Es kotzt mich so an

Im Dritten Anlauf versuche ich nun einen Beitrag zu verfassen, aus dem klar wird, wie enorm beschissen es grad alles ist, wie genervt ich von allem bin und wie unfassbar anstrengend mein Leben grad ist. Das Problem? Nicht mal das funktioniert! Jeweils nach drei Absätzen kommt es mir selbst vor wie Jammern auf ganz hohem Niveaus, von daher..

Liebe Leser*innen, ich bin ich der Privilegierten Lage, körperlich gesund (außer gestern da ging es mir schlecht) zu sein. Auch mein Mann und meine Kinder sind gesund und gehören nicht zur Risikogruppe. Wir sind finanziell gut aufgestellt, haben keine existenziellen Ängst. Den ersten Lockdown haben wir dank Kinderbetreuung für Systemrelevante Eltern mehr als guter überstanden. Wir wohnen schön, haben immer zu essen. In unserem Land ist Frieden. Alles ist gut.

Und dennoch, trotz alle dem, ist es manchmal kacke. Mächtig Kacke sogar, und somit werde ich jetzt Jammern. Auf höchstem Niveaus, das weiß ich selbst. Egal.

Es ist nämlich so, dass meine Kinder mich absurd nerven. Sie haben eine Band gegründet und zwingen mich dauernd zu sogenannten Konzerten zu gehen. D-Hörnchen spielt Ukulele und singt dazu, C-Hörnchen singt und tanzt, Liebeslieder für mich. Es ist furchtbar und kaum auszuhalten. Viel lieber würde ich in Ruhe RTL glotzen, Familien im Brennpunkt.

Letzte Nacht konnte B-Hörnchen nicht schlafen. Sie hat bis 23.30 auf mir gesessen, und sie ist riesengroß, und hat mit mir zusammen RTL geguckt. Eigentlich wollte ich viel lieber allein und in Ruhe RTL glotzen, echt. Ein Jammer.

A-Hörnchen hat sich eine E-Gitarre gekauft, auch nervig. Er ist extra früh aufgestanden, hat alles ausprobiert und ist abartig glücklich. Ich sollte zuhören! Nachdem ich schon zwei Konzerte von der “Bent” von C- und D-Hörnchen gesehen hatte. Alter… man macht echt was mit.

Gleich muss ich sogar noch duschen und mich anziehen, weil ich D-Hörnchen zu seinem Kumpel bringen muss. Voll kein Bock, echt! Viel lieber würde ich in Ruhe RTL glotzen, oder vielleicht Vox. Vox geht auch. Im Ernst, meine Laune ist so im Keller ich hätte nicht mal Lust auf Netflix, so kann es gehen.

Ferien sind eben gut. Endlich Zeit mit den Liebsten, endlich zur Ruhe kommen. Endlich ausschlafen, endlich leben wie einem das Leben gewachsen ist. Keine Zwänge, kein Druck, keine Verpflichtungen. Mega, dieses Leben, zwischen 23:45 in der Nacht und 8:00 am Morgen, dieses traurige Dasein auf dem Sofa, eingewickelt in eine schäbige Decke, während man hofft, noch eine Minute für sich rausschlagen zu können, bevor man ungewaschen einpennt um am kommenden Morgen von best-gelaunten Kindern geweckt zu werden, die schon 200 Sachen überlegt haben, die sie einem auch unbedingt noch zeigen wollen.

C-Hörnchen hat Kastanien angetuscht. Mega schön. B-Hörnchen hat was gemalt, A-Hörnchen hat aufgeräumt und D-Hörnchen hat auch was tolles. Komm schnell, komm gucken, guck frei, guck ohne Stress, ohne Druck, ohne Verpflichtungen aber guck um gottes Willen!! Guck, und guck begeistert. Guck lange und guck froh!!

||Keine Sorge, ich bin ok. Ich bin nur genervt, und würde gern RTL glotzen. Ich genieße die Ferien, den Urlaub und die zeit mit der Familie. Meistens zumindest, aber heute nicht||

Diary of a dream

Präambel: Schon am Vorabend des Tages wurde besprochen, dass der Kern des nun folgenden Tages das Aufräumen der Kinderzimmer sein soll. Allen Beteiligten ist bekannt, dass sowohl Verabredungen als auch Zeiten an PC,TV oder iPad erst erlaubt sind, wenn die genannte Tätigkeit (also Aufräumen) abgeschlossen ist. Die Zimmer werden bei uns alles andere als täglich und meist nichtmal regelmäßig aufgeräumt. Dennoch ist jedem im Haus bekannt, wie es geht und was es heißt.

8:32. Ich werde vom D-Hörnchen geweckt. Noch während ich versuche mich auf meiner Matratze zu orientieren bereitet er stolz, dass er schon sein ganzes Zimmer aufgeräumt hat. Alles nämlich!

8:35. Ich bin im Bett, deshalb das wohlig warme Gefühl, gut soweit. C-Hörnchen kommt hinzu. Ohne Umschweife schreit sie ihren Bruder an, er hätte GAR NICHT it aufgeräumt. GAR NICHT!!

8:37. Ich jage beide weg. Sie verkünden Frühstück zu machen. Mega, ich kann pennen.

8:55. D-Hörnchen teilt mir mit, dass Frühstück fertig ist. Leider hätten sie das kleine Ding von der Kaffeemaschine nicht gefunden, aber alles alles alles andere ist FERTIG! Yeah!!

9:00. Auf dem Esstisch steht eine Große Schüssel Müsli. Die Kaffeemaschine blinkt irre, schätze Burn Out. Die Kinder strahlen mich an. Auch B-Hörnchen ist wach. Ich beginne die Reanimation der Kaffeemaschine.

