Weitwinkel

Einkaufen ging, keiner rückte mir auf die Pelle und an der Kasse war nix los. Dennoch Zweifel; kaufe ich hier grad überflüssig ein. Frisches Obst, Eis. Beides nun mal wirklich nicht wichtig und am Ende hebt es sich ja auch auf wenn man erst besonders gesund und dann Eis isst und überhaupt. Mache ich mich da verrückt? Ob ich jetzt Laufen gehen soll, weiß ich auch nicht. Einzeln sportlich aktiv werden ist erlaubt. Aber andererseits entscheidet sich doch heute ob die Schotten dicht gemacht werden. Ratze fatze dicht übrigens, dann geht man nicht mal mehr zu Mc Donald und haben die eigentlich noch offen?

Ich bin nicht laufen gegangen. Im nahen Kleingartengebiet patrouilliert ein Polizeiauto und eliminiert Gruppen. Ich habe es selbst gesehen, auf dem Weg zum Einkaufen. Und am See, da steppt der Bär. Alle gehen sie raus, in Kleingruppen versteht sich. Es ist erbärmlich, aber die 1,5m Grenzen zwischen den einzelnen Familien werden so penibel eingehalten, dass man als einzelner Läufer keine andere Wahl hat als zu nahe zu kommen. Ich verzichte und werde fett. Na danke!

Allgemein ist es erstaunlich, was die Einschränkungen für Begehrlichkeiten wecken. Ich habe um Punkt Sofa-Uhr Hunger auf allerlei was man nicht kaufen kann, würde so wahnsinnig gern am Weserufer sitzen und Bier trinken, sehne mich nach Menschen und Kontakt. Was ist man doch für ein soziales Wesen. Bei all dem ist zu erwähnen, dass ich zu denen gehöre, die nach wie vor täglich arbeiten gehen. Ich sehe Kollegen, komme raus, tanke Licht und muss nicht 24/7 vier Kinder versorgen; noch. Aktuell macht das der Menne, der meinen ganzen Respekt verdient. Homeschooling, wer hätte gedacht, dass das seine heimliche Passion ist. Alles läuft friedlich und beschaulich vor sich hin. Auch die Kinder sind nach 8 Tagen insinde Entspannt und schaffen es nach wie vor gut, sich zu beschäftigen. Ein großer Sympathieträger hierbei ist zweifellos unser Garten. 250 Quadratmeter Luxus und neben Seife, Wasser und Klopapier grad unser Lebenselixier.

Anderen geht es da anders. Manchmal genehmige ich es meinem Hirn in die dunklen Abgründe der Corona-Affäre zu blicken. Viele Kinder werden nicht das Glück haben, mit besonnenen, liebevollen Eltern in ihren 55 m2 Wohnung zu sitzen. Fünf Wochen können lang werden und desaströs, wenn man als einzigen Verbündeten den Fernseher hat. Und was ist eigentlich mit den Kindern, die vom Jugendamt 8h am Tag in die Kita geschickt werden? Schnell komme ich an die Grenze dessen, was ich mir vorstellen kann oder möchte. Hilflosigkeit und große Betroffenheit machen sich breit; Hilflosigkeit gewinnt – haushoch.

Im Job sind es die Obdachlosen und Süchtigen, die schwere Kämpfe kämpfen. Weniger Passanten bedeutet weniger Geld bedeutet weniger Stoff – und Essen. Die Hilfseinrichtungen schließen alle nach einander und die Dealer haben zum Teil keinen Nachschub mehr. Und was kommt mit der Ausgangssperre? Werden Substitutionsprogramme aufrechterhalten? Wer süchtig ist hat keine Wahl, von jetzt auch gleich den Konsum einzustellen ist schlicht lebensbedrohlich und stellt allein dadurch keine Option dar. Lösungen gibt es noch keine, allenfalls Ideen. Woher denn auch, sowas hatten wa noch nie.

An den feinsäuberlich abgeriegelten Grenzen sitzen Tausende in Lagern und während wir uns über Familien im Park ärgern, hocken da alle in Zelten, zumindest die, die noch nicht erfroren sind. „Vorerkrankt“ bekommt hier eine neue Dimension, denn nach Monaten in Dreck & Kälte, Mangelernährung und maximalem Stress ist garantiert keine Reserve mehr vorhanden um Corona zu besiegen. Dennoch gibt es Menschen in Deutschland, deren Fokus auf den Spargelfeldern liegt und was für eine Katastrophe das doch ist, wenn ein Stück deutsche Kultur unter den Planen der Agrarwirtschaft verkommt.

Die Gewinnerin in der Sache ist ganz klar die Erde. Keine Kreuzfahrten, kaum Flieger. Die Leute lassen ihre Autos stehen und die großen Fabriken machen mal ne Pause. Einmal durchatmen und bei all dem Gejammer um Wirtschaft und Existenz, die meisten (oder zumindest viele von uns) trifft es zunächst moderat. Ganz automatisch detoxen wir sozial, Entschleunigen maximal und gucken mal ein bisschen nach links und rechts. Ein ganz bisschen zumindest, so weit wir es eben aushalten können. Traut euch Leute, ein bisschen Weitwinkel kann nicht schaden. Einkaufen für die Omi nebenan ist super, den Beitrag der Musikschule weiterzuzahlen, obwohl sie keine Leistungen erhält auch. Sprecht mit euren Mitmenschen und erkundigt euch, wie es den Selbstständigen, den Freiberuflern geht. Was noch? #staytheFuckhome und holt dieLeute aus den Scheiß Lagern und von der Straße. Die Hotels sind leer – also rein da mit den Leuten.

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