Der Tod hat seine Sache gut gemacht

Um es vorwegzunehmen, ich mag diese Bettelfeste nicht. Ich mag kein Nikolauslaufen und ebenso wenig mag ich Halloween. Es ist mir irgendwie unangenehm wenn meine Kinder von Tür zu Tür laufen und nach Süßigkeiten betteln; die wir dann später hier zu Hause eine Weile lang horten und irgendwann wegwerfen. Zugegeben, ein nicht unbeachtliche Teil endet auch in meinem Magen. Wie dem auch sei, nicht alles was ich nicht mag wird von den Hörnchen eben so verachtet. Und so ist eins ganz klar: meine Hörnchen lieben Halloween!

In diesem Jahr hat sich insbesondere das A– Hörnchen verausgabt. In unserem Flur hat er eine Art Mini Geisterbahn erschaffen, sich selbst hat er als Tod verkleidet und diverse Kürbisse wurden geschnitzt. Unser Vorgarten war liebevoll dekoriert und so erwartete der Tod seine Jünger. Und während ich mit den drei kleinen Hörnchen von Tür zu Tür lief, taschenweise Süßigkeiten einsammelte und mich ein kleines bisschen schämte, erschrak mein elfjähriger gerade zu meisterlich alle Kinder aus der näheren Umgebung. Immer wieder wann Schreie zu hören, ein Mädchen, dass sogar deutlich älter als er selbst war, fing sogar an zu weinen. Nach getaner Arbeit setzt sich mein Kind zufrieden an den Abendbrot Tisch und sprach die zufriedenen Worte:

„Der Tod hat seine Sache heute gut gemacht!“ Damit steckte er sich ein Stück Pizza in den Mund und kaute zufrieden. Humor, den hat er ja; mein großer Sohn!

Der kleine Tod und der große Geist

Im Dunkeln

Schon als Kind hatte ich häufig Angst im Dunkeln. In meinem Bett gefangen, war ich nicht in der Lage die rettende Tür zu erreichen, da die Monster unter meinem Bett jederzeit bereit waren mich von hinten an zu springen oder mir die Beine hinterrücks weg zu reißen. Diese Angst hat mich etliche Nächte und viele viele Nerven gekostet. Genau genommen ist sie aber bis heute nicht ganz weg.

Nach den Geburten, wenn ich viel nachts die Kinder gestillt habe, habe ich regelmäßig geradezu panisch des nachts da gesessen, mich nicht getraut mich zu regen und habe abgewartet, da ich es vollkommen logisch fand, dass hinter der Gardine eben das Monster sitzt, dass Jahre zuvor noch unter meinem Hochbett gehaust hatte. Die Furcht vor dem unbekannten, der hinter der Fensterscheibe lauert, nur auf eine Regung wartet und darauf aus ist mir etwas fürchterliches an zu tun, ließ mich nächtelang panisch verharren und warten.

Auch heute ist von dieser Angst noch einiges vorhanden. Wenn ich mit den falschen Gedanken oder nach dem falschen Filmen ins Bett gehe, muss ich mich sehr anstrengen nicht panisch zu werden. Auch heute kann ich mir lebhaft vorstellen, dass hinter irgendeiner Ecke oder im Bettkasten jemand sitzt, der mich töten will. Sehr langsam, sehr grausam und sehr schmerzhaft! Tatsächlich habe ich es heutzutage wesentlich besser unter Kontrolle, jedoch gibt es nach wie vor Momente oder Situationen, in denen jede Kontrolle entgleitet und ich immer noch panisch werde. Besonders prädestiniert sind Situationen im Dunkeln und draußen. Da ich im Dunkeln recht schlecht gucken kann und ich fremden Menschen er mit einem Ur – Misstrauen entgegen trete, kann so einen Weg von irgendwo nach Hause für mich schnell zum Höllenritt werden. Auch hier gibt es gute und schlechte und ganz andere Tage, was genau die triggernden Faktoren sind, habe ich bis heute nicht ergründen können.

Evolutionär betrachtet, hat Dunkelheit zwei Komponenten. Zum einen bietet sie Schutz, weil man sich in ihr verstecken kann. Wenn einer in einer dunklen Ecke sitzt, kann er nicht aufgefunden werden, wer nich zu sehen ist, dem kann nichts geschehen. Die andere Seite der Medaille ist aber, dass man nicht sehen kann wer sich in der dunklen Ecke versteckt hat, wer einem auf lauert oder was einem geschehen könnte. Evolutionsforscher sagen, dass es einen Wendepunkt gegeben hat, als der Mensch die Bäume verließ und auf den unsicheren und überschaubaren Boden kam. In den Wipfeln der Bäume waren wir sicher. Es gab nicht allzu viel Richtungen, aus denen Feinde heranrücken konnten, die Dunkelheit bot und Schutz und Sicherheit. Auf dem Boden ist dies ganz anders. Vielleicht bin ich tief in mir ein Baumbewohner?!

