FAS, Ausgrenzung und Integration – ein Drahtseilakt

Seit einigen Monaten ist Janine in der Schulklasse meines C-Hörnchens. In den ersten Wochen war sie Thema Nummer eins unter den Drittklässler. Janine kann alles, die traut sich alles! Janine traut sich sogar gegen die Jungs und Janine macht richtig viel Quatsch. Nach einigen Wochen ebbte die Schwärmerei ab. Janine war nach wie vor allgegenwärtig, forderte viel Aufmerksamkeit. Janine verlangte von Pausenbrot, Janine haut wenn sie nicht mitspielen darf, Janine stinkt. C-Hörnchen war zunehmend überfordert und ich beriet sie in Sachen Abgrenzung. Vor wenigen Tagen ging ich zu einer Schulveranstaltung in die Klasse meines Hörnchens.

Als ich die Klasse betrat herrschte regen treiben. Mein Kind war zurückhaltend und führte mich zaghaft an den für mich vorgesehenen Platz. Nach gut drei Schritten umfasste mich ein mir fremdes Mädchen. Das auffällig zarte und kleine Kind hatte keine Zähne im Oberkiefer. Ihr Kopf erschien mir als sehr klein und schnell ploppte in meinem Kopf der Begriff FAS auf; Fetales Alkoholsyndrom.

Ich setzte mich um mir vom C-Hörnchen verschiedene Dinge zeigen zu lassen. Noch bevor mein Kind mir etwas zeigen konnte hatte ich das fremde Kind auf dem Schoß. Sie roch erbärmlich nach kaltem Zigarettenqualm und ich musste mich bemühen nicht abweisend zu reagieren. Ich schob sie vorsichtig aber bestimmt von meinem Bein und fragte nun mal, wer sie denn sei. „Janine“, lautete die Antwort. „Meine Mama macht sowas hier nicht, das ist albern!“ erklärte sie noch und machte sich daran, zurück auf meinem Schoß zu klettern. Ich lehnte dies ab und zeitgleich kam mein C-Hörnchen um mir nun endlich Dinge zu zeigen. Auf jedes Wort vom Hörnchen folgten drei von Janine. Sie dominierte die Situation, zog alle Aufmerksamkeit und schaffte es mich fortwährend zu überfordern. Ich wollte nicht abweisend sein aber mein Hörnchen litt unter der Übergriffigkeit und zog sich immer mehr zurück.

Ich verließ die Schule an diesem Tag mit gemischten Gefühlen. Janines Lebenssituation erschloss sich mir schnell. Ihr Verhalten als auch ihre körperliche Erscheinung lassen vermuten, dass ihre Mama während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Die Folge ist das genannte FAS, das Fetale Alkoholsyndrom. Neben den körperlichen Symptomen wie zarter Statur, einem kleinen Kopf, geringer Körpergröße und verschiedenen Veränderungen im Gesicht, haben die Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, teilweise Intelligenzminderungen und Lernbehinderungen zu kämpfen. Die Kinder ecken an. Soziale Regeln und Absprachen erschließen sich oftmals nicht, hinzu kommt die Frustration. Schulische Leistungen sind ehr schlecht, mit den anderen Kindern läuft es nicht und in der Klasse klappt auch nie was. Es ist zum verzweifeln.

Was den Kindern in dieser Situation hilft ist ein warmes, liebevolles Elternhaus und eine optimale Kooperation zwischen Schule und Familie. Klare Regeln, feste Struktur und liebevolle Arme, die einen halten, wenn es doch wieder nicht geklappt hat. Die Kinder benötigen Unterstützung auf allen Ebenen. Der Schulstoff muss verfestigt werden, sie müssen mehr üben. Soziale Interaktion braucht oftmals Anleitung und Begleitung und gleichzeitig muss in allen Lebensbereichen konsequent und nachvollziehbar erzogen werden. Weiter profitieren die Kinder, wie alle andern Menschen auch, enorm von einer sicheren Bindung an ihre primären Bezugspersonen. Mama und Papa (oder wer auch immer die Rolle der Bindungsperson übernommen hat) müssen als sicherer Hafen zur Verfügung stehen. Verlässlichkeit, Sicherheit und absolute Liebe sind die Faktoren, die der geschundenen Seele immer wieder versichern: „Du bist gut. Ich bin da!“.

