Zum liebhaben

Ich betrete den Kindergarten und das D-Hörnchen rennt auf mich zu. „Maaaammmiiiiiiii“ quäkt er mit freudiger Stimme während er mit weit ausgebreiteten Armen auf mich zu rennt. Wenig später am Auto schnalle ich ihn an als er seine Ärmchen um meinen Hals legt. Ganz fest drückt er mich an sich, seufzt dabei „Maaammaaaa!“. Es folgen dutzende Küsse und die Ansage, ich dürfte nie mehr die Autotür zu machen, dann müsste er ja aufhören zu küssen. Schmunzelnd löse ich mich aus der Umarmung, erkläre ihm nicht für immer auf dem Parkplatz bleiben zu wollen und steige dann doch selbst ins Auto.

„Ich wäre gern die Frau, die meine Kinder in mir sehen“ schrieb kürzlich eine Mama auf Twitter; und ja, sie hat recht. Es ist erstaunlich was Kinder ihren Eltern durchgehen lassen – und umgekehrt übrigens. Die bedingungslose Liebe zwischen Eltern und Kindern ist beeindruckend und warscheinlich einzigartig. Jedoch ist es eben das Bedingungslose, das es auch beängstigend macht. Kinder lassen ihren Eltern so viel durchgehen, akzeptieren so viel Leid und Schmerz, nur um etwas Liebe abzukassieren.

Zurück aber zum D-Hörnchen auf dem Rücksitz. Mit glühendem Mutterherz starte ich also das Auto, bedingungslos verliebt in diese 110 cm Mensch mit den klebrigen Fingern und danke dem Universum dafür, dass ich das erleben darf. „Mmaaaammaaaa, darf ich gleich Eis und Fernsehen?“ wispert es da vom Rücksitz und ich antworte so: „Nein, Fernsehen ist erst Abends. Und gleich essen wir Obst.“

„Du bist eine doofe scheiss-Mama!“ poltert es da von hinten! Die aller doofste Mama und gar keiner hat dich lieb nämlich weil ich so doof bin,… Und plötzlich erkenne ich, ich bin genau die, die meine Kinder in mir sehen. Manchmal bin ich großartig, zum liebhaben, manchmal wahnsinnig scheisse. Manchmal habe ich mächtig einen an der Waffel und manchmal bin ich blöd. Immer aber bin ich ich; so echt wie ich eben sein kann. Und das kann man auch ruhig mal lieb haben.

Die Ruhe in Person

Der Wecker des C-Hörnchens hat irgehdwie nicht geklingelt und somit beginnt der Tag für sie etwas zu spät. „Verzug!“ schreit mein Hirn und ich versuche fair zu bleiben. Nicht antreiben, nicht stressen. Auch das Müsli findet heute nur langsam den Weg in die Kinder. Zu viel haben sie mitzuteilen, zu viel ist über Nacht passiert. So zeigt sich der Morgen wie Kaugummi. Auch der Aufbruch zu Schule und Kita ist holprig. Meine Nerven sind zum zerreißen gespannt.

Heute muss ich wahnsinnig pünktlich auf der Arbeit sein. Ich muss zudem Bus fahren, das kostet Zeit; außerdem wartet ab acht eine sehr spezielle Klientin auf meinen Anruf, für den ist viel Ruhe, Gelassenheit und Zeit brauche. Atmen, einfach weiter atmen.

Ich kann meine Zigaretten nicht finden, rege mich zusehends auf und die Kinder werden mit jedem angespannten Ausatmen langsamer. Wir vergessen den Rucksack des D-Hörnchens zu Hause und im Kindergarten bahnt sich ein Drama an. Atmen. Einfach weiter atmen.

Wisst ihr, Mutter sein und arbeiten ist in aller Regel machbar, kein Hexenwerk. Schwierig sind diese Momente, in denen die Belastungen auf beiden Seiten dazu führen, dass man sich selbst kirre macht. Meine Kinder werden nicht schneller wenn ich sie antreibe und der Zeitplan wird nicht großzügiger wenn ich an ihm zerre. Die arbeitsbedingte Anspannung überhaupt an die Kinder heranzulassen nervt mich schon gewaltig und das Stresslevel wächst weiter. Auch mein hoher Anspruch an mich selbst im Job gut der Kiste nicht gut und so quetsche und drücke ich auch an mir selbst, was die Situation weiter verschärft.

Atmen, einfach weiter atmen. Die Messlatte wieder ein Stück runter fahren und zurück zu dem sehen was wirklich wichtig ist: Der entspannte Morgen mit meinen Kindern, jeden Tag. Die erste Stunde des Tages, in der wir uns all die wichtigen Dinge erzählen, die uns im Schlaf passiert sind. D-Hörnchen hat zum Beispiel von Batman geträumt. Mit Eis.

