Entscheidungen

„Willst du rechts oder links rum?“ ist so eine Frage, die ich nach dem Kindergaren oft stelle. Viele Wege führen nach Rom und beide Wege führen nach Hause. Keiner besser als der andere, definitiv. „Rechts“ bestimmte das D-Hörnchen heute und so gingen wir rechts. Nach 100 Metern blieb er stehen und verfügte „lieber da lang“. Da es in etwa 2000 Grad hatte, meine Beine voll schlapp waren und ich latent zu Schwindel neigte, sagte ich:“Nee. Du wolltest hier. Ich lauf jetzt nicht wieder zurück!“

Augenblicklich kollabierte der kleine Mensch und wurde sehr laut. Ich ging auf pädagogisch wertvolle Augenhöhe (hockte meine Schlappen Beine ab, gab mich dem Schwindel hin) und erklärte in ultra-freundlichem Ton, dass er selbst die Entscheidung getroffen hätte, und wir ja morgen den anderen Weg gehen könnten. Jetzt wolle ich schnell nach Hause, und zwar direkt. Und so setzte ich mich in Bewegung. Hinter mir wurde es massiv laut. In etwa 1,5 Metern Abstand rollerte eine unsagbar schrille Sirene hinter mir her. Ich ging gemäßigten Schrittes und ließ mich nicht beeindrucken.

Nach 30 Schritten patschte eine Alte auf dem Helm der Sirene, bedauerte ihn schnell und ging weiter. Sirene wurde lauter. Weiter 50 Schritte später hielt ein jüngerer Mann an, beriet mich gegen meinen schwindeligen Willen in Sachen Trotz und Wut, riet mir an etwas für die Sirene zu kaufen und ging seiner Wege. Keine 20 Schritte weiter hielt uns ein älterer Herr auf. Er gab zu bedenken, ob die Sirene pinkeln müsse und klopfte auf den Helm. Kurz würde es still, der Mann fühlte sich sehr bekräftigt und bemerkte nicht, dass die Sirene nur Luft holte um richtig loszulegen. Als wir grad weiter wollten, hatte auch der Herr fertig Luft geholt, sah mich durchdringend an und sagte:

„Wissen Sie? Manchmal kann ich tagelang das Bett kaum verlassen, so niedergeschlaen bin ich. Ich habe dann so nen richtigen Tunnelblick, kann mich zu nichts bewegen und will keinen sehen. Ich weiß auch nicht warum das so ist. Aber schön ist das nicht!“ Ich führte gegen den Lärm der Sirene eine Kurzberatung in Sachen Depressionen durch, bat ihn die Krankheit erst zu nehmen und gut für sich zu sorgen. Dann gingen wir unserer Wege. Er ein bisschen glücklich, D-Hörnchen laut und ich taub – und schwindelig.

2 Gedanken zu “Entscheidungen

  1. Wie schon mal erwähnt, fußen meine Erkenntnisse nicht auf eigenen Kinder, sondern nur auf geliehenen. Als Tante und Patentante hatte ich die verschiedensten Kinder in der Regel für Nachmittag oder mal für ein Wochenende zu Gast. Da fällt es dann schon wesentlich leichter einem dreijährigen klarzumachen, dass er nicht zusammenbricht wenn er jetzt 500 m die Haushaltsrollenpackung tragen muss. Es ist dann halt auch einfacher geduldig neben einer Sirine stehen zu bleiben und zu warten. Wovon man aber als Tante nicht befreit wird, sind die interessierten Mitmenschen. Angesprochen wurde ich zwar nie aber da war alles in den Blicken zwischen“ Rabenmutter“ und „unfähig ein Kind zu kontrollieren“.

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