Nichts und nichts

Da es am Abend etwas später geworden war und ich nicht zur Arbeit musste tat ich nichts. Es war herrlich. Am Mittag traf ich das A-Hörnchen beim Pizza-Laden. Er kam von der Schule und erkundigte sich, was ich gemacht hätte. Ich strahlte ihn an und erklärte, dass ich, nachdem ich das D-Hörnchen in den Kindergarten gebracht hatte, nichts getan hätte. Fernsehen, im Bett liegen, Baden – so meine Agenda.

Wir betraten das Haus und werden von der laufenden Waschmaschine empfangen. A-Hörnchen runzelt die Stirn und gibt zu bedenken, dass Wäsche waschen nicht „nichts“ wäre. Er geht weiter und kommentiert:“Du hast aufgeräumt und Staub gesaugt!“. Kleinlaut gebe ich zu, wenigstens das getan zu haben und beteure abermals, dass ich aber sonst nichts gemacht hatte. Bett, Glotze, Wanne – der Tag war mein Freund.

Drei Minuten später enttarnt A-Hörnchen, dass ich außerdem im Bad geputzt und die Spülmaschine ausgeräumt habe. Er schüttelt den Kopf und sagt:“ Mama! Dein Nichts ist irgendwie anders als anderes Nichts! Wenn man nichts machen will, dann muss man auch Nichts machen!“ Schuldbewusst gelobe ich Besserung und freue mich darüber, dass mein Kleiner so für mich sorgt.

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Los

Unser Hausflur ist eng, sehr eng. Und leider müssen morgens die aller meisten von uns fast gleichzeitig los. So führen wir jeden Morgen zu 5. eine Art Ballett auf, in dem jeder seine Rolle gut beherrschen muss.

Ich bin der Dirigent. Ich stehe zentral und weise alle Hörnchen ein. Mütze da, Helm hier. Schneehosen falsch herum, Ranzen,… Es ist jeden Morgen erstaunlich, was man alles vergessen kann – aber dafür bin ich ja da.

A-Hörnchen’s Rolle ist die des radikalen Suchenden. Er verliert nahezu täglich Mütze und Handschuhe udn gindet dafür nahezu täglich ein anderes Paar irgendwo wieder. Leider ist er morgens um halb acht so neben sich, dass er regelmäßig einen seiner Geschwister umrennt weil er sie stumpf übersieht. Ich unterstelle ihm tatsächlich keinerlei böse Absicht; er schläft bis 10.

B-Hörnchen ist die Stille. Sie zieht sich in aller Regel einfach Schicht um Schicht an. Da sie immer stark friert, dauert dies meist etwas, ist aber zuverlässig. Am Ende steht sie, ganz nach dem Motto: „Lieber mopsig als kalt!“ an der Haustür – ohne Ranzen. Den vergisst sie nämlich immer.

C-Hörnchen ist der zweite Dirigent. Sie hat alles im Blick, leitet ihre Geschwister an, ermahnt zur Ruhe und versucht dafür zu sorgen, dass alle genau das machen was an der Reihe ist. Das immer gleiche Ergebnis ist folgendes: alle sind angezogen, die Roller-Fahrgemeinschaft des C – Hörnchen steht vor der Tür und das C – Hörnchen ist nicht fertig. Das gute Kind vergisst sich einfach jeden Tag aufs Neue selbst.

D-Hörnchen Hat eine denkbar einfache Rolle. Er ist der Unsichtbare den man riechen kann. Immer dann, wenn der Trubel am allergrößten ist, läuft er aufgeregt 3-4 mal den Flur auf und ab, bringt alles durcheinander, und wenn er dann nicht mehr gebraucht wird, geht er zuverlässig aufs Klo. Dort bleibt er dann genau so lange, bis der Trubel sich gelegt hat und wir endlich, wenn auch viel zu spät, losgehen können.

An so manchem morgen habe ich dieses Procedere verflucht. Immer wieder suche ich nach Lösungen, die das Durcheinander minimieren könnten. Ganz genau betrachtet finde ich es aber ganz zauberhaft. Sollte es eines Tages anders sein – es wird mir furchtbar fehlen!

#lovemylife

Zwischen zwei Terminen ergab sich eine dankbare Lücke von 10 Minuten, diese wollte ich effizient nutzen und Katzenfutter kaufen gehen. Ich düse also auf den Parkplatz des ansässigen Discounters und parke elegant und schwungvoll neben einem bemannten Auto. Beim Aussteigen stelle ich fest, dass der äußerlich schwer reich wirkende Typ mit seine Freisprechanlage telefoniert. Er guckt sehr wichtig drein und notiert ununterbrochen. Ich schnappe auf, dass „die Alte sich wieder drei Tage nicht gemeldet hat“, grinse breit und gehe in den Laden.

Noch in der Tür führen Hirn udn Uhr einen Dialog über die Option eines Einkaufswagens; Uhr gewinnt. Ohne Wagen aber mit enormen Muskeln bepackt gehe ich ans Regal und nehme zwei Paletten Katzenfutter. Schwer. Vielleicht ein wenig schwerer als erwartet. Ich trage sie ohne mit der Wimper zu zucken an die Kasse und kann zum Glück schnell abstellen.

Ein erneuter Dialog findet statt. Hirn, Uhr und Arme streiten über die Machbarkeit der Aktion. Das Auto ist so mittel weit weg, Uhr gewinnt. Geschmeidig nehme ich die bezahlten Paletten und schreite aufrecht und zügig aus dem Geschäft. Schnell bin ich am Auto. Der Typ telefoniert immer noch wichtig. „Nee, die hat voll den Arsch offen…“ höre ich, lächle gequält und realisiere, dass der Autoschlüssel in meiner Jackentasche ist. Hirn schaltet sich zu. „Siehste!“ Sagt es, ich antworte:“Schnauze!“

Ich balanciere das Katzenfutter auf den Boden. Wenig elegant, es macht sich selbstständig und die Dosen beginnen zu zu rollen. Einige unter das Auto von Typ. Ich überlege nur ganz kurz ihnen zu folgen und drücke auