Ein Glück

Ich bin ein großer Glückspilz! Denn ich wurde heute, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war, von einem Vogel angeschissen, mitten auf den Kopf. Jedem, dem ich im weiteren Verlauf des Tages davon erzählte, gratulierte mir herzlich zu diesem großen Ereignis und fügte hinzu, dass ich jetzt ja großes Glück zu erwarten hätte. Zwar warte ich noch auf mein großes Glück, habe mich aber vorsichtshalber schon mal damit auseinandergesetzt, wieso ich denn jetzt so viel Glück haben werde.

Die Sache mit dem Vogelschiss und dem Glück entspringt dem deutschen Aberglaube. Ursprünglich, zu Zeiten der Römer, wurden die ersten Christen als Abergläubige bezeichnet. Der lateinische Begriff superstitio, was so viel wird deutet wie Über-glaube, soll die Falschheit des christlichen Glaubens betiteln und ihn vom „richtigen“ Glauben abgrenzen. Später, als das Christentum weit verbreitet war, benannte der Aberglaube das, was wir heute als Volksglaube bezeichnen würden. Der Aberglaube grenzt sich vom religiösen Glauben ab und hat viel mit heidnischen Bräuchen oder Spiritualität zu tun. Jede Kultur kann auf eine Vielzahl an Aberglaube zurückgreifen und der deutsche Vogelschiss auf dem Kopf ist nur ein kleiner Ausschnitt des deutschen Aberglauben. Mich hat interessiert wie diese Aberglaube zu Stande gekommen ist.

Psychologisch betrachtet ist die Sache so: je weniger ein Mensch daran glaubt, sein Leben selbst beeinflussen zu können, desto mehr sucht er nach sich wiederholenden Ereignissen, die sein Leben beeinflussen könnten. Zu der Zeit als der meisten Aberglaube entstanden ist, lebte ein Großteil der Menschen unterdrückt von großen Lehnsherren ein einfaches und primitives Leben. Die Menschen waren schlecht ausgebildet, fast niemand konnte lesen und schreiben und das Leben war hart und entbehrungsreich. Das eigene Leben beeinflussen oder mitgestalten konnte fast niemand. Hieraus könnte man ableiten, dass der Mensch prinzipiell er unzufrieden und ausgeliefert war. Um diesen ausgelieferten Gefühl einen Rahmen zu geben, beginnt das Hirn logische Zusammenhänge zu suchen. Da es diese Zusammenhänge jedoch in vielen Dingen nicht finden kann, sucht das Gehirn sich ein markantes Ereignis A, nämlich eins das irgendwie von Wichtigkeit zu sein scheint, und bringt dieses mit einem bald darauf eingetroffenen Ereignis B in Verbindung. Will es der Zufall dann so, dass das Ereignis A und die offenbar daraus resultieren der Konsequenz B bald noch einmal zusammen ein Treffen, manifestiert sich eine Logik im Hirn. Diese führt sich dann fort und wächst mit jedem einzelnen aufgetretenen Ereignis zu einem fundierten Aberglauben.

Für mein Vogelschiss und das vermeintliche Glück bedeutet das ganz einfach, dass wahrscheinlich irgendwann im tiefsten Mittelalter einmal ein Mann von einem Vogel an geschissen wurde, der wenig in seinem Leben mit gestalten konnte und vielleicht sehr frustriert war. Da der Vogelschiss ihn prinzipiell eher noch mehr frustrierte, war ein Glück dass ihn kurz darauf traf sehr markant für ihn. Als dann noch seine Frau drei Tage später von einem Vogel auf den Kopf geschissen wurde, wartete der Mann auf das eintretende Glück und wahrscheinlich passiert irgendetwas. Diese erkannte Weisheit gab er weiter und auch der Nachbar wurde eines Tages von einem Vogel angeschissen, auch ihm wieder fuhr ein Glück und auch er gab das so weiter,… Ein wenig ist es wie Horoskope zu deuten, denn wenn man auf etwas bestimmtes wartet, kann man es in fast jedem Ereignis erkennen. Ich warte nun also auf ein großes Glück dass mir widerfährt und werde es mit Sicherheit finden. Vielleicht schmeckt der nächste Kaffee ganz besonders lecker oder der Elternabend wird besonders kurz. Denn, das ist ganz wichtig, Glück liegt immer im Auge dessen, dem es widerfährt.

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