Zwei Papas

„Können wie morgen mal die Eltern sein und ihr seid sie Kinder?“ fragte das A-Hörnchen am vergangenen Freitag. Für mich sprach nix dagegen, die Mädels hatten keine Lust, und so hatten der Menne und ich am Samstag zwei Papas von 6 und fast 13 Jahren. Spannend! Ein paar Kleinigkeiten mussten im Vorfeld geklärt werden, so hatte das D-Hörnchen (also der kleine Papa) Hausaufgaben, die erledigt werden mussten, außerdem musste dringend Wäsche gewaschen werden. Aber sonst, alles frei.

Der Samstag begann geschmeidig. Die Papas hatten uns schlafen lassen und so wurden wir erst um neun geweckt, als Kaffee und Eier gekocht, der Tisch gedeckt und Brötchen geholt waren. Mega!! Wir frühstückten entspannt und ich stellte erfreut fest, dass ich mein Handy so viel benutzen darf wie ich will. Coole Sache!! Da ich für 14:00 geplant hatte mit den Hörnchen essen zu gehen, eröffnete ich dies den Papas und der große Papa stellt kurz und knapp fest: „Nein!“ Alles Bitten, Betteln und entsetzt Glotzen half nichts, A-Hörnchen wollte nicht auswärts essen; „Das traue ich mir mit euch nicht zu!“ und klar, da hat er recht! Mit vier Kindern essen gehen ist mitunter nervig und anstrengend.. und so blieben wir zu meiner großen Enttäuschung zu Hause.

Kind sein ist so scheiße!!

Zum Mittag kochten die Papas Nudeln mit Tomatensauce. Sie gingen einkaufen und erwarben viel gesundes Zeug. Es gab sogar Nachtisch! Der große Papa räumte die Spülmaschine ein und putzte die Küche. Auch die Waschmaschine war an. Läuft hier! Während ich im Garten werkelte relaxte der Menne im Wohnzimmer, was für ein Tag. Nach dem Mittag erlaubten wir zwei Teilzeit-Kinder uns eine Runde auf dem Rad, der große Papa klarierte während dessen die Küche, saugte Staub und bereitete das Abendessen vor.

Zum Abend aßen wir Pfannkuchen mit Käse. Am Tisch übergaben die Papas den Staffelstab zurück an uns. „Und, wie war es?“ fragte das A-Hörnchen und ich lobte ihn sehr. Der kleine Große hat alles bravurös gemeistert, bedingungslos! Auch er war zufrieden, stellte aber dennoch fest, dass das alles ganzschön anstrengend gewesen wäre. Er wisse ja, was ich so alles mache, aber nicht, dass das so anstrengend ist. Tja, das ist es wohl. Dennoch, großartig gemeistert und tapfer durchgehalten. Allein die Tatsache, dass A-Hörnchen um 8:30 das Bett verlassen hat, gehört eigentlich gewürdigt! Nach all dem Lob fügte das A-Hörnchen hinzu: „Mama, ich habe auch einfach richtig gute Vorbilder.“ Was für ein Kind, so viel Liebe, so viel Herz!!

Der Gewinner des Experiments war im Übrigen der kleine Papa. Das D-Hörnchen stand am Morgen vom Esstisch auf und bewegte sich langsam aber sicher zum Süßigkeiten-Fach. Schritt für Schritt, ganz langsam ging er darauf zu und wartete jede Sekunde auf Gegenwind. Dann verstand er, dass wir Ernst machten. ER bestimmte. Um 9:30 saß der kleine Papa mitten in der Küche und aß Süßes. Danach ging er mit den Schwestern an die Nintendo Switch. Nach dem Mittag schnappte er sich das iPad um dann später einen Film zu gucken. Läuft beim Zwergie.

Groß sein ist so Cool!!

Gestatten; ich hasse Menschen!

Sonntag, 8:39 in meinem Bett. Das D-Hörnchen trällert in den schönsten Tönen einen guten Morgen in mein Ohr und der Tag beginnt. Noch fast motiviert verlasse ich Sekunden später das Bett und spurte nach unten. 16 Stufen später treffe ich B- und C-Hörnchen im Kinderzimmer. Sie bauen friedlich Lego, es ist idyllisch. Während draußen das Orkantief Sabine oder Sylvia (Silvana?) aufzieht, schreite ich die nächsten 15 Stufen herab in die Küche. Mich empfangen zwei hungrige, nein was untertreibe ich. Mich empfangen zwei nahezu vollständig verhungerte Katzen (letztes Futter vor 11,5h!!!) und ein D-Hörnchen, das spricht. Auch in meinem Kopf beginnt sich eine Sabine zu formieren. „Ruhe mal!“ sagt der langsam aufziehende Sturm in mir. „Ruhe verdammt!!“

Während ich die Katzen erlöse, beginnt das D-Hörnchen „Das verrückte Labyrinth“ aufzubauen, es fehlt eine Karte. Aus reden wird Jaulen, Jammern, kreischen. „Leck mich, lass das, still Ruhe“ sagt Sabine. Ich tröste und bin gut. Fünf Minuten später, ich habe eine Zahnbürste im Mund, ein erneuter Zusammenbruch des D-Hörnchens. Es fehlt eine Karte, immer noch!! Alter!! Ich bin seit 15 Minuten wach, habe noch nichts im Magen und das ist die dritte (oder 100.) Krise. Sabine wird deutlicher „Soll er doch die restlichen Karten essen!! Sowas unverschämtes..“. Etwas harscher als zuvor tröste ich abermals . Wir finden die Karte bestimmt. Ganz bestimmt. Bald.