Und genau an dieser Stelle hinkt das System erneut. Denn leider sind es ja insbesondere die Kinder, die von FAS betroffen sind, die all das eher nicht erhalten. Zu Hause ist keiner der Sicherheit vermittelt, keiner der tröstet, wenn wieder keiner mit einem spielen will. Zu Hause ist niemand, der ein geplatztes Spiel-Date beweint und ebenso niemand, der die blöden 1×1 Zahlen zum 100. Mal übt. Kontakte und die Schule laufen eher schleppend, die Dringlichkeit kommt hier nicht an. Um das Kind in die Klasse zu integrieren werden Sozialpädagogen hinzugezogen. Das Pädagogen-Team ist am Limit, somal oftmals nicht nur ein Kind mit besonderem Bedarf in der Klasse ist.

Um es ganz deutlich zu sagen, ich mahne nicht die betroffenen Kinder, Eltern oder Pädagogen an. Jeder im System tut was er kann. Die Eltern sind so groß geworden, wie sie es eben sind. Sie geben weiter was sie können, agieren mit dem, was sie selber zur Verfügung haben. Auch die Pädagogen versuchen lediglich irgendwie der Situation Herr zu werden; zu wenig Menschen, die den Auftrag haben zu viele Probleme zu sortieren und zu lösen.

Um Familien zu erreichen braucht es aber Personal. Gutes, geschultes Personal. Prävention beginnt nicht nach der Geburt oder während der Schwangerschaft; viel früher und mit viel Power muss man da ran. Fingerspitzengefühl braucht es und Zeit um Vertrauen aufzubauen. Und vor allem braucht es eine Veränderung in der Sicht, die man auf diese besonderen Familien hat. So lange man von „den Assis“ spricht und versucht die „Schuldfrage“ zu klären, kann man nicht gut und empathisch miteinander umgehen. Die Grundannahme sollte sein, dass jeder es versucht so gut zu machen, wie er es eben kann.

Was bleibt, ist die Schwierigkeit sich selbst abzugrenzen und seie eigenen Möglichkeiten realistisch zu sehen. Für Janine, C-Hörnchen und mich bedeutet das, dass ich in aller erster Linie mein C-Hörnchen darin stärke sich gegen Janine abzugrenzen wenn notwendig und sie dennoch nicht unnötig wegzustoßen. Janine kann, sofern C-Hörnchen das möchte, Zeit hier verbringen. Da ich die Mama noch nie gesehen habe, fehlt mir jede Idee davon, wie es mit weitern Kontakten zwischen den Welten aussehen kann. An dieser Stelle muss möglicherweise ein professionelles System greifen – und das bin ich in diesem Fall nicht!!

Selektive Wahrnehmung

D-Hörnchen sieht alles. Jede Eichel, jeden Stein, jedes noch so kleine Fizzelchen Plastik. Beim Radfahren macht er die unglaublichsten Vollbremsungen aus voller Fahrt, weil er irgehdwo in einer Hecke das schönste Stöckchen der Welt gesehen hat. Die tote Amsel auf dem Weg, an der sich die Fliege labten und in deren aufgeplatztem Bauch tausende Maden kreischten, übersah er. Ein Segen!

Man wirft dem Menschen gern vor er wurde das Elend um sich herum absichtlich oder aus Boshaftigkeit übersehen. Und ja, auch ich habe schon unterstellt andere würden wegsehen, Gewalttaten oder medizinische Notfälle aus Angst ignorieren, doch gibt es eine Komponente im menschlichen Gehirn, die macht, dass wir genau das tun. Wir gehen weiter. Das liegt daran, dass unser Gehirn Begebenheiten, Situationen oder einzelne Bilder, die es als traumatisch einstuft, quasi ausfiltert. Während gewöhnliche Information erfasst, bewertet und dann abgespeichert wird, wird dieses traumatische Material nach der Bewertung weggelegt, es kommt nie auf der Bewusstseinsebene an. Menschen, die schwere Traumata erlitten haben, weisen duch diesen Mechanismus zum Teil große Amnesien auf – und gelegentlich blendet jeder von uns aus. Was zu viel ist, ist zu viel.

