Ich habe vier Kinder; ich darf alles

Auch ich muss kurz vor Weihnachten einkaufen und wie auch im Rest des Jahres tue ich dies im Bio-Laden meines Vertrauens. Um es vorweg zu nehmen, ich habe überlebt; alle anderen auch!

Bei meiner Ankunft vor dem kleinen gradezu intimen Geschaft, begrüßen mich gut 20 Lastenfahrräder und weitere 15 gewöhnliche Exemplare ihrer Art. Ich bezwinge das Drahtesel-Labyrinth im ersten Anlauf und stehe im Kassenbereich des Geschäfts – zusammen mit etwa 35 Fahrradbesitzern, die sich geduldig an die zwei einzigen Kassen anstellen. Beschämt lasse ich den Autoschlüssel in meiner Tasche verschwinden und besänftige mich selbst mit dem Mantra: Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Drei Schritte weiter ergattere ich einen der ins Gesamt 20 Einkaufswagen der Bio-Flotte und bestücke ihn mit meinen Mehrfach-Einkaufstaschen- und Netzen, meinen leeren Dosen, meinen Pfandflaschen und stecke mit Kopfhörer in die Ohren. Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Und los geht’s!

Als ich fast auf der eigentlichen Verkaufsfläche angekommen bin, spüre ich eine Hand an der Schulter. Ein Vater aus der Schule steht in der Schlangen, die offenbar durch den ganzen Laden geht. Er blickt mich durchdringend an, klopft meine Schulter etwas zu fest und sagt: „Alles gute!“. „Muss ja..!“ nuschle ich in meinen Schal, mache die Musik etwas lauter. Nur wenige Meter weiter spielen drei Kinder zu laut verstecken. Ich schlage einen geschickten Haken und poltere fast gegen einen Turm aus Getränkekisten. Die Blagen schlagen ungeschicktere Haken und dominieren den ganzen Laden. Ich mache die Musik noch einen Tick lauter und motze in meinen Schal. Warum um alles in der Welt erlaubt man das? Ich entscheide die Blagen doch lieber anzupumpen und bemerke zu spät, dass es die Kinder einer entfernten Kolllegin sind. Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Hätte sie es halt selbst gemacht…

Der ganze Laden ist vollgestopft mit abgehalfterten Eltern, die entnervt heulende Kleinkinder vor sich her schieben, mit sich rum tragen oder suchen. Alle hassen es dazusein. Alle hassen alles. Warum verdammt geht nicht einer dieser glücklichen Familien-Pisser einkaufen und der andere bespaßt die Brut zu Hause? Warum um alles in der Welt tut ihr uns das an? Innerlich schlage ich sie alle und motze und spucke. Äußerlich gucke ich unfassbar verständnislos und böse; Musik +1. Ich habe vier Kinder; ich darf alles!! Die Unfähigkeit und Dummheit der Menschen kotzt mich am.

Als ich zahlen will kann ich nicht an die Kasse. Ein Vater mit einem zweijährigen Gör scheint sein Lager längerfristig aufzuschlagen. Das Kind thront auf der Ablagefläche der Kasse, schreit, tritt und rotzt alles voll. Der Vater kommuniziert pädagogisch wertvoll jedes Teil mit dem Rotzzwerg. „Möchtest du die Äpfel da hin legen? Möchtest du den Blumenkohl dort ablegen? Sollen wir jetzt die Weihnachtsgans ablegen…?“ Der Vater wirkt vollkommen am Ende. Das Bald kreischt alles zusammen. Die Mutter kommt dazu, im Schlepptau eine Vierjährige. Das Kind tappt willenlos hinter der hoch-agitierten Mutter her, die stetig neues Deskussions-Material für Vater und Rotzzwerg bringt. „Und hier noch drei Manderinen; 1- 2 – 3.. nicht? Ok. Dann legen wir die noch mal zurück. Erst das Brot. …“ Ich beginne zu knurren und meinen Wagen aufzudrängen. Der Laden schließt in 2 Stunden. Ich kochte innerlich. Musik. Ich habe vier Kinder; ich darf alles!!!! Ich gucke deutlich angepisst.