9:07. Kaffee inxs. Ich setzt mich erwartungsvoll an den Tisch.

9:08. Acht Augen glotzen die Schüssel in der Mitte des Tisches an.

9:09. Ich hole meinen Kaffee. Mmmmhhh.

9:10. C-Hörnchen erkennt klug: Keine Teller, keine Löffel. Sechs Augen sehen mich erwartungsvoll an. Ich rühre meinen vorzüglichen Kaffee.

9:11. B-Hörnchen steht mega-genervt auf und beginnt Sachen zu organisieren.

9:15. Wir beginnen Müsli zu essen. SIEG

9:20. D-Hörnchen erkundigt sich, ob er gleich iPad spielen dürfte, weil er ja schon alles alles alles aufgeräumt hat. Alles!! C-Hörnchen möchte sich mit Jana verabreden, oder mit Julia oder mit Ronja.

9:22. Schlägerei C- und D-Hörnchen.

9:21. C-Hörnchen beteuert, dass ihr Bruder gar gar gar nix aufgeräumt hat.

9:25. D-Hörnchen heult.

9:26. Ich auch gleich

9:27. Ich versuche sowas ähnliches wie ein Gespräch mit B-Hörnchen zu führen. Sie antwortet 2x hmm und 3x hm.

9:29. C- und D- Hörnchen stampfen nach oben. Ich solle ganz ganz ganz schnell nach oben kommen. Gucken was alles alles alles schon aufgeräumt ist/ alles alles alles noch gar nicht aufgeräumt ist. Ganz schnell.

9:35. Ich steige die Treppe zu den Kinderzimmern empor und stoße mir auf dem kleinen Flur unfassbar doll den Zeh. Alles liegt voll mit Dings. Die Treppe auch. In D-Hörnchens Zimmer sieht man wenig Teppich, in C-Hörnchens nicht. Motzen.

9:40. Ich höre auf zu motzen.

9.41. D-Hörnchen fragt, ob er erst Pad darf und dann aufräumen. Alter!

9:42. D-Hörnchen rennt schreiend weg. Ich bin so einen KackkotzMutter! C-Hörnchen fragt, ob sie schon mal eben Julia anrufen darf, oder Jana oder Ronja oder alle, nur falls sie bald fertig ist.

9:43. Darf sie nicht. C-Hörnchen heult und beteuert, D-Hörnchens Zimmer wäre viel viel viel schlimmer. Ich bin so einen KackkotzMutter!

9:45. Zweiter Kaffee inxs. Fickt euch doch alle.

9:47. C-Hörnchen kommt runter um zu sagen, dass sie schon ganz viel geschafft hat.

9:48. Kaffee fertig.

9:49. B-Hörnchen kommt um nachzufragen, was sie heute tun soll. Auf meine freundlich formulierte Bitte, aufzuräumen, antwortet sie mit einem genervten: Hm!

9:50. D- Hörnchen kommt runter. Er ist fertig. Ich sage, dass ich eben meinen Kaffee trinke und dann komme um staubzusaugen. Er setzt sich neben mich und guckt mich an.

9:51. “Bist du gleich fertig?”

9:51,30.“Bist du gleich fertig?”

9:52. “Bist du gleich fertig?”

9:52,30.“Bist du gleich fertig?”

9:53.“Bist du gleich fertig?”

9.53,30.“Bist du gleich fertig?”

9:54.“Bist du gleich fertig?” Ich schmeiße ihn raus. Oben warten.

9:55: Gleich hat er Trinktemperatur, bestimmt. Und er duftet sooooo herrlich. So herrlich!

9:59. A-Hörnchen tritt auf den Plan. Er begrüßt mich mit einem wortreichen: “Hmpf” und geht ins Bad.

10:03. Ich gehe nach oben, mit Günni, unserem Staubsauger. Auf der Treppe stolpere ich über Dinge. Der Flur ist voll. D-Hörnchens Teppich ist frei; alles ist unter dem Bett. Mega der Trick!!

10:04. D-Hörnchen ist sehr sehr wütend darüber, dass ich den Trick durchschaut habe.

10:05. Ich bin wieder in der Küche. Auf der bank am Esstisch sitzt ein schlecht gelauntes A-Hörnchen. Kein Wort.

10:10. Noch immer Glotzt der Riese im Schlafanzug den Tisch an. Das imaginäre “Tischlein Deck dich-Spiel” klappt nicht.

10:15. Der Riese im Schlafanzug besorgt sich Futter. D-Hörnchen stampft parallel ins Esszimmer: “Ich bin jetzt in echt fertig!” Sagt er mit leicht niedergeschlagenem Ton. Ich sage, dass ich nach dem geselligen Frühstück mit A-Hörnchen rauf komme. A-Hörnchen macht: “Hmpf”.

10:25. Ich sollte eine Zeitung abonnieren.

10:26. Laaaaangweilig wenn keiner spricht.

10:29. Das Ende ist nah. Der wohl geselligste Teil des Tages neigt sich dem Ende. Yay

10.32. Auf dem Weg zu den Kleinen gehe ich bei B-Hörnchen vorbei und erkundige mich, ob sie voran kommt. Ihr Kommentar: “Vergessen.” B-Hörnchen baut Lego.

10:35. Ich kann tatsächlich D-Hörnchens Zimmer saugen. Strike! Ich sauge lapidar drei kleinere Legosteine mit weg und feiere meinen Sieg über die Unordnung.

10:43. D-Hörnchen kann endlich ans iPad.

10:45. C-Hörnchen sitzt in einem riesen Berg Dinge. Unglaublich wie sie es schafft, diese Menge an Kram zu generieren. Ich denke sie spawnt. Ich entscheide zu helfen; das wird so nix.

