinken zu lassen. Gut ist es auch, der Polizei viel Macht und Handgranaten zu geben, und gut ist es auch, jeden und alle und alles immer und überall im Auge zu haben. Das weiß der Horscht alles.

Was der Horscht leider nicht weiß ist, dass es Menschen gibt, die anders denken als er. Und eigentlich weiß er noch nicht mal, dass diese anderen, die da ertrinken und so, auch Menschen sind. Auch mit dem Recht des Einzelnen hat er es nicht so sehr, oder damit dessen Schutz. Für den Horscht zählt Horscht. Und wie bei einem vierjährigen, der nicht bekommt was er will, so ist es auch beim alten Horscht. Der ist nun wütend, weil die anderen nicht das machen wollen, was der Horscht für die Welt vorgesehen hat – obwohl der ja der Chef ist; oder zumindest fast. Und deshalb sagt er, dass er jetzt geht. So!

Dumm nur, dass er das dann vielleicht doch nicht will und lieber noch bleibt, außer er geht. Also eigentlich, um ganz genau zu sein, möchte er schon gern gefragt werden, ob er nicht bleiben möchte. Und ein Lolly, der wäre auch toll. Und ein neues Einwanderungsgesetz, und die Lager eben. Die Lager wären auch gut.