Neues Fahrrad

Mit Fahrrädern war das bisher immer so: Wir kauften für A-Hörnchen ein Fahrrad, durchaus hochwertig und das fuhr er dann. Nach ihm das B-Hörnchen, danach das C-Hörnchen, danach der Cousin und danach das D-Hörnchen. So lief das mit dem 12 und dem 14“ Rad und mit dem 18er. Das 24er kauften wir für A-Hörnchen neu, ein cooles Jungenrad, für das B-Hörnchen bekamen wir ein zweifach gebrauchtes von einer Freundin. Nie hat sie geklagt, auch keiner der anderen im übrigen. Alle haben ihre Räder immer geliebt. Zuletzt wurde deutlich, dass C-Hörnchen das 24er Rad benötigt und so zogen wir heute los endlich ach dem B-Hörnchen ein echtes eigenes Fahrrad zu kaufen.

Gracie zog ein, und was soll ich sagen? Sie ist super!

C- und D-Hörnchen begannen schon im Laden begeistert die ungeahnten Schönheiten probezufahren. „Die Fahrräder hier glänzen!“ staunte das D-Hörnchen und auch C-Hörnchen glaubte kaum was sie da sah. Träume in Rosa und Pink, keine Beulen, kein Rost. Beide drehten begeistert Runde um Runde und irgehdwann nahm ich mir C-Hörnchen, deren Fahrrad ja viel zu klein geworden ist, zur Seite und erklärte ihr, dass heute aber das B-Hörnchen ein Rad bekommen würde und sie wiederum das alte Rad … Mir zerriss es fast das Herz! C-Hörnchen sah mich verständig an und sagte dann: „Ja! Ich liebe den alten Esel von B-Hörnchen ja auch! Aber hier kann ich ja auch mal mit einem pinken fahren.“ Ja, das konnte sie.

Zu Hause angekommen freuten sich beide Mädchen gleichermaßen über ihre „neuen“ Räder. Voller Freude montierten sie Schlösser und Klingeln, fuhren ihre Schätze ausgiebigspazieren und waren – ein wie die andere – glücklich!

Entscheidungen

„Willst du rechts oder links rum?“ ist so eine Frage, die ich nach dem Kindergaren oft stelle. Viele Wege führen nach Rom und beide Wege führen nach Hause. Keiner besser als der andere, definitiv. „Rechts“ bestimmte das D-Hörnchen heute und so gingen wir rechts. Nach 100 Metern blieb er stehen und verfügte „lieber da lang“. Da es in etwa 2000 Grad hatte, meine Beine voll schlapp waren und ich latent zu Schwindel neigte, sagte ich:“Nee. Du wolltest hier. Ich lauf jetzt nicht wieder zurück!“

Augenblicklich kollabierte der kleine Mensch und wurde sehr laut. Ich ging auf pädagogisch wertvolle Augenhöhe (hockte meine Schlappen Beine ab, gab mich dem Schwindel hin) und erklärte in ultra-freundlichem Ton, dass er selbst die Entscheidung getroffen hätte, und wir ja morgen den anderen Weg gehen könnten. Jetzt wolle ich schnell nach Hause, und zwar direkt. Und so setzte ich mich in Bewegung. Hinter mir wurde es massiv laut. In etwa 1,5 Metern Abstand rollerte eine unsagbar schrille Sirene hinter mir her. Ich ging gemäßigten Schrittes und ließ mich nicht beeindrucken.

Nach 30 Schritten patschte eine Alte auf dem Helm der Sirene, bedauerte ihn schnell und ging weiter. Sirene wurde lauter. Weiter 50 Schritte später hielt ein jüngerer Mann an, beriet mich gegen meinen schwindeligen Willen in Sachen Trotz und Wut, riet mir an etwas für die Sirene zu kaufen und ging seiner Wege. Keine 20 Schritte weiter hielt uns ein älterer Herr auf. Er gab zu bedenken, ob die Sirene pinkeln müsse und klopfte auf den Helm. Kurz würde es still, der Mann fühlte sich sehr bekräftigt und bemerkte nicht, dass die Sirene nur Luft holte um richtig loszulegen. Als wir grad weiter wollten, hatte auch der Herr fertig Luft geholt, sah mich durchdringend an und sagte:

„Wissen Sie? Manchmal kann ich tagelang das Bett kaum verlassen, so niedergeschlaen bin ich. Ich habe dann so nen richtigen Tunnelblick, kann mich zu nichts bewegen und will keinen sehen. Ich weiß auch nicht warum das so ist. Aber schön ist das nicht!“ Ich führte gegen den Lärm der Sirene eine Kurzberatung in Sachen Depressionen durch, bat ihn die Krankheit erst zu nehmen und gut für sich zu sorgen. Dann gingen wir unserer Wege. Er ein bisschen glücklich, D-Hörnchen laut und ich taub – und schwindelig.