10:55. Ich habe dreizehn alte Kekse, einen Obst Teller von über-gestern und 19 Socken gefunden. Außerdem fanden sich dutzende weitere Kleidungsstücke die “noch mal gehen” in allen Ecken und Nischen des Zimmers. Auch das zweite und das dritte Oberbett konnte eingefangen und zu den vier Wolldecken sortiert werden. “Ich friere manchmal nachts”, erklärte das Hörnchen noch dazu. Nun dann.

11:04. C-Hörnchen ist fertig, ich auch. Das Zimmer auch. Sie kann jetzt Ronja anrufen, oder Jana oder Jolanda oder Leni oder wen auch immer.

11.12. Keiner hat Zeit. Das D-Hörnchen ist inzwischen mit dem Pad fertig. Beide gehen nach oben, freuen sich kurz über die wunderschönen aufgeräumten Zimmer und beginnen damit, den Zustand aufzuheben.

11:28. Ich bereite einen Obstteller und gebe ihn dem C-Hörnchen mir rauf.

11:43. B-Hörnchen hat leider vergessen was sie tun sollte, aber dieses Lego-Boot; das hat es in sich!

12.00. Ich mach mal Mittag.

Noch einmal schlafen, und dann beginnt ads, was wir bis März diesen Jahren als „Normalität“ bezeichnet haben. Regelbeschulung. Die Hörnchen sind not amused, schon ein krasser Gedanke dieses Fünf-Tage Woche- Ding“. Und so taten wir in den vergangenen tagen das, was wir jedes Jahr tun: Hefte und Mappen kaufen, Kleber Buntstifte und co natürlich auch. Die Füllungen der Brotdosen diskutieren und most of all: Viel zu spät ins Bett gehen.

Am ersten Schultag nach den Ferien herrscht dann, wie jedes Jahr, Zombie-Alarm – in diesem Jahr allerdings mit Maske. Denn an den weiterführenden Schulen gilt Maskenpflicht. Die Hörnchen sind auch hierüber not amused. Noch ein Fashin-Detail, das bedacht werden muss und überhaupt. Für die Lehrer ein potentieller Vorteil; sie müssen nur knapp 1/3 der leichenblassen, übermüdeten Gesichter bestaunen und auch sonst haben Masken ihre Vorteile. Die Fraktion „Zähneputzen mach ich nicht“ stinkt sich selbst voll, Lehrer mit feuchter Aussprache sind keine Bedrohung mehr und nie aßen sich Knobi und Zwiebel so sorglos. Dennoch, die Hörnchen… nun ja.

Ich starte mit wenig Elan und noch weniger Überzeugung in das neue Schuljahr. Ob es sinnvoll ist 25 halbstarke Hormon-Schlumpies in eine Klasse zu setzen? Zugegeben, das ist es nie, aber unter virologischen Gesichtspunkten betrachtet; nein. Hinzu kommt, dass ab Oktober eh immer einer schnieft, einer hustet (und die Grundschule Läuse hat). Die Situation droht überzeugend, meinem Arbeitszeitkonto, meinen Nerven und dann irgendwie ja auch der Gesundheit eines jeden. Ich mag das nicht mehr.

Lösungen? Keine, ganz klar. Ich persönlich hätte die Welt gern auf Pause gesetzt. Ein Jahr mit alles nix. Keine Schule, keine Arbeit, keine Minusstunden. Keine verpassten Unterrichtsstunden, kein vermasselter Stoff. Jeder macht was er kann, alle geben das, was eben geht. Der Rest ist eben Zauberei. Mene mene, hex hex und alles ist gut. Ich Weißbuches, dass das so einfach nicht ist, dennoch… ach man!

Und so warten wir es mal ab, wer wie lange zur Schule darf. Wer wann den ersten positiven Fall hat, welches meiner Kinder zuerst Husten hat und wie viele Wochen uns das kosten wird. Warten wir es ab, ob Kind-krank Tage, Überstunden und Urlaub am Ende reichen um Corona gerecht zu werden und ob meine Nerven stark genug sind um den ganzen Scheiß noch einmal ein paar Monate standzuhalten. Muss ja, … muss ja. Corona fick dich!

Primäre Bezugsperson ersten Grades

Man sagt, Entenküken folgen in ihrer Kindheit der Person, die sie nach dem Schlüpfen zuerst gesehen haben – in den meisten fällen ihrer Mutter. Bei Menschenküken ist das ähnlich, sie binden sich an eine Primäre Bezugsperson, bauen Urvertrauen auf und legen, besonders in den ersten 24 Monaten, ihr Leben in die Hände dieser. Bei den meisten Kindern wird diese Rolle durch die Eltern erfüllt; logisch. Heute geht man vollkommen logisch und emanzipiert davon aus, dass Väter und Mütter diese Rolle gleichermaßen erfüllen und die Kinder, ohne jeden Zweifel, an beide Eltern gleichermaßen gebunden sind. Ausgenommen sind hier die Kinder, die nach ihrer Geburt zunächst in Pflegestellen o.ä.Verharren müssen, auch sie binden sich auf die eine oder andere Weise an Bezugspersonen, durch die fehlende Konstante neigen sie jedoch zu Bindungsstörungen – das ist ein wichtiges aber anderes Thema.

Heute möchte ich über die herausragende Bindung meiner vier Hörnchen an mich – ihre primäre Bezugsperson – schreiben. Und ich möchte die Frage diskutieren, ob der Vater tatsächlich genauso unabdingbar ist wie die Mutter – und vor allem: ist er genauso gut sichtbar! Ihr seht, es wird hoch wissenschaftlich und bietet Konfliktpotenzial.