Ich gehe zum Bäcker. Die 45 Sekunden Weg durch die echte Sabine sind eine Wohltat. Ruhe. Keiner spricht. Als ich ankomme, betritt grad so ne Mudder mit zwei Zwergen den Laden. Vor der Tür steht ein Fahrrad-Anhänger, in dem eine Bettdecke (!!) liegt und Sabine sagt: „Wie kann man seine Blagen so endlos verziehen, sowas dummes. Dumme Mudder, dumme Kinder, pah!“ Ich betrete den Bäcker und trällere ein freundliches „Moorgen!!“ und keiner Antwortet. Sabine ist der Meinung es wäre klug, gegen den Tresen zu treten, ich lasse es dennoch. Die Mudder mit den Blagen sucht 200 Jahre lang aus und die Blagen können sich nicht entscheiden, ob sie Schokokissen, Schokocroissant oder drei kleine Schokobrötchen nehmen sollen und die Mudder wägt 20x alle Vor- und Nachteile aller drei Optionen mit den Blagen ab. Sabine eskaliert. „Alter!! Komm mal klar, deine verzogenen Bettdecken-Blagen sind grad mal alt genug um Nahtod von Hunger zu unterscheiden. Kauf ihnen was du für gut hältst ung gut. Meine Fresse, hier verhungern auch noch andere!!!“

20 Minuten später verlasse ich den Bäcker, nachdem Sabine noch angedacht hatte, die Bäckereifachverkäuferin mit Kleingeld zu bewerfen, weil sie 3x vergessen hat, wieviele Krosse das jetzt waren und so. Mal im ernst, da bin ich schnell, strukturiert und glasklar und die olle vertüddelt alles und es dauert dann doch lange. Man man man.. Ich habe voll Hunger! Sabine auch.

Zu Haus hat das D-Hörnchne schon begonnen den Tisch zu decken. Ich bedanke mich sehr wertschätzend, Sabine meckert, dass die Brettchen schief liegen. Sie sagt es nur ganz leise, aber das D-Hörnchen hört es wohl trotzdem. Sabine meckert danach mit der Kaffeemaschine, weil die doof ist, und mit dem Kühlschrank. Sabine regt sich auch sehr sehr doll über die Wurst-Dose auf, weil die zu klein ist. Um 9:15 ist das Frühstück endlich fertig. Ich habe voll Hunger. Sabine ist inzwischen zu einem umkalkulierbaren Tornado geworden. Sabine hat keinen Hunger, sie braucht niemals mehr essen. Sie hasst einfach Menschen. So einfach ist das.

Als alle endlich sitzen ist es eine Debatte über vegetarischen Fleischsalat, die Sabine dann das Ruder übernehmen lässt. Ich fahre aus der Haut, renne auf meinen Sessel und trinke heulend meinen Kaffee. Sabine geht weg, Sturm vorbei. Ungefähr drei Jahre alt krieche ich zurück zu meiner Familie. Entschuldigung, machmal sind Mamas richtig doof. Vor allem wenn sie Hunger haben – und zu dumm sind mal eben was zu essen. Man Mama!!

…Eislaufen

Die Hörnchen wollten Eislaufen und so richtig dagegen sprach nichts. Der Menne hatte es gut, der war arbeiten, und so machten wir uns auf den Weg. Zeugnisferien T ag 1; Mittags um halb zwei. Die Laune war gut, sogar bei mir, die latente Angst vor einem Beinbruch begleitete nicht, das gebe ich zu. Denn das würde grad so gar nicht gut passen, aber wann passt das schon. So saßen wir also im Auto, halb zwei und los. Nach nur 60 Min. stop & go, 200x „wann sind wir da“ und 373x „ist das Stau oder Ampel“, erreichten wir die Eislaufhalle im Nachbarstadtteil. Mutmaßlich wären wir zu Fuß schneller gewesen, per Bahn alle male aber der Komfort…

In der Halle angekommen war es erfrischend leer, wir zahlen ein halbes Vermögen an Eintritt und ein weiteres für das Ausleihen von 5 Paar Schlittschuhen. Danach ging es ab in die Umkleide. Kalt-feuchter Fußgeruch empfing uns erwartungsgemäß und A-Hörnchen zog sich schnell seine Schlittschuhe an. Noch bevor ich etwas über den Fußboden sagen konnte, war D-Hörnchen das erste mal sockfuß über den triefenden Gummi-Belag gelaufen und beschwerte sich tränenreich über nasse Füße. Ich selbst hatte dies nicht zu verhindern gewusst – das B-Hörnchen war ebenfalls tränengetränkt. Die Schlittschuhe passten nicht. Wir tauschen unkompliziert Gr. 37 gegen Gr. 36 und Sekunden später waren die zwei großen Hörnchen auf dem Eis. Teilsieg.

