Nazifizierung

Unbedingt will ich noch was dazu sagen, zu den entsetzlichen Aufmärschen, den Protesten. Der bizarren Selbstdarstellung der Rechten, den Linken und all dem, und selbst nach dem 10. Ansatz kommt nur Frust. Ist denn alles gesagt? Nazis sind Nazis, sie scheisse zu finden ist nicht Links sondern Logisch. Menschlichkeit wird groß geschrieben, nur leider oft falsch verstanden. Die Entwicklungen in Deutschland sind so besorgniserregend wie vorhersehbar, die Geschichte wiederholt sich und warum habe ich nichts gemacht? Und was übrigens sollte man denn machen um das aufzuhalten, was da passiert. Sarrazin lesen eher nicht, das ist klar.

Gerade wird es schnell, habe ich das Gefühl. Polizei und Justiz halten sich gegenseitig die Augen zu und machen sich selbst zum Gespött. Selbst wenn ich bisher Vertrauen in unser Rechtssystem gehabt hätte, langsam ist es aus. Während sogenannte Linke beim einkaufen hochgenommen werden, festgehalten und entwürdigt werden (#G20), geben sich die Nazis zwar alle Mühe auch Ärger zu machen, bewirken aber genau nichts. „Hitlergruss macht unsichtbar“ twittert es durch meine Timeline und es wird deutlich, dass das einfach alles nicht lustig ist. Nein, genau genommen ist es zum fürchten. Menschn werden gejagt und verletzt. Reaktionen sind kaum da, das System Staat hält sich vornehm raus. Das ist sowas von 1938! Vor allem aber ist es ein klares Zeugnis von Billigung und stillschweigendem Zuspruch.

Die Intensität und Plakativität, mit der die Braunen inzwischen vorgehen, zeigt deutlich wie weit fortgeschritten der Nazifizierungsprozess schon ist. Ein Gruß, ein Symbol, ein dummer Spruch; all das wird kaum noch wahrgenommen. Die Polizei interessiert es erst recht nicht mehr. Erst jetzt, wo wieder einer starb, beginnt es Wellen zu schlagen, kleine, zaghafte. Bundesfamilienministerin Giffey brachte es heute morgen recht gut auf den Punkt: Wir müssen schon jetzt an die Zeit nach dem Großen Aufschrei denken, an die Zeit wenn die stündlichen Meldungen aufhören, die Demos nicht mehr besucht werden und die Twitteraccounts sich wieder mit Kitas, Fußball, Job und Urlaub beschäftigen. Denn auch dann geht das alles weiter seinen Gang, Nazis bleiben Nazis, suchen neue Nazis und werden bessere Nazis. Das alles geschieht im Verborgenen. Und wenn man es dann das nächste Mal sieht, wenn wieder etwas passiert, das schlimm genug ist, ist es schlimmer und fieser als jeh zuvor. Für alle die, die keine Nazis sind heißt es also auch in Zeiten der Ruhe, aufmerksam und laut zu bleiben, nicht nachzulassen und immer wieder daran zu denken, dass Menschlichkeit eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Amygdala und Chemnitz

Die Amygdala ist ein winziger Teil des Gehirns. Ihr Fachgebiet sind Emotionen und die emotionale Einfärbung von Erinnerungen. Sehen wir etwas durch die sprichwörtliche rosa-rote Brille, ist es die Amygdala, die zB. die Erinnerung „essen gehen“ mit positiven Emotionen verknüpft. Ebenso tut sie dies mit weniger erfreulichen Erinnerungen, so assoziieren die meisten Menschen leichten Stress mit dem Geräusch von Sirenen oder viele ein Gefühl von Angst wenn die zB. Spinnen sehen. Die Amygdala ist effizient, was sie macht, das macht sie gründlich und so bleiben uns ihre Einfärbungen in der Regel lange erhalten. „Das ist unser Lied“, sagen Verliebte jahrelang und denken rosa-rot an einen bestimmten Abend zurück. Ebenso bleiben Geräusche wie das eines Verkehrsunfalls ewig im Hirn und sind deutlich mit Hilflosigkeit, Angst oder Panik assoziiert.

