Der Chemnitz-Effekt

Die taz stellt heute die Frage, ob es durch die Ereignisse in Chemnitz vor einem Monat einen Anstieg rechtsradikaler Gewald gibt. Die Zahlen sprechen dafür, aber kann das sein? Aus psychologischer Sicht gibt es zwei Phänomene, die die These deutlich untermauern.

Zunächst muss die Gewöhnung angesprochen werden. Der Mensch gewöhnt sich recht schnell an alles und ist in der Lage blitzschnell Toleranzen aufzubauen – nicht gegenüber fremden Menschen, das ist wahr. Aber, gegenüber Verhalensweisen und Gegebenheiten, die er zwar nicht ganz überblickt aber dennoch ganz ok findet. Rechte Gewalt fällt klar in diesem Themenkomplex. Sie hat stattgefunden, es ist nichts schlimmes passiert, also war es ok. So simpel arbeitet das Gehirn, so simpel ist die Gesellschaft aufgebaut. Dieser einfache Mechanismus der Abstumpfung funktioniert tadellos, zum Beispiel auch im Falle häuslicher Gewalt, bei Seitensprüngen oder dem „blau machen“ im Job. Jede geglückte Aktion legitimiert die darauf folgende und damit das Gesamtkonzept. Die enorme Medienwirksamkeit der Rechten Gewalt in Chemnitz hat zwar auch zu einer beachtlichen Welle von links Geführt, warscheinlich aber hat sie auch mächtig abgestumpft.

An zweiter Stelle möchte ich den „Werther Effekt“ nennen. Der Werther Effekt ist ein Phänomen, dass seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat. 1774 veröffentlicht Goethe die „Leiden des jungen Werthers“, ein Drama, in dem sich ein junger Mann aus Liebeskummer das Leben nimmt. Das Buch wurde ein großer Erfolg, leider wurde bald deutlich, dass auch die Anzahl der Suizide junger Männer rapide zunahm. Viele der Suizidalen kopierten sogar den im Buch beschriebenen Suizid, so dass der Verdacht aufkam, dass die Suizide in direkter Verbindung zum Bich stehen. Mit der Zeit sich etablierte sich der Begriff des Werther-Effektes. Heute gilt es, von Suiziden in den Medien so wenig wie möglich kund zu tun, um mögliche Nachahmer zu vermeiden. Die Methode gilt als bewährt. Tatsächlich aber sind es nicht nur Suizide, die Menschen dazu animieren etwas nachzumachen, es sind auch zahllose andere Ereignisse, auf die dies zutrifft. Wichtig ist auch hier der große Erfolg einer Sache – so wie in Chemnitz! Die Gewalt, das Entsetzten, die große mediale Aufmerksamkeit; all das ist ein großer Anreiz für die, die zwar an sich nicht radikal sind aber sich die Aufmerksamkeit wünschen. Denn die Nachahmer vereint in der Regel weniger die Überzeugung an der Sache als die Gier nach Aufmerksamkeit.

Was also tun? Möglich wäre es, die mediale Ausschlachtung einzudämmen und die Motivation derer, die genau das suchen zu minimieren. Außerdem würde eine geringere Präsenz in den Medien auch die Abstumpfung geringer halten. Wichtig ist, dass ich nicht davon spreche die Dinge totzuschweigen oder zu ignorieren. Nur darf die Berichterstattung nicht aufgeblasen, blutrünstig und allzu theatralisch sein. Nüchterne Fakten, bewertet und gemessen am gesunden Menschenverstand und den Werten des Zusammenlebens, reichen aus um zu informieren und ein Bild zu verschaffen. Ein Mord wird nicht grausamer dadurch, dass beschrieben wird, wieviele Liter Blut in welchem Radius verteilt waren. Auch der genaue Tathergang, minuziöse Aufstellungen und Fotos dienen nicht der Aufklärung der Masse sondern sind klar reißerisch angelegt und dienen einem ganz anderen Herren. Wie so oft gilt ganz klar: Weniger ist mehr!

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