Bei Gericht

Endlich war es soweit! Heute wollte das Gericht von mir hören was ich in Sachen Aktenzeichen XY denke. Ja, man lud mich zu Gericht und ich fühlte mich sehr offiziell. Besser noch, ich fühlte mich sehr hilfreich, denn die Eltern, denen man das Kind entzogen hatte, halte ich für weitestgehend kompetent und konnte es also kaum erwarten in ihrem Sinne auszusagen.

Nun hat man ja bestimmte Bilder im Kopf, bevor man zum ersten Mal in eine Situation geht. Das Gerichtsgebäude in Bremen ist sehr schön und alt. So erwarte ich einen wunderschönen, alten und mit Holzschnitzereien versenden Gerichtssaal, in dem wir, vornehmen und eben sehr wichtig und pflichtbewusst, Platz nehmen würden. Außerdem hatte ich mich in früheren Jahren ausführlich, mit Hilfe von Gerichts-Shows auf RTL, auf diesen Moment vorbereitet, und wusste also Dank Barbara Salesch recht genau was mich erwarten würde. Nachdem ich aufwändig die Kontrolle im Eingang passiert hatte (ich musste den Gürtel aus meiner Hose ziehen was wirklich eine eigenartige Angelegenheit ist, denn das tue ich in aller Regel nicht vor so vielen Menschen) ging ich in großer Vorfreude nach oben. Gleich würde ich den pompösen Gerichtssaal von innen sehen und Teil von etwas ganz großem sein!

Nach etwa 20 Minuten Wartezeit, vielleicht waren’s auch 30 oder 40, öffnete sich die Tür zum Saal und eine Frau rief missmutig auf den Flur: „Aktenzeichen XY kann losgehen!“ Wir betraten den Saal und Mich traf fast der Schlag. Der Saal war kein Saal, er war ein winziges Zimmerchen, dass von den Vor-Nutzern recht penetrant roch. Eine Handvoll Tische war lieblos zu einem Rechteck zusammengestellt, am Kopf der Tafel dass die Richterin, die zu meiner großen Freude wenigstens so einen schwarzen Mantel trug. Das Verhandlungsgeschehen war langwierig und trostlos. Allerlei uninteressantes Zeug wurde erst von A nach B dann von B nach A und am Ende vonA nach C geschoben und ich hatte zuletzt nicht den Eindruck, dass das Ergebnis optimal ausfiel. Die arme Richterin musste immer wieder Dinge in ein Diktiergerät sprechen, was ihr sichtlich und vor allem hörbar Probleme bereitete. Zugegeben, das ausbreiten von toxikologischen Befunden und dazu abgegebenen Statements ist sicherlich keine Freude – schon für Fachleute nicht, ganz sicher aber nicht für die arme Juristen.

Um es nicht unerwähnt zu lassen, das Verfahren ging zu unseren, also zu den Gunsten meiner Klienten aus und ich glaube, dass die anderthalb Sätze, die ich dazu beigetragen habe, absolut wichtig und prägnant fürs Verfahren waren. Ansonsten verbleibt mir dieser aller erste Besuch im Gericht als eine ziemliche Nullnummer. Und vielleicht sollte ich mir den wunderschönen Saal, von dem ich doch irgendwann schon mal gehört habe, einfach mal so angucken gehen. Am Tag der offenen Tür.

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