Ich habe meine Kinder ausgetragen, sie gestillt und monatelang auf mir schlafen lassen. Tagsüber trug ich sie und als sie krabbeln lernten, bot ich ihnen Raum für Autonomie. Ich stand immer, zu jeder Zeit, als Bezugsperson und Basis zur Verfügung, habe über Jahre hinweg jede Träne getrocknet und jedes Lachen geteilt. Ich war da. Inzwischen sind die Hörnchen groß. Mit 13 und 11 sind A- und B-Hörnchen unabhängig. Sie können sich nach der Schule etwas zu essen machen, sie gehen allein shoppen und verabreden sich ohne meine Hilfe. Wenn was ist, kommen sie zu mir. C- und D-Hörnchen nutzen meinen Support noch viele Male am Tag. Sie suchen wesentlich aktiver meine Nähe und zeihen ihre Kreise zwischen Autonomie („Ich gehe noch raus!“) und Nestschutz („Kann ich kuscheln?). Sie machen das gut und ich begleite alle vier gern auf ihrem Weg. Dennoch stehe ich immer wieder vor einem großen Rätsel: Warum immer ich?

Emanzipatorisch betrachtet ist mein lieber Mann ebenso bindungsrelevante, wie ich es bin. Zugegeben, in den ersten neun Monaten beschränkte sich der Kontakt auf Handauflegen und „Hallo“ rufen. Ja, und in der Zeit danach waren es die Zeitfenster zwischen den Stillphasen, die ihm zur Verfügung standen – zumindest dann, wenn er nicht arbeitete. Wir verbrachten die Wochenenden zusammen, die Urlaube. Und als C-Hörnchen neun Monate alt war, nahm er drei Monate Elternzeit. Selbstverständlich brachte er alle Kinder ins Bett, nachdem sie soweit abgestillt waren, wechselte Windeln und betreute die Kleinen, wenn ich Termine hatte. Er war immer das, was man einen modernen Vater nannte; jeden Tag zwischen 17 und 19.00.

Ins echte Leben übertragen heißt das, dass der Mann ohne Probleme mit den Kindern alles kann. Bedingungslos alles. Dies Regel setzt in dem Moment aus, in dem ich das Haus (oder den Garten oder was auch immer) betrete. Denn sobald das so ist, bin ich die bedingungslose Person of Interest. Allein bei einer einzigen Mahlzeit bringe ich es auf 20-30 Ansprachen. „Guck mal, mein Käse!“, „Mama, ich schmiere Brot. Guck mal wie mein Brot ist..“, „Mama kann ich dies, Mama kann ich das..“. Der Mann sitz dann natürlich bei uns, Bilderbuchfamilie und so, aber selbst wenn ich mich an einem Brotkrumen so verschlucken würde, dass nichts mehr gut, würden sie zunächst mich ansprechen.

Duschen zu gehen heißt in der Welt einer primären Bezugsperson offenbar, beim rasieren der primären Beine ungefähr sieben Rücksprachen mit dem Volk darüber treffen zu müssen, ob es wirklich nötig ist, dass ich allein im Bad bin. Ebenso verhält es sich beim Toilettengang oder wenn man einen Magen- Darm Infekt hat. „Was machst du daaaa?“ ist ein geflügelter Begriff und jeder der schon mal auf dem Scheißhaus saß sollte annehmen, dass diese komplexe Tätigkeit für Außenstehende durchaus zu erkennen ist. Nun ja.

Eben mähte ich den Rasen. D-Hörnchen saß ununterbrochen im Kletterbaum und laberte auf mich ein, C-Hörnchen kam in den 15 Minuten 3x weinend mit Pipapo und B-Hörchne stand vielfach neben mir und fragte… was ich da mache. Der Mann, der Vater der Kinder, stand währen der ganzen Zeit im garten, frei. Und so ist es eben.

Mama, kann ich was Süßes?

Mama, wollen wir was spielen?

Mama, guckst du dir meine Höhle an?

Mama, guck mal den schönen Kackhaufen?

Mama mein Computer ist komisch (haha, und da fragst du mich???)

Mama, wann ist Abendbrot?

Mama, wie viele Tage noch bis Weihnachten?

Mama, Mama, Mama, Mama,…

Papa, wo ist Mama?

Ganz bestimmt kann ein Kind mehrer primäre Bezugspersonen haben. Primäre Bezugsperson ersten Grades und eben die anderen.

Die im Text als „Mama“ bezeichnete Person kann selbstverständlich auch jede andere Person im Leben eines Menschen sein. Ihre Rolle wird nicht durch die biologische Verwandschaft oder das Geschlecht bestimmt. Außerdem bitte ich darum, meine Worte mit Humor zu lesen und sich nicht auf den Schlips getreten zu fühlen (oder den BH). Ich schätze und würdige meinen Mann, das was er tut und tat und weiß, dass er für die Kinder bedingungslos wichtig ist. Dennoch mag ich zB allein auf Klo gehen total. Echt, TOTAL!!

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Des deutschen höchstes Gut – Neues aus der Biotonne

Ab etwa 20 grad ist es warm genug. Dann bilden sich aus den Eiern, die die dicken, schwarzen Fliegen gelegt haben, kleine weiße Maden. Zunächst ganz unscheinbar, wie Reiskörner, bald dann aber fetter und vor allem agiler. Sie sind flink und suchen das Licht. Öffnet man den Deckel unvorsichtig, fallen sie einem buchstäblich auf die Füße. Wer weiß, vielleicht kitzelt es zwischen den Zehen, wenn sie sich in der Sandale winden.