Inzwischen hatte ich das nasse D-Hörnchen zurück auf eine Bank kommandiert und bat ih, die Schlittschuhe schon mal anzuziehen wie Inline, das kam mir schlau vor. Danach wendete ich mich dem C-Hörnchen zu. Tränen. Ihre Schlittschuhe in Gr. 35 passten nicht. VIEL ZU GROß!! Also tauschten wir in 34. VIEL ZU KLEIN!! Ich hing inzwischen etwa 15 Minuten fast ununterbrochen in der Hocke gebückt an den Füßen meiner Kinder und kämpfte mit dem Brechreiz. Währen ich verzweifelt versuchte dem C-Hörnchen zu erklären, dass es zwischen 35 und 34 keine andere Schuhgröße gibt, und dass sie sich entscheiden müsse zwischen „zu groß“ und „zu klein“ erklärte die nette Mutter neben mir ihrer Tochter sehr laut, dass man beim Eislaufen IMMER Handschuhe tragen müsse, weil einem die anderen sonst die Finger abfahren. Zack, ganz schnell geht das. Das Höschen lauschte aufmerksam (meins, nicht das der Frau) und sagte dann: „Wie haben keine Handschuhe dabei!“ Der Tonfall machte deutlich, dass mein Kind grad den letzten Glauben an mich verlor. Um die Situation zu retten sagte ich, nach wie vor in Kack-Haltung am Boden der Tatsachen: „Nun, dann sind die Finger halt ab im Handschuh, macht es auch nicht besser.“ Meine Hörnchen nickten verständig, die Frau weniger. Memo an mich: Ich sollte für solche Momente die Nummer des Kinder- und Jugendnotdienstes dabei haben!

Während das C-Hörnchen über die Schlittschuh-Größen-Frage sinnierte, robbte ich auf zwei eingeschlafenen Beinen rüber zum inzwischen gut gelaunten aber Schlittschuh-losem D-Hörnchen. „Viel zu klein!“ und so tauschte ich abermals. 32 gegen 33; erledigt. Minuten später hatte der Kleinste Schlittschuhe an den nassen Füßen, was ihm nichts brachte, da er mich als Stütze braucht…

C-Hörnchen war inzwischen selbst zur Ausgabe gelaufen, hatte jetzt auch nasse Socken, und brachte stolz ein Paar in der Zwischengröße. Sie passten null, waren nämlich viel zu schmal. Ich tauschte als Paar Nummer C-drei gegen Paar Nummer C-vier und nach nun gut 25 Minuten hatten auch C- Hörnchen und ich Schlittschuhe an den Füßen. Noch schnell Pipi weil immer einer muss – und los! Als wir auf unseren Schlittschuhen aus der Toilette taumeln ist das Eis leer, die Eismaschine beginnt ihre Runden zu ziehen. 20 Min. Pause, Ha ha. A- und B- Hörnchen kommen mit roten Köpfen: „Wart ihr noch gar nicht???“

Als wir nach langen 20 Minuten endlich auf´s Eis können, ist es inzwischen recht voll. Bei genauerem hinsehen erschließt sich mir warum. Die Nutzenden der Eislaufhalle gliedern sich in grob 3 Gruppen, von denen zwei durch einen Faktor vereint werden: Bewegungsunfähigkeit vor 15:00:

  1. Eltern von Kleinkindern. Erschreckend viele von denen schleifen 3 jährige im Schneeanzug mit Helm und natürlich Handschuhen über das Eis und versuchen sie irgendwie zum Eislaufen zu bekommen. Während ein Großteil der Kinder wahrscheinlich noch nicht Fahrrad fahren geschweige denn auf einem Bein hüpfen kann, sollen sie hier in voller Kampfausrüstung an ihrer Karriere arbeiten. Es ist ein Jammer! Ach ja, 15:00? Vorher macht man in dem Alter Mittagsschlaf, vor allem die Eltern.
  2. Teenies. Große Horden von 14-15 jährigen Zahnspangen-Trägern, die als weiblich zu identifizierenden von ihnen zumeist bauchfrei und mit Capri Hose, latent blaue Lippen schimmern unter dem gut verspachtelten Make up durch. Die (zukünftigen) Herren der Schöpfung eint ein abartiger Körpergeruch, gemischt aus Hugo Boss, Bruno Banane und 14 Tage altem Schweiß und ultra-hotte LED-Schliitschuhe, mit denen sie enorm hot über das coole Eis sliden. Das Balzverhalten ist beeindruckend und zugleich erschreckend mit anzusehen und hat einen eigenen Beitrag verdient.
  3. Unseresgleichen. Dumme Normalos, die einfach nur da hin gehen und ein bisschen eislaufen wollen..

Nun denn, wir eislaufen also und ich habe tolle Kinder. Die drei großen ziehen super ihre Bahnen, der Kleine übt fleißig, es ist nett. Nach etwa der Runden kommt das C-Hörnchen angelaufen, sie weint abermals: „Maammmaaa! Die Schuhe! Das geht gar nicht. Die knicken immer soooo ein und …“ Wir verlassen also das Eis und tauschen erneut. Das fünfte Paar ist ok, wenn auch hässlich. Wir gehen aufs Eis. Zwei Stunden, drei Packungen Kekse und einen Anschiß vom Personal (falscher Ort zum essen) später verlassen wir glücklich die Halle und ich denke darüber nach, vielleicht doch mal Schlittschuhe anzuschaffen,… die dann immer wenn man mal fahren will, nicht passen. Es ist ein Jammer!