35 Minuten später habe ich gezahlt und alles in mein CO2 dramatisches Auto geladen. Zum Abschluss muss ich noch schnell in den konventionellen Supermarkt, die Reste besorgen. Im Eingang treffe ich auf das Gespann von eben grad. Blag 1 und 2 prügeln sich grad um den letzten kleinen Kinder-Einkaufswagen. Vater ist weiß wie Kalk, er bebt. Muttern ist knallrot, bebt auch. Die Stimmung ist am Boden; dennoch bleibt man pädagogisch wertvoll. Mich beschleicht eine Art Überheblichkeit. Ich habe vier Kinder; ich KANN alles! Ich grüße übertrieben Freundlich und tänzle an dem Schauspiel vorbei. In Windeseile verlasse ich den Laden und treffe vor der Tür Kira, die Mutter von Lia, mit der das A-Hörnchen vor 8 Jahren in der Kita war. Ich grüße flüchtig. „Wie läuft’s denn bei euch?“ erkundigt sie sich und ich knurre: „Muss ja!“. Während ich weiter gehe schluchz Kira durch meine Kopfhörer hinter mir her: „Bei uns ja nicht so. Lia kommt gar nicht zurecht und…“ Ich werfe ein unstetes „Das tut mir leid!“ über die Schulter und denke ein deutliches „interessiert mich einen Scheiß!“. Dann fahre ich nach Hause zu meinen Kindern. Die hatte ich nämlich pädagogisch wertvoll vor der Glotze geparkt – so macht man das.

Stören Sie mich nicht, ich bin besinnlich

Wieder einmal ist das Schlimmste geschafft, oh du besinnliche Weihnachtszeit. Besinnlich bis zur Besinnungslosigkeit, so könnte man die vergangenen Wochen zusammenfassen. Ein paar Lektionen lassen sich auch dieses Jahr zusammenfassen; und wenn ich im kommenden Jahr alles beachte, wird es bestimmt überhaupt nicht stressig auf 13 Weihnachtsfeiern zu gehen. Bestimmt!

1. Weisheit

Egal wie früh du Die Weihnachtsgeschenke kaufst, am Ende ist es dennoch doof. In diesem Jahr habe ich bereits Anfang Dezember alles erledigt gehabt. Jetzt, einige Wochen später, muss ich zwar keine Geschenke kaufen, stehe aber vor der Problematik die diversen Päckchen nicht wiederfinden zu können. Etwa 2/4 sind im Kleiderschrank ganz unten. 1/8 ist im Keller, ein weiteres im Vorraum. 1/8 ist irgendwas Nachtschrank oder so und 1/8 ungefähr Kleiderschrank Mitte. Das restliche Viertel befindet sich in Sechzehnteln im Rest des Hauses verteilt. Ungefähr.

2. Weisheit

Der Adventskalender ist natürlich ein Must Have. Der Inhalt dennoch an Komplexität und seinem Konfliktpotenzial nicht zu unterschätzen. Zum Beispiel sind Jonglierbälle (gute Geschenkidee) und Müsli (gutes Frühstück) am Ende eine eher schlechte Kombination, da sie am Ende zu Müsli an vielen Orten führt und meine Nerven doch arg strapaziert.

Auch das Verschenken von Süßigkeiten ist ok, bedenkt man vorher, dass 500g Zuckerwatte zum Frühstück eher experimentell sind und vor allem zeitlich kaum in die 25 Minuten passen, die hier zum Essen vorgesehen sind.

3. Weisheit

Versuche nicht es jedem recht zu machen; klappt eh nicht!

Ins besondere in der Frage „wer feiert wann mit wem“ kann es auf diesem Gebiet nur zu Problemen kommen. Während ein Teil der Hörnchen ganz klar Heilig Abend ohne Besuch sein will, fordert der andere Teil ebenso klar alle alle alle einzuladen. Quintessenz: Mindestens einer wird heulend unter dem Tisch feiern und im Zweifel bin ich es selbst. (Memo an mich: Krümel unter dem Tisch weg machen!!)

4. Weisheit

Perfekt ist für’n Arsch und mittel reicht aus.