Neben der Neu-Einfärbung gemachter Erlebnisse greift die Amygdala aber noch auf ganz andere Informationen zurück. Sie kann uns Weisheiten aus längst vergangenen Tagen als das Nonplusultra präsentieren. So ist die Amygdala durchaus der Meinung, dass Fremde Menschen gefährlich sind. Denn damals, in grauer Vorzeit, da war jeder der nicht dem eigenen Stamm angehörte, potentiell gefährlich. Auch diese Ur-Information tragen wir in uns und sie färbt unser Urteil. Nun haben wir zum Glück die Möglichkeit uns weiterzuentwickeln. Jede gemachte Erfahrung, die die Ur-Thesis wiederlegt, trägt dazu bei sie zu überwinden. Denkt man an dieser Stelle an die momentan allgegenwärtige Angst vor Fremden, wird ganz deutlich: Angst vom Fremden liegt in jedem von uns. Das einzige was hilft sich ein realistisches Bild zu verschaffen ist: Kontakt zu Fremden. Konfrontationstherapie! Zahlen belegen übrigens, dass die Angst bzw. auch der Hass an den Orten signifikant höher ist, an dene weniger sogenannte Fremde leben.

Und da sind wir beim letzten Punkt. Angst ist schlecht in Statistik! Denn neben der hervorragenden Funktion der Angst, uns zu warnen, ist sie auch gut darin uns auf falsche Fährte zu locken. Angstbehaftete Situationen, und da kommt wieder die Amygdala ins Spiel, werden aufgrund der hohen Emotionalität, viel besser sichtbar im Gehirn gespeichert. So haben viele Menschen in unseren Breitengraden große rote Leuchtschrift im Cortex die besagt, dass Spinnen gefährlich sind. Die nüchterne Info hingegen, dass sie es in Europa nicht sind, kommt nur bei den wenigsten an und kann sich kaum gegen die Leuchtreklame durchsetzen. Ebenso ist es leider nach wie vor in vielen Köpfen was das Leben mit Menschen angeht. Angst dominiert. Konfrontation ist die beste Therapie, möglichst emotional eingefärbt. Gemeinsames Leben, gemeinsames Erleben ist das was Hilft. Denn nur dadurch begreifen unsere dummen Hirne, dass Menschen einfach Menschen sind.

#c2708

Chemnitz; wie kann das sein. Schon gestern packte mich das blanke Entsetzen, heute bin ich gefangen zwischen Schockstarre und Aktionismus. Eigentlich müsste ich schnell nach Chemnitz; eigentlich müssten wir alle nach Chemnitz.

1000 Anhänger der Rechten Szene unter dem Marx. Wahllose Übergriffe auf Menschen, Anleitungen zum Angriff auf demokratische Parteien. Aggressive Stimmung, Angst, Hass, Panik. Eine neue Stufe ist erreicht, ein neues Level an Grausamkeit und Brutalität erreicht. Es ist furchtbar.

Chemnitz. 450km von hier, 4,5 Stunden mit dem Auto. Sechs Stunden mit dem Zug – ich habe schon für wesentlich weniger Wichtiges mehr Zeit verschwendet. Himmelherrgott, was passiert denn nur. Oder um bei Marx zu bleiben,

Antifaschisten aller Länder vereinigt euch. Reist nach Chemnitz, seit laut, seit friedlich und seit Mensch. Es ist zum heulen.

Ein Glück

Ich bin ein großer Glückspilz! Denn ich wurde heute, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war, von einem Vogel angeschissen, mitten auf den Kopf. Jedem, dem ich im weiteren Verlauf des Tages davon erzählte, gratulierte mir herzlich zu diesem großen Ereignis und fügte hinzu, dass ich jetzt ja großes Glück zu erwarten hätte. Zwar warte ich noch auf mein großes Glück, habe mich aber vorsichtshalber schon mal damit auseinandergesetzt, wieso ich denn jetzt so viel Glück haben werde.

Die Sache mit dem Vogelschiss und dem Glück entspringt dem deutschen Aberglaube. Ursprünglich, zu Zeiten der Römer, wurden die ersten Christen als Abergläubige bezeichnet. Der lateinische Begriff superstitio, was so viel wird deutet wie Über-glaube, soll die Falschheit des christlichen Glaubens betiteln und ihn vom „richtigen“ Glauben abgrenzen. Später, als das Christentum weit verbreitet war, benannte der Aberglaube das, was wir heute als Volksglaube bezeichnen würden. Der Aberglaube grenzt sich vom religiösen Glauben ab und hat viel mit heidnischen Bräuchen oder Spiritualität zu tun. Jede Kultur kann auf eine Vielzahl an Aberglaube zurückgreifen und der deutsche Vogelschiss auf dem Kopf ist nur ein kleiner Ausschnitt des deutschen Aberglauben. Mich hat interessiert wie diese Aberglaube zu Stande gekommen ist.