Das erstaunliche an dieser Funktion ist, dass sie sich ständig modifiziert und weiterentwickelt. Hat ein Mensch zum Beispiel als Kind Gewalt erlitten, reagiert der Filter hochsensibel auf derartiges Material. Entscheidet der selbe Mensch jedoch bewusst, sich mit dem Thema „Gewalt in der Kindheit“ auseinanderzusetzen, wird der Filter immer toleranter und das zumutbare Material somit wahrscheinlicher. Wie so oft im Leben kommt es auf die bewusste Entscheidung an und darauf, sich mit Problematiken auseinanderzusetzen. Natürlich ist es das gutes Recht eines jeden, seine Traumata zu hüten und die eigene Psyche nicht in Gefahr zu bringen. Trotzdem kann es ein Ansatz sein mit wachen Augen durch’s Leben zu gehen und den nächsten Notfall vielleicht zu erkennen; auch wenn er einen überfordert. Denn 112 rufen kann jawohl jeder.

Liebesbeweis

Vor einigen Tagen begleitete ich einen Zweitklässler bei den Hausaufgaben. Der zuständige Betreuer machte mich auf die Federmappe des Kindes aufmerksam, in der kaum ein intakter Stift zu finden war. Später erklärte er, dass ein gut sortiertes Mäppchen ja durchaus als Liebesbeweis der Eltern zu werten wäre und das Mäppchen des Jungen einfach nur traurig. Ich nahm die Aussage an diesem Tag zur Kenntnis und dachte nicht weiter drüber nach.

Gesten öffnete mein. C-Hörnchen zum ersten Mal sein Wochen ihre Fesermappe vor mir. Mich sahen drei abgebrochene Bleistifte und 12 Filzstifte an, die meisten ohne Deckel. Buntstifte, wie von der Schule vorgeschrieben, fand ich nicht. C-Hörnchen erklärte, dass diese im Schlampermäppchen wären, und schaffte auch dies herbei. Im Inneren fanden sich ein Dutzend Fragmente. Früher einmal müssen es Buntstifte gewesen sein, nun aber waren es zerbrochene, angespitzte, schmutzige Reste. Ich fühlte mich schrecklich. LIEBESBEWEIS!! raste es mir durch den Kopf. Ich habe versagt!

„C-Hörnchen,… “ stammelte ich mit zitternder Stimme, „wieso sagst du denn nicht, dass du mal neue Stifte brauchst? Die sind ja alle kaputt!“ Ich war gradezu verzweifelt und sah mein Kind mitleidig an. C-Hörnchen wiederum hatte einige Fragezeichen im Gesicht und legte die Stifte auf den Tisch.

Sachlich erklärte sie mir, dass Hautfarbe noch ganz gut sei, den benutze sie selten, keiner habe so eine Haut. Pink und lila würde sie liiiiieeeeben, die wären so schön. Auf die kleinen Stifte wären alle voll neidisch, weil keiner so mini-kleine hätte und den einen, mit dem könne nur sie schreiben, weil das der einzige links-Mini-Stift ist. Mit den beiden grünen Stiften könne man die besten Blumenwiesen der Welt malen, und die blauen wären sogar gut für Wasser UND Himmel! C-Hörnchen erklärte und erläuterte die genaue Funktion und ihr Liebe zu jedem einzelnen Stift. Alle sind sie einzigartig, jeder ist perfekt. Sie sah nicht die Notwendigkeit einen von ihnen auszutauschen, leisteten sie doch alle gute Dienste.

Wir einigten uns auf einen Kompromiss. Mein Gewissen durfte einen Liebesbeweis für die Lehrer statuieren. Ich sortierte nagelneue Bunt-und Filzstifte in die Federmappe. Im Schlampermäppchen wohnen weiter alle liebgewonnenen Freunde vom C-Hörnchen. Und mit wem sie am Ende malt, bleibt ihr überlassen. Liebesbeweis, so ein blodsinn! Und viel wichtiger ist am Ende der Respekt, und den haben wir beide bewiesen – vor einander und vor jedem einzelnen Stiftchen.

Pferderennen

Bei Twitter begegnete mir ein virtuelles Pferderennen.

Mit fast 50% liegt das 3. Pferd vorn und die Gemeinschaft wundert sich nun, wieso das so ist. Psychologisch betrachtet gibt es zwei Modelle, sozusagen zwei Verhaltenstypen die beide erklären, warum Antwort C am wahrscheinlichsten ist.