Die Biotonne, das geheime Battle des deutschen Vorstädtlers. Wer was auf sich hält, der hat eine, ganz klar. Der Müll wird getrennt und ja, das ist auch gut so. Dennoch, am Abfuhrtag, oder eher in den Stunden davor, trennt sich am Straßenrand die Spreu vom Weizen (oder dem was davon übrig blieb). Seit 14 Tagen gärte dann der peinliche Überrest einer jeden Mahlzeit, zusammen mit Gartenabfall und dem einen oder anderen Fremd-Akteur in der Tonne und tat das, was er tun musste: autonom stinken.

Die akribischen unter den Tonnen-Besitzern reinigen die Tonne nach jeder Leerung mit Wasser und Seife. Die Hinterlassenschaften werden penibel in Zeitungen gewickelt, oder in Bio-Beutel. Zwischen die einzelnen Portionen kommen weitere Zeitungen, so dass auch der letzte Tropfen Saft aufgefangen und verborgen bleibt. Fliegen sucht man hier vergebens, die stehen nicht auf den guten Frosch. Zitronenreiniger. Das klinische Objekt könnte glatt in der Küche oder besser noch neben dem Esstisch wohnen – wäre sie nicht so hässlich.

Die meisten stinken so dahin, sauber macht man sie mal, ja. Die erste Woche nach der Abfuhr ist es noch ok, danach sollte es kühl bleiben. Hier und da kriecht mal was, dann wird peinlich berührt was gemacht. Was, was man dann so macht, wenn die halb volle Tonne beginnt ein nicht akzeptables Eigenleben zu führen. Kalk soll helfen, oder Katzenstreu. Oder beides. Oder eben auswaschen, aber mal im ernst. Wer hat denn am Tag der Abfuhr zeit, die versiffte Tonne zu waschen und vor allem sind die Gefahren ja nun mal auch nicht zu unterschätzen. Denn wenn man den Gartenschlauch all zu schwungvoll in den Morast hält, dann ist er ganz bald überall, der Morast der vergangenen Zeiten, in all seiner Pracht. Also schnell eine Lage Katzenstreu, drei Seiten Zeitung vom Nachbarn drauf und auf auf in die nächste Runde.

Die eigentlichen Helden der Tonne sind die, die den ganzen Scheiß einfach blanko rein werfen. Sie beeindrucken in ihrer Dominanz, ihrem Durchhaltevermögen und der grenzenlosen Fähigkeit, Leid zu ertragen. Ab ca. 17. April stinkt die Tonne zum Himmel, ab Mai muss man die Straßenseite wechseln, um an betroffenen Häusern vorbei zu kommen.

Dann kommen die Fliegen. Nicht drei oder fünf, nein! Sie kommen in Scharen und legen was zu legen ist. Corona hin oder her, an einem solchen Objekt kommt man nur mit Maske vorbei. Schon ohne jede Aufmerksamkeit kriechen dutzende fette gelblich schimmernde Maden auf dem fettig glänzenden Rand der Tonne entlang. Hie und da kommt ein Spatz des Weges und bedient sich am reichhaltigen Buffet; den Tonnenbesitzer juckt es nicht. Der wirft weiter beharrlich seine Hinterlassenschaftenin den Schlund – irgendwann dann eben auf Distanz, manchmal in einer Plastiktüte.

Schlimm wird es bei Regen. Da suchen die Tierchen das Weite. Zurückhaltend aber zielsicher verlassen die fetten weißen dann ihr stinkendes zuhause und suchen nach einer neuen Zuflucht. Gegen diese Völkerwanderung kommen auch die Spatzen nicht an, und auch nicht das Katzenstreu. Die einzige Macht, die das agile Volk zu unterdrücken weiß, ist die Kälte.

Ab Oktober herrscht Ruhe. Dann ist auch die letzte Made erfroren, kein Ei kommt mehr nach und die Fliegen sind .. da wo Fliegen im Winter sind. Jetzt gilt es den wichtigsten aller Momente nicht zu verpassen: Den ersten Frost. Denn wer jetzt nicht auf der Hut ist, dem friert die ganze Suppe in der Tonne fast. Der unattraktive Eiswürfel bleibt dann, bis zum ersten Abfuhrtag nach dem Frost. Mit dem wiederum beginnt es von vorm, das geheime Battle des Deutschen. Der Kampf um die Tonne, die epische Schlacht zwischen Vernunft und Ignoranz, zwischen Sorgfalt und Lassy fair. Und ein kleines Bisschen auch der, gegen den eigenen Schweinehund und die Scham.

P.S. Seit Tagen sind über 30 Grad. Ich möchte meine Tonne nicht auf der Terasse haben, sollte es regnen, brauche ich mich (glaube ich…) dennoch nicht zu schämen

P.P.S. Ich schmeiße keine Plastiktüten in meine Tonne

P.P.P.S. Wer kompostiert, dem nichts passiert.

Wenn Frauchen eine Panne hat

Eben machte ich den Motor im Auto an und A-Hörnchen teilte mir beiläufig mit, dass wir einen Platten hätten. Vorschriftsgemäß schaltete ich den Motor wieder ab, schließlich weiß ich, dass man mit einem platten Reifen nicht fahren darf.

Tatsächlich, der Reifen ist platt, ganz und gar platt. Keine äußeren Beschädigungen erkennbar, dennoch: Platt. Kurzerhand pfiff ich die Bande zurück und rief den ADAC an.

Der vermutlich ältere Herr am anderen Ende sprach hoch empathisch in einer ruhigen Stimme mit mir. Sehr betroffen und langsam eröffnete er das Gespräch mit den Worten: “Bleiben Sie erstmal ganz ruhig Frau Hörnchen. Und jetzt erzählen Sie mir mal ganz genau was passiert ist. “ Bis zu dieser Frechheit war ich ausgesprochen Ruhig. Im übrigen bin ich nicht dumm, hysterisch oder so, ich bin lediglich mir zwei X-Chromosomen ausgestattet, dennoch kann ich alles was meine artverwandten Y-Chromosom-Träger können. Und um es vorweg zu nehmen: Ich kann göttlich gut parken! Ich kann sogar tanken!!

