Selektive Wahrnehmung

D-Hörnchen sieht alles. Jede Eichel, jeden Stein, jedes noch so kleine Fizzelchen Plastik. Beim Radfahren macht er die unglaublichsten Vollbremsungen aus voller Fahrt, weil er irgehdwo in einer Hecke das schönste Stöckchen der Welt gesehen hat. Die tote Amsel auf dem Weg, an der sich die Fliege labten und in deren aufgeplatztem Bauch tausende Maden kreischten, übersah er. Ein Segen!

Man wirft dem Menschen gern vor er wurde das Elend um sich herum absichtlich oder aus Boshaftigkeit übersehen. Und ja, auch ich habe schon unterstellt andere würden wegsehen, Gewalttaten oder medizinische Notfälle aus Angst ignorieren, doch gibt es eine Komponente im menschlichen Gehirn, die macht, dass wir genau das tun. Wir gehen weiter. Das liegt daran, dass unser Gehirn Begebenheiten, Situationen oder einzelne Bilder, die es als traumatisch einstuft, quasi ausfiltert. Während gewöhnliche Information erfasst, bewertet und dann abgespeichert wird, wird dieses traumatische Material nach der Bewertung weggelegt, es kommt nie auf der Bewusstseinsebene an. Menschen, die schwere Traumata erlitten haben, weisen duch diesen Mechanismus zum Teil große Amnesien auf – und gelegentlich blendet jeder von uns aus. Was zu viel ist, ist zu viel.

Das erstaunliche an dieser Funktion ist, dass sie sich ständig modifiziert und weiterentwickelt. Hat ein Mensch zum Beispiel als Kind Gewalt erlitten, reagiert der Filter hochsensibel auf derartiges Material. Entscheidet der selbe Mensch jedoch bewusst, sich mit dem Thema „Gewalt in der Kindheit“ auseinanderzusetzen, wird der Filter immer toleranter und das zumutbare Material somit wahrscheinlicher. Wie so oft im Leben kommt es auf die bewusste Entscheidung an und darauf, sich mit Problematiken auseinanderzusetzen. Natürlich ist es das gutes Recht eines jeden, seine Traumata zu hüten und die eigene Psyche nicht in Gefahr zu bringen. Trotzdem kann es ein Ansatz sein mit wachen Augen durch’s Leben zu gehen und den nächsten Notfall vielleicht zu erkennen; auch wenn er einen überfordert. Denn 112 rufen kann jawohl jeder.

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