Zunächst ist für beide Modelle zu postulieren, dass die Pferde in einer Reihenfolge stehen und keinerlei weitere Merkmale aufweisen. Alle vier Möglichkeiten a,b,c und d sind identisch. Das Gehirn konzentriert sich von hier an auf das einzige Unterscheidungsmerkmal, den Stellenwert in der Reihenfolge. Nun gibt es die genannten zwei Verhaltenstypen:

1. Der Helfer

Der prinzipiell unterstützende Typ sieht die Positionen der Pferde wie folgt:

a) wahrscheinlicher Gewinner

b) hat eine faire Chance

c) >sinnvolle Investition

d) wahrscheinlicher Verlierer

Die Investition wird also sehr wahrscheinlich für Pferd c getätigt, einfach weil es es brauchen kann.

Der zweite Typ ist der

2. Gewinner-Typ

Er sieht die Pferde wie folgt:

a) den nehmen alle

b) den nehmen auch noch welche

c) >nimmt kaum einer

d) nimmt keiner

Da dieser Typ gewinnen möchte, und es dafür notwendig ist auf ein Pferd zu setzen, dass sonst kaum einer nimmt, trickst er seine Mitwetter aus und nimmt Pferd c. An dieser Stelle muss noch einmal auf das Fehlen weiterer Parameter verwiesen werden. Mit Hilfe vorhandener Laufstatistiken etc. wäre die Sache natürlich eine andere. So aber ist es logisch. Bei Variante a) ist der mögliche Ertrag minimal, bei Vatiante b) kaum besser. Variante d) ist zu riskant und so bleibt c).

Diese Einfache Herleitung funktioniert nur aufgrund der wenigen Parameter. Die Hinzunahme von zB. Farben oder eine vertikale Verschiebung der Pferde im Balken, würden das Ergebnis potentiell verändern, denn dann kommen andere Wahrscheinlichkeiten ins Spiel. Dennoch bleibt es berechenbar. Denn auch Lieblingsfarben oder favorisierte Laufrichtungen sind statistisch zu erfassen und damit einzuberechnen. Gehirne sind so durchschaubar.

Psychisch erkrankt

Mit so einer psychischen Erkrankung ist es ja in etwa so wie mit einer Geschlechtskrankheit oder Fusspilz. Jeder dritte hat oder hatte schon mal, keiner gibt’s zu. Scham und Unbehagen bewirken dann, ebenso wie bei manch anderer intimen Angelegenheit, ein viel zu langes Ausharren im Zustand und ein daraus resultierendes viel zu spätes Annehmen von Hilfe. In Bayern soll das Psychiatrie Gesetz nun verschärft werden, sensible Patienendaten sollen zugänglich gemacht werden, um vor vermeintlich gefährlichen Personen zu schützen. Der in meinen Augen einzig sichere Nutzen an dieser Änderung wäre, dass man die Hemmschwelle für die Bettoffenen noch höher setzt und somit eine Behandlung noch unwahrscheinlicher macht. Denn mal im Ernst, mit ’nem Vaginalpilz zum Doc ist eh schon mies, wenn es aber danach vorsichtshalber jedem mitgeteilt wird, dass man einen hat… Nein danke. Dann juckt es halt!

Einen Menschen aufgrund seiner psychischen Erkrankung als potentiell gefährlich einzustufen ist schlicht falsch. Depressionen, Traumata, Ängste, Zwänge, Essstörungen – all diese Erkrankungen machen nicht gefährlich – nur einsam. Die wenigen Störungsbilder, die tatsächlich in Einzelfällen einen gefährlichen Menschen hervorbringen, sind a) sehr überschaubar und b) oftmals an eine hohe Geschicklichkeit und Kompensation gekoppelt; im Klartext bedeutet dies, dass die Betroffenen eh selten in der Psychiatrie landen, da sie selbst das geringste Problem mit sich haben.

Um die Hemmschwelle für psychisch Erkrankte gering zu halten und die Wahrscheinlichkeit für eine gute und schnelle Behandlung zu erhöhen, ist es absolut notwendig, mit Daten als auch den Menschen hinter den Daten achtsam und absolut diskret umzugehen. Alles andere schreckt ab und treibt Menschen in Verzweiflung und Einsamkeit. Die einzige Gefahr, die dann von ihnen ausgeht, ist eine für sie selbst. Denn wesentlich häufiger als fremdgefährdung sind Selbstverletzungen Suizid. Psychische Erkrankungen sind nichts peinliches, nicht abnormes und nichts gefährliches. Es sind Krankheiten, die die Lebenaqualitat einschränken und sie gehören behandelt.

