Gedenken

Der 27. Januar gilt dem Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Seit vielen Jahren nutze auch ich diesen Tag um zu gedenken, zu informieren und mich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Gerade letzteres tue ich seit über 20 Jahren sehr intensiv. Ich habe endlos viel gelesen, mich intensiv mit der Psychologie hinter all dem vertraut gemacht. Auf viele Fragen kann ich Antworten geben, ich habe mich in die abartige Maschinerie der Lager, in das Konzept des Tötens eingearbeitet und hatte immer das Ziel zu verstehen, was da passiert ist, wie es passieren konnte und wie es nie wieder passieren kann.

In den letzten Jahren ist die Thematik „Wegschauen“, ist die Gewalt und das Tolerieren von Hass wieder wesentlich in den Fokus geraten. Taten die undenkbar waren, Äußerungen und nicht zuletzt Ängste, die jahrelang verschwunden waren, bahnen sich ihren Weg zurück in die Köpfe der Menschen und werden wieder massentauglich.

Das, was war wird nie enden, es muss uns immer bewusst sein, als Mahnmal, als abschreckendes Beispiel dafür, dass der mensch zu allem in der Lage ist. Denn eins wird heute klarer denn geh zuvor: Ein Massenmord wie die Shoah findet nicht allein durch die Gedanken und Taten einzelner statt. Ebenso Teil der Maschinerie sind all die Tausenden, die wegsehen, sich beugen und sich fügen. Jeder der nicht laut schreit wenn Unrecht passiert, nicht hilft wenn einer Hilfe braucht und mitmacht wenn er dazu aufgerufen wird, ist Teil des Ganzen.

Das A-Hörnchen liest gerade Anne Frank und fragte mich heute, wieso die Juden nicht einfach ohne den gelben Stern auf die Straße gegangen seien. „Dann hätte ja keiner gesehen, dass sie jeden sind.“. „Sie wären verraten worden.“, antwortete ich ihm und er fragte erstaunt von wem. „Von den Nachbarn, Freunden, Kollegen und Lehrern, die gewusst haben, dass sie Juden sind.“. Das Hörnchen verstand nicht und auch mir wurde die Absurdität der Tatsache schmerzlich bewusst. Ich klärte ihn weiter darüber auf, dass auch das Schützen von Juden sowie der Kontakt unter Strafe standen. Er verstand und verstand doch so vieles nicht. „Es haben einfach alle mitgemacht? Sie haben sch nicht gewehrt?“, und ja. Leider war es wohl so. Zumindest aber so ähnlich, denn wenn all die, die nur gedeckelt haben, all die, die nicht aktiv geworden sind, die keinen direkten Schaden verursacht haben sich gewehrt hätten anstatt zu schweigen, wäre dieses Kapitel der Geschichte vielleicht anders ausgegangen.

Niemals darf man vergessen, dass Menschen alle gleich sind, jeder den gleichen Schutz, Respekt und die selben Chancen haben sollte. Niemand sollte in Mangel oder Angst leben müssen, nirgendwo. Es gibt nichts auf der Welt, das eine Unterscheidung von „den einen“ zu „den anderen“ rechtfertigt. Mensch ist Mensch; jeden Tag und bei allem was wir tun sollten wir den Fokus eben dort haben, bei unserer Menschlichkeit und dem Miteinander. Wegsehen und Schweigen sind keine Option; nirgendwo.

Gedenken

Der 21.7. ist der internationale Gedenktag für Verstorbene DrogenkonsumentInnen. Kurz gedacht ist es nunmal so, dass Drogen tödlich sind und man eben keine nehmen sollte. Die Realität sieht jedoch weit anders aus und hat mit kurzgedachter Logik nichts zu tun. Drogensucht ist eine schwere Erkrankung, die multiple Ursachen hat und komplex zu behandeln ist. Die Gründe zu Drogen zu greifen sind fast immer andere psychische Erkrankungen wie Traumata, Belastungsstörungen, Depressionen oder auch ein unbehandeltes ADHS. Viele Konsumenten haben schlimmes erlebt und nutzen die Droge zunächst als Ausweg.

Sucht ist nicht durch Strafe oder Drohungen zu kurieren. Ein Teil im Kampf ist die Prävention, also die Sucht zu bekämpfen, bevor sie entsteht. Und der andere Teil ist es, sie zu akzeptieren und versuchen die Risiken zu minimieren. Natürlich sind gute Therapien unabdingbar, natürlich gehört eine Krankheit behandelt. Der Verzicht auf die Droge, also das Medikament an sich, sollte aber nicht als primäres Ziel betrachtet werden. Dieser Teilbereich, die Akzeptanz der Sucht und die Gesunderhaltung des Klienten, fasst sich unter dem Begriff der Harm Reduction zusammen.

Harm Reduction ist vor allem Aufklärung. Welche Risiken bestehen, welche Konsumformen minimieren, welche maximieren das Risiko. Auch die Ausgabe steriler Spritzen etc. ist wichtig, ebenso wie die Sicherstellung medizinischer und medikamentöser Behandlung. Für all dies, den Aufbau von Beziehung zum Klienten, das Schaffen von Vertauen und oftmals dem bloßen Auffinden des einzelnen, braucht es vor allem Zeit. In der Arbeit mit einem Personenkreis, in dem viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, ein großes Misstrauen herrscht, sind es vor allem Stabilität und Zeit, die für uns arbeiten.

Zeit; genau an der fehlt es vielen Einrichtungen. Der Drogenhilfebereich ist zwar irgehdwie ein Muss in jeder Stadt, leider wird er absolut stiefmütterlich behandelt. Die finanziellen Mittel der Einrichtungen sind so knapp, dass die Personaldecke extrem dünn ist. Auch den Einrichtungen fehlt es an vielem. Darunter leiden tut die Qualität der Arbeit, die Effektivität und damit unmittelbar der Klient. Lange Wartezeiten in einer medizinischen Ambulanz können Menschen unter Suchtdruck nicht aushalten, für längere Gespräche oder gar aufsuchende Arbeit (Streetwork) fehlt es schlicht an Zeit und die so wichtigen Kooperationen im Hilfesystem hinken gewaltig. Statt Gelder locker zu machen um Probleme konstruktiv anzugehen, setzt der Staat auf Repressionen. Drogenkonsumenten werden vertrieben, Plazverweise werden inflationär ausgesprochen. Der dadurch resultierende Rückzug der Klienten in Wohnunen oder halb-öffentliche Plätze, macht es dem Hilfesystem schwer sinnvoll anzusetzen. Und so sterben weiter Menschen an Überdosen, schweren Inektionen, Organschäden oder Blutungen, weil keiner sie gefunden hat. In meiner Stadt waren es 19 im vergangenen Jahr, in diesem vielleicht schon mehr und 500 in den vergangenen 25 Jahren. Menschen, die Träume hatten, Familien und Freunde und irgendwann in ihrem Leben einmal keinen anderen Ausweg gesehen haben als zu Drogen zu greifen. Menschen, die für mich, und viele andere Menschen im Drogenhilfesystem, Gesichter hatten und durch ihre Geschichten weiterleben.

Traue niemandem!

„Herzlich Willkommen im Faschismus des 21. Jahrhunderts“, so oder so ähnlich scheint der Soundtrack unserer Zeit zu klingen. Beinahe täglich schmettern grausame Tatsachen durch die Timeline, gnadenlos und brutal. Polizeigesetz geSödert, der Bäckerskandal vom Lindner um nur die dicksten Fliegen meiner letzten Tage zu nennen. Jeden Tag eine neue Hiobsbotschaft, nationale und internationale Katastrophen reihen sich fein aufgefädelt aneinander um dann, am Abend eines jeden Tages, fast unbemerkt wieder in der Versenkung zu verschwinden, runter gescrollt. Nur weniges hält sich länger als ein paar Tage.

Was dem menschlichen Geist nach so einem Tag bleibt ist eine Art emotionaler Nachgeschmack. Die sachbezogenen Inhalte sind weg, die emotionalen bleiben. Und die verkaufen sich wie warme Semmeln: Menschen sind böse, fast alle. Manche sogar sehr böse! Man hat stets Grund zu großer Angst, vertraue niemandem. Missachte das Fremde, verurteilt das Unbekannte. Setze dich nicht unvorsichtig mit dem Gedankengut des anderen auseinander; viel zu gefährlich. Menschen sind gefährlich, eigentlich fast alle, am meisten die, die du nicht kennst. Jeder kann der nächste Killer sein, eigentlich bist du fast tot. Traue keinem, traue nur deiner Angst. Deine Angst ist sicher, ist die Konstante in deinem Leben. Pflege deine Angst, lecke deine Wunden.

Menschen zu manipulieren ist so leicht. Dankbare Opfer, die sich nach einer einleuchtenden Lösung sehnen. Wenn man ihnen halt sagt, dass alle böse sind – dann sind alle böse. Guter Trick, denkt man da. Und so unfair und so dumm zugleich. Menschen sind nicht böse. Der Mensch ist ein hochsoziales Wesen, dass sich nach anderen seiner Art sehnt. Von Urzeit an lebte der Mensch in Gruppen, profitierte von einander und teilte seine Güter. Die Gruppe, unverdorben und frei von faschistischer Propaganda, ist in der Lage die Kleinen im Verband zu erziehen und die Schwachen zu tragen. Der Mensch ist ein Wesen das akzeptiert, neugierig ist und die Welt erfahren will. Unsere Vorfahren überlebten dank einer Mischung aus Vorsicht, sozialen Dasein und Neugier.

Boshaftigkeit, Skepsis und Hass machen einsam und verbittert. Sich im eigenen Saft zu wenden und keine neuen Einflüsse zuzulassen, ja sie zu verteufeln, führt zu gar nichts – außer zu verbitterten, ängstlichen Menschen, die nichts mehr erschaffen können außer Angst, Hass und Verbitterung. Und die sind dann das, was als kulturelles Erbe an die nächsten weitergegeben wird. Ein Lebensgefühl als Weisheit: Traue niemandem, du bist allein!

Theorie und Praxis

An der Uni wurde mir beigebracht, dass psychisch sehr kranke Menschen, die sich selbst oder andere gefährden und deren Fähigkeit ihr eigenes Handeln einzuschätzen getrübt ist, einen gesetzlichen Betreuer bekommen und ggf. im schlimmsten Fall geschlossen unter gebracht werden können. In der Theorie würde man das beantragen, es würde ein Gutachten geschrieben und dann nähme alles seinen Lauf. Theorie.

In der Praxis sieht das ganz anders aus. Psychisch sehr kranke Menschen, die ihr eigenes Handeln nicht überblicken und neben sich selbst auch eine gane Welt bedrohen regieren Amerika, haben viel Macht und keiner macht was. Ich bin kein Jurist, erst recht kenne ich mich nicht mit dem amerikanischen Rechtssystem und seinem Betreuungsrecht aus. Womit ich mich auskenne sind eben nur Menschen, und das der Typ eine Gefahr darstellt, das steht außer Frage.

Donald Trump handelt kurz gedacht und eng bei sich. Seine Impulskontrolle gleicht der eines ADHS kranken Grundschülers. Er denkt und handelt im selben Augenblick, Hirn aus, Twitter an. Hinzu kommt, dass die Fähigkeit vielschichtig und weit im Voraus zu planen ihm nicht gegeben scheint. So entgeht ihm die Bedeutung weitreichender Abkommen. Die Zusammenhänge von Krieg und Frieden, Provokation und Reaktion sowie Gewalt und Gegengewalt sind für ihn, als impulsiven und kurzdenkenden Menschen nicht zu überschauen. Seine dazu stark ausgeprägte Zentrierung auf sich selbst führt außerdem zu einer Verstärkung der Impulsivität, gepaart mit Agressionen. Im Endeffekt versucht er nur sich selbst gut darstellen zu lassen, durch das zunehmende Scheitern ist er genötigt immer aggressiver und schneller vorzugehen – um seine Macht zu halten.

Betrachtet man diese drei Teilbereiche, Impulskontrolle, Egozentriertheit und die nicht vorhandene Fähigkeit vorausschauend zu denken, bringt Donald Trump es auf ein durchschnittliches Entwicklungsalter von 5-6 Jahren, teilweise darunter. Gepaart mit seinen finanziellen Mitteln und dem Personal, dass er sich dadurch leisten kann, sowie seiner Lebenserfahrung, ist er sicherlich in der Lage ein gutes, selbstständiges Leben zu führen. Wovon ihm fachlich abgeraten werden sollte wäre jede Position, in der er mit Verantwortung oder Macht konfrontiert wird. Diese würde ihn überfordern und so eine Spirale aus Versagen- Versagensangst-Machtdemonstration udn erneutem Versagen in Gang setzen. Ein solches Szenario würde sowohl für die persönliche Gesundheit als auch für das Umfeld von Herrn Trump üble Folgen haben.

Kindeswohl

Was ich neben ersten Arbeitstagen im neuen Job wirklich nicht sonderlich mag sind letzte Arbeitstage im alten. Noch etwas unbequemer gestaltet sich so ein Tag, wenn man neben Kollegen auch Fälle zurück lässt; Kinder in meinem Fall. In den vergangenen 14 Monaten habe ich in Kindergärten und Horten primär Kinder begleitet, die einen besonderen Bedarf haben. Hinzu kam die Beratung von Eltern, Erziehern und Lehrern. Neben vielen zauberhaften Kindern habe ich natürlich auch tolle Erwachsene kennengelernt. Manchmal kam es sogar zu einem guten Austausch oder einer gelungenen Zusammenarbeit; viel zu oft jedoch reagierten die Beteiligten gradezu stuhr und bockig und verweigerten eine effektive Zusammenarbeit. Geholfen wird durch eine solche Haltung niemandem, am aller wenigsten den Kindern, die ja eh immer am meisten auszustehen haben.

Und so habe ich in den vergangenen Monaten unglaubliche Beispiele an Fehlkommunikation erlebt, bei denen es viel zu oft darum ging die Kompetenzen oder das Ego einzelner Erwachsener in den Vordergrund zu stellen und nicht etwa das Kindeswohl. So kommt es also zu stande, dass der Verdacht einer Misshandlung droht im Sande zu verlaufen, weil Beteiligte A sich schämt es nicht früher bemerkt zu haben. In anderen Fällen werden dramatische Verdachte erhoben, weil Beteiligte B lieber anders behandelt worden wäre. Der Umgang mit etwas so elementarem wie dem Wohl von Kindern ist somit immer wieder willkürlich und durch das Ego von Eltern, Lehrern, Erziehern, Nachbarn und zuletzt Sachbearbeitern geregelt. Hinzu kommen strikteste Vorgehensweisen, die zwar das Prozedere absichern sollen, oftmals aber durch kleinste Verfahrensfehler alles endlos verlangsamen.

Der Umgang mit Fragen des Kindeswohls erfordert in erster Linie Fingerspitzengefühl und ein gemeinsames Auftreten aller Beteiligten. Nur wenn A den Verdacht von B Ernst nimmt, ihn gründlich überprüft und unter Umständen C und D hinzuzieht, nur wenn alle Beteiligten daran interessiert sind zusammen zu arbeiten und das best mögliche Ergebnis für das Kind zu erziehen, kann es funktionieren. Das Wohl von Kindern lässt keinen Raum für persönliche Konflikte, das Ego des einzelnen oder sonstige Animositäten. Keiner kann alles und jeder kann irgendwas. Und um wirklich gut zu sein, müssen eben alle zusammen wirken.

Mensch vs. Rakete

Gestern Abend sah ich einen Bericht über Ariane-Raketen und deren Herstellung. Zum Ende des Berichtes wurde eine wahre Ode an die großartige Vernetzung der verschiedenen ESA-Mitgliedstaaten gehalten. Das Gemeinschaftsgefühl, die Kommunikation und die Anerkennung für die Arbeit des jeweils anderen seien vorbildlich und einzigartig. Die 22 Mitgliedsstaaten seien eine große Familie mit einem gemeinsamen Ziel: Dem Vorantreiben der Weltraumtechnik.

Hört sich super an, dachte ich noch kurz und dann wurde es auch schon traurig. Ganz offenbar ist der Mensch unter bestimmten Voraussetzungen also in der Lage in großen Gruppen für ein übergeordnetes Ziel sinnvoll, gleichberechtigt und zielführend zu kommunizieren. Doch was macht diese Kooperation erfolgreich? Ist es das gemeinsame Ziel, die Motivation? Der Stil der Mitarbeiterführung oder hat es mit Prestige oder Geld zu tun? Warscheinlich ist es von all dem was. An etwas großem beteiligt zu sein motiviert den einzelnen. Das übergeordnete Ziel und die damit verbundene Anerkennung tun es ebenso. Zudem sorgt die ESA, nach allem was ich erlesen habe, gut für ihre Mitarbeiter; in allen Ländern. Der Konzern legt Wert auf Zusammenhalt und Wertschätzung.

