Kleine Aster

Ich möchte euch eins meiner Lieblingsgedichte vorstellen. „Kleine Aster“ von Gottfried Benn:

Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.

lrgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster

zwischen die Zähne geklemmt.

Als ich von der Brust aus

unter der Haut

mit einem langen Messer

Zunge und Gaumen herausschnitt,

muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt

in das nebenliegende Gehirn.

Ich packte sie ihm in die Brusthöhle

zwischen die Holzwolle,

als man zunähte.

Trinke dich satt in deiner Vase!

Ruhe sanft,

kleine Aster!

„Kleine Aster“ erschien 1912 zusammen mit 5 weiteren Gedichten in einem Band namens „Morgue“ was der Name des Pariser Leichenschauhauses ist. Gottfried Benn lebte in Berlin, war Arzt und bald auch Lyriker. Seine Werke leben von einer einzigartigen Art die Dinge zu beschreiben, sachlich und klar, ohne jede Wertung – so wie ein Mediziner es vermag.

Auch die „Kleine Aster“ mag ich für ihre nüchtern pragmatische Art. Alles endet, alles beginnt. Des einen Untergang ist des anderen Rettung, nichts hat mehr wert als ein anderes, alles ist gleich.

Ein Gedanke zu “Kleine Aster

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