Time what is time

Zeit spielt im Leben vieler Menschen eine enorme Rolle. Pünktlichkeit ist eine Tugend, Zeit kostet Geld und Effizienz muss sein. Von klein auf lernen wir, wie wichtig es ist in der Zeit zu bleiben, sich trefflich zu organisieren und alles im richtigen Moment zu arrangieren. Gerade mit der Pünktlichkeit nimmt man es hier sehr genau. Zu spät kommen ist ein klares no-Go, zu früh kommen aber eigentlich auch. Spätestens wenn wir ins Berufsleben einsteigen, wird die Macht der Zeit noch deutlicher. Wöchentliche Arbeitszeit, Pausenzeiten und dann natürlich der ersehnte Feierabend.

Betrachte ich dieses Konstrukt, finde ich es traurig. Denn eins wird schnell deutlich: Kaum jemand verbringt seine Zeit mit etwas, das er gern tut. Ein großer Teil unseres Lebens verbringen wir mit Dingen, die wir nicht vollständig freiwillig tun. Dies zeigt sich allein daran, dass wir es nicht mit- sondern gegen die Zeit tun. Eine Tätigkeit, die wir gern ausüben, die uns mit Sinn und Freude erfüllt, machen wir gern. Wir schauen nicht ständig auf die Uhr und warten darauf, endlich fertig zu sein. Wichtig an dieser Stelle ist es zu erwähnen, dass erfüllende, schöne Tätigkeit natürlich allerlei Freizeitgestaltung sein können, genauso sicher kann es aber auch jede Form von gesellschaftlichem Einbringen sein. Und wie schön wäre doch gar der Gedanke an eine Arbeit, die diese Zeitlosigkeit erfüllt.

Diese Arbeit ist denkbar. Nicht so, wie Arbeit heute ist, aber dennoch denkbar. Um diese Vision zu realisieren, müssten lediglich ein paar Kriterien erfüllt sein.

1. Finanzielle Unabhängigkeit; (zB. durch Grundeinkommen) denn um sich zu entfalten und das „richtige“ zu finden, braucht es immer wieder auch Leerlauf und vor allem die Sicherheit existieren zu können.

2. Möglichkeiten; die Wahrscheinlichkeit, dass wir in der ersten Tätigkeit die wir ausüben, auch gleich das Nonplusultra finden ist eher gering. Um der Wahrheit näher zu kommen muss man eben experimentieren.

3.Flexibilitat; fixierende Verträge, lange Fristen und hohe Auflagen machen es viel zu kompliziert von A nach B zu kommen. Wenn finanzielle Sicherheit gegeben ist, sind wir auf knebelnde Absicherung nicht mehr angewiesen.

4. Solidarität; mit mehr Wohlwollen in der Gesellschaft und dem Denkansatz, dass die aller meisten mit Sicherheit das geben, was sie grad geben können, kann sich jeder frei und aufgehoben fühlen. Nichtstun zB. ist wesentlich befriedigender, wenn es einem gegönnt wird.

Wir sind von all dem heute meilenweit entfernt. Und selbst wenn die Politik sich für ein Finanzierungsmodell des Grundeinkommens entschließen würde, bliebe als Hauptproblem der Mensch. Denn das Geld nehmen ist ja das eine, es dem anderen aber zu gönnen, eine ganz andere Geschichte.

Stress im Kopf

Sehr gern würde ich einen klugen oder wenigstens lustigen Beitrag verfassen. Und je mehr ich über das mögliche Thema nachdenke, desto größer wird die Suppe in meinem Kopf. Bevorstehende Ereignisse mischen sich mit kleinen Anekdoten der Kinder, mischen sich mit to do-Listen und allerlei anderem. Jeder Gedankenstrang endet im Chaos und aus dem selbigen ragt ein nächster. Nervig ist es allemal, wenn man nichts auf die Kanne bekommt, aber was tun? Die Lösung, zumindest in meinem Einzelfall, heißt: Stressabbau. Die vergangenen Wochen waren ein harter Ritt, das Leben war recht anspruchsvoll. Stress ist das Resultat und der setzt uns Menschen zu.