Ein Bein gebrochen habe ich mir übrigens nicht. Da ich die aller aller aller meiste Zeit neben dem D-Hörnchen an der Bande her rutschte, ist dies jedoch nicht weiter verwunderlich. Und ganz am Ende, als das D-Hörnchen schon fertig war, da bin ich ein mal drei mal im Krei gefahren. Was ein Spaß, was eine Freude..!

Ach ja, wie kamen mit 50 festverbauten Fingern und gingen ebenso. Keine Verluste, trotz fehlender Handschuhe. Krass!

Ich habe vier Kinder; ich darf alles

Auch ich muss kurz vor Weihnachten einkaufen und wie auch im Rest des Jahres tue ich dies im Bio-Laden meines Vertrauens. Um es vorweg zu nehmen, ich habe überlebt; alle anderen auch!

Bei meiner Ankunft vor dem kleinen gradezu intimen Geschaft, begrüßen mich gut 20 Lastenfahrräder und weitere 15 gewöhnliche Exemplare ihrer Art. Ich bezwinge das Drahtesel-Labyrinth im ersten Anlauf und stehe im Kassenbereich des Geschäfts – zusammen mit etwa 35 Fahrradbesitzern, die sich geduldig an die zwei einzigen Kassen anstellen. Beschämt lasse ich den Autoschlüssel in meiner Tasche verschwinden und besänftige mich selbst mit dem Mantra: Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Drei Schritte weiter ergattere ich einen der ins Gesamt 20 Einkaufswagen der Bio-Flotte und bestücke ihn mit meinen Mehrfach-Einkaufstaschen- und Netzen, meinen leeren Dosen, meinen Pfandflaschen und stecke mit Kopfhörer in die Ohren. Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Und los geht’s!

Als ich fast auf der eigentlichen Verkaufsfläche angekommen bin, spüre ich eine Hand an der Schulter. Ein Vater aus der Schule steht in der Schlangen, die offenbar durch den ganzen Laden geht. Er blickt mich durchdringend an, klopft meine Schulter etwas zu fest und sagt: „Alles gute!“. „Muss ja..!“ nuschle ich in meinen Schal, mache die Musik etwas lauter. Nur wenige Meter weiter spielen drei Kinder zu laut verstecken. Ich schlage einen geschickten Haken und poltere fast gegen einen Turm aus Getränkekisten. Die Blagen schlagen ungeschicktere Haken und dominieren den ganzen Laden. Ich mache die Musik noch einen Tick lauter und motze in meinen Schal. Warum um alles in der Welt erlaubt man das? Ich entscheide die Blagen doch lieber anzupumpen und bemerke zu spät, dass es die Kinder einer entfernten Kolllegin sind. Ich habe vier Kinder; ich darf alles. Hätte sie es halt selbst gemacht…

Der ganze Laden ist vollgestopft mit abgehalfterten Eltern, die entnervt heulende Kleinkinder vor sich her schieben, mit sich rum tragen oder suchen. Alle hassen es dazusein. Alle hassen alles. Warum verdammt geht nicht einer dieser glücklichen Familien-Pisser einkaufen und der andere bespaßt die Brut zu Hause? Warum um alles in der Welt tut ihr uns das an? Innerlich schlage ich sie alle und motze und spucke. Äußerlich gucke ich unfassbar verständnislos und böse; Musik +1. Ich habe vier Kinder; ich darf alles!! Die Unfähigkeit und Dummheit der Menschen kotzt mich am.

Als ich zahlen will kann ich nicht an die Kasse. Ein Vater mit einem zweijährigen Gör scheint sein Lager längerfristig aufzuschlagen. Das Kind thront auf der Ablagefläche der Kasse, schreit, tritt und rotzt alles voll. Der Vater kommuniziert pädagogisch wertvoll jedes Teil mit dem Rotzzwerg. „Möchtest du die Äpfel da hin legen? Möchtest du den Blumenkohl dort ablegen? Sollen wir jetzt die Weihnachtsgans ablegen…?“ Der Vater wirkt vollkommen am Ende. Das Bald kreischt alles zusammen. Die Mutter kommt dazu, im Schlepptau eine Vierjährige. Das Kind tappt willenlos hinter der hoch-agitierten Mutter her, die stetig neues Deskussions-Material für Vater und Rotzzwerg bringt. „Und hier noch drei Manderinen; 1- 2 – 3.. nicht? Ok. Dann legen wir die noch mal zurück. Erst das Brot. …“ Ich beginne zu knurren und meinen Wagen aufzudrängen. Der Laden schließt in 2 Stunden. Ich kochte innerlich. Musik. Ich habe vier Kinder; ich darf alles!!!! Ich gucke deutlich angepisst.

