Augen zu und durch oder: warum Alu-Hüte keine Option sind

Verschwörungstheorien gibt es seit ich denken kann. Oder seit der Mondlandung, oder dem Dritten Reich, oder den Hexen-Verbrennungen. Wahrscheinlich gibt es sie schon so lange, wie Menschen denken können, zumindest aber so lange, wie Humanoide in der Lage sind, primitive Erklärungsmuster anzuwenden um potentielles Unheil von sich selbst abzuwenden. Denn an diesem Punkt setzen sie alle an.

Angst ist eine enorme Macht. Sie lähmt uns, liefert einen aus und macht, dass man nicht mehr viel machen kann. Gegen manche Dinge, vor denen Menschen Angst haben, kann man sich schützen. Man kann Alarmanlagen installieren, Wachen aufstellen, ein Feuer entzünden oder eine Mauer bauen. Man kann stark werden, oder gewandt, man kann schnell werden oder klug. Das alles sind Strategien gegen erkennbare und vor allem erklärliche Gegner: Einbrecher, Verfolger, wilde Tiere. Kompliziert wird es immer dann, wenn der Mensch sich eine Gefahr nicht erklären kann. Und wo jedes Tier seine Instinkte nutzt, weg läuft oder sich versteckt, stellt der Mensch sich dann auf den Marktplatz, beginnt zu diskutieren und glotzt so lange, bis es zu spät ist. Mit klug oder Instinkt hat all das nichts zu tun, eher mit blindem Aktivismus, Wahn oder eben genannten Verschwörungstheorien. Der Kern dieser Theorien sind also Menschen, die verlernt haben auf ihre Instinkte zu hören (was soll mir so ein Virus schon tun? Ich bin doch jung und gesund), die aber gleichzeitig nicht klug genug sind um anzuerkennen, dass sie die Gefahr vielleicht auf dem Marktplatz nicht sehen könne, es sie aber trotzdem gibt. Wo der kluge Mensch der Wissenschaft vertraut, und tut, was man ihm sagt, setzten alle Überlebensmechanismen aus und beginnen wie wild die Hexe durch´s Dorf zu treiben.

Denn das ist es im Grunde. Ein Phänomen, dass sich keiner erklären kann, zumindest aber so mancher nicht richtig, ruft Angst hervor. Soweit kann ich das verstehen. Corona macht auch mir Angst. Die Pest hätte es ebenso getan und vielleicht hätten mir auch Heilerinnen im Mittelalter Angst gemacht. Da ich aber kein Pestarzt, keine Heilerin und keine Virologin bin, höre ich denen zu, die etwas wissen, mache was sie sagen und so weiter, wir hatten das. Nicht so die Hildmanns, Naidoos und Wendlers. Die sind zwar auch keine Heilerinnen, Virologinnen oder Pestärzte, aber sie wissen es trotzdem besser. Auch sie haben Angst, wahrscheinlich sogar ziemlich doll. Sie geben das aber nicht zu sondern nutzen diese wilde, rohe Energie lieber um den Gegner auf ihr eigene Weise zu bekämpfen: Sie leugnen ihn, erfinden die irrwitzigsten Theoreme und verhalten sich so, wie es Vierjährigen tun würden, die schon immer mal Arzt sein wollten: Sie erfinden die Welt eben neu.

Und jeder, der schon mal von einem Vierjährigen erklärt bekommen hat, warum der Teddy im Krankenhaus liegt, weiß, dass Widerrede keinen Sinn hat. Der Vierjährige hat nämlich Recht! Das liegt daran, dass seine kognitive Entwicklung grad nicht mehr her gibt. Er ist in einer Entwicklungsphase, die Psychologinnen das “Phantastische Weltbild” nennen. Die Kinder erklären sich alles das, was sie kognitiv (noch) nicht erfassen können mit Hilfe ihrer Phantasie. Na, kommt es euch bekannt vor?

Verschwörungstheorien sind der dümmliche Versuch eine Welt zu erklären, die man nicht versteht. Widerrede sinnlos, der Verschwörungstheoretikern hat Recht. Immer. Jeder Versuch ihn vom Gegenteil, von Wissenschaft oder Menschenverstand zu überzeugen, beflügelt seine Angst und die wiederum beflügelt seinen Wahn. Denn wenn die Gefahr trotz Wahngespinst, trotz Mauer im Kopf, trotz Leugnens noch nicht weg ist, dann muss die Mauer erhöht werden, der Wahn ausgebaut und gepflegt.

