Ich habe vier Kinder; ich darf alles

Auch ich muss kurz vor Weihnachten einkaufen und wie auch im Rest des Jahres tue ich dies im Bio-Laden meines Vertrauens. Um es vorweg zu nehmen, ich habe überlebt; alle anderen auch!

Bei meiner Ankunft vor dem kleinen gradezu intimen Geschaft, begrüßen mich gut 20 Lastenfahrräder und weitere 15 gewöhnliche Exemplare ihrer Art. Ich bezwinge das Drahtesel-Labyrinth im ersten Anlauf und stehe im Kassenbereich des Geschäfts – zusammen mit etwa 35 Fahrradbesitzern, die sich geduldig an die zwei einzigen Kassen anstellen. Beschämt lasse ich den Autoschlüssel in meiner Tasche verschwinden und besänftige mich selbst mit dem Mantra: Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Drei Schritte weiter ergattere ich einen der ins Gesamt 20 Einkaufswagen der Bio-Flotte und bestücke ihn mit meinen Mehrfach-Einkaufstaschen- und Netzen, meinen leeren Dosen, meinen Pfandflaschen und stecke mit Kopfhörer in die Ohren. Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Und los geht’s!

Als ich fast auf der eigentlichen Verkaufsfläche angekommen bin, spüre ich eine Hand an der Schulter. Ein Vater aus der Schule steht in der Schlangen, die offenbar durch den ganzen Laden geht. Er blickt mich durchdringend an, klopft meine Schulter etwas zu fest und sagt: „Alles gute!“. „Muss ja..!“ nuschle ich in meinen Schal, mache die Musik etwas lauter. Nur wenige Meter weiter spielen drei Kinder zu laut verstecken. Ich schlage einen geschickten Haken und poltere fast gegen einen Turm aus Getränkekisten. Die Blagen schlagen ungeschicktere Haken und dominieren den ganzen Laden. Ich mache die Musik noch einen Tick lauter und motze in meinen Schal. Warum um alles in der Welt erlaubt man das? Ich entscheide die Blagen doch lieber anzupumpen und bemerke zu spät, dass es die Kinder einer entfernten Kolllegin sind. Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Hätte sie es halt selbst gemacht…

Der ganze Laden ist vollgestopft mit abgehalfterten Eltern, die entnervt heulende Kleinkinder vor sich her schieben, mit sich rum tragen oder suchen. Alle hassen es dazusein. Alle hassen alles. Warum verdammt geht nicht einer dieser glücklichen Familien-Pisser einkaufen und der andere bespaßt die Brut zu Hause? Warum um alles in der Welt tut ihr uns das an? Innerlich schlage ich sie alle und motze und spucke. Äußerlich gucke ich unfassbar verständnislos und böse; Musik +1. Ich habe vier Kinder; ich darf alles!! Die Unfähigkeit und Dummheit der Menschen kotzt mich am.

Als ich zahlen will kann ich nicht an die Kasse. Ein Vater mit einem zweijährigen Gör scheint sein Lager längerfristig aufzuschlagen. Das Kind thront auf der Ablagefläche der Kasse, schreit, tritt und rotzt alles voll. Der Vater kommuniziert pädagogisch wertvoll jedes Teil mit dem Rotzzwerg. „Möchtest du die Äpfel da hin legen? Möchtest du den Blumenkohl dort ablegen? Sollen wir jetzt die Weihnachtsgans ablegen…?“ Der Vater wirkt vollkommen am Ende. Das Bald kreischt alles zusammen. Die Mutter kommt dazu, im Schlepptau eine Vierjährige. Das Kind tappt willenlos hinter der hoch-agitierten Mutter her, die stetig neues Deskussions-Material für Vater und Rotzzwerg bringt. „Und hier noch drei Manderinen; 1- 2 – 3.. nicht? Ok. Dann legen wir die noch mal zurück. Erst das Brot. …“ Ich beginne zu knurren und meinen Wagen aufzudrängen. Der Laden schließt in 2 Stunden. Ich kochte innerlich. Musik. Ich habe vier Kinder; ich darf alles!!!! Ich gucke deutlich angepisst.