Psychologisch betrachtet ist die Sache so: je weniger ein Mensch daran glaubt, sein Leben selbst beeinflussen zu können, desto mehr sucht er nach sich wiederholenden Ereignissen, die sein Leben beeinflussen könnten. Zu der Zeit als der meisten Aberglaube entstanden ist, lebte ein Großteil der Menschen unterdrückt von großen Lehnsherren ein einfaches und primitives Leben. Die Menschen waren schlecht ausgebildet, fast niemand konnte lesen und schreiben und das Leben war hart und entbehrungsreich. Das eigene Leben beeinflussen oder mitgestalten konnte fast niemand. Hieraus könnte man ableiten, dass der Mensch prinzipiell er unzufrieden und ausgeliefert war. Um diesen ausgelieferten Gefühl einen Rahmen zu geben, beginnt das Hirn logische Zusammenhänge zu suchen. Da es diese Zusammenhänge jedoch in vielen Dingen nicht finden kann, sucht das Gehirn sich ein markantes Ereignis A, nämlich eins das irgendwie von Wichtigkeit zu sein scheint, und bringt dieses mit einem bald darauf eingetroffenen Ereignis B in Verbindung. Will es der Zufall dann so, dass das Ereignis A und die offenbar daraus resultieren der Konsequenz B bald noch einmal zusammen ein Treffen, manifestiert sich eine Logik im Hirn. Diese führt sich dann fort und wächst mit jedem einzelnen aufgetretenen Ereignis zu einem fundierten Aberglauben.

Für mein Vogelschiss und das vermeintliche Glück bedeutet das ganz einfach, dass wahrscheinlich irgendwann im tiefsten Mittelalter einmal ein Mann von einem Vogel an geschissen wurde, der wenig in seinem Leben mit gestalten konnte und vielleicht sehr frustriert war. Da der Vogelschiss ihn prinzipiell eher noch mehr frustrierte, war ein Glück dass ihn kurz darauf traf sehr markant für ihn. Als dann noch seine Frau drei Tage später von einem Vogel auf den Kopf geschissen wurde, wartete der Mann auf das eintretende Glück und wahrscheinlich passiert irgendetwas. Diese erkannte Weisheit gab er weiter und auch der Nachbar wurde eines Tages von einem Vogel angeschissen, auch ihm wieder fuhr ein Glück und auch er gab das so weiter,… Ein wenig ist es wie Horoskope zu deuten, denn wenn man auf etwas bestimmtes wartet, kann man es in fast jedem Ereignis erkennen. Ich warte nun also auf ein großes Glück dass mir widerfährt und werde es mit Sicherheit finden. Vielleicht schmeckt der nächste Kaffee ganz besonders lecker oder der Elternabend wird besonders kurz. Denn, das ist ganz wichtig, Glück liegt immer im Auge dessen, dem es widerfährt.

Wann denn?

In den vergangenen Tagen hat das D-Hörnchen in etwa 2000 mal gefragt, WANN wir endlich seinen Kindergeburtstag feiern. „Wann denn jetzt?“, „wann ist Sonntag“ und „wann kommen meine Freunde“ waren die Sätze, die er unermüdlich aneinanderreihte. Gestern dann endlich der große Einkauf. Er suchte Süßigkeiten, Kuchen, Getränke, Kekese und das Abendessen aus, einen übervollen Einkaufswagen schoben wir zum Auto. „Wann essen wir das alles?“ wurde der Liste der Fragen hinzugefügt, „wann kommen meine Freunde?“ Wir räumten mächtig im Haus auf, begannen alles vorzubereiten. „Wann denn?“ fragte er unermüdlich, „wann ist es so weit?“. Und endlich, als er gestern Abend ins Bett kroch, konnte ich antworten:“Bald!“

Heue Nacht um halb fünf weinte das D-Hörnchen ganz furchtbar. Ich lief rauf und fand einen glühenden kleinen Wurm. Er hatte hohes Fieber bekommen, hustete und hatte Halsweh. Ein bisschen Kuscheln und etwas gegen das Fieber halfen ihm wieder einzuschlafen. Ich dachte nur „oh nein!“. Um 11 Uhr kam er aus dem Bett, kränklich und angeschlagen und beim Frühstück sagte er:“Ich freue mich so, wenn meine Freunde kommen!“

Ich habe selten einen so enttäuschten Menschen gesehen. Mit hysterischem Lachen versuchte er das krampfhafte Weinen zu überspielen, kam dann auf meinen Schoß und sah mich mit glasigen Augen fragend an: „Und wann feiern wir jetzt meinen Geburtstag?“ Es brach mir das Herz und mir blieb nichts anderes übrig als zu sagen:“Bald, wenn du gesund bist.“

Wimmelbild

Küche und Esszimmer bilden den Kern unseres Hauses, hier findet alles statt und so sieht es dort auch oft aus. Aktuell sitze ich im Chaos von zwei Tagen und kann mich nicht entscheiden, womit ich anfangen soll.