Was uns das lehrt? Lasst sie spinnen! Diskutiert nicht in Facebook- Kommentarspalten, nicht auf Demos usw. Klar, der Wahn im direkten Umfeld ist es wert, und vielleicht kann man da was bewirken, mit viel Einfühlungsvermögen, Keksen und Kakao. Ins besondere in den sozialen Medien ist es aber eben so, dass der Vierjährige Recht behält, weil eben keiner da ist, der ihn in den Arm nimmt, ihm einen Kakao kocht und ihm ganz in Ruhe erklärt, warum der Teddy im Krankenhaus ist. Seien Angst bleibt, also kann er seinen Wahn nicht hergeben.

Beflügelt nicht den Irrsinn, lasst ihn sich im Kreis drehen, mit sich selbst agieren und versucht viel mehr die, die dem Wahn noch nicht verfallen sind zu stabilisieren. Kakao und Kekse sollen sich tatsächlich eignen, kann man ggf. auch beim Nachbarn vor die Tür stellen. Das Zauberwort sollte Nächstenliebe sein. Achtet aufeinander! Angst haben wir alle, jetzt gild es admit umzugehen.

Stay home again, wear a mask and spread love!

Des deutschen höchstes Gut – Neues aus der Biotonne

Ab etwa 20 grad ist es warm genug. Dann bilden sich aus den Eiern, die die dicken, schwarzen Fliegen gelegt haben, kleine weiße Maden. Zunächst ganz unscheinbar, wie Reiskörner, bald dann aber fetter und vor allem agiler. Sie sind flink und suchen das Licht. Öffnet man den Deckel unvorsichtig, fallen sie einem buchstäblich auf die Füße. Wer weiß, vielleicht kitzelt es zwischen den Zehen, wenn sie sich in der Sandale winden.

Die Biotonne, das geheime Battle des deutschen Vorstädtlers. Wer was auf sich hält, der hat eine, ganz klar. Der Müll wird getrennt und ja, das ist auch gut so. Dennoch, am Abfuhrtag, oder eher in den Stunden davor, trennt sich am Straßenrand die Spreu vom Weizen (oder dem was davon übrig blieb). Seit 14 Tagen gärte dann der peinliche Überrest einer jeden Mahlzeit, zusammen mit Gartenabfall und dem einen oder anderen Fremd-Akteur in der Tonne und tat das, was er tun musste: autonom stinken.

Die akribischen unter den Tonnen-Besitzern reinigen die Tonne nach jeder Leerung mit Wasser und Seife. Die Hinterlassenschaften werden penibel in Zeitungen gewickelt, oder in Bio-Beutel. Zwischen die einzelnen Portionen kommen weitere Zeitungen, so dass auch der letzte Tropfen Saft aufgefangen und verborgen bleibt. Fliegen sucht man hier vergebens, die stehen nicht auf den guten Frosch. Zitronenreiniger. Das klinische Objekt könnte glatt in der Küche oder besser noch neben dem Esstisch wohnen – wäre sie nicht so hässlich.

Die meisten stinken so dahin, sauber macht man sie mal, ja. Die erste Woche nach der Abfuhr ist es noch ok, danach sollte es kühl bleiben. Hier und da kriecht mal was, dann wird peinlich berührt was gemacht. Was, was man dann so macht, wenn die halb volle Tonne beginnt ein nicht akzeptables Eigenleben zu führen. Kalk soll helfen, oder Katzenstreu. Oder beides. Oder eben auswaschen, aber mal im ernst. Wer hat denn am Tag der Abfuhr zeit, die versiffte Tonne zu waschen und vor allem sind die Gefahren ja nun mal auch nicht zu unterschätzen. Denn wenn man den Gartenschlauch all zu schwungvoll in den Morast hält, dann ist er ganz bald überall, der Morast der vergangenen Zeiten, in all seiner Pracht. Also schnell eine Lage Katzenstreu, drei Seiten Zeitung vom Nachbarn drauf und auf auf in die nächste Runde.

Die eigentlichen Helden der Tonne sind die, die den ganzen Scheiß einfach blanko rein werfen. Sie beeindrucken in ihrer Dominanz, ihrem Durchhaltevermögen und der grenzenlosen Fähigkeit, Leid zu ertragen. Ab ca. 17. April stinkt die Tonne zum Himmel, ab Mai muss man die Straßenseite wechseln, um an betroffenen Häusern vorbei zu kommen.

Dann kommen die Fliegen. Nicht drei oder fünf, nein! Sie kommen in Scharen und legen was zu legen ist. Corona hin oder her, an einem solchen Objekt kommt man nur mit Maske vorbei. Schon ohne jede Aufmerksamkeit kriechen dutzende fette gelblich schimmernde Maden auf dem fettig glänzenden Rand der Tonne entlang. Hie und da kommt ein Spatz des Weges und bedient sich am reichhaltigen Buffet; den Tonnenbesitzer juckt es nicht. Der wirft weiter beharrlich seine Hinterlassenschaftenin den Schlund – irgendwann dann eben auf Distanz, manchmal in einer Plastiktüte.

Schlimm wird es bei Regen. Da suchen die Tierchen das Weite. Zurückhaltend aber zielsicher verlassen die fetten weißen dann ihr stinkendes zuhause und suchen nach einer neuen Zuflucht. Gegen diese Völkerwanderung kommen auch die Spatzen nicht an, und auch nicht das Katzenstreu. Die einzige Macht, die das agile Volk zu unterdrücken weiß, ist die Kälte.

Ab Oktober herrscht Ruhe. Dann ist auch die letzte Made erfroren, kein Ei kommt mehr nach und die Fliegen sind .. da wo Fliegen im Winter sind. Jetzt gilt es den wichtigsten aller Momente nicht zu verpassen: Den ersten Frost. Denn wer jetzt nicht auf der Hut ist, dem friert die ganze Suppe in der Tonne fast. Der unattraktive Eiswürfel bleibt dann, bis zum ersten Abfuhrtag nach dem Frost. Mit dem wiederum beginnt es von vorm, das geheime Battle des Deutschen. Der Kampf um die Tonne, die epische Schlacht zwischen Vernunft und Ignoranz, zwischen Sorgfalt und Lassy fair. Und ein kleines Bisschen auch der, gegen den eigenen Schweinehund und die Scham.

P.S. Seit Tagen sind über 30 Grad. Ich möchte meine Tonne nicht auf der Terasse haben, sollte es regnen, brauche ich mich (glaube ich…) dennoch nicht zu schämen

P.P.S. Ich schmeiße keine Plastiktüten in meine Tonne

P.P.P.S. Wer kompostiert, dem nichts passiert.

#blacklivesmatter

„Was machst du da, Mama?“ fragt vorhin ein vergnügtes C-Hörnchen. Ich saß am Küchentisch und zeichnete auf schwarze Pappe große Buchstaben.

BLACK LIVES MATTER

C-Hörnchen half mir auszuschneiden und wie klebten die Worte ins Küchenfenster.

Warum mache ich das? Irgendwie um kindgerechte Aufmachung bemüht, erklärte ich C- und D-Hörnchen das, was da in Amerika passiert ist – und immer wieder passiert.

Ein Mensch ist umgebracht worden, weil er schwarz ist.

Die Wahrheit ist so absurd, wie sie alltäglich ist. Menschen werden erschossen weil sie joggen, weil Fenster geöffnet sind oder weil sie im Auto nach ihren Papieren greifen. Sie werden getötet weil sie anderen helfen, weil sie leben, existieren, atmen. Menschen werden getötet, weil andere Menschen Rassisten sind, weil sie sich selbst privilegieren, sich als was besseres sehen, als weiß eben. Klingt scheiße? Ist aber so!!

„Aber hier gibt’s das nicht!“ protestierte das D-Hörnchen und führte seinen Freund Simon an, der auch schwarz ist und dessen Mama das auch ist und der Papa auch. „Die werden hier nicht geschlachtet!!“ schrie er mich an und traf den Nagel traurig gut auf den Kopf.