Selektive Wahrnehmung

D-Hörnchen sieht alles. Jede Eichel, jeden Stein, jedes noch so kleine Fizzelchen Plastik. Beim Radfahren macht er die unglaublichsten Vollbremsungen aus voller Fahrt, weil er irgehdwo in einer Hecke das schönste Stöckchen der Welt gesehen hat. Die tote Amsel auf dem Weg, an der sich die Fliege labten und in deren aufgeplatztem Bauch tausende Maden kreischten, übersah er. Ein Segen!

Man wirft dem Menschen gern vor er wurde das Elend um sich herum absichtlich oder aus Boshaftigkeit übersehen. Und ja, auch ich habe schon unterstellt andere würden wegsehen, Gewalttaten oder medizinische Notfälle aus Angst ignorieren, doch gibt es eine Komponente im menschlichen Gehirn, die macht, dass wir genau das tun. Wir gehen weiter. Das liegt daran, dass unser Gehirn Begebenheiten, Situationen oder einzelne Bilder, die es als traumatisch einstuft, quasi ausfiltert. Während gewöhnliche Information erfasst, bewertet und dann abgespeichert wird, wird dieses traumatische Material nach der Bewertung weggelegt, es kommt nie auf der Bewusstseinsebene an. Menschen, die schwere Traumata erlitten haben, weisen duch diesen Mechanismus zum Teil große Amnesien auf – und gelegentlich blendet jeder von uns aus. Was zu viel ist, ist zu viel.

Das erstaunliche an dieser Funktion ist, dass sie sich ständig modifiziert und weiterentwickelt. Hat ein Mensch zum Beispiel als Kind Gewalt erlitten, reagiert der Filter hochsensibel auf derartiges Material. Entscheidet der selbe Mensch jedoch bewusst, sich mit dem Thema „Gewalt in der Kindheit“ auseinanderzusetzen, wird der Filter immer toleranter und das zumutbare Material somit wahrscheinlicher. Wie so oft im Leben kommt es auf die bewusste Entscheidung an und darauf, sich mit Problematiken auseinanderzusetzen. Natürlich ist es das gutes Recht eines jeden, seine Traumata zu hüten und die eigene Psyche nicht in Gefahr zu bringen. Trotzdem kann es ein Ansatz sein mit wachen Augen durch’s Leben zu gehen und den nächsten Notfall vielleicht zu erkennen; auch wenn er einen überfordert. Denn 112 rufen kann jawohl jeder.

Sechs Eier

Ich sitze auf dem Stuhl in der Küche. Auf meinem Schoß thront die Katze. Ich frage mich ob wir sechs Eier haben und gebe die Frage ans D-Hörnchen. Motiviert steht er auf, geht zum Kühlschrank und öffnet die Tür. „Zu hoch oben!“ erklärt er die Lage. Ich solle nachsehen. Aber ich habe ja die Katze. „Wir rufen Papa an und sagen ihm, dass er herkommen soll und nachgucken!“ So wähle ich die Nummer und der Menne geht ans Telefon. D-Hörnchen sagt:“Papa, du sollte herkommen und nachgucken, ob wir sechs Eier haben!“ Der Menne argumentiert noch lange arbeiten zu müssen, und das Hörnchen erklärt abermals die verzwickte Situation. Dr Menne ist schlau, schlägt dem Hörnchen vor einen Hocker zu nehmen. Das klingt gut, findet das Hörnchen, beendet das Gespräch und schiebt einen Hocker vor den Kühlschrank. Zu seiner großen Überraschung geht die Tür nicht auf, steht ein Hocker vor. Also wieder von vorn, Hocker weg, Tür auf, Hörnchen auf den Hocker und tatsächlich! Ganz weit oben steht ein Eierkarton!

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die Katze springt vom Schoß

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6.

Gut, wenn man mit Sicherheit den kompliziertesten Weg finden kann!

Was zählt

Was sind die Dinge, die man in den letzten Minuten, bis man zur Schule muss, noch erledigen muss? Einfach!