Ich teilte dem Alten Sack freundlich mit, dass der vordere Reifen platt sei, das Auto zu Hause stünde und ich kein Ersatzrad hätte. “Verstehe!” Sagte er betont langsam und ruhig. “Ich werde Ihnen jetzt einige leichte Fragen stellen.” Kündigte er an und ich atmete schwer und vernehmbar. Mein Geduldsfaden spannte sich zunehmend. “Keine Angst, Frau Hörnchen! Das bekommen wir hin.” Fuhr er fort. Letztlich wollte er den Fahrzeugtyp (Groß), die Marke (Sternchen) und die Farbe (schön) wissen. Komplexe Fragen, zugegeben. Zum Glück gab er mir den wertvollen Hinweis, zur Not im Fahrzeugschein nachzusehen. Nachdem ich die Infos weitergegeben hatte, beschwichtigte er mich ungefragt zum Abschied mit der Weisheit, dass es völlig in Ordnung sei, dass man nicht über alles Bescheid wisse. Mein Mann kümmere sich gewiss um alles und jemand müsse ja auch bügeln und waschen. Genau Arschloch.

Im nächsten Schritt gelang es mir selbstständig und aus eigener Initiative, eine Autowerkstatt anzurufen. Ich weiß, trotz meiner Brüste, dass man Autoreifen nicht bei Rossmann oder Rewe bekommt, deshalb wollte ich den attraktiven Mann in blau bitten, mir einen klarzumachen. Gar nicht so leicht. Der junge Bursche war unsicher, ob ich ihm die Daten auf dem Reifen korrekt am Telefon durchgeben könnte und bat mich schnell herzukommen, damit er sich aufschreiben konnte, was er für einen Reifen er bestellen müsste. Mein Argument, dass ich grad nicht fahren konnte weil platt, fand er nur halb gut. Die Tatsache, dass ich vor meinem Auto saß und die Zahlen auf dem Reifen nur vorlesen müsste, ließ er nicht gelten. Wixxer.

Wir einigten uns darauf, dass ich ein Foto vom Corpus delikti schicken darf und er dann mal guckt, ob das damit geht. Sonst müsste ich aber wirklich eben herkommen, so einfach ist das ja gar nicht. Genau, Fick dich! Gleich kommt noch der Mensch vom ADAC, ich bin schon jetzt total gespannt…

Genau hingesehen

Oh du kleines Männlein! Wie du da sitzt, in deinem PIKAchu-T-Shirt, von dem ich schon weiß, dass es dir eines nicht mehr fernen Tages zu klein sein wird. Fast ehrfürchtig umfassen deine schmuddeligen kleinen Finger einen Donald Duck Comic, aufmerksam und hoch konzentriert inhalierst du Sprechblase für Sprechblase. Erst seit kurzem ergeben die Buchstaben in den Blasen einen Sinn und ich sehe jedem Muskel in deinem Gesichg an, wie beeindruckt du von dieser Tatsache bist.

Dein Gesicht, wie du so in dich gekehrt da sitzt, ist nich hochrot gefärbt, der Schweiß eines verstrichenen Schultages mischt sich auf ihm mit Staub und Sand. Es ist heiß draußen, Reste von Sonnencreme unterstreichen deinen rot-braunen Teints. In der Pause habt ihr eine Höhle gebaut, mit ausgedachten Wänden und einem ausgedachten Dach, und Liam wollte die dann kaputt machen und Noel und Paul haben sie verteidigt und wir waren ganz laut.

Es ist ein zauberhaftes Alter, wenn die Welt nich voller Zauber und Magie ist, alles möglich ist und man in jeder Sekunde mit einem Wunder rechnen darf. Und dann keimt da die Vernunft, Begabung bahnt sich ihren Weg und lässt sich leiten von der Phantasie. Nicht mehr ganz aber dennoch zu großen Teilen lebst du im hier und jetzt, die Tage sind endlos und schaffen es immer wieder, auf wundersame Weise, all deine Bedürfnisse abzudecken. Und doch lebt in dir auch das morgen; an immer mehr Tagen auch das übermorgen.

Denn wenn du noch zwei mal schläfst, dann ist übermorgen. Und übermorgen, da warten ganz neue Abendteuer auf dich, ganz neue Herausforderungen und ganz ganz viele Sprechblasen. Vielleicht, wenn du Glück hast, sogar ein Eis. Oder ein Bonbon. Und wie an jedem Tag, warte ich auf dich! Wie an jedem Morgen werde ich meine Arme ausbreiten, dir einen dicken Kuss geben und dich begrüßen, als hätten wir uns wochenlang nicht gesehen.

(Guckt euch eure Kinder mal genau an! Sie sind wundervoll!!)

Baumarkt, Alter!

Nachdem wir in den vergangenen acht Wochen schick vier Hochbeete zwei mal gebaut haben, den halben Garten saniert und eine 10m Hecke entfernt, einen Zaun bestellt und 1 Kubikmeter Erde verteilt haben, hat das A-Hörnchen nun begonnen, sein Zimmer zu renovieren. Die alten Möbel sind verkauft, die Butze leer. Bei Ikea ist eine Vollausstattung „Teenie-Imperium“ bestellt – Alles macht sich gut an, die Sache flutscht, dennoch wurde eins ganz klar: We need to Baumarkt. Fuck.