Recht hat er wohl. Hier wird keiner ungebracht, zumindest ist das sehr selten. Dennoch ist Alltagsrassismus auch hier bei uns allgegenwärtig. Er beginnt im Kopf eines jeden, führt sich beim einkaufen, spazieren gehen, arbeiten, tanzen, leben und sterben fort. „Ich bin ja kein Rassist, aber…“ ist nur ein banales Beispiel und durch mein privilegiertes weiß-sein kann ich weitere Beispiele nur aus dem Erleben anderer wiedergeben.

Ich werde nie im Supermarkt unbeholfen in leichter Sprache gefragt, ob ich deutsch spreche, ich wurde, obwohl ich täglich am Hauptbahnhof rumrenne, noch nie von der Polizei kontrolliert. Keiner fragt mich verlegen „wo ich denn in Wirklichkeit herkomme“ und wenn ich etwas gebraucht verkaufen will, zweifelt keiner an, ob ich sorgsam im Umgang war. Meine Nachbarn betiteln meinen Garten zwar ggf. als chaotisch, fügen jedoch nicht die „Ungeübtheit mit der Zivilisation“ als absolut abartigen Grund mit an. Ich kann mich frei bewegen, überall. Ich kenne keine Diskriminierung. Und obwohl ich in mitten einer bunten Großstadt aufgewachsen bin, politisch engagiert und all das, bin ich noch heute seltsam überrascht wenn ich sozusagen „in echt“ von Rassismus im Leben meiner Lieben hört. Gibt es das also echt in echt? Ja – überall!

Um Rassismus loszuwerden, muss er zunächst enttarnt werden. Dann angeprangert und dann muss, Zug um Zug, gegen ihn gekämpft werden. Schreit laut, mischt euch ein und most of all: reflektiert euch selbst! Wir sind alle aus dem selben Holz geschnitzt, alle aus dem selben Ei. Und es ist unser aller aller Pflicht, gegen diesen Wahnsinn aufzustehen, laut zu sein und Schulter an Schulter zubkämpfen! Jeden Tag, in Supermarkt, in der Bahn und abends auf dem Sofa.

Gedenken

Der 27. Januar gilt dem Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Seit vielen Jahren nutze auch ich diesen Tag um zu gedenken, zu informieren und mich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Gerade letzteres tue ich seit über 20 Jahren sehr intensiv. Ich habe endlos viel gelesen, mich intensiv mit der Psychologie hinter all dem vertraut gemacht. Auf viele Fragen kann ich Antworten geben, ich habe mich in die abartige Maschinerie der Lager, in das Konzept des Tötens eingearbeitet und hatte immer das Ziel zu verstehen, was da passiert ist, wie es passieren konnte und wie es nie wieder passieren kann.

In den letzten Jahren ist die Thematik „Wegschauen“, ist die Gewalt und das Tolerieren von Hass wieder wesentlich in den Fokus geraten. Taten die undenkbar waren, Äußerungen und nicht zuletzt Ängste, die jahrelang verschwunden waren, bahnen sich ihren Weg zurück in die Köpfe der Menschen und werden wieder massentauglich.

Das, was war wird nie enden, es muss uns immer bewusst sein, als Mahnmal, als abschreckendes Beispiel dafür, dass der mensch zu allem in der Lage ist. Denn eins wird heute klarer denn geh zuvor: Ein Massenmord wie die Shoah findet nicht allein durch die Gedanken und Taten einzelner statt. Ebenso Teil der Maschinerie sind all die Tausenden, die wegsehen, sich beugen und sich fügen. Jeder der nicht laut schreit wenn Unrecht passiert, nicht hilft wenn einer Hilfe braucht und mitmacht wenn er dazu aufgerufen wird, ist Teil des Ganzen.

Das A-Hörnchen liest gerade Anne Frank und fragte mich heute, wieso die Juden nicht einfach ohne den gelben Stern auf die Straße gegangen seien. „Dann hätte ja keiner gesehen, dass sie jeden sind.“. „Sie wären verraten worden.“, antwortete ich ihm und er fragte erstaunt von wem. „Von den Nachbarn, Freunden, Kollegen und Lehrern, die gewusst haben, dass sie Juden sind.“. Das Hörnchen verstand nicht und auch mir wurde die Absurdität der Tatsache schmerzlich bewusst. Ich klärte ihn weiter darüber auf, dass auch das Schützen von Juden sowie der Kontakt unter Strafe standen. Er verstand und verstand doch so vieles nicht. „Es haben einfach alle mitgemacht? Sie haben sch nicht gewehrt?“, und ja. Leider war es wohl so. Zumindest aber so ähnlich, denn wenn all die, die nur gedeckelt haben, all die, die nicht aktiv geworden sind, die keinen direkten Schaden verursacht haben sich gewehrt hätten anstatt zu schweigen, wäre dieses Kapitel der Geschichte vielleicht anders ausgegangen.

Niemals darf man vergessen, dass Menschen alle gleich sind, jeder den gleichen Schutz, Respekt und die selben Chancen haben sollte. Niemand sollte in Mangel oder Angst leben müssen, nirgendwo. Es gibt nichts auf der Welt, das eine Unterscheidung von „den einen“ zu „den anderen“ rechtfertigt. Mensch ist Mensch; jeden Tag und bei allem was wir tun sollten wir den Fokus eben dort haben, bei unserer Menschlichkeit und dem Miteinander. Wegsehen und Schweigen sind keine Option; nirgendwo.

Gedenken

Der 21.7. ist der internationale Gedenktag für Verstorbene DrogenkonsumentInnen. Kurz gedacht ist es nunmal so, dass Drogen tödlich sind und man eben keine nehmen sollte. Die Realität sieht jedoch weit anders aus und hat mit kurzgedachter Logik nichts zu tun. Drogensucht ist eine schwere Erkrankung, die multiple Ursachen hat und komplex zu behandeln ist. Die Gründe zu Drogen zu greifen sind fast immer andere psychische Erkrankungen wie Traumata, Belastungsstörungen, Depressionen oder auch ein unbehandeltes ADHS. Viele Konsumenten haben schlimmes erlebt und nutzen die Droge zunächst als Ausweg.

Sucht ist nicht durch Strafe oder Drohungen zu kurieren. Ein Teil im Kampf ist die Prävention, also die Sucht zu bekämpfen, bevor sie entsteht. Und der andere Teil ist es, sie zu akzeptieren und versuchen die Risiken zu minimieren. Natürlich sind gute Therapien unabdingbar, natürlich gehört eine Krankheit behandelt. Der Verzicht auf die Droge, also das Medikament an sich, sollte aber nicht als primäres Ziel betrachtet werden. Dieser Teilbereich, die Akzeptanz der Sucht und die Gesunderhaltung des Klienten, fasst sich unter dem Begriff der Harm Reduction zusammen.

Harm Reduction ist vor allem Aufklärung. Welche Risiken bestehen, welche Konsumformen minimieren, welche maximieren das Risiko. Auch die Ausgabe steriler Spritzen etc. ist wichtig, ebenso wie die Sicherstellung medizinischer und medikamentöser Behandlung. Für all dies, den Aufbau von Beziehung zum Klienten, das Schaffen von Vertauen und oftmals dem bloßen Auffinden des einzelnen, braucht es vor allem Zeit. In der Arbeit mit einem Personenkreis, in dem viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, ein großes Misstrauen herrscht, sind es vor allem Stabilität und Zeit, die für uns arbeiten.

Zeit; genau an der fehlt es vielen Einrichtungen. Der Drogenhilfebereich ist zwar irgehdwie ein Muss in jeder Stadt, leider wird er absolut stiefmütterlich behandelt. Die finanziellen Mittel der Einrichtungen sind so knapp, dass die Personaldecke extrem dünn ist. Auch den Einrichtungen fehlt es an vielem. Darunter leiden tut die Qualität der Arbeit, die Effektivität und damit unmittelbar der Klient. Lange Wartezeiten in einer medizinischen Ambulanz können Menschen unter Suchtdruck nicht aushalten, für längere Gespräche oder gar aufsuchende Arbeit (Streetwork) fehlt es schlicht an Zeit und die so wichtigen Kooperationen im Hilfesystem hinken gewaltig. Statt Gelder locker zu machen um Probleme konstruktiv anzugehen, setzt der Staat auf Repressionen. Drogenkonsumenten werden vertrieben, Plazverweise werden inflationär ausgesprochen. Der dadurch resultierende Rückzug der Klienten in Wohnunen oder halb-öffentliche Plätze, macht es dem Hilfesystem schwer sinnvoll anzusetzen. Und so sterben weiter Menschen an Überdosen, schweren Inektionen, Organschäden oder Blutungen, weil keiner sie gefunden hat. In meiner Stadt waren es 19 im vergangenen Jahr, in diesem vielleicht schon mehr und 500 in den vergangenen 25 Jahren. Menschen, die Träume hatten, Familien und Freunde und irgendwann in ihrem Leben einmal keinen anderen Ausweg gesehen haben als zu Drogen zu greifen. Menschen, die für mich, und viele andere Menschen im Drogenhilfesystem, Gesichter hatten und durch ihre Geschichten weiterleben.