Das Regal im hinteren Teil des Esszimmers ist halb leer und halb durcheinander. Man hat massiv gepuzzelt in den vergangenen Tagen, es stapeln sich Kartons, die alles andere als Sortiert wieder eingeräumt wurden. Zwei Regalböden sind leer und geben den Staub von mehr als drei Tagen preis, ein anderes wird von etlichen „Was ist was“ Büchern dominiert, die ebenfalls nicht in Reih und Glied stehen sondern viel mehr belebt daliegen. Die Sparschweine der Kinder sehen alle im dritten Boden, auf dem Kopf. Aus einem gucken neugierige 20€. Lediglich das obere Brett ist sauber und ordentlich, das Bild meines verstorbenen Opas und eine Modell seines Bootes stehen dort und begutachten belustigt mein Durcheinander.

Die Matte vor der Tür ist voll von braunen Blättern, Sand und Katzenstreu, das die Tiere imposant über Nacht in einem Radius von gut 1,5 Metern verteilt haben. Dieser Bereich knirscht erstaunlich deutlich unter den Füßen. Ins besondere Barfuß kein Vergnügen. Die Türen des alten Buffetschrankes stehen offen, sein Innenleben fügt sich friedlich in den Rest des Raumes. Alles ist übereinander reingestopft und irgendwie. Bastelpapier, Altpapier und ein alter Brautschleier bilden dort eine eigenartige WG zusammen mit Tischdecken, Luftballons und einem Kohlensäurezylinder. Ich glaube sie verstehen sich. Auf dem Schrank wohnt eine angefressene Tafel Schokolade. Neben einem Ikea-Bambus, der seine besten Zeiten hinter sich hat, stehen außerdem diverse selbstgebastelten Kerzenhalter aus altern Marmeladengläsern. Ein paar Zettel, ein Kuli und eine kleine Kiste, in die immer alles hineingeworfen wird, vollenden das Bild. Der Schrank ist beklebt mit Kunstwerken der Hörnchen und Postkarten. Er ist alt und trägt sein Schicksal mit Würde.

Der Esstisch ist gut belegt. Kaffeeetassen, Saftbecher und Malsachen sind gleichmäßig verteilt. Lediglich um die große Lache Apfelsaft ist etwas Platz gelassen. Er ergießt sich ambitioniert am Tischbein herunter und sifft gleichmäßig auf dem Boden in Richtung der Glasplatte vom Ofen. Drei karierte Geschirrtücher liegen in und um die Pfütze. Etwas abseits der Lache, auf dem Tisch, steht ein Teller mit drei Pfannekuchen, ein weiterer Pfannekuchen liegt sorgfältig drappiert daneben. Eine To-do Liste und ein Einkaufszettel liegen neben dem Kuli und dem Block Post-Its, der irgehdwie bedrohlichnach mehr aussieht. In der Mitte des Tisches steht meine rote JBL Musikbox, die Rettende Insel.

Der Boden zwischen Buffetschrank und Esstisch ist krümelig. Das alte Parkett verbirgt Brotkrümel prinzipiell lange, heute sieht man sie jedoch deutlich. Zwei Wimmelbücher liegen in den Krümeln und bidlen, zusammen mit einigen Papierschnipseln und den schon genannten Puzzlekartons ein schönes Bild. Am Rand stehen zwei Pakete, die dringend mal jemand zur Post bringen müsste, daneben auf einem Stuhl unbeeindruckt die Katze. In einer Ecke liegt ein Lego-Duplo Geschoss, irgendwann mal effektvoll abgeschossen und dann dort vergessen. In einer anderen Ecke ein schrumpeliger, gelber Luftballon, den bestimmt noch jemand lieb hat. Mein Rucksack steht in der Tür, als wollte er schon mal vorgehen. Ich kann es ihm nicht verübeln.

Auf einem Stuhl sitze ich. Telefon in der Hand, tippe. Mein kalter Kaffee steht vor mir und gleich werde ich anfangen. Gleich.