Neurologen begründen die Angst erwachsene Menschen im Dunkeln damit, dass das Gehirn bei Dunkelheit auf hormoneller und Transmitter Ebene auf höhere Achtung und höre Aufmerksamkeit schaltet. Dies würde bedeuten, dass wir Nachts einfach besser wahrnehmen, besser deuten und besser funktionieren können. So rum betrachtet gestaltet sich die Sache noch unangenehmer. Bin ich nachts wirklich aufmerksamer, bedeutet dies dass ich die vielen potentiellen Gefahren einfach besser wahrnehme und sie womöglich wirklich alle da sind. Oder bin ich vielleicht einfach paranoid? Aufgrund unserer biologischen visuellen Disposition im Dunkeln, würde es dennoch viel Sinn machen wenigstens auf neuronaler Ebene die Sinne zu schärfen. Möglicherweise haben meine Sinne also recht; vielleicht lauern mir in der Dunkelheit eigenartige Gestalten – oder aber zumindest alkoholisierte Jugendliche auf, die es ungeheuer lustig fänden mich, vom Fahrrad zu treten. Wer weiß das schon…

Aus psychologischer Seite kann man die Sache analytisch Angehen und kommt schnell zu dem Schluss, dass der erwachsene Mensch, der sich im Dunkeln fürchtet, Angst davor hat die Kontrolle zu verlieren. Außerdem wird er von Verlustängsten und fehlendem Urvertrauen umgetrieben. Ob das der Fall ist? Ich möchte das im Leben nicht erörtern, viel lieber analysiere ich andere Menschen als einen ernsthaften Blick in mich selbst zu werden. Ich bin doch nicht verrückt!

Wie dem auch sei. Wichtig ist es, das Phänomen Angst, und hierbei ist es völlig egal Angst wovor jemand Angst hat, ernstzunehmen. Es ist weder dumm noch peinlich sich vor etwas zu fürchten, dumm ist es nur diesen Gefühl der Furcht nicht nachzugeben und sich womöglich selbst in Gefahr zu bringen. Denn wer panisch unterwegs ist, der bringt sich ganz ohne fremdes Zutun in Gefahr und hilft sich damit ganz bestimmt am aller wenigsten. Und erst in dem Moment, in dem eine Angst die eigene Lebensqualität einschränkt, gehört sie behandelt.

Gewitter im Kopf

Beim Aufstehen zog es bereits auf.

Tiefe, schwere Wolken, die bedrohlich

Langsam aber entschlossen

In meinem Kopf zuzogen

Mit nur einem Ziel.

Der Druck steigt schnell

schon ein Atemzug reicht aus um zu erkennen

dass sie wieder da ist,

mit all ihrer Schönheit und all ihrer Macht

Brachial und gemein,

angetreten um ungefragt bei mir zu sein.

Gewitter im Kopf

unglaubliche Schmerzen

Auf Tabletten folgen Tropfen

Und der Scheiss hört nicht auf.

Rostige Nägel ins Gehirn geschlagen,

ein Brennen wie von 2 Million Scoville

Und kein Gedanke mehr möglich

alles wie Brei.

Und was soll ich sagen,

ich geh jetzt einkaufen.

„Show Must Go on“ sagte Freddy so schön.

Nur er ist schon tot

Und muss nicht mehr in der verkacken Schlange,

im Supermarkt stehn‘.

first love

„Mama, hast du noch alte Sachen von früher?“, Fragte mich das A – Hörnchen vor ein paar Tagen. Und ja! Ich habe noch alte Sachen von früher. Unendliche Massen alter Sachen von früher, vornehmlich aus den Jahren 1995 bis 1997. Und so stiegen wir heute auf den Dachboden um in der alten Zeit herum zu forsten und mal zu gucken, was die Mama so getrieben hat als sie 12 oder 13 Jahre alt war.