Traue niemandem!

„Herzlich Willkommen im Faschismus des 21. Jahrhunderts“, so oder so ähnlich scheint der Soundtrack unserer Zeit zu klingen. Beinahe täglich schmettern grausame Tatsachen durch die Timeline, gnadenlos und brutal. Polizeigesetz geSödert, der Bäckerskandal vom Lindner um nur die dicksten Fliegen meiner letzten Tage zu nennen. Jeden Tag eine neue Hiobsbotschaft, nationale und internationale Katastrophen reihen sich fein aufgefädelt aneinander um dann, am Abend eines jeden Tages, fast unbemerkt wieder in der Versenkung zu verschwinden, runter gescrollt. Nur weniges hält sich länger als ein paar Tage.

Was dem menschlichen Geist nach so einem Tag bleibt ist eine Art emotionaler Nachgeschmack. Die sachbezogenen Inhalte sind weg, die emotionalen bleiben. Und die verkaufen sich wie warme Semmeln: Menschen sind böse, fast alle. Manche sogar sehr böse! Man hat stets Grund zu großer Angst, vertraue niemandem. Missachte das Fremde, verurteilt das Unbekannte. Setze dich nicht unvorsichtig mit dem Gedankengut des anderen auseinander; viel zu gefährlich. Menschen sind gefährlich, eigentlich fast alle, am meisten die, die du nicht kennst. Jeder kann der nächste Killer sein, eigentlich bist du fast tot. Traue keinem, traue nur deiner Angst. Deine Angst ist sicher, ist die Konstante in deinem Leben. Pflege deine Angst, lecke deine Wunden.

Menschen zu manipulieren ist so leicht. Dankbare Opfer, die sich nach einer einleuchtenden Lösung sehnen. Wenn man ihnen halt sagt, dass alle böse sind – dann sind alle böse. Guter Trick, denkt man da. Und so unfair und so dumm zugleich. Menschen sind nicht böse. Der Mensch ist ein hochsoziales Wesen, dass sich nach anderen seiner Art sehnt. Von Urzeit an lebte der Mensch in Gruppen, profitierte von einander und teilte seine Güter. Die Gruppe, unverdorben und frei von faschistischer Propaganda, ist in der Lage die Kleinen im Verband zu erziehen und die Schwachen zu tragen. Der Mensch ist ein Wesen das akzeptiert, neugierig ist und die Welt erfahren will. Unsere Vorfahren überlebten dank einer Mischung aus Vorsicht, sozialen Dasein und Neugier.

Boshaftigkeit, Skepsis und Hass machen einsam und verbittert. Sich im eigenen Saft zu wenden und keine neuen Einflüsse zuzulassen, ja sie zu verteufeln, führt zu gar nichts – außer zu verbitterten, ängstlichen Menschen, die nichts mehr erschaffen können außer Angst, Hass und Verbitterung. Und die sind dann das, was als kulturelles Erbe an die nächsten weitergegeben wird. Ein Lebensgefühl als Weisheit: Traue niemandem, du bist allein!

Theorie und Praxis

An der Uni wurde mir beigebracht, dass psychisch sehr kranke Menschen, die sich selbst oder andere gefährden und deren Fähigkeit ihr eigenes Handeln einzuschätzen getrübt ist, einen gesetzlichen Betreuer bekommen und ggf. im schlimmsten Fall geschlossen unter gebracht werden können. In der Theorie würde man das beantragen, es würde ein Gutachten geschrieben und dann nähme alles seinen Lauf. Theorie.