Und sein wir mal ehrlich, die besten Party waren nicht die perfekten, die besten Menschen sind die mit Ecken und die besten Überraschungen sind die, mit denen man nicht gerechnet hat. Also dann; auf auf in ein besinnungsloses Weihnachtsfest.

Wir sind übrigens Heilig Abend unter uns, und das Essen wird vorzüglich. Es gibt Pfannekuchen-Torte mit Smarties, Nachos mit Käse und Mousse au Chocolat. Unter und über dem Tisch.

Weihnachtsfeier in der Ersten

Drei Tage vor dem Event erhalte ich folgende Worte vom Klassenlehrer der 1B:

„Kommen Sie nicht vor 15 Uhr zum Aufbau, das stört. Kuchenspenden bitte im Raum der B, Bastel-Angebote im Raum der A. Wir stellen eine Spendendose auf, damit Sie nicht auf dem Geld für die Bastelmaterialien sitzen bleiben. Viele Grüße, Lehrer“

Tag der Weihnachtsfeier; 14.58

Ich komme vor der Schule an, eine unter vielen. Die Eltern tragen Kuchenbleche und strahlendes Grinsen. Wir sind so froh!

15.00

Die Lehrerin der A kommt raus und empfängt uns festlich mit den Worten: „Wir dachten ja es kommt einer zum Aufbau! Na ja, kommen Sie mal rein. Wir sind fast so weit!“

Etwa 20 Eltern und 15 Geschwister unter sechs Jahren betreten die heiligen Hallen. Auf dem Flur stehen Tische auf denen ein Schild thront: „Hier essen!“ und wir laden ab. Die Eltern übertreffen sich mit frischeren, bunteren, gesünderen Backwaren; außer Nicole, die stellt ein 11+1 gratis Paket Kinderriegel hin.

15.10

Wir werden von unseren Kindern im Raum der B in Empfang genommen, in dem es nun ja kein Essen gibt. Dafür aber Gesang. Carlos flötet „Schneeflöckchen Weißröckchen“, danach singen die Kinder „Schneeflöckchen Weißröckchen“ und danach sollen wir alle Singen. „Schneeflöckchen Weißröckchen“; ein Geschwisterkind kommentiert laut:“Kacka Arschloch-Lied“. Der hat’s verstanden, denke ich und dann geht es auch schon los.

15.30

„Das Buffet ist eröffnet“ und das Drama nimmt seinen Lauf. 40 Kinder rennen ungebremst zum Fressen und beginnen sich direkt an der langen Tafel vollzustopfen. Hektisch versuchen die Mütter die mitgebrachten Teller zu platzieren um Schlimmeres zu verhindern. Zwecklos. Die Hälfte der Brut hängt über dem Buffet, Kuchen, Salzstangen und Schokolade in beiden Händen, und stopft was die Futterluke hergibt. Schnell ist die Rouge One des Buffets vollgespeichelt und nicht mehr genießbar.

Peinlich berührte Mütter füllen Tupperware-Becher mit Kaffee und kommentieren die Szene: „Kinder, hihi. Ne?!“

15.40

Die meisten Kinder krabbeln inzwischen essend auf allen vieren umher und spielen Katze. Die 40 mehr oder weniger großen Katzen sind eben dabei den hochwertigen Schulboden zu einer Art Feuchtbiotop mit Zuckerperlen zu verwandeln als ich entscheide mich am besten dem Bastelprojekt zuzuwenden.

15.45

Rebellion der Katzen, das Spiel ist urplötzlich vorbei und ungünstigerweise enttarnt ein Kind den Basteltisch. So beginne ich, zusammen mit einer andern Mutter, wunderschöne Glitzer-Engel zu basteln. Die klebenden Biotop-Katzen grabbelten sich in Windeseile durch das Sortiment, so das zu dem Gemisch aus Speichel, Zucker, Boden und Wahnsinn schnell noch Klebstoff und Glitzer kam. Alles war von einem wiederwertigem Film überzogen. Die tosenden Kinder schäumten zu dem in die Szenerie, so dass 3/4 der Engelein zusätzlich zum Glitzer auch Kuchenmatsch enthalten. Ich kotze innerlich und würge.

16.30(!!)

Inzwischen haben etwa 9 debil grinsende Mütter bewundert was wir da tun. Alle finden es „voll wichtig auch was für die Kleinen zu machen“ und begrüßen es sehr, dass die Kleinen sich „so kreativ ausleben können“! Janis (4) hat den 23. Wutanfall und Mama tröstete zum 23. Mal. „Gleich zu Hause machen wir es uns ganz gemütlich“ sagt sie zu dem brüllendem Kind (Kuchen alle), sitzend am Boden (doch noch Kuchen da..) und schaukelt es wie ein Neugeborenes. Gleich; ja gleich.

16.45

Wir beginnen aufzuräumen, also die andere Mutter und ich. Einige Kinder sind hoffnungslos mit dem Glitzerkleber verwachsen. Kurz denke ich, dass ich sie mitnehmen muss. Alles glitzert. Alles.

17.00

Ende. „Das war richtig schön!“ sagt der Lehrer der A und sein Gesicht sieht erschöpft aus; mit Glitzer. „Ja“ denke ich; „Glühwein!!“ Geld erhalten wir keins. Die Spendendose wurde entweder vergessen oder aufgefressen.

FAS, Ausgrenzung und Integration – ein Drahtseilakt

Seit einigen Monaten ist Janine in der Schulklasse meines C-Hörnchens. In den ersten Wochen war sie Thema Nummer eins unter den Drittklässler. Janine kann alles, die traut sich alles! Janine traut sich sogar gegen die Jungs und Janine macht richtig viel Quatsch. Nach einigen Wochen ebbte die Schwärmerei ab. Janine war nach wie vor allgegenwärtig, forderte viel Aufmerksamkeit. Janine verlangte von Pausenbrot, Janine haut wenn sie nicht mitspielen darf, Janine stinkt. C-Hörnchen war zunehmend überfordert und ich beriet sie in Sachen Abgrenzung. Vor wenigen Tagen ging ich zu einer Schulveranstaltung in die Klasse meines Hörnchens.

Als ich die Klasse betrat herrschte regen treiben. Mein Kind war zurückhaltend und führte mich zaghaft an den für mich vorgesehenen Platz. Nach gut drei Schritten umfasste mich ein mir fremdes Mädchen. Das auffällig zarte und kleine Kind hatte keine Zähne im Oberkiefer. Ihr Kopf erschien mir als sehr klein und schnell ploppte in meinem Kopf der Begriff FAS auf; Fetales Alkoholsyndrom.

Ich setzte mich um mir vom C-Hörnchen verschiedene Dinge zeigen zu lassen. Noch bevor mein Kind mir etwas zeigen konnte hatte ich das fremde Kind auf dem Schoß. Sie roch erbärmlich nach kaltem Zigarettenqualm und ich musste mich bemühen nicht abweisend zu reagieren. Ich schob sie vorsichtig aber bestimmt von meinem Bein und fragte nun mal, wer sie denn sei. „Janine“, lautete die Antwort. „Meine Mama macht sowas hier nicht, das ist albern!“ erklärte sie noch und machte sich daran, zurück auf meinem Schoß zu klettern. Ich lehnte dies ab und zeitgleich kam mein C-Hörnchen um mir nun endlich Dinge zu zeigen. Auf jedes Wort vom Hörnchen folgten drei von Janine. Sie dominierte die Situation, zog alle Aufmerksamkeit und schaffte es mich fortwährend zu überfordern. Ich wollte nicht abweisend sein aber mein Hörnchen litt unter der Übergriffigkeit und zog sich immer mehr zurück.

Ich verließ die Schule an diesem Tag mit gemischten Gefühlen. Janines Lebenssituation erschloss sich mir schnell. Ihr Verhalten als auch ihre körperliche Erscheinung lassen vermuten, dass ihre Mama während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Die Folge ist das genannte FAS, das Fetale Alkoholsyndrom. Neben den körperlichen Symptomen wie zarter Statur, einem kleinen Kopf, geringer Körpergröße und verschiedenen Veränderungen im Gesicht, haben die Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, teilweise Intelligenzminderungen und Lernbehinderungen zu kämpfen. Die Kinder ecken an. Soziale Regeln und Absprachen erschließen sich oftmals nicht, hinzu kommt die Frustration. Schulische Leistungen sind ehr schlecht, mit den anderen Kindern läuft es nicht und in der Klasse klappt auch nie was. Es ist zum verzweifeln.