35 Minuten später habe ich gezahlt und alles in mein CO2 dramatisches Auto geladen. Zum Abschluss muss ich noch schnell in den konventionellen Supermarkt, die Reste besorgen. Im Eingang treffe ich auf das Gespann von eben grad. Blag 1 und 2 prügeln sich grad um den letzten kleinen Kinder-Einkaufswagen. Vater ist weiß wie Kalk, er bebt. Muttern ist knallrot, bebt auch. Die Stimmung ist am Boden; dennoch bleibt man pädagogisch wertvoll. Mich beschleicht eine Art Überheblichkeit. Ich habe vier Kinder; ich KANN alles! Ich grüße übertrieben Freundlich und tänzle an dem Schauspiel vorbei. In Windeseile verlasse ich den Laden und treffe vor der Tür Kira, die Mutter von Lia, mit der das A-Hörnchen vor 8 Jahren in der Kita war. Ich grüße flüchtig. „Wie läuft’s denn bei euch?“ erkundigt sie sich und ich knurre: „Muss ja!“. Während ich weiter gehe schluchz Kira durch meine Kopfhörer hinter mir her: „Bei uns ja nicht so. Lia kommt gar nicht zurecht und…“ Ich werfe ein unstetes „Das tut mir leid!“ über die Schulter und denke ein deutliches „interessiert mich einen Scheiß!“. Dann fahre ich nach Hause zu meinen Kindern. Die hatte ich nämlich pädagogisch wertvoll vor der Glotze geparkt – so macht man das.

Stören Sie mich nicht, ich bin besinnlich

Wieder einmal ist das Schlimmste geschafft, oh du besinnliche Weihnachtszeit. Besinnlich bis zur Besinnungslosigkeit, so könnte man die vergangenen Wochen zusammenfassen. Ein paar Lektionen lassen sich auch dieses Jahr zusammenfassen; und wenn ich im kommenden Jahr alles beachte, wird es bestimmt überhaupt nicht stressig auf 13 Weihnachtsfeiern zu gehen. Bestimmt!

1. Weisheit

Egal wie früh du Die Weihnachtsgeschenke kaufst, am Ende ist es dennoch doof. In diesem Jahr habe ich bereits Anfang Dezember alles erledigt gehabt. Jetzt, einige Wochen später, muss ich zwar keine Geschenke kaufen, stehe aber vor der Problematik die diversen Päckchen nicht wiederfinden zu können. Etwa 2/4 sind im Kleiderschrank ganz unten. 1/8 ist im Keller, ein weiteres im Vorraum. 1/8 ist irgendwas Nachtschrank oder so und 1/8 ungefähr Kleiderschrank Mitte. Das restliche Viertel befindet sich in Sechzehnteln im Rest des Hauses verteilt. Ungefähr.

2. Weisheit

Der Adventskalender ist natürlich ein Must Have. Der Inhalt dennoch an Komplexität und seinem Konfliktpotenzial nicht zu unterschätzen. Zum Beispiel sind Jonglierbälle (gute Geschenkidee) und Müsli (gutes Frühstück) am Ende eine eher schlechte Kombination, da sie am Ende zu Müsli an vielen Orten führt und meine Nerven doch arg strapaziert.

Auch das Verschenken von Süßigkeiten ist ok, bedenkt man vorher, dass 500g Zuckerwatte zum Frühstück eher experimentell sind und vor allem zeitlich kaum in die 25 Minuten passen, die hier zum Essen vorgesehen sind.

3. Weisheit

Versuche nicht es jedem recht zu machen; klappt eh nicht!

Ins besondere in der Frage „wer feiert wann mit wem“ kann es auf diesem Gebiet nur zu Problemen kommen. Während ein Teil der Hörnchen ganz klar Heilig Abend ohne Besuch sein will, fordert der andere Teil ebenso klar alle alle alle einzuladen. Quintessenz: Mindestens einer wird heulend unter dem Tisch feiern und im Zweifel bin ich es selbst. (Memo an mich: Krümel unter dem Tisch weg machen!!)

4. Weisheit

Perfekt ist für’n Arsch und mittel reicht aus.

Und sein wir mal ehrlich, die besten Party waren nicht die perfekten, die besten Menschen sind die mit Ecken und die besten Überraschungen sind die, mit denen man nicht gerechnet hat. Also dann; auf auf in ein besinnungsloses Weihnachtsfest.

Wir sind übrigens Heilig Abend unter uns, und das Essen wird vorzüglich. Es gibt Pfannekuchen-Torte mit Smarties, Nachos mit Käse und Mousse au Chocolat. Unter und über dem Tisch.