In der Praxis sieht das ganz anders aus. Psychisch sehr kranke Menschen, die ihr eigenes Handeln nicht überblicken und neben sich selbst auch eine gane Welt bedrohen regieren Amerika, haben viel Macht und keiner macht was. Ich bin kein Jurist, erst recht kenne ich mich nicht mit dem amerikanischen Rechtssystem und seinem Betreuungsrecht aus. Womit ich mich auskenne sind eben nur Menschen, und das der Typ eine Gefahr darstellt, das steht außer Frage.

Donald Trump handelt kurz gedacht und eng bei sich. Seine Impulskontrolle gleicht der eines ADHS kranken Grundschülers. Er denkt und handelt im selben Augenblick, Hirn aus, Twitter an. Hinzu kommt, dass die Fähigkeit vielschichtig und weit im Voraus zu planen ihm nicht gegeben scheint. So entgeht ihm die Bedeutung weitreichender Abkommen. Die Zusammenhänge von Krieg und Frieden, Provokation und Reaktion sowie Gewalt und Gegengewalt sind für ihn, als impulsiven und kurzdenkenden Menschen nicht zu überschauen. Seine dazu stark ausgeprägte Zentrierung auf sich selbst führt außerdem zu einer Verstärkung der Impulsivität, gepaart mit Agressionen. Im Endeffekt versucht er nur sich selbst gut darstellen zu lassen, durch das zunehmende Scheitern ist er genötigt immer aggressiver und schneller vorzugehen – um seine Macht zu halten.

Betrachtet man diese drei Teilbereiche, Impulskontrolle, Egozentriertheit und die nicht vorhandene Fähigkeit vorausschauend zu denken, bringt Donald Trump es auf ein durchschnittliches Entwicklungsalter von 5-6 Jahren, teilweise darunter. Gepaart mit seinen finanziellen Mitteln und dem Personal, dass er sich dadurch leisten kann, sowie seiner Lebenserfahrung, ist er sicherlich in der Lage ein gutes, selbstständiges Leben zu führen. Wovon ihm fachlich abgeraten werden sollte wäre jede Position, in der er mit Verantwortung oder Macht konfrontiert wird. Diese würde ihn überfordern und so eine Spirale aus Versagen- Versagensangst-Machtdemonstration udn erneutem Versagen in Gang setzen. Ein solches Szenario würde sowohl für die persönliche Gesundheit als auch für das Umfeld von Herrn Trump üble Folgen haben.

Kindeswohl

Was ich neben ersten Arbeitstagen im neuen Job wirklich nicht sonderlich mag sind letzte Arbeitstage im alten. Noch etwas unbequemer gestaltet sich so ein Tag, wenn man neben Kollegen auch Fälle zurück lässt; Kinder in meinem Fall. In den vergangenen 14 Monaten habe ich in Kindergärten und Horten primär Kinder begleitet, die einen besonderen Bedarf haben. Hinzu kam die Beratung von Eltern, Erziehern und Lehrern. Neben vielen zauberhaften Kindern habe ich natürlich auch tolle Erwachsene kennengelernt. Manchmal kam es sogar zu einem guten Austausch oder einer gelungenen Zusammenarbeit; viel zu oft jedoch reagierten die Beteiligten gradezu stuhr und bockig und verweigerten eine effektive Zusammenarbeit. Geholfen wird durch eine solche Haltung niemandem, am aller wenigsten den Kindern, die ja eh immer am meisten auszustehen haben.

Und so habe ich in den vergangenen Monaten unglaubliche Beispiele an Fehlkommunikation erlebt, bei denen es viel zu oft darum ging die Kompetenzen oder das Ego einzelner Erwachsener in den Vordergrund zu stellen und nicht etwa das Kindeswohl. So kommt es also zu stande, dass der Verdacht einer Misshandlung droht im Sande zu verlaufen, weil Beteiligte A sich schämt es nicht früher bemerkt zu haben. In anderen Fällen werden dramatische Verdachte erhoben, weil Beteiligte B lieber anders behandelt worden wäre. Der Umgang mit etwas so elementarem wie dem Wohl von Kindern ist somit immer wieder willkürlich und durch das Ego von Eltern, Lehrern, Erziehern, Nachbarn und zuletzt Sachbearbeitern geregelt. Hinzu kommen strikteste Vorgehensweisen, die zwar das Prozedere absichern sollen, oftmals aber durch kleinste Verfahrensfehler alles endlos verlangsamen.