35 Minuten später habe ich gezahlt und alles in mein CO2 dramatisches Auto geladen. Zum Abschluss muss ich noch schnell in den konventionellen Supermarkt, die Reste besorgen. Im Eingang treffe ich auf das Gespann von eben grad. Blag 1 und 2 prügeln sich grad um den letzten kleinen Kinder-Einkaufswagen. Vater ist weiß wie Kalk, er bebt. Muttern ist knallrot, bebt auch. Die Stimmung ist am Boden; dennoch bleibt man pädagogisch wertvoll. Mich beschleicht eine Art Überheblichkeit. Ich habe vier Kinder; ich KANN alles! Ich grüße übertrieben Freundlich und tänzle an dem Schauspiel vorbei. In Windeseile verlasse ich den Laden und treffe vor der Tür Kira, die Mutter von Lia, mit der das A-Hörnchen vor 8 Jahren in der Kita war. Ich grüße flüchtig. „Wie läuft’s denn bei euch?“ erkundigt sie sich und ich knurre: „Muss ja!“. Während ich weiter gehe schluchz Kira durch meine Kopfhörer hinter mir her: „Bei uns ja nicht so. Lia kommt gar nicht zurecht und…“ Ich werfe ein unstetes „Das tut mir leid!“ über die Schulter und denke ein deutliches „interessiert mich einen Scheiß!“. Dann fahre ich nach Hause zu meinen Kindern. Die hatte ich nämlich pädagogisch wertvoll vor der Glotze geparkt – so macht man das.

Stören Sie mich nicht, ich bin besinnlich

Wieder einmal ist das Schlimmste geschafft, oh du besinnliche Weihnachtszeit. Besinnlich bis zur Besinnungslosigkeit, so könnte man die vergangenen Wochen zusammenfassen. Ein paar Lektionen lassen sich auch dieses Jahr zusammenfassen; und wenn ich im kommenden Jahr alles beachte, wird es bestimmt überhaupt nicht stressig auf 13 Weihnachtsfeiern zu gehen. Bestimmt!

1. Weisheit

Egal wie früh du Die Weihnachtsgeschenke kaufst, am Ende ist es dennoch doof. In diesem Jahr habe ich bereits Anfang Dezember alles erledigt gehabt. Jetzt, einige Wochen später, muss ich zwar keine Geschenke kaufen, stehe aber vor der Problematik die diversen Päckchen nicht wiederfinden zu können. Etwa 2/4 sind im Kleiderschrank ganz unten. 1/8 ist im Keller, ein weiteres im Vorraum. 1/8 ist irgendwas Nachtschrank oder so und 1/8 ungefähr Kleiderschrank Mitte. Das restliche Viertel befindet sich in Sechzehnteln im Rest des Hauses verteilt. Ungefähr.

2. Weisheit

Der Adventskalender ist natürlich ein Must Have. Der Inhalt dennoch an Komplexität und seinem Konfliktpotenzial nicht zu unterschätzen. Zum Beispiel sind Jonglierbälle (gute Geschenkidee) und Müsli (gutes Frühstück) am Ende eine eher schlechte Kombination, da sie am Ende zu Müsli an vielen Orten führt und meine Nerven doch arg strapaziert.

Auch das Verschenken von Süßigkeiten ist ok, bedenkt man vorher, dass 500g Zuckerwatte zum Frühstück eher experimentell sind und vor allem zeitlich kaum in die 25 Minuten passen, die hier zum Essen vorgesehen sind.

3. Weisheit

Versuche nicht es jedem recht zu machen; klappt eh nicht!

Ins besondere in der Frage „wer feiert wann mit wem“ kann es auf diesem Gebiet nur zu Problemen kommen. Während ein Teil der Hörnchen ganz klar Heilig Abend ohne Besuch sein will, fordert der andere Teil ebenso klar alle alle alle einzuladen. Quintessenz: Mindestens einer wird heulend unter dem Tisch feiern und im Zweifel bin ich es selbst. (Memo an mich: Krümel unter dem Tisch weg machen!!)

4. Weisheit

Perfekt ist für’n Arsch und mittel reicht aus.

Und sein wir mal ehrlich, die besten Party waren nicht die perfekten, die besten Menschen sind die mit Ecken und die besten Überraschungen sind die, mit denen man nicht gerechnet hat. Also dann; auf auf in ein besinnungsloses Weihnachtsfest.

Wir sind übrigens Heilig Abend unter uns, und das Essen wird vorzüglich. Es gibt Pfannekuchen-Torte mit Smarties, Nachos mit Käse und Mousse au Chocolat. Unter und über dem Tisch.

Weihnachtsfeier in der Ersten

Drei Tage vor dem Event erhalte ich folgende Worte vom Klassenlehrer der 1B:

„Kommen Sie nicht vor 15 Uhr zum Aufbau, das stört. Kuchenspenden bitte im Raum der B, Bastel-Angebote im Raum der A. Wir stellen eine Spendendose auf, damit Sie nicht auf dem Geld für die Bastelmaterialien sitzen bleiben. Viele Grüße, Lehrer“

Tag der Weihnachtsfeier; 14.58

Ich komme vor der Schule an, eine unter vielen. Die Eltern tragen Kuchenbleche und strahlendes Grinsen. Wir sind so froh!