Greena

Gestern Abend um 22.00 klingelte mein Telefon. Meine Mama rief aus dem Urlaub an. Sie waren am Seewasseraquarium in Greena/ Dänemark vorbei gekommen und da musste sie mich anrufen.

Vor ungefähr 25 Jahren waren wir schon einmal in Greena. Ich war damals ein angehender Teenager, bereit die Welt zu beherrschen nur leider noch etwas unbeholfen. Nach dem Eitritt in das Aquarium kam es zum Streit. Ich wollte A, meine Familie wollte B. Natürlich weiß ich nicht mehr im entferntesten, worum es ging. Jedoch war es wichtig, elementar wichtig. So wichtig, dass ich völlig außer mir geriet und furchtbar kämpfen musste. Ich verließ die Familie und zog einige Zeit allein durch’s Aquarium; unendlich wütend. Die Familie hatte sich inzwischen ins Bistro gesetzt und etwas zu trinken bestellt. Immer noch kochend vor Wut kam ich dazu. Meine Mama schob mir ein Glas Fanta rüber, bot Frieden an. Ich groß das Getränk wie von Sinnen auf den Tisch und rastete aus. Wegen A oder B oder dem Ende der Welt.

Heute, 25 Jahre später, können wir über diesen Tag lachen. Damals muss es für meine Eltern entsetzlich gewesen sein. Den Inhalt eines Teenie-Kopfes zu verstehen ist schier unmöglich und die Masse an Emotionen zu lenken für alle Beteiligten eine riesen Herausforderung. Ich war eine Bestie, damals. Ich habe meine Eltern traktiert, in den Wahnsinn getrieben und um jeden Millimeter Freiheit gekämpft. Und bei all dem Theater, dem Streit und dem Stress war es jeder Millimeter wert, hat mich jeder Disput zu dem gemacht, was ich heute bin.

Ich hoffe, dass auch meine Kinder kämpfen werden, dass sie sich sicher genug fühlen um das zu tun. Und ich hoffe, dass ich die Kraft meiner Eltern haben werde diese Rebellionen zu ertragen und eines Tages über sie lachen zu können.

How to gesund bleib

Es wird Herbst. Wir merken das daran, dass die Hörnchen kranken und es schnieft und schnorcht. Ein bisschen Husten hier, ne Schnotternase da und irgehdwie bin auch ich nicht ganz intakt. „Obstsalat!“, beschloss das Völkchen, und Pfannekuchen dazu. Ich stimmte zu und sie legten los.

A- und C-Hörnchen gingen einkaufen und besorgten lauter gesundes Obst: Äpfel, Birnen, Pfirsich und Champignons – ein Genuss. Anschließend schnibbelten sie munter drauf los, machten den Teig für die Pannekoken, karamellisierten das Obst und brieten alles ab. Das Resultat konnte sich sehen lassen und ganz bestimmt hat es uns ein bisschen gesünder gemacht. Und ja, ich gebe es zu, die Champignons habe ich aus dem Obstsalat diskutiert. Sie wurden roh dazu nicht verspeist.

Verkackt

16.06 war es als ich das erste Mal auf die Uhr sah an diesem Tag. Ich halfterte eine Katastrophe nach der anderen ab, versorgte Menschen in Not. Ob ich Nachmittags noch mal eben einspringen kann, ja klar. Wir knapp, das bemerkte ich schon; aber geht schon. Anna macht das schon, Anna schafft das.

16.06 also und dann die grausame, boshafte Erkenntnis, dass ich bis 16.00 im Kindergarten hätte sein müssen. Ich hatte mein Kind vergessen. Panisch rannte ich aus der Situation, rief im Kindergarten an, zum Glück alles ok. Der Spätdienst ist bis halb fünf da. 16.08 der panische Anruf beim Menne. „Ich hab’s alles verkackt, du musst das Kind holen!!“ Er machte, er schaffte und ich starb einen kleinen Tod. Als ich endlich zu Hause ankam, am Ende und voller Leid und Chaos, klebte ein Zettel an der Tür. „Wo seit ihr?“ hatte das B-Hörnchen geschrieben. Sie spielte oben mit der Schwester und dem Besucherkind – das ich vergessen hatte.

Dieses Mal hat mein Leben mich überholt. Nein, es hat mich abgeworfen, ist einmal über mich getrampelt und hat noch dann liegen lassen. Notbremse. Job ist Job, Ende. Die Kinder gehen vor und das ist ab heute wieder Gesetzt. Ich schäme mich, dass es so weit kommen musste, ich habe versagt.