Der Umgang mit Fragen des Kindeswohls erfordert in erster Linie Fingerspitzengefühl und ein gemeinsames Auftreten aller Beteiligten. Nur wenn A den Verdacht von B Ernst nimmt, ihn gründlich überprüft und unter Umständen C und D hinzuzieht, nur wenn alle Beteiligten daran interessiert sind zusammen zu arbeiten und das best mögliche Ergebnis für das Kind zu erziehen, kann es funktionieren. Das Wohl von Kindern lässt keinen Raum für persönliche Konflikte, das Ego des einzelnen oder sonstige Animositäten. Keiner kann alles und jeder kann irgendwas. Und um wirklich gut zu sein, müssen eben alle zusammen wirken.

Mensch vs. Rakete

Gestern Abend sah ich einen Bericht über Ariane-Raketen und deren Herstellung. Zum Ende des Berichtes wurde eine wahre Ode an die großartige Vernetzung der verschiedenen ESA-Mitgliedstaaten gehalten. Das Gemeinschaftsgefühl, die Kommunikation und die Anerkennung für die Arbeit des jeweils anderen seien vorbildlich und einzigartig. Die 22 Mitgliedsstaaten seien eine große Familie mit einem gemeinsamen Ziel: Dem Vorantreiben der Weltraumtechnik.

Hört sich super an, dachte ich noch kurz und dann wurde es auch schon traurig. Ganz offenbar ist der Mensch unter bestimmten Voraussetzungen also in der Lage in großen Gruppen für ein übergeordnetes Ziel sinnvoll, gleichberechtigt und zielführend zu kommunizieren. Doch was macht diese Kooperation erfolgreich? Ist es das gemeinsame Ziel, die Motivation? Der Stil der Mitarbeiterführung oder hat es mit Prestige oder Geld zu tun? Warscheinlich ist es von all dem was. An etwas großem beteiligt zu sein motiviert den einzelnen. Das übergeordnete Ziel und die damit verbundene Anerkennung tun es ebenso. Zudem sorgt die ESA, nach allem was ich erlesen habe, gut für ihre Mitarbeiter; in allen Ländern. Der Konzern legt Wert auf Zusammenhalt und Wertschätzung.

Faktisch klingt das alles gar nicht so kompliziert. Moderne, menschenfreundliche Strukturen, ein Ziel, mit dem man sich gut identifizieren kann und eine fair vorgelebte Firmenpolitik. Was bleibt ist die Frage, wieso es in vielen andern Bereichen der Welt offenbar nicht möglich ist so gut und damit effizient zu arbeiten. Wo ist das weltweit agierende Netzwerk gegen Hunger, Trinkwassermangel? Wo das gegen die hohe Säuglingssterblichkeit und für die Impfprogramme? Wo ist die gute Kooperation von 22 Staaten für den Frieden und für die Abrüstung? Sind solche übergeordneten Ziele nicht wert, sind sie idell nicht ausreichend um Menschen zu bewegen?

Mit Sicherheit wären sie es. Leider hat sich jedoch auf der Welt kein Wettlauf um die beste Nahrungsmittelverteilung etabliert. Satelliten ins All zu schicken, auf denen die eigene Flagge zu sehen ist, ist schick. Dafür gibt man gern 700 Millionen Euro im Jahr aus – mit denen dann vorbildliche Strukturen erschaffen werden. Nahrung zu verteilen, Menschen das Überleben zu sichern und all sowas ist auch nett, jedoch nicht so nett, als das man den Staatshaushalt dafür bemühen möchte. All diese Programme laufen primär aus privater Hand, selbst die WHO ist nur zu 20% aus den Kassen der Mitgliedsstaaten finanziert.

Mal im Ernst. Ich finde Raketen toll, Satelliten und Handys und GPS und all das auch, ohne Frage. Viel lieber aber mag ich Menschen aller Art. Wäre es denn keine Option diese 700 Millionen in das weltweite Überleben von Menschen zu investieren und die dagegen lächerlichen 30.000 Millionen der WHO den Raketenmännern zu geben? Geht das denn nicht pro Mensch anstatt pro Rakete? Ich verstehe da die Prioritäten nicht.