Was den Kindern in dieser Situation hilft ist ein warmes, liebevolles Elternhaus und eine optimale Kooperation zwischen Schule und Familie. Klare Regeln, feste Struktur und liebevolle Arme, die einen halten, wenn es doch wieder nicht geklappt hat. Die Kinder benötigen Unterstützung auf allen Ebenen. Der Schulstoff muss verfestigt werden, sie müssen mehr üben. Soziale Interaktion braucht oftmals Anleitung und Begleitung und gleichzeitig muss in allen Lebensbereichen konsequent und nachvollziehbar erzogen werden. Weiter profitieren die Kinder, wie alle andern Menschen auch, enorm von einer sicheren Bindung an ihre primären Bezugspersonen. Mama und Papa (oder wer auch immer die Rolle der Bindungsperson übernommen hat) müssen als sicherer Hafen zur Verfügung stehen. Verlässlichkeit, Sicherheit und absolute Liebe sind die Faktoren, die der geschundenen Seele immer wieder versichern: „Du bist gut. Ich bin da!“.

Und genau an dieser Stelle hinkt das System erneut. Denn leider sind es ja insbesondere die Kinder, die von FAS betroffen sind, die all das eher nicht erhalten. Zu Hause ist keiner der Sicherheit vermittelt, keiner der tröstet, wenn wieder keiner mit einem spielen will. Zu Hause ist niemand, der ein geplatztes Spiel-Date beweint und ebenso niemand, der die blöden 1×1 Zahlen zum 100. Mal übt. Kontakte und die Schule laufen eher schleppend, die Dringlichkeit kommt hier nicht an. Um das Kind in die Klasse zu integrieren werden Sozialpädagogen hinzugezogen. Das Pädagogen-Team ist am Limit, somal oftmals nicht nur ein Kind mit besonderem Bedarf in der Klasse ist.

Um es ganz deutlich zu sagen, ich mahne nicht die betroffenen Kinder, Eltern oder Pädagogen an. Jeder im System tut was er kann. Die Eltern sind so groß geworden, wie sie es eben sind. Sie geben weiter was sie können, agieren mit dem, was sie selber zur Verfügung haben. Auch die Pädagogen versuchen lediglich irgendwie der Situation Herr zu werden; zu wenig Menschen, die den Auftrag haben zu viele Probleme zu sortieren und zu lösen.

Um Familien zu erreichen braucht es aber Personal. Gutes, geschultes Personal. Prävention beginnt nicht nach der Geburt oder während der Schwangerschaft; viel früher und mit viel Power muss man da ran. Fingerspitzengefühl braucht es und Zeit um Vertrauen aufzubauen. Und vor allem braucht es eine Veränderung in der Sicht, die man auf diese besonderen Familien hat. So lange man von „den Assis“ spricht und versucht die „Schuldfrage“ zu klären, kann man nicht gut und empathisch miteinander umgehen. Die Grundannahme sollte sein, dass jeder es versucht so gut zu machen, wie er es eben kann.

Was bleibt, ist die Schwierigkeit sich selbst abzugrenzen und seie eigenen Möglichkeiten realistisch zu sehen. Für Janine, C-Hörnchen und mich bedeutet das, dass ich in aller erster Linie mein C-Hörnchen darin stärke sich gegen Janine abzugrenzen wenn notwendig und sie dennoch nicht unnötig wegzustoßen. Janine kann, sofern C-Hörnchen das möchte, Zeit hier verbringen. Da ich die Mama noch nie gesehen habe, fehlt mir jede Idee davon, wie es mit weitern Kontakten zwischen den Welten aussehen kann. An dieser Stelle muss möglicherweise ein professionelles System greifen – und das bin ich in diesem Fall nicht!!