Kurzfristig betrachtet ist Stress ein Segen. Eine temporäre Anspannung macht den Menschen leistungsfähig. Hohe Mengen von Cortisol werden ausgeschüttet, der Körper setzt zusätzliche Zuckerreserven frei, Hirn und Muskeln arbeiten auf Hochtouren. Das war praktisch um dem Säbelzahntiger zu entkommen und bewährt sich auch heute, zB. vor wichtigen Terminen.

Anders ist es mit langfristigem Stress. Denn verweilt der Körper über einige Tage oder sogar Wochen in Anspannung, beginnt das Cortisol ihn zu schädigen. Ins besondere in Verbindung mit Adrenalin sind zwar zunächst noch minimale Höchstleistungen möglich, letztlich baut der Körper aber immer schneller ab. Der Schlaf beginnt schlecht zu werden, schließlich sind chronisch alle Antennen auf Empfang geschaltet. Durch die Überstimulation des Körpers werden auch zB. Talgdrüsen oder andere Hormonsysteme getriggert. Unreine Haut oder Zyklusstörungen sind die Folge, genau wie Stimmungsschwankungen. Der Appetit weicht dem Glauben, keine Zeit zum Essen zu haben, der Körper gerät in Unterversorgung. Schlafmangel und Nährstoffmang führen zu neuem Stress. Wird dieser Zustand eine Weile aufrechterhalten, was der Körper mühelos kann, beginnt das Cortisol sich auch im Hippocampus bemerkbar zu machen. Es blockiert die Strukturen, die für Gedächtnis und Konentration zuständig sind. Auch weniger anspruchsvolle Denkoperationen sind plötzlich anstrengend. Man beginnt Dinge zu vergessen, braucht viel mehr Energie um weiter zu funktionieren. Auch diese Probleme bereiten Stress.

Am Ende der Spiale steht das, was man als Burn Out kennt. Ein ausgebrannter Mensch, der sich selbst der Produktivität und dem „funktionieren müssen“ geopfert hat. Ich selber bin in den letzten Wochen irgendwo in Stufe zwei verloren gegangen. Nun, da meine Stressoren weitestgehend ausgeschaltet sind, gilt es runter zu fahren. Ein ausgeglichenes, gutes Leben ist hier zielführend. Meine Bedürfnisse von den Stressoren abzugrenzen, einen Gang runter zu schalten und im Notfall halt mal was nicht zu machen sind gute Ansätze, die mit Sicherheit wirken – wenn man früh genug beginnt.

Wenn der Tag gekommen ist

Heute wird mein Opa beigesetzt. Für mich eh ein negativ-Highlight; ich mag es einerseits dieses letzten Tag zu begehen, lege viel Wert auf das Drumherum. Andererseits fällt es mir wahnsinnig schwer mit der Endgültigkeit umzugehen. Verstehen, dass jemand wirklich weg ist, tue ich erst am offenen Grab. Als besondere Herausforderung gehen die drei großen Hörnchen mit. Für sie war es keine Frage, dass sie sich auch von ihrem Uropa verabschieden wollen. Und so haben wir in den letzten Wochen viel geredet, gedacht und auch zusammen geweint. Kindliche Trauer hat wenig mit dem zu tun, was wir großen kennen. Hinzu kommt, dass jede Altersstufe eigene Bedürfnisse und Mechnaismen hat.

Das A-Hörnchen ist analytisch an die Sache herangegangen. Was ist passiert, wie ist der Mensch gestorben? Was passiert danach? Er hat sich auf biologischer Ebene erklären lassen, was tot bedeutet, blieb bis heute sachlich. Er hat ein wenig geweint, konnte aber schnell wieder Fassung gewinnen und zu seiner analytischen Herangehensweise zurück finden. Gelegentlich kamen ihm, wie aus dem Nichts, Fragen auf. Diese konnte er kurz und knapp stellen und sie sich beantworten lassen. So schnell wie das Thema kam, war es dann auch wieder erledigt.

B – Hörnchen hat bisher wenig Emotionen gezeigt. Sie hat kurz geweint, sich kurz alles erklären lassen und das Thema dann zu den Akten gelegt. Auch ob sie mit zur Beisetzung möchte, hat sie erst spät entschieden. Sie macht alles mit sich, in ihrem Kopf aus. Von außen ist es schwer ihre Trauer zu sehen, vor allem aber bereitet es mir Sorge. Es bleibt die Hoffnung, dass sie so gut für sich sorgt, dass am Ende alles gut ist und sie ohne Knoten im Herzen aus der Sache heraus geht.