15.00

Die Lehrerin der A kommt raus und empfängt uns festlich mit den Worten: „Wir dachten ja es kommt einer zum Aufbau! Na ja, kommen Sie mal rein. Wir sind fast so weit!“

Etwa 20 Eltern und 15 Geschwister unter sechs Jahren betreten die heiligen Hallen. Auf dem Flur stehen Tische auf denen ein Schild thront: „Hier essen!“ und wir laden ab. Die Eltern übertreffen sich mit frischeren, bunteren, gesünderen Backwaren; außer Nicole, die stellt ein 11+1 gratis Paket Kinderriegel hin.

15.10

Wir werden von unseren Kindern im Raum der B in Empfang genommen, in dem es nun ja kein Essen gibt. Dafür aber Gesang. Carlos flötet „Schneeflöckchen Weißröckchen“, danach singen die Kinder „Schneeflöckchen Weißröckchen“ und danach sollen wir alle Singen. „Schneeflöckchen Weißröckchen“; ein Geschwisterkind kommentiert laut:“Kacka Arschloch-Lied“. Der hat’s verstanden, denke ich und dann geht es auch schon los.

15.30

„Das Buffet ist eröffnet“ und das Drama nimmt seinen Lauf. 40 Kinder rennen ungebremst zum Fressen und beginnen sich direkt an der langen Tafel vollzustopfen. Hektisch versuchen die Mütter die mitgebrachten Teller zu platzieren um Schlimmeres zu verhindern. Zwecklos. Die Hälfte der Brut hängt über dem Buffet, Kuchen, Salzstangen und Schokolade in beiden Händen, und stopft was die Futterluke hergibt. Schnell ist die Rouge One des Buffets vollgespeichelt und nicht mehr genießbar.

Peinlich berührte Mütter füllen Tupperware-Becher mit Kaffee und kommentieren die Szene: „Kinder, hihi. Ne?!“

15.40

Die meisten Kinder krabbeln inzwischen essend auf allen vieren umher und spielen Katze. Die 40 mehr oder weniger großen Katzen sind eben dabei den hochwertigen Schulboden zu einer Art Feuchtbiotop mit Zuckerperlen zu verwandeln als ich entscheide mich am besten dem Bastelprojekt zuzuwenden.

15.45

Rebellion der Katzen, das Spiel ist urplötzlich vorbei und ungünstigerweise enttarnt ein Kind den Basteltisch. So beginne ich, zusammen mit einer andern Mutter, wunderschöne Glitzer-Engel zu basteln. Die klebenden Biotop-Katzen grabbelten sich in Windeseile durch das Sortiment, so das zu dem Gemisch aus Speichel, Zucker, Boden und Wahnsinn schnell noch Klebstoff und Glitzer kam. Alles war von einem wiederwertigem Film überzogen. Die tosenden Kinder schäumten zu dem in die Szenerie, so dass 3/4 der Engelein zusätzlich zum Glitzer auch Kuchenmatsch enthalten. Ich kotze innerlich und würge.

16.30(!!)

Inzwischen haben etwa 9 debil grinsende Mütter bewundert was wir da tun. Alle finden es „voll wichtig auch was für die Kleinen zu machen“ und begrüßen es sehr, dass die Kleinen sich „so kreativ ausleben können“! Janis (4) hat den 23. Wutanfall und Mama tröstete zum 23. Mal. „Gleich zu Hause machen wir es uns ganz gemütlich“ sagt sie zu dem brüllendem Kind (Kuchen alle), sitzend am Boden (doch noch Kuchen da..) und schaukelt es wie ein Neugeborenes. Gleich; ja gleich.

16.45

Wir beginnen aufzuräumen, also die andere Mutter und ich. Einige Kinder sind hoffnungslos mit dem Glitzerkleber verwachsen. Kurz denke ich, dass ich sie mitnehmen muss. Alles glitzert. Alles.

17.00

Ende. „Das war richtig schön!“ sagt der Lehrer der A und sein Gesicht sieht erschöpft aus; mit Glitzer. „Ja“ denke ich; „Glühwein!!“ Geld erhalten wir keins. Die Spendendose wurde entweder vergessen oder aufgefressen.

FAS, Ausgrenzung und Integration – ein Drahtseilakt

Seit einigen Monaten ist Janine in der Schulklasse meines C-Hörnchens. In den ersten Wochen war sie Thema Nummer eins unter den Drittklässler. Janine kann alles, die traut sich alles! Janine traut sich sogar gegen die Jungs und Janine macht richtig viel Quatsch. Nach einigen Wochen ebbte die Schwärmerei ab. Janine war nach wie vor allgegenwärtig, forderte viel Aufmerksamkeit. Janine verlangte von Pausenbrot, Janine haut wenn sie nicht mitspielen darf, Janine stinkt. C-Hörnchen war zunehmend überfordert und ich beriet sie in Sachen Abgrenzung. Vor wenigen Tagen ging ich zu einer Schulveranstaltung in die Klasse meines Hörnchens.

Als ich die Klasse betrat herrschte regen treiben. Mein Kind war zurückhaltend und führte mich zaghaft an den für mich vorgesehenen Platz. Nach gut drei Schritten umfasste mich ein mir fremdes Mädchen. Das auffällig zarte und kleine Kind hatte keine Zähne im Oberkiefer. Ihr Kopf erschien mir als sehr klein und schnell ploppte in meinem Kopf der Begriff FAS auf; Fetales Alkoholsyndrom.