„Oh, ich hab Sport. Ich geh Sachen packen.“ Sagt das B-Hörnchen fünf Minuten vor dem Abflug. „Ich auch!“ kräht C-Hörnchen und springt ebenfalls auf. Sekunden später nimmt das Elend seinen Lauf. „Ich kann meine Hose nicht finden, ist mein Leoparden T-Shirt nicht gewaschen, meine Sportschuhe sind zu klein, die Tasche ist ja voll dreckig, kannst du schnell noch meinen Badeanzug waschen, ich brauche noch isotonisches zu trinken, kannst du mal diese neues Flechtzopffrisur ausprobieren, die die Frau in der Zeitung neulich hatte, eigentlich hätte ich auch gern braunere Haare, mein Leoparden T-Shirt ist zu klein und ich mag meine Sporttasche nicht mehr und ich bekomme das auch auf dem Rad alles gar nicht mit, meine Regenjacke ist mir zu pink.“

Als die Mädels los müssen ist irgendwie alles gut. Bis auf dass das D-Hörnchen bemerkt, dass er noch Wechselzeug,Gummiestiefel, Muffins, einen Atomreaktor und einen Zwergwal braucht. Jetzt!

..and nothing else matters!

D-Hörnchen und ich fertigen die Einladungskarten zum Kindergeburtstag. Es ist entspannt, er malt, ich schreibe. „Mama, kannst du was von Metallica anmachen?“, höre ich das Stimmchen meines Kleinsten. Und ja! Das kann ich. Ich mache das „Black Album“ an, mein liebstes bestes Metallica-Album und wir lauschen der Musik. Gestern vor 27 Jahren ist es übrigens erschienen und immer noch ist es toll. Bei Nothing Else matters spitzt er seine kleinen Ohren und bestätigt:“Das ist schön!“

Minuten später sind die Stifte doof, die Einladungen unartig und das D-Hörnchen bekommt einen Wutanfall, wie man ihn nur mit vier oder fünf haben kann. Dicke Kullertränen liefen ihm über die roten Wangen, tief verzweifelt lag er mit dem Kopf auf dem Bastelwerk und wusste weder ein noch aus. Mir das Problem zu schildern, in diesem Moment unmöglich. Ein epischen Drama spielte sich vor meinen Augen ab und ich konnte nichts tun. Nach einiger Zeit gelang es mir den schreienden Wurm von seinem Stuhl zu lösen und nahm ihn auf den Schoß. Dort weinte er noch eine Weile wie entwurzelt weiter bis er es irgendwann schaffte mit letzter Kraft zu schluchzen: „Sing mir das schöne von Metallica, bitte.“

Und das tat ich, denn wenn ich eins auf der Welt kenne, dann die heilende Wirkung dieses kleinen Liedes. Uns so sang ich, für ihn, für mich, für James Hetfield und für die Einladungskarten. Natürlich half es, natürlich.

Übrigens war die Reihenfolge der Buntstifte durcheinander gekommen. Episches Drama, sag ich ja.

Eine Demo

„Für sichere Häfen“ und „gegen die Kriminalisierung der Retter“ gingen heute in Bremen viele Menschen auf die Straße. Laut und Orange traf man sich um ein Zeichen zu setzten und dem Sterben im Mittelmeer ein Ende zu setzten. Dieses Mal war ich mit den Hörnchen da; Zeit für frühkindliche politische Bildung! Denn Kinder zu einer Demo zu schleppen ist ja nur eine Seite der Medaille. Viel wichtiger ist all das, was im Vorfeld abgelaufen ist. Was ist eine Demo, wozu? Wofür, wogegen und mit welchem Zweck macht man das? Und eine enorm wichtige Frage, die jedes Hörnchen erörtern musste: Will ich das denn machen?

Und so redeten wir, lange. „Demo“, das ist wenn ganz viele Menschen zusammenkommen um darauf aufmerksam zu machen, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmt. Und da im Moment Menschen in Not sind und denen zu wenig geholfen werden kann, stimmt da etwas ganz gewaltig nicht. Wir sprachen über Flucht und Fluchtgründe und viel über die Gefahren. Entsetzen machte sich breit und trotz wohl gewählter Worte und kindgerecht aufbereiteten Informationen stand schnell fest: Wir gehen zu der Demo! Und so raffelten sie zusammen was Krach macht und zogen mit mir und meiner Freundin los. Eine halbe Demo und zwei Kundgebungen schafften sie eh die Luft raus war.

Auf dem Rückweg in der Bahn kamen wir noch einmal an der Demo vorbei. Ein Mann empörte sich über das Anliegen der Demonstranten und sprach sehr hässliches Zeug. A-Hörnchen sah ihn zweifelnd an und fasste treffend zusammen:“ Der muss einfach sehr dumm sein, wenn er will das Menschen sterben!“ Dem kann ich nichts mehr hinzuzufügen.