C – Hörnchen trauert auf ihre ganz eigene Art und Weise. Sie überdenkt alles dreimal gut, macht sich um jeden Schritt Sorgen. Geht es dem Opa gut dort wo er jetzt ist? Ist das Grab auch schön genug? Was soll ich zur Beisetzung anziehen? 1000 Fragen schwirren ihr durch den Kopf und so versucht sie auf diese Art und Weise, dass nicht begreifliche irgendwie in Kategorien zu fassen. Dies gelingt ihr nur rudimentär, denn der Verstand ist schon viel zu wach um sich mit Fantasiegespinsten abspeisen zu lassen. Auf der anderen Seite wird ganz deutlich, dass noch nicht ausreichend Verständnis für Leben und Tod da ist, um auch nur in Ansätzen zu verstehen was geschehen ist.

Das D-Hörnchen erlebte den Verlust phantastisch. Er versteht von all dem Tod und Leben noch recht wenig, sich vorzustellen, dass ein Mensch ganz und gar weg ist, ist in fast unmöglich. Somit hat sein Köpfchen eine ganz eigene Realität geschaffen. Ohne mein Zutun ist der zu dem Entschluss gekommen, dass der Opa zu den Wolken gefahren ist, sein Körper gebröselt ist und der Opa uns jetzt von dort oben zu sehen würde. Von diesem Moment an fiel es dem D – Hörnchen leicht sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Alles hat seine Ordnung, alles war logisch und erklärbar. Freudig hatte im Kindergarten gespielt, dass er der Friedhof-Mann ist und alle Leichen ausbuddeln muss.

So hat jeder seinen eigenen Umgang. Meine Aufgabe ist es, jeden so vorzubereiten, dass er den Tag gut überstehen kann und sich gut aufgehoben fühlt. Diese ersten Erfahrungen mit dem Tod sind prägend für das ganze Leben und in erster Linie wünsche ich jedem meiner Kinder, dass sie einen guten und vor allem angstfreien Umgang mit dem Tod finden. Denn genau das ist es, was vielen Erwachsenen fehlt. Der Tod, und alles damit verbundene, ist nichts vor dem man große Angst haben muss. Vielleicht ist es nicht zu begreifen, nicht zu verstehen und irgendwie komplex. Beängstigend aber sollte es nicht sein.

Müde, wie immer

Wieder ist ein erster Tag nach den Ferien geschafft. Wieder war ich endlos müde, als um 6 der Wecker sang. Wieder waren alle vier Hörnchen mehr tot als lebendig und wieder stellte sich die Frage, für wen beginnt die Schule um acht? Ich zumindest kenne niemanden, weder Lehrer noch Schüler noch Eltern, der großen Wert darauf legt, morgens um acht in der Schule zu sein.

Wie jedes Mal zeigen die Ferien und hervorragend auf, wie der gesunde Rhythmus unserer Familie aussieht. Aufstehen gegen halb neun, Leistungen ab zehn. Mittag gegen halb zwei, danach Siesta und gern noch mal ein Hoch. Essen abends gegen sieben, halb acht geht auch und zwischen acht und neun kehrt Ruhe ein. Kein Streit, keine müden Diskussionen, keine Kinder, die aber noch nicht schlafen können. Leistungsbereite Gehirne, wohlgesonnene Persönchen und alles läuft wie von selbst.

Außerhalb der Ferien ist es das frühe Aufstehen, dass den Tag zerlegt. Zum Frühstück noch keinen Appetit, zum Handeln zu müde. Die ersten zwei Schulstunden schläft der klassische Schüler; die Lehrer auch. All das gilt inzwischen als erwiesen. Dutzende Studien zeigen Leistungskurven, Wirtschaftswachstum und eine zufriedenere Gesellschaft auf, würden die dogmatischen Rhythmen um zwei Stunden verschoben. Und wir? Wir klugen Menschen, die Krone der Schöpfung? Sein wir realistisch. Wir diskutieren seit 20 Jahren über die Abschaffung der Zeitumstellung. Die Mühlen mahlen langsam, der Deutsche ist weder experimentell noch mutig. Und deshalb werden wir auch in 20 Jahren noch um sechs aufstehen, damit die Kleinen pünktlich um acht müde in der Schule sitzen. Wahrscheinlich sind wir auch einfach zu müde um was dran zu ändern.

Gute Nacht!!