Selbstfürsorge

Es gibt ja so Menschen, die sorgen für sich. Die kochen sich was leckeres und machen es sich gemütlich. Die treiben Sport, weil es ihnen gut tut und sie gönnen sich mal was. So Menschen, die sich eine Auszeit nehmen wenn alles zu viel wird, und die sich selbst loben und belohnen. Menschen, die am Ende der Woche ausgeruht, zufrieden und bei sich sind. Und dann gibt es mich.

Ich betreibe so in etwa das Gegenteil. Sorgen kann ich für Menschen. Für alle sorge ich, rund um mich herum. Nur eine vergesse ich regelmäßig: Mich! Wenn keiner außer mir im Haus ist, koche ich mir nix schönes. Ich bestelle mir auch nichts oder gehe essen. Nein nein. Die eine Möglichkeit ist nix zu essen oder eben Müsli. Müsli ist da, tut keinem weh und Peng. Auch in Sachen „gemütlich machen“ bin ich eine Krücke. Wird es zu dunkel ist es zwar nervig, jedoch stört es ja keinen außer mir selbst; ich lasse das Licht aus. Ebenso schlecht kann ich mir eine Decke holen, einen Tee kochen oder ein Glas Wasser einschenken. Bin ja nur ich… lass Ma.

Meine Königsdisziplin sind aufkommende Migräne-Attacken. Ich merke 1 bis 2 Tage im Voraus, dass da was kommt. Hilfreich ist: Ruhe, Wärme, Entspannung der Muskeln. Klingt nach einer machbaren Prophylaxe? Nicht wenn man ich ist. In aller Regel mache ich nichts außer normal weiter um dann Elend zu verenden und Tabletten zu fressen, die mir furchtbar auf den Magen schlagen. Glückwunsch! Zu essen mach ich mir ja eh nix.

Nun ja, Erkenntnis ist der erste Schritt und so versuche ich seit einiger Zeit nicht alle meine Bedürfnisse stumpf zu ignorieren. Gut für alle zu sorgen ist sicher nett, gut für sich selbst zu sorgen jedoch die Grundlage dafür, überhaupt für andere sorgen zu können. Immer zurückzustecken macht nicht glücklich, stark oder gesund. Am Ende der Woche ist es immer wieder nur anstrengend, zermürbend und niemals zufriedenstellend. Ich fahr jetzt erst mal zur Arbeit; wat mut dat mut. Und danach sorge ich für die Kinder – und danach für MICH!

Die Truman Show

Heute kam eine liebe und noch recht neue Freundin mit Kind zu Besuch und wir verbrachten den Nachmittag zusammen. Aus praktischen Gründen waren wir bei uns, denn dann kann alles sein wie es ist – und so war es dann.

Nach und nach trudelten alle ein. Es gab Kuchen, der eine aß, der andere nicht. Man saß zusammen, das A-Hörnchen entschied einen Obstsalat zu schnibbeln. B-Hörnchen häkelte vor sich und flichte und stickte Dinge. D-Hörnchen zog mit dem Sohn der Freundin los und das Telefon ging. Mal wollte einer was, mal nicht. C-Hörnchen kam mit einer Freundin nach Haus, Kuchen again. Zwei spielten ein Spiel, einer verabredete sich noch schnell; dann doch nicht. B-Hörnchen packte Nadel und Faden aus, suchte was vor sich hin, C-Hörnchen und ihre Freundin verschwanden im Garten und kamen wieder rein, zwei holten ein Puzzle. Der Menne kam Heim; Käsekuchen.

In meiner Wahrnehmung herrschte Chaos. Auf dem Tisch standen 10 Teller, es krümelte. Jeder wollte was, alles war durcheinander. Zwar machte keiner was Schlimmes, dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich mich kaum unterhalten konnte. Ach, so richtig gemütlich war es irgendwie nicht, es war so… Ich hab da so bedenken immer, dass es nicht nervt oder so.