Die Suche ging schnell und so standen wir ruckzuck vor drei wirklich großen Kisten, voll gestopft mit Kram. Zugegeben ein klein wenig hatte ich vergessen was dort alles drin ist. Uns erwartete eine wahre Flut aus Take That- Fan Artikeln. Neben einiger Kilo Videocassetten, Audio Kassetten, Postern und Zeitungsartikeln fanden wir natürlich auch die obligatorischen Bravo- Autogrammkarten, Briefmarken, Klebe- Tattoos, Bügelbilder und Song-Books. All das Zeug war fein säuberlich sortiert, die einzelnen Blätter ein geklebt, in den Ordnern hatte ich Inhaltsverzeichnisse angelegt. Auch diverse Panini Alben, Sticker Alben und sündhaft teure Fanzeitschriften fanden sich, so dass ich mich schnell fragte, wie ich das überhaupt finanziert habe? Nun ja, Prioritäten muss der Mensch setzen und so habe ich das eben finanziert – weil es das allerwichtigste auf der Welt war. Einige Minuten später schmunzelte ich sehr; hätte ich in meinem späteren Leben die Schule mit einer solchen Sorgfalt behandelt, mein Abi hätte sicherlich nicht die Note 3,6 gehabt! Nun gut, man kann nicht alles haben. Prioritäten muss man setzen, und auch später hatte ich diese deutlich formuliert. Wie dem auch sei, wir gruben weiter und fanden neben einem Take That Kopfkissen, 25 T-Shirts, dieversen Mützen und Caps, einen Rucksack, einer Reisetasche, einem Duschgel, Schmuck, dutzender Schlüsselanhänger und zwei Jacken auch die damals unglaublich begehrten Take That- Barbie Puppen. Leidenschaft und Hingabe, ja das konnte ich schon immer gut. Was ich in dieser Zeit an Zeit, Geld, Gehirnsschmalz und Emotionen ausgegeben habe und diesen Kult gerecht zu werden… Es ist unglaublich!

Wie alles im Leben endete diese Phase recht abrupt im Sommer 1997. An die Stelle von Mark, Robbie, Gary, Jason und Howard trat der erste echte Freund. Für alberne Schwärmerei, Poster und Zeitungsartikel war nun keine Zeit mehr. Ein neuer Lebensabschnitt begann und auch dieser endete, sowie viele andere es bereits taten und noch tun werden. Ich bin wahnsinnig gespannt, was mich in den kommenden Jahren erwartet. Welche Teenie- Idole gehuldigt werden, welche Poster aufgehängt und welche Konzerte wir gemeinsam besuchen werden. Wenn meine Kinder ähnlich begeisterungsfähig sein, wie ich es war oder wird sie all das völlig kalt lassen? Ich werde es erleben, und wenn ich mir überlege, dass der Wahnsinn bei mir mit zwölf Jahren begann, dann ist es gar nicht. Mehr lange hin. Überhaupt gar nicht mehr!

Hoch-herbstliche Gesamtlage

Es herbstet ganz gewaltig. Sturm und Regen und kalt und drei Pullis statt zwei. Fast hatte ich vergessen wie es ist, ernsthaft zu frieren, während man eilig eine Zigarette durchzieht und mir ständig meine Haare in die Glut wehen. Ja, so war Herbst, nervig mit wunderbar.

Überall liegt Laub und ich liebe den würzig klammen Geruch, den es versprüht, während man mit dem Fahrrad auf ihm ausrutscht und sich nur fast was reißt; ein Band oder zwei. Die Luft ist so feucht, sie klebt fast im Gesicht und kräuselt meine Locken noch mehr als sonst. Ein wenig widerspenstig ist er wohl, aber das bin ich auch.

Und am Abend, wenn ich den Ofen nicht anbekommen habe, weil es so weht. Wenn es kalt ist in der Küche und alle beisammen sitzen, dann gibt es Suppe. Denn Suppe wärmt von innen und macht froh. Und ja, warscheinlich ist das auch so. Ab heute ist der Herbst nun da, und ich glaube ich mag ihn. Und wenn ich ganz genau hinhöre, dann verspricht er mir Schnee.

You never walk alone

Heute Morgen, auf dem Weg zum Kindergarten, fing das D– Hörnchen fast an zu weinen. Aus irgendeinem Grund muss er plötzlich realisiert haben, dass er eines Tages groß ist und ein eigenes Leben führt. Mit glasigen Augen sah er mich an und teilte mit:“ Ich will für immer in eurer Familie bleiben!“ Etwas verwirrt sah ihn an und versicherte ihm, dass er auch für immer bei uns bleiben wird. Wo soll er denn auch hin? Er ist unser D – Hörnchen und gehört ganz genau zu uns, so wie eben die andern drei auch. Wir fuhren ein Stück weiter und da platzte es aus ihm heraus:“ Auch wenn ich groß bin!“ Und erst jetzt verstand ich wovon er sprach.