Ich setzte mich um mir vom C-Hörnchen verschiedene Dinge zeigen zu lassen. Noch bevor mein Kind mir etwas zeigen konnte hatte ich das fremde Kind auf dem Schoß. Sie roch erbärmlich nach kaltem Zigarettenqualm und ich musste mich bemühen nicht abweisend zu reagieren. Ich schob sie vorsichtig aber bestimmt von meinem Bein und fragte nun mal, wer sie denn sei. „Janine“, lautete die Antwort. „Meine Mama macht sowas hier nicht, das ist albern!“ erklärte sie noch und machte sich daran, zurück auf meinem Schoß zu klettern. Ich lehnte dies ab und zeitgleich kam mein C-Hörnchen um mir nun endlich Dinge zu zeigen. Auf jedes Wort vom Hörnchen folgten drei von Janine. Sie dominierte die Situation, zog alle Aufmerksamkeit und schaffte es mich fortwährend zu überfordern. Ich wollte nicht abweisend sein aber mein Hörnchen litt unter der Übergriffigkeit und zog sich immer mehr zurück.

Ich verließ die Schule an diesem Tag mit gemischten Gefühlen. Janines Lebenssituation erschloss sich mir schnell. Ihr Verhalten als auch ihre körperliche Erscheinung lassen vermuten, dass ihre Mama während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Die Folge ist das genannte FAS, das Fetale Alkoholsyndrom. Neben den körperlichen Symptomen wie zarter Statur, einem kleinen Kopf, geringer Körpergröße und verschiedenen Veränderungen im Gesicht, haben die Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, teilweise Intelligenzminderungen und Lernbehinderungen zu kämpfen. Die Kinder ecken an. Soziale Regeln und Absprachen erschließen sich oftmals nicht, hinzu kommt die Frustration. Schulische Leistungen sind ehr schlecht, mit den anderen Kindern läuft es nicht und in der Klasse klappt auch nie was. Es ist zum verzweifeln.

Was den Kindern in dieser Situation hilft ist ein warmes, liebevolles Elternhaus und eine optimale Kooperation zwischen Schule und Familie. Klare Regeln, feste Struktur und liebevolle Arme, die einen halten, wenn es doch wieder nicht geklappt hat. Die Kinder benötigen Unterstützung auf allen Ebenen. Der Schulstoff muss verfestigt werden, sie müssen mehr üben. Soziale Interaktion braucht oftmals Anleitung und Begleitung und gleichzeitig muss in allen Lebensbereichen konsequent und nachvollziehbar erzogen werden. Weiter profitieren die Kinder, wie alle andern Menschen auch, enorm von einer sicheren Bindung an ihre primären Bezugspersonen. Mama und Papa (oder wer auch immer die Rolle der Bindungsperson übernommen hat) müssen als sicherer Hafen zur Verfügung stehen. Verlässlichkeit, Sicherheit und absolute Liebe sind die Faktoren, die der geschundenen Seele immer wieder versichern: „Du bist gut. Ich bin da!“.

Und genau an dieser Stelle hinkt das System erneut. Denn leider sind es ja insbesondere die Kinder, die von FAS betroffen sind, die all das eher nicht erhalten. Zu Hause ist keiner der Sicherheit vermittelt, keiner der tröstet, wenn wieder keiner mit einem spielen will. Zu Hause ist niemand, der ein geplatztes Spiel-Date beweint und ebenso niemand, der die blöden 1×1 Zahlen zum 100. Mal übt. Kontakte und die Schule laufen eher schleppend, die Dringlichkeit kommt hier nicht an. Um das Kind in die Klasse zu integrieren werden Sozialpädagogen hinzugezogen. Das Pädagogen-Team ist am Limit, somal oftmals nicht nur ein Kind mit besonderem Bedarf in der Klasse ist.

Um es ganz deutlich zu sagen, ich mahne nicht die betroffenen Kinder, Eltern oder Pädagogen an. Jeder im System tut was er kann. Die Eltern sind so groß geworden, wie sie es eben sind. Sie geben weiter was sie können, agieren mit dem, was sie selber zur Verfügung haben. Auch die Pädagogen versuchen lediglich irgendwie der Situation Herr zu werden; zu wenig Menschen, die den Auftrag haben zu viele Probleme zu sortieren und zu lösen.

Um Familien zu erreichen braucht es aber Personal. Gutes, geschultes Personal. Prävention beginnt nicht nach der Geburt oder während der Schwangerschaft; viel früher und mit viel Power muss man da ran. Fingerspitzengefühl braucht es und Zeit um Vertrauen aufzubauen. Und vor allem braucht es eine Veränderung in der Sicht, die man auf diese besonderen Familien hat. So lange man von „den Assis“ spricht und versucht die „Schuldfrage“ zu klären, kann man nicht gut und empathisch miteinander umgehen. Die Grundannahme sollte sein, dass jeder es versucht so gut zu machen, wie er es eben kann.