Weihnachtsfeier in der Ersten

Drei Tage vor dem Event erhalte ich folgende Worte vom Klassenlehrer der 1B:

„Kommen Sie nicht vor 15 Uhr zum Aufbau, das stört. Kuchenspenden bitte im Raum der B, Bastel-Angebote im Raum der A. Wir stellen eine Spendendose auf, damit Sie nicht auf dem Geld für die Bastelmaterialien sitzen bleiben. Viele Grüße, Lehrer“

Tag der Weihnachtsfeier; 14.58

Ich komme vor der Schule an, eine unter vielen. Die Eltern tragen Kuchenbleche und strahlendes Grinsen. Wir sind so froh!

15.00

Die Lehrerin der A kommt raus und empfängt uns festlich mit den Worten: „Wir dachten ja es kommt einer zum Aufbau! Na ja, kommen Sie mal rein. Wir sind fast so weit!“

Etwa 20 Eltern und 15 Geschwister unter sechs Jahren betreten die heiligen Hallen. Auf dem Flur stehen Tische auf denen ein Schild thront: „Hier essen!“ und wir laden ab. Die Eltern übertreffen sich mit frischeren, bunteren, gesünderen Backwaren; außer Nicole, die stellt ein 11+1 gratis Paket Kinderriegel hin.

15.10

Wir werden von unseren Kindern im Raum der B in Empfang genommen, in dem es nun ja kein Essen gibt. Dafür aber Gesang. Carlos flötet „Schneeflöckchen Weißröckchen“, danach singen die Kinder „Schneeflöckchen Weißröckchen“ und danach sollen wir alle Singen. „Schneeflöckchen Weißröckchen“; ein Geschwisterkind kommentiert laut:“Kacka Arschloch-Lied“. Der hat’s verstanden, denke ich und dann geht es auch schon los.

15.30

„Das Buffet ist eröffnet“ und das Drama nimmt seinen Lauf. 40 Kinder rennen ungebremst zum Fressen und beginnen sich direkt an der langen Tafel vollzustopfen. Hektisch versuchen die Mütter die mitgebrachten Teller zu platzieren um Schlimmeres zu verhindern. Zwecklos. Die Hälfte der Brut hängt über dem Buffet, Kuchen, Salzstangen und Schokolade in beiden Händen, und stopft was die Futterluke hergibt. Schnell ist die Rouge One des Buffets vollgespeichelt und nicht mehr genießbar.

Peinlich berührte Mütter füllen Tupperware-Becher mit Kaffee und kommentieren die Szene: „Kinder, hihi. Ne?!“

15.40

Die meisten Kinder krabbeln inzwischen essend auf allen vieren umher und spielen Katze. Die 40 mehr oder weniger großen Katzen sind eben dabei den hochwertigen Schulboden zu einer Art Feuchtbiotop mit Zuckerperlen zu verwandeln als ich entscheide mich am besten dem Bastelprojekt zuzuwenden.

15.45

Rebellion der Katzen, das Spiel ist urplötzlich vorbei und ungünstigerweise enttarnt ein Kind den Basteltisch. So beginne ich, zusammen mit einer andern Mutter, wunderschöne Glitzer-Engel zu basteln. Die klebenden Biotop-Katzen grabbelten sich in Windeseile durch das Sortiment, so das zu dem Gemisch aus Speichel, Zucker, Boden und Wahnsinn schnell noch Klebstoff und Glitzer kam. Alles war von einem wiederwertigem Film überzogen. Die tosenden Kinder schäumten zu dem in die Szenerie, so dass 3/4 der Engelein zusätzlich zum Glitzer auch Kuchenmatsch enthalten. Ich kotze innerlich und würge.

16.30(!!)

Inzwischen haben etwa 9 debil grinsende Mütter bewundert was wir da tun. Alle finden es „voll wichtig auch was für die Kleinen zu machen“ und begrüßen es sehr, dass die Kleinen sich „so kreativ ausleben können“! Janis (4) hat den 23. Wutanfall und Mama tröstete zum 23. Mal. „Gleich zu Hause machen wir es uns ganz gemütlich“ sagt sie zu dem brüllendem Kind (Kuchen alle), sitzend am Boden (doch noch Kuchen da..) und schaukelt es wie ein Neugeborenes. Gleich; ja gleich.

16.45

Wir beginnen aufzuräumen, also die andere Mutter und ich. Einige Kinder sind hoffnungslos mit dem Glitzerkleber verwachsen. Kurz denke ich, dass ich sie mitnehmen muss. Alles glitzert. Alles.

17.00

Ende. „Das war richtig schön!“ sagt der Lehrer der A und sein Gesicht sieht erschöpft aus; mit Glitzer. „Ja“ denke ich; „Glühwein!!“ Geld erhalten wir keins. Die Spendendose wurde entweder vergessen oder aufgefressen.