Die Horrorgeschichten um diese letzte Bastion der zivilisierten Gesellschaft hatten auch mich längst erreicht. Der geheime Treffpunkt der ganz Verzweifelten, eine Art rechtliche Grauzone, ein Freistaat, ein Moloch. Von florierendem Schwarzmarkt mit Einkaufswagen sprach man da und von kilometerlangen Schlangen, von schreienden Kunden und weinenden Mitarbeitern und und und. Allein der Gedanke dort hin zu gehen kam mir schäbig vor. „Muss das denn sein?“, hätte mein beherrschtes Ich sicherlich zum anderen gesagt, „kann Das nicht warten?“. Nein, kann es nicht. Und so sammeln wir alles was so an den verschiedenen Baustelen aufgelaufen war, schrieben eine akribische, lange Liste und heute früh (ja Samstag, ha ha ha) zogen das D-Hörnchen und ich los.

Ja, ich nahm auch noch eine Vierenschleuder mit zum einkaufen; ein Kind, das in den vergangenen acht Wochen praktisch nie das Grundstück verlassen hat und einfach so gern mal seinen hippen Krabbelkäfer-Mundschutz ausprobieren wollte. So zogen wir also los: Das Kind, meine Schuldgefühle, das schlechte Gewissen und ich.

An der Einfahrt zum Parkplatz standen wir zunächst mal in einer nicht näher definierten Schlange. Stoßstange an Stoßstange, 200 rein, 150 raus. Alles sah nach einem gewaltigem Chaos aus und ich mochte es nicht. Nun ja.. nützt ja nix. Irgendwann war klar, wir stehen in der KFZ-Schlange für den Drive-In des Baumarktes. Ja, sowas vornehmes gibt es hier. Nach gut 10 Minuten gelang es mir den unfreiwilligen Aufenthalt in der Schlange zu beenden und versuchte nun also den Parkplatz als solchen zu benutzen. Dies stellte sich als nicht einfach heraus. Zwar waren an sich viele Plätze frei, jedoch stauten sich überall Autos die werden ein noch aus konnten, durchzogen von einer endlosen Schlage von wartenden Fußgängern.

Wir nahmen den ersten Parkplatz links und stiegen aus. Wagen gibt es nicht, die werden zZt. streng limitiert am Eingang zugewiesen, ach ja. Also ab in die Schlange. Etwa 100-120 Personen standen vor uns. Nach einer langen, langen Phase auf allen Bereichen des Parkplatzes kamen wir nach 30 Minuten in den eigentlichen Wartebereich. Mit Hilfe von Paletten hatten man hier so Freizeitpark-ähnliche Kaskaden abgesperrt und das D-Hörnchen wurde ganz aufgeregt. Ob man da Karussell fahren kann?Langsam aber stetig ging es voran, Meter für Meter. Gleich kommt das Karussell, sagte mein Hirn immer mal wieder und freute sich zunehmend auf die Fahrt im Colossos. Nun ja.

Nach 45 Minuten nahmen wir unsern frisch desinfizierten Gebrauchtwagen in Empfang und ab ging die Fahrt. Das D-Hörnchen nahm auf der Ladefläche Platz und wir begangen zügig und diskret, wie auf den Hinweisschildern gefordert, unseren Einkauf zu absolvieren. Zaunpfosten, Einschlaghülsen, Farbe, Rollen, Pinsel, Abdeckplane… Im Turbo-Gang zogen wir unsere Bahnen durch den immer noch vollen und irgendwie unfreundlichen Laden. Dann kamen die Schrauben. Der Gang war eng und ich eher planlos. Schrauben, viele. Nicht zu dick, nicht zu dünn, eher kurz aber auch nicht zu kurz, für Holz. Ich brauchte einen Moment und einen Anruf zu Hause um dem Rätsel zwischen Senkkopf und Klopfkopf, zwischen Spax und Torx auf die Spur zu kommen. Während ich in dem Gang stand konnte kein anderer rein und so kippte die Stimmung latent. Um nicht loszuheulen kaufte ich dann halt Schrauben; so güldene, hübsche. Damit wird der Zaun sicher halten.

Eins war klar, niemand wollte in diesem Baumarkt sein, am wenigsten ich selbst. Jeder hasste jeden, es hatte etwas von Krieg. Jeder hatte den besten Grund der Welt um da zu sein, und jeder wusste, dass die anderen ihn nicht haben. Es begann zu regnen, laut trommelten dicke Tropfen auf dem Blechdach des Marktes. Ich war froh, nicht mehr draußen zu stehen, die die jetzt rein kamen waren nass. Ihre Laune machte das nicht besser. Mit eigezogenem Kopf packte ich noch ein paar Blumen auf den inzwischen vollen Wagen. Blumen, das Symbol des unnötigen Einkaufes, das geheime Erkennungszeichen der Egoisten und Nichtsnutze der Gesellschaft. Hoffentlich konnte man meine Einschlaghülsen sehen, und die Zaunpfosten; die sind legitim. Mit eingezogenen Kopf schob ich zur Kasse.

An der Kasse machte ich alles falsch, was man so falsch machen konnte. Ich stand an der falschen Stelle, ich kontaminierte die Ablagen an der Kasse mit meinen ekelhaften Waren und zu guter letzt nahm ich mir eins von den bereitgestellten Wattestäbchen zum Geheimzahl-eingeben, obwohl ich eigentlich mit dem Jedermann-Stift unterschreiben sollte. Um diese Untat zu toppen, legte ich das kontaminierte Wattestäbchen zurück in den Behälter für saubere Wattestäbchen, worauf hin die gesamte obere Lage weg musste. WEGEN MIR!!

Menschen dieser Welt! Geht nicht in den Baumarkt. Nichts auf der Welt ist so wichtig, als das man DAS tun sollte. Meidet den Baumarkt, Stay Home!!