Tja, und wie alles im Leben, hat auch diese Geschichte zwei Seiten. Meine Freundin lobte die Gemütlichkeit. „So habe sie sich das Leben in einer großen Familie immer vorgestellt!“ und ich staunte nicht schlecht. So?! Sollte etwa alles ok sein in meinem Chaos, in dem ich persönlich mich zugegebenermaßen recht wohl fühle? Sollte es gar keinen Fehler im System geben? Möglich ist das. Ich dachte irgendwann an die Truman Show; wisst ihr noch?! Dieser Typ, der in einer komplett inszenierten Welt lebte und es erst total spät merkte. Ich mag meine Welt! Ob sie jetzt echt ist oder gebaut, cool, nervig, chaotisch oder doof. Ich mag sie so, wie sie ist.

Hallo? Regie? Bitte nicht so schnell absetzten ja? Wir können noch!

Am Ende macht es sogar Spaß

Viele Jahre lang waren die morgende hier im Hause Ausgeburten der Hölle. Geprägt von Zeitdruck, beherrscht von der naturgegebenen Langsamkeit der Hörnchen und zum Glück meistens durchzogen von meiner Ruhe und Geduld. Ja, die brauchte ich.

Zu gut erinnere ich mich an den ersten Sommer mit vier Kindern. Das A-Hörnchen war sechs, frisch eingeschult. Er musste um acht in der Schule sein, komme was wolle. Ich stellte mir den Wecker früh, wirklich früh. Machte die Brotdosen für die Großen fertig, stillte zwischendrin. An guten Tagen ging ich ins Bad an den meisten nicht. Irgendwie diskutierte ich jeden Morgen alle in ihre Klamotten; das A-Hörnchen konnte es allein und war so langsam. Das B-Hörnchen, damals vier, vertüddelte sich noch und das zweijährige C-Hörnchen brauchte viel Mama.

Nun, viel Mama brauchten sie alle. Hier ein tröstendes Wort, da ein bisschen good will. Und immer wieder tat ich alles durcheinander. Ein umgefallenes Glas, ein ausgekipptes Müsli, dazu immer wieder Wutanfälle aus der Hölle. Im Prinzip trotzten sie alle. Selbst das frisch geborene D-Hörnchen nahm sich alles was er brauchte, er ließ sich schlicht rund um die Uhr tragen.

Waren endlich alle angezogen und satt, endlich alle Brotdosen verpackt und alle Zähne geputzt, folgte der nächste Akt. Schule, Kita, Tagesmutter. Alles mit dem Rad und dem Anhänger, 4 km hin und 4 km zurück; das Tempo bestimmt von B-Hörnchen auf dem 12 Zoll Rad. Endlos lang war die Strecke und meine Nerven oftmals zum zerreißen gespannt. Es war entsetzlich!!

Heute, sechs Jahre später, habe ich vier Schulkinder. Alle vier gehen allein zur Schule. Seit zwei Wochen muss ich das Haus am Morgen nicht verlassen. Und heute dann der nächste große Schritt: Alle vier stehen selbstständig mit ihrem Wecker auf, ziehen sich an und kommen runter; die drei großen waschen sich allein. Alles was ich noch machen muss ich Brot und Müsli. Ich delegiere, mache hier und da einen Zopf, unterschreibe schnell die Mathearbeit und suche vier Euro für den Kunstunterricht raus. Ich frage noch schnell die Vokabeln ab und bespreche die Termine des Tages. Ich küsse und kuschel, ich lache und ich erinnere – und das war’s.

Ihr Mütter da draußen, die ihr glaubt das alles nicht überstehen zu können: Es wird! Es wird leichter, besser, fluffiger und am Ende macht es sogar Spaß.

Another day in paradise

Ich arbeite in einer niedrigschwelligen Drogenberatungsstelle. Meine Klienten sind Konsumenten harter, illegaler Drogen. Sie sind süchtig, viele von ihnen sind obdachlos, andere wohnen prekär. Fast alle Menschen, die ich täglich treffe, sind bei schlechter Gesundheit. Täglich erlebe ich Dinge, die man sich nicht ausdenken kann. In den ersten Wochen kam ich Tag für Tag nach Hause und war voll von Eindrücken, Geschichten und Elend. Inzwischen ist es selten wirklich schlimm. Am Klientel hat sich wenig geändert, nichts. Ich selbst hingegen bin offenbar abgestumpft.