Was bleibt, ist die Schwierigkeit sich selbst abzugrenzen und seie eigenen Möglichkeiten realistisch zu sehen. Für Janine, C-Hörnchen und mich bedeutet das, dass ich in aller erster Linie mein C-Hörnchen darin stärke sich gegen Janine abzugrenzen wenn notwendig und sie dennoch nicht unnötig wegzustoßen. Janine kann, sofern C-Hörnchen das möchte, Zeit hier verbringen. Da ich die Mama noch nie gesehen habe, fehlt mir jede Idee davon, wie es mit weitern Kontakten zwischen den Welten aussehen kann. An dieser Stelle muss möglicherweise ein professionelles System greifen – und das bin ich in diesem Fall nicht!!

Selbstfürsorge

Es gibt ja so Menschen, die sorgen für sich. Die kochen sich was leckeres und machen es sich gemütlich. Die treiben Sport, weil es ihnen gut tut und sie gönnen sich mal was. So Menschen, die sich eine Auszeit nehmen wenn alles zu viel wird, und die sich selbst loben und belohnen. Menschen, die am Ende der Woche ausgeruht, zufrieden und bei sich sind. Und dann gibt es mich.

Ich betreibe so in etwa das Gegenteil. Sorgen kann ich für Menschen. Für alle sorge ich, rund um mich herum. Nur eine vergesse ich regelmäßig: Mich! Wenn keiner außer mir im Haus ist, koche ich mir nix schönes. Ich bestelle mir auch nichts oder gehe essen. Nein nein. Die eine Möglichkeit ist nix zu essen oder eben Müsli. Müsli ist da, tut keinem weh und Peng. Auch in Sachen „gemütlich machen“ bin ich eine Krücke. Wird es zu dunkel ist es zwar nervig, jedoch stört es ja keinen außer mir selbst; ich lasse das Licht aus. Ebenso schlecht kann ich mir eine Decke holen, einen Tee kochen oder ein Glas Wasser einschenken. Bin ja nur ich… lass Ma.

Meine Königsdisziplin sind aufkommende Migräne-Attacken. Ich merke 1 bis 2 Tage im Voraus, dass da was kommt. Hilfreich ist: Ruhe, Wärme, Entspannung der Muskeln. Klingt nach einer machbaren Prophylaxe? Nicht wenn man ich ist. In aller Regel mache ich nichts außer normal weiter um dann Elend zu verenden und Tabletten zu fressen, die mir furchtbar auf den Magen schlagen. Glückwunsch! Zu essen mach ich mir ja eh nix.

Nun ja, Erkenntnis ist der erste Schritt und so versuche ich seit einiger Zeit nicht alle meine Bedürfnisse stumpf zu ignorieren. Gut für alle zu sorgen ist sicher nett, gut für sich selbst zu sorgen jedoch die Grundlage dafür, überhaupt für andere sorgen zu können. Immer zurückzustecken macht nicht glücklich, stark oder gesund. Am Ende der Woche ist es immer wieder nur anstrengend, zermürbend und niemals zufriedenstellend. Ich fahr jetzt erst mal zur Arbeit; wat mut dat mut. Und danach sorge ich für die Kinder – und danach für MICH!

Die Truman Show

Heute kam eine liebe und noch recht neue Freundin mit Kind zu Besuch und wir verbrachten den Nachmittag zusammen. Aus praktischen Gründen waren wir bei uns, denn dann kann alles sein wie es ist – und so war es dann.

Nach und nach trudelten alle ein. Es gab Kuchen, der eine aß, der andere nicht. Man saß zusammen, das A-Hörnchen entschied einen Obstsalat zu schnibbeln. B-Hörnchen häkelte vor sich und flichte und stickte Dinge. D-Hörnchen zog mit dem Sohn der Freundin los und das Telefon ging. Mal wollte einer was, mal nicht. C-Hörnchen kam mit einer Freundin nach Haus, Kuchen again. Zwei spielten ein Spiel, einer verabredete sich noch schnell; dann doch nicht. B-Hörnchen packte Nadel und Faden aus, suchte was vor sich hin, C-Hörnchen und ihre Freundin verschwanden im Garten und kamen wieder rein, zwei holten ein Puzzle. Der Menne kam Heim; Käsekuchen.

In meiner Wahrnehmung herrschte Chaos. Auf dem Tisch standen 10 Teller, es krümelte. Jeder wollte was, alles war durcheinander. Zwar machte keiner was Schlimmes, dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich mich kaum unterhalten konnte. Ach, so richtig gemütlich war es irgendwie nicht, es war so… Ich hab da so bedenken immer, dass es nicht nervt oder so.

Tja, und wie alles im Leben, hat auch diese Geschichte zwei Seiten. Meine Freundin lobte die Gemütlichkeit. „So habe sie sich das Leben in einer großen Familie immer vorgestellt!“ und ich staunte nicht schlecht. So?! Sollte etwa alles ok sein in meinem Chaos, in dem ich persönlich mich zugegebenermaßen recht wohl fühle? Sollte es gar keinen Fehler im System geben? Möglich ist das. Ich dachte irgendwann an die Truman Show; wisst ihr noch?! Dieser Typ, der in einer komplett inszenierten Welt lebte und es erst total spät merkte. Ich mag meine Welt! Ob sie jetzt echt ist oder gebaut, cool, nervig, chaotisch oder doof. Ich mag sie so, wie sie ist.

Hallo? Regie? Bitte nicht so schnell absetzten ja? Wir können noch!