Die Einschlaghülsen btw. waren gar keine. Müssen wieder hin, alles Mist. Das aber mache ich nach Corona, 2022, falls ich sie dann noch umtauschen kann. Fuck!

Denn wie man sich bettet..

Seit gut fünf Wochen sind die Hörnchen nun zu Hause, alles ging so seinen gang. Der Menne deckte die ersten fünf von fünf Wochen ab, beschulte vier Kinder, schmiss den Haushalt und hatte gute Laune – fünf Wochen lang. Er fühlte sich wohl in seiner Rolle als Full-Time-Daddy und füllte diese herausragend aus. Ich selbst genoss den riesen Luxus, zur Arbeit gehen zu dürfen. Morgens um neun verließ ich das Haus, tat was zu tun war, und kam gegen vier wieder. Wenn ich das Haus betrat, empfing mich der liebliche Duft von Waschpulver und Frosch Neutralseife, der Menne saß als gutgelaunt herum und die Hörnchen waren ausgeglichen am spielen. Es war himmlisch, fünf Wochen lang.

Am Donnerstag vor Ostern wurde klar, dass ich nach Ostern werde einspringen müssen. ICH!! In meinem Kopf explodierten Horror-Szenarien von schreienden Kindern, Dreck, Homeschooling in der versauten Küche, Schlafmangel und Streit; jeder Menge Streit. Ich schrie, ich heulte. Um keinen Preis wollte ich meine Freiheit – meine Arbeit aufgeben; für keinen Tag. Ohne Haftausgang würde ich dieses Corona nicht überleben, soviel war klar. Gnadenlos steigerte ich mich in das Drama hinein und erreichte am Abend des Ostersonntag, also des dritten schrecklichen Tages zu Hause, das Unvermeidliche: Ich bekam eine Migräne, die sich gewaschen hat. Glückwunsch Mutti!

Ostermontag war ich kaputt, lag jammernd im Bett. Am Dienstag durfte ich noch ein letztes Mal zur Arbeit und verabschiedete mich wortreich, als ob ich Monate lang weg sein würde. Mir blühte Schreckliches, ich werde Zeit zu Hause verbringen müssen.

Mittwoch begann das Endzeit-Szenario. Schlecht gelaunt fuschte ich Frühstück daher, hasst das Homeschooling, grummelte hier und da was ins Diensttelefon und beantwortete zu Tode gequält Emails. Mein Leben war zu Ende. Wir spielten ein doofes Spiel, wir malte ein doofes Bild und am Nachmittag kochte ich eine doofe Suppe. Beinahe hatte ich versehentlich etwas Spaß, als ich am Abend mit dem B-Hörnchen etwas bastelte – aber nur beinahe. Ich benahm mich wie eine pubertäre blöde Kuh und schaffte es erfolgreich, jeden Fokus auf mir selbst und meiner schlechten Laune zu behalten. Unreflektiert wie ein Stuhlbein kackte ich alle an, nicht ahnend, dass die anderen Stuhlbeine auch viel zu tragen haben und, dass Sitzfläche und Lehne ebenfalls leiden. Man kann es nicht anders sagen, ich war ein Arschloch. Ein leidendes, trauriges, jämmerliches – aber ein Arschloch!

Heute begann der Tag anders. Also, prinzipiell ähnlich – ich lag im Bett, es war hell, überall waren Kinder. Aber etwas war anders: Ich hatte gute Laune. Ich machte Porridge zum Frühstück ohne zu jammern und das Homeschooling danach machte sogar Spaß – hopsalla. Und dann, plötzlich beim sortieren der Dreckwäsche, fiel mir etwas ein, das ich bei lauter Drama, Chaos und Panik fast vergessen hatte: Ich liebe es doch Mutter zu sein!!

Mein Frontallappen schrie so verflucht laut nach Struktur und Stagnation, dass ich das zaghafte Klopfen der Amygdala fast überhörte. „Mach´s doch mit´m Herzen!“ sagte sie, erst ganz leise und dann immer deutlicher. Und da hatte sie so recht. Rein logisch mach ich einen verdammt wichtigen Job im Job. Vor allem aber ist es sehr „wie immer“, wenn ich da morgens hin gehe und nachmittags weggehe. Die Kinder machen was anderes, wie immer. Der Mann auch, und der macht es sogar noch schön, er putzt. Rein logisch war es eine gute Lösung, eine ungefährliche und eine harmlose. Keine Veränderungen, kein Corona. Kein Problem.

Seit heute 11:00 löse ich das Problemchen nun mit dem Herzen, nicht mit dem Doofen Verstand. Es gibt Corona, alles ist anders und es gibt ein Problem. Um das Problem zunächst vor der eigenen Haustür bewältigen zu können, tue ich das, was ich am aller besten kann: Ich bin Mama. Das konnte ich viele Jahre lang enorm gut. Ich war der Inbegriff einer Vollzeit- Mama, konnte alles schaffen und beruhigte nicht nur mich selbst sondern auch die Hörnchen immanent. Angst ist ein schlechter Berater, das gilt nicht nur im Krieg sondern auch zu Zeiten von Corona – und auch sonst. Und wenn einen doch mal die Panik überkommt heißt es: Back to basics – was war denn das letzte was mal funktioniert hat. Wenn man das erreicht hat kann man mal gucken was man zur Lösung der anderen Probleme beitragen kann. Und wenn das nichts ist, ist es immer noch ein großer Erfolg in all dem Corona nicht zum dämlichen Arsch mutiert zu sein und einfach nur Mutti (oder Vati oder Schatzi oder Frauchen der,…) zu sein.

Bleibt gesund, und Mensch!