Faktisch klingt das alles gar nicht so kompliziert. Moderne, menschenfreundliche Strukturen, ein Ziel, mit dem man sich gut identifizieren kann und eine fair vorgelebte Firmenpolitik. Was bleibt ist die Frage, wieso es in vielen andern Bereichen der Welt offenbar nicht möglich ist so gut und damit effizient zu arbeiten. Wo ist das weltweit agierende Netzwerk gegen Hunger, Trinkwassermangel? Wo das gegen die hohe Säuglingssterblichkeit und für die Impfprogramme? Wo ist die gute Kooperation von 22 Staaten für den Frieden und für die Abrüstung? Sind solche übergeordneten Ziele nicht wert, sind sie idell nicht ausreichend um Menschen zu bewegen?

Mit Sicherheit wären sie es. Leider hat sich jedoch auf der Welt kein Wettlauf um die beste Nahrungsmittelverteilung etabliert. Satelliten ins All zu schicken, auf denen die eigene Flagge zu sehen ist, ist schick. Dafür gibt man gern 700 Millionen Euro im Jahr aus – mit denen dann vorbildliche Strukturen erschaffen werden. Nahrung zu verteilen, Menschen das Überleben zu sichern und all sowas ist auch nett, jedoch nicht so nett, als das man den Staatshaushalt dafür bemühen möchte. All diese Programme laufen primär aus privater Hand, selbst die WHO ist nur zu 20% aus den Kassen der Mitgliedsstaaten finanziert.

Mal im Ernst. Ich finde Raketen toll, Satelliten und Handys und GPS und all das auch, ohne Frage. Viel lieber aber mag ich Menschen aller Art. Wäre es denn keine Option diese 700 Millionen in das weltweite Überleben von Menschen zu investieren und die dagegen lächerlichen 30.000 Millionen der WHO den Raketenmännern zu geben? Geht das denn nicht pro Mensch anstatt pro Rakete? Ich verstehe da die Prioritäten nicht.

Radfahren für den Frieden

Seit Wochen treffen wir morgens, auf dem Weg zum Kindergarten, eine Gruppe Soldaten in Uniform; auf Fahrrädern. Seit Wochen sprechen D-Hörnchen und ich darüber, was die machen und wozu die da sind. Soldaten. Ein Mysterium für einen vierjährigen, der nur den Frieden kennt. Soldaten kämpfen, so wie bei Star Wars. Sie sind die Guten und sollen und anderen Menschen beschützen, wenn die Bösen kommen. Wer die Bösen sind, fragte das Hörnchen. Mit der Antwort:“Na so welche wie Darth Vader eben.“ ließ er sich nicht abspeisen. Die Bösen also. Nun ja, die Bösen sind auch Soldaten, aber Soldaten von den anderen eben.

D-Hörnchen ist erst vier, und manches ist ihm noch unbegreiflich. Dennoch verstand er blitzschnell, dass wenn es Gute und Böse Soldaten gibt, es dann ganz schwer festzustellen ist, welche welche sind. „Die anderen finden unsere Soldaten böse, oder?“, versicherte er sich. Ja, so ist es wohl. Am Ende sind sie eben alle lieb oder alle böse oder alle Mittel. Es kommt doch sehr auf den Standpunkt an, und plötzlich zeigt sich, wie gnadenlos banal und sinnlos Krieg ist.

D-Hörnchen fragte mich noch viel über den Krieg, das Kämpfen und den Sinn darin. Wir konnten keinen finden, was soll auch sinnvolles dabei sein, wenn die Soldaten der einen die Soldaten der anderen tot machen und alle anderen, die keine Soldaten sind sich auch weh tun. Zum Schluss quittierte D-Hörnchen das Thema mit der Feststellung:“So lange unsere Soldaten immer nur Fahrradtour machen, ist bestimmt alles in Ordnung!“ Ich mag den Ansatz. Was soll an so einer allmorgendlichen Radtour schon falsch sein. Wenn das alle so machen würden, wäre die Welt ein bisschen besser.