Und dann war es grad Phil Collins, der mich dann doch fast umwarf. In „another day in paradise“ singt er:

„She calls out to the man on the street
He can see she’s been crying
She’s got blisters on the soles of her feet
She can’t walk but she’s trying“

und plötzlich rannte mir das Elend der vergangenen Tage durch den Kopf. Wunden, Hunger, Dreck, Angst, Verzweiflung, plötzlich war es einmal alles da, ganz nah. Bilder überschlugen sich und Sätze mischten sich ein. Habe ich wirklich aufgehört das alles zu sehen? Bin ich abgestumpft?

Einige Minuten später denke ich, dass es nicht so ist. Meine Toleranz für Elend ist gestiegen, vieles ist Alltag geworden. Und dies wiederum ist bitter nötig. Ohne die herausragende Fähigkeit des Gehirn, sich in manchen Fällen zu drosseln, wäre es vermutlich kaum möglich, sich dem allem täglich auszusetzen. Auch die hohe Akzeptanz mit der wir dort arbeiten wird erst dadurch möglich, dass wir nicht an jedem schrecklichen Detail verharren. Den Menschen als Ganzes zu sehen, in jeder Facette, ist so wichtig. Denn nur so werden aus den Junkies, die andere sehen, die oftmals wunderbaren Menschen, mit denen ich Tag täglich arbeiten darf.

Lustig was plantschen

Meine Hörnchen lieben das Schwimmbad. Ich nicht. Da meine Hörnchen aber auch vieles nicht mögen, an dem sie im Alltag nicht vorbei kommen (Brokkoli zum Beispiel), habe ich es heute auf mich genommen und bin mit ins Schwimmbad gefahren. Juhhuuu!

Alles in einem beginnt es schon damit, dass alle so arg unbekleidet sind. Ich gucke mir nicht gern manschen an, von denen so viel raus guckt; mein Fehler ohne Zweifel. Hinzu kommt der Fakt, dass ich noch viel ungerner so viel von mir rausgucken lass, da ist Badeanzug nicht optimal. Was soll es aber, nutzt ja alles nix. Also rein in die schicke Klamotte.

Ist man dann erst einmal umgezogen, beginnt der Spaß erst richtig. Manch einer geht zunächst duschen, viel zu viele tun das leider eher nicht. Und so stehen sie da. Fast nackt, dicht an dicht und aalen sich in der trüben Brühe. Selbst wenn ich wollte, ich kann gar nicht anders als mit ununterbrochen vorzustellen, was in diesem Wasser alles treibt. Pipi, keine Frage. Haare, viele viele Haare von allen Stellen des Körpers. Schweiß, Eckremente, Pflaster. Reste halb abgespulter Krusten und natürlich der eine oder andere Fingernagel. Von Speichel und Nasentotz ganz zu schweigen… Und wenn Mensch erst mal lange genug im Wasser war, behinnt die Haut sich so herrlich zu krisseln. Überflüssige Hornhaut entfernt sich dann fast wie von selbst. Herrlich!!

Als Highlight eines jeden Schwimmbad-Besuches gibt es dann blaue Lippen und schlotternde Knie meinerseits. Auch wenn es im Bad enorm warm ist und die Brühe angenehme 32 Grad hat, ist es eine Frage der Zeit, bis ich meine Körperwärme restlos abgegeben habe. Heute endete es nach erst stolzen 3,5 Stunden im Whirlpool (Wasser, schlimm noch mehr ja). Man sprach mich besorgt auf meine blauen Lippen an, währen ich bibbernd in der Furzbrühe hockte. Ein Genuss. Also wickelte ich mich bebend vor Kälte in Hoodie und Handtuch und verbrachte die letzten 1,5 Stunden auf einem Liegestuhl damit, Menschen zu studieren.

Einziger Lichtblick: Die nette Dame an der Kasse wollte dem Menne 1 Erwachsenen und 5 Kinder abziehen; ich bin offenbar in der Blütezeit meines Lebens angekommen. Zarte 15 und keinen Tag älter. So sieht das aus.