Beim Abendessen ploppte das Thema dann noch einmal auf. Für immer will er bei uns bleiben, in seinem Zimmer wohnen, in seinem Bettchen schlafen und im Sommer mit uns nach Wangeroge fahren. Für immer immer immer! Das C – Hörnchen pflichtete ihm bei und beteuerte, dass das auch ihr Plan fürs Leben sein. Für immer in ihrem schönen Bett schlafen, für immer in ihrem Zimmer spielen und für immer immer immer bei uns wohnen bleiben. B – Hörnchen nickte bestimmt und hatte dem ganzen nicht mehr viel hinzuzufügen. Lediglich das A-Hörnchen enthält sich der Thematik und schwieg. Fragend stellte ich in den Raum, ob denn keiner der drei sich vorstellen konnte eines Tages eine eigene Familie zu haben, vielleicht zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Sechs Augen sahen mich verzweifelt an. Nein! Keiner von ihnen konnte sich auch nur in Ansätzen vorstellen jemals das heimische Nest zu verlassen.

Es ist immer wieder erstaunlich, aber es gibt sie wirklich – diese ödipale Phase. In dieser bestimmten Phase sind die Eltern die vollkommensten und wunderbarsten Menschen der ganzen Welt. Kinder in dieser Altersstufe können sich nicht vorstellen, ihre Eltern jemals zu verlassen oder mit anderen Menschen zusammen zu leben. Die Tatsache, dass Kinder ihre Eltern so bedingungslos lieben ist großartig! Es verfestigt die vorhandene Bindung, schweißt Eltern und Kinder sagenhaft eng zusammen und sorgt dafür, dass sich die Kinder eines Tages dann doch abkapseln können. Andererseits ist es grausam! Denn Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos, auch wenn diese eigentlich nicht viel dazu tun oder der Beziehung sogar aktiv schaden. Kinder lieben ihre Eltern! Kinder lieben schlagende Eltern, trinkende Eltern, vernachlässigende Eltern, grausame Eltern und eben alle andern Form von Eltern die man sich so vorstellen kann – oder auch nicht.

Ich für meinen Teil freue mich über jede Portion Zuneigung und Liebe die ich von meinem Hörnchen bekomme. Ich freue mich, dass sie alle für immer hierbleiben wollen und ich freue mich mindestens genauso sehr darüber, dass ich weiß dass sie eines Tages gehen werden. Sicher und gefestigt auf eigenen Wegen mit einer großen Portion Selbstvertrauen und einer noch größeren Portion Liebe im Herzen.

Einfacher Belohnungsmechanismus

Wie schon hier und da mal erwähnt ist mein liebstes Stückchen Welt im Gehirn die Nucleus Accumbens. Er belohnt uns, er macht uns glücklich! Ganz langsam jedoch beginne ich mich gegen dieses Hirnareal zu wenden; irgendwie hat es doch von Tuten und Blasen keine Ahnung! Oder bin es etwa ich die am Ende keine Ahnung hat? Sollte ich womöglich Opfer meiner eigenen Hormonausschüttung geworden sein, maßlos und irgendwie süchtig!? Die Geschichte ist doch irgendwie immer die selbe…

Erste Schüssel Mousse au Chocolat: Bohr ist das geil, ich Dreh durch! Und es spricht zu mir der Accumbens:“ Iss noch mehr! Das macht dich sehr sehr glücklich und du wirst nie wieder traurig sein!“ Und so esse ich die zweite Schüssel Mousse au Chocolat und mein Hirn sagt:“Oh mein Gott ist das geil! Ich bin so glücklich! Nur mir ist ein wenig… Naja, vielleicht der Magen… Oh mein Gott! Das ist so großartig!“ Und es spricht zu mir der Nucleus Accumbens:“ Iss noch mehr! Es macht mich sehr glücklich! Hast du doch eben gesehen!!“ Und ich esse die dritte Schlüssel ich Mousse au Chocolat und ich denke:“Oh mein Gott ist das geil! Das ist so wahnsinnig lecker! Mir ist so schlecht! Mir ist wirklich wahnsinnig schlecht! Und der Accumbens sagt:“ Iss!“ Und ich beginne die Löffel einzeln zu essen und quäle mich ganz fürchterlich. Am Ende ist mir so schlecht das ich tatsächlich aufhören, so wie man immer irgendwann aufhört – viel zu spät eben.

Menschliche Gehirn sind wirklich dämlich! Sie können diesen super Trick mit Bier, mit Zigaretten, mit Zucker, mit allen andern Dingen die Nikotin, Alkohol, Opiate, Kohlenhydrate, Fett oder irgendetwas anderes enthalten, dass uns wahnsinnig schädigt aber eben irgendwie total glücklich macht! Und immer ist es der exakt selbe Mechanismus: mach das noch mal, macht das noch mehr, mach das immer wieder! Das macht dich glücklich, das macht dich glücklich, das macht mich glücklich! Womit sich das Gehirn jedoch wahnsinnig schwer tut ist der andern Seite der Medaille: das macht dich krank, das macht dich krank, das macht dich krank! Diesen Teil der Geschichte betrachte ich nur abends, wenn ich im Bett liege. Dann fällt mir ein, das Bier ungesund ist, dass Zigaretten der Lunge Schaden und das zu viel Zucker irgendwie auch nicht… Naja! Was macht schon Zucker? Und im selben Moment ertappe ich mich selbst dabei, schon wieder zum Mousse au Chocolat Topf zu schleichen…

Morgenstund

6.00. Udo singt mich brutal aus den tiefsten Träumen. Ich bin müde. So unglaublich müde. Schmerz im ganzen Körper, so müde! Mit Tränen in den Augen verlassen meine Füße das Bett. Fast tödlich, ich kann nicht. Langsam ziehe ich die Gliedmaßen wieder unter die warme Decke, da beginnt sich die Vernunft zuzuschalten. Die Kinder müssen zur Schule. Ihre Wecker klingeln gleich, Frühstück,…. Auch die Freundin wird pünktlich zum Abholen kommen. Es gibt keinen Ausweg.

Während ich unter Qualen ins Bad wanke, bebend vor Kälte, Schnerz und Müdigkeit geht mein Hirn immer und immer wieder alle Optionen durch. Kein Ausweg. Kein Ausweg, für die nächsten vielen Jahre. Acht, vielleicht neun oder auch nur sieben. Ewig. „Eines Tages hat man sich dran gewöhnt!“ sagen die alten. Ich nicht. Ich kann nicht mehr. Ich habe das Gefühl, ein so ausgeprägtes Schlafdefizit kultiviert zu haben, dass ich ab sofort Gehirnzellen in Energie umwandeln muss um der Müdigkeit nicht zu erliegen. 8.00 Uhr Schulbeginn ist eine Zumutung. Meine Gesundheit ist ernsthaft in Gefahr – vielleicht gehen wir alle drauf. Wenn aber nicht, sollte jedoch ernsthaft bedacht werden, wie gut wir sein könnten, wären wir nur ein mal ausgeschlafen.

Und trotz alledem knüppelt das Leben mich weiter. Aufstehen, Kinder, Job. Weder meine Kinder noch meinen Job will ich aufgeben, jedoch mag ich beides zwei Stunden später noch viel mehr. Ich funktioniere nicht am Morgen. Ab neun, oder danach. Mittags bin ich gut, nachmittags bombastisch. Aber morgens um sechs … nein.

Ich sehe dumme Menschen

Unter der Woche bin ich eine Meisterin der Abgrenzung. Schlimme Schicksale, Grausames, Trautiges – alles mögliche läuft durch meinen Kopf. Fast alles bleibt auf der rationalen Ebene, wird analysiert und dann mit dem Problemträger bearbeitet. Das ist mein Job, so läuft der Hase. Im Herzen oder zu Hause kommt von all dem wenig an. Dadurch, dass ich die Dramen des Alltags ohne emotionale Färbung behandle, kann ich sie zu Feierabend da lassen, wo sie hingehören: Im Büro.

Im Privaten geht beides. Ich agiere in der Regel aus dem Herzen, höre zu, leide mit und berate als Freundin. Fast nie schalte ich die Analystin dazu, denn als Freund erwartet man selten eine Analyse der eigenen Problemlage. Abgrenzung ist hier kaum nötig, meine Freunde sind Teil meines Lebens und gehören somit fest in meinen Alltag.

Und dann laufen wir eben durch den Supermarkt, so einen großen lauten hässlichen doofen Supermarkt, und ich realisiere, dass ich offenbar neben all den Dramen auch all meine Schutzmechanismen im Büro gelassen habe. Ohne jeden Filter prasselte die Dummheit, die Ignoranz, die Hetzte und all der Stress der Menschen auf mich ein. „Ich sehe dumme Menschen! Die sind wütend und dir wissen nicht, dass sie dumm sind!“ schoss es mir durch den Kopf hab ich wusste nicht, ob ich heute nicht auf Leben kann, oder ich wirklich Teil einer Apokalypse geworden war. Schutzlos beendete ich das Unterfangen „Einkauf“, vergraben im Pullover und dennoch ausgeliefert. Menschen sind so hässlich wenn man genau hin sieht, so griesgrämig, boshaft und gemein. Alle scheinen einander zu hassen und ich hoffe, dass das nur in diesem Laden so war, oder nur heute oder eben nur in meinem Kopf.