Psychisch erkrankt

Mit so einer psychischen Erkrankung ist es ja in etwa so wie mit einer Geschlechtskrankheit oder Fusspilz. Jeder dritte hat oder hatte schon mal, keiner gibt’s zu. Scham und Unbehagen bewirken dann, ebenso wie bei manch anderer intimen Angelegenheit, ein viel zu langes Ausharren im Zustand und ein daraus resultierendes viel zu spätes Annehmen von Hilfe. In Bayern soll das Psychiatrie Gesetz nun verschärft werden, sensible Patienendaten sollen zugänglich gemacht werden, um vor vermeintlich gefährlichen Personen zu schützen. Der in meinen Augen einzig sichere Nutzen an dieser Änderung wäre, dass man die Hemmschwelle für die Bettoffenen noch höher setzt und somit eine Behandlung noch unwahrscheinlicher macht. Denn mal im Ernst, mit ’nem Vaginalpilz zum Doc ist eh schon mies, wenn es aber danach vorsichtshalber jedem mitgeteilt wird, dass man einen hat… Nein danke. Dann juckt es halt!

Einen Menschen aufgrund seiner psychischen Erkrankung als potentiell gefährlich einzustufen ist schlicht falsch. Depressionen, Traumata, Ängste, Zwänge, Essstörungen – all diese Erkrankungen machen nicht gefährlich – nur einsam. Die wenigen Störungsbilder, die tatsächlich in Einzelfällen einen gefährlichen Menschen hervorbringen, sind a) sehr überschaubar und b) oftmals an eine hohe Geschicklichkeit und Kompensation gekoppelt; im Klartext bedeutet dies, dass die Betroffenen eh selten in der Psychiatrie landen, da sie selbst das geringste Problem mit sich haben.

Um die Hemmschwelle für psychisch Erkrankte gering zu halten und die Wahrscheinlichkeit für eine gute und schnelle Behandlung zu erhöhen, ist es absolut notwendig, mit Daten als auch den Menschen hinter den Daten achtsam und absolut diskret umzugehen. Alles andere schreckt ab und treibt Menschen in Verzweiflung und Einsamkeit. Die einzige Gefahr, die dann von ihnen ausgeht, ist eine für sie selbst. Denn wesentlich häufiger als fremdgefährdung sind Selbstverletzungen Suizid. Psychische Erkrankungen sind nichts peinliches, nicht abnormes und nichts gefährliches. Es sind Krankheiten, die die Lebenaqualitat einschränken und sie gehören behandelt.

Wenn die Rechten immer rechter werden

In Ungarn wurde gewählt, und wieder ist ein rassistischer Idion mehr am Drücker. Die deutschen Medien sprechen nüchtern: „Die AFD jubelt, die SPD zeigt sich entrüstete. Die CDU ist gespalten und rät zur Vorsicht.“ Und im Prinzip ist damit wieder einmal alles gesagt. Die Nazis bejubeln die Nazis, soweit so gut. Die Linke, was also in diesem Fall die SPD darstellten muss, ist entrüstet und tut zunächst mal nichts und die Mitte, hier also die CDU, mahnt zaghaft.

Das Verhältnis von links und rechts, von politisch aktiv oppositionell zu politisch träge, hat sich massiv verschoben. Während die CDU vor wenigen Jahren noch der rechte Innenlappen war, ist sie heute deutlich mittig angesiedelt. Dies liegt jedoch nicht an einer Veränderung der Programme der CDU sondern an dem allgemeinen Rechtsruck. Alles schiebt sich, bei Beibehaltung der alten Phrasen, eine Spur nach links. So erschafft man schleichend Toleranz und sorgt dafür, dass die ursprüngliche Linke am linken Außenrand dümpelt; nicht salonfähig und mit der neuen Rolle scheinbar überfordert.

Die Masse fährt mit, freut sich über die kleinsten Schritte. Wie sehr ein großer Teil schon abgestumpft ist, fällt kaum auf. Rassismus wird geduldet, Wettern gegen Fremde ist inzwischen voll normal. Mehrfach täglich ist man mit Platten und vollkommen unreflektiertem rassistischem Inhalt konfrontiert und das schlimmste: Keinen stört’s! Ein bisschen Jammern, ein bisschen Fürchten, das gehört zum guten Ton. Es ist grauenhaft.

Ich will das nicht mehr. Wo bleibt denn der Linksruck? Wann werden die Reste des Linken Außenlappens wieder wach und beginnen sich der soganennten neuen Mitte entgegenzustellen? Ich für meinen Teil höre nicht auf zu reden. An jeder Supermarktkasse, in der Kita und auch sonst überall. Ich dulde keine Rassismen, und hoffe weiter. Denn wenn auch die letzten Linken anfangen zu schweigen anstatt laut zu sein, dann …

ist bald die CDU links.