Ballett

Ein mal in der Woche werden meine Nerven auf eine harte Probe gestellt. Die Ballettstunde der Mädchen bedeutet für mich: 60 quälende Minuten in der Hölle. Im Bereich vor den Tanzräumen stehen Sofas und Sessel. Wenn wir um 17.00 kommen, ist der dunkle Teppich bereits von einigen Kilo Kekskrümeln überzogen. Die Luft ist verbraucht von etlichen Chargen an Müttern und kleinen Brüdern und Schwestern, die in den Stunden seit 13.00 hier saßen, warteten und litten. Das who is who des Stadtteils trifft sich hier, berät die Lage auf den Spielplätzen der Umgebung, die Preise im Bioladen und ob der nette Erzieher nicht vielleicht doch schwul ist.

Auch das Verhalten der Kinder wird bis zum Erbrechen diskutiert und kein Schritt bleibt unkommentiert. „Oooohhh, die Madame kam wieder mal so gar nicht in die Puschen heute!“ stöhnt Mama affektiert als sie durch die Tür kommt. „Aaaach! Wieder das gleiche Spiel bei euch?!“ kommentiert die Mutter auf dem Sessel wissendes Blickes und lacht. Das benannte Kind geht in die Umkleide und man möchte ihm sagen:“Du bist ok!“

Nach der Stunde lockt die Parade der Müden und Verzweifelten. Kinder, fern ab von Gut und Böse, drehen noch mal richtig auf, rennen kreischend im Kreis, während Mamas mit Stiefeln und Leggins hinter ihnen herlaufen. „Biiiiittteee Aammeliii! Komm jetzt bitte! Der Gustav muss nach Hause biittteee!“ jammert Mama dem 4-jährigen Nachwuchsdiktator hinterher und schleppt dabei einen knapp anderthalbjährigen kleinen Bruder. Der Chef im Ring ist schnell klar; Mama ist es nicht.

Auch 45 Minuten später spielen sich Dramen zwischen den Sesseln des Aufenthaltsraumes und den Bänken der Umkleide ab. Verzweifelt appellieren Mütter an die Vernunft der Kinder um sich dann erneut mit der Sitznachbarin in einem Gespräch zu verlieren. Vielleicht also ist es die vierjährige, die in Sachen Vernunft die Nase vorn hat, denn nach etwa 50 Minuten Vollgas sinkt sie erschöpft im Sessel zusammen und jammert: „Huuunger!!“. Endlich gibt Mama nach, trinkt nur noch schnell den Tee aus und beginnt ihr Picknick einzupacken. „Aaaach! Das ist auch immer lang hier!“ stöhnt sie pathetisch beim Rausgehen „Aber mit meiner Madame ist das so…!“

Hier möchte man auch nicht Kind sein, denke ich. Und Mutter irgehdwie auch nicht.

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