Akzept Kongress

In den letzten Tagen fand in Hamburg der Akzept Kongress für akzeptierende Drogenarbeit statt. Als Mitarbeiterin einer Drogenhilfeeinrichtung nahm ich Teil und stopfte allerlei Erkenntnisse und Erfahrungen in meinem Kopf. Die Drogenpolitik in Deutschland ist immer noch weitestgehend hinterweltlich, wir leben in einem drogenpolitischem Entwicklingsland. Und doch hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan.

Sucht ist inzwischen als eine lebenslage, chronische Erkrankung anerkannt. Endlich beginnt sich die Sicht auf Sucht dahin zu wandeln, dass der Patient nicht schuldig und eigenverantwortlich für seine Erkrankung ist. Hinter jeder Sucht steht eine Geschichte, häufig keine schöne. Dies zeigt ganz deutlich, dass die Sucht ein Kanal ist eine Erfahrung, ein Trauma oder Emotionen zu verarbeiten. Ebenso wie psychische Erkrankungen ergreift Sucht Besitz und fragt nicht höflich, ob sie gewollt ist. Der Betroffene hat Anspruch auf Behandlung, Therapie und volle Inklusion.

Ebenfalls erfreulich ist, dass die Rollen von Nikotin, Alkohol und Cannabis sich um-formieren. Während Zigaretten und Alkohol lange als legale Rauschmittel vollkommen ok waren, wurde Cannabis bis vor wenigen Monaten als Droge gehandelt, wie Komain oder Heroin. Inzwischen zeigt die Studienlage deutlich, dass Cannabiskonsum, ebenso wie Alkoholübrigens, erst dann Schäden erzeugt, wenn er regelmäßig, intensiv und über einen langen Zeitraum erfolgt. Was Cannabis deutlich vom Alkohol unterscheidet, ist die Reversibilität der Schäden. So weiß man, dass chronischer Alkoholkonsum das Hirn irreversibel schädigt, chronifiziertes Kiffen jedoch zwar die kognitive Leistung einschränkt, dieser Effekt jedoch nach dem Absetzen des Cannabis nicht anhält.

Cannabis ist inzwischen in Deutschland als Arznei zugelassen. Hierbei ist für die reine Verschreibung keine medizinische Indikation vorgegeben; der Gesetzgeber schließt also prinzipiell kein Symptombild aus. Die Verschreibung dürfen außerdem alle Ärzte vornehmen, bis auf Zahnärzte. Lediglich in der Übernahme durch die Krankenkasse liegen einige Probleme: Die Kassen fördern für die Übernahme der Kosten, dass der Patient „austherapiert“ ist. Das bedeutet, dass er alle herkömmlichen Behandlungen und Medikamente schon ausprobiert hat und diese keine Wirkung gezeigt haben. Das Problem hierbei ist, dass ein Patient mit einer manifesten Depression, der vielleicht sogar weiß, dass Cannabis ihm hilft, zunächst eine breite Palette an Psychopharmaka testen muss, von denen einige sogar abhängig machen und andere die Persönlichkeit verändern. Auch Schnerzpatienten werden genötigt, zunächst alle verfügbaren Analgetika zu probieren, inklusive harter Opiate. Keine gute Lösung! Was bleibt ist das teure Privatrezept. Übrigens, Cannabis als Arzneimittel ist nicht automatisch „was zu rauchen“. Viele Produkte sind als unauffällige Tropfen zu bekommen und ein gut mit Cannabis eingestellter Patient darf sogar Auto fahren – was gut eingestellte Alkoholiker nicht dürfen.

Erfreulich ist, dass es in vielen vielen Städten in Deutschland inzwischen Drogenkonsumräume gibt, in denen Konsumenten sich unter hygienischen Bedingungen die selbstmitgebrachten Drogen spritzen können. Auch Rauchräume gibt es übrigens. Die Vorteile dieser Einrichtungen sind, neben den hygienischen Bedingungen und dem sauberen Spritzbesteck, dass geschultes Personal da ist, das im Notfall sofort handeln kann. Hierbei geht es nicht nur um Überdosierung sondern auch um die vielen Beimengungen, die im Stoff so drin sind. Inzwischen weiß man sicher, dass sowohl die Zahl der Drogentoten als auch die Zahl von konsumbedingten Erkrankungen wie Hepatitis oder HIV deutlich durch die Konsumräume zurückgehen. Die Verelendung der Konsumenten kann aufgehalten werden und auch der öffentliche Raum wird entlastet.

Ebenfalls neu ist das Drugchecking, dass in der Schweiz und in Österreich schon seit den 90er Jahren dazu gehört. Dieses ermöglicht dem Konsumenten seinen Stoff überprüfen zu lassen; auf den Wirkstoffgehalt und die Streckstoffe. Die Ergebnisse sind alarmierend! Der Wirkstoffgehalt von Strassenheroin zB. beträgt zwischen 3% und 15%. Hierdurch ist eine Überdosis vorprogrammiert; sieht man die Menge dem Stoff schlicht nicht an. Die übrigen 97% – 85% sind oftmals ein buntes Allerlei aus Paracetamol, ASS, anderen billigeren Opiaten oder nicht allzu selten auch Rattengift oder jeglicher anderen pulvrigen, weiße Substanz. Wichtig beim Drugcheck ist, die Ergebnisse mit dem Konsumenten zu besprechen, nach Möglichkeiten zu suchen; eben als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Es geht um viel mehr als den Dreck zu erkennen.

Meine Essenz aus zwei Tagen Input ist ganz klar, dass noch viel vor mir liegt. Ich genieße es, einen Arbeitsbereich gefunden zu haben, der mir so viel gibt und dem ich so viel zurück geben kann. Ich liebe meinen Job, habe schwer Bock was zu verändern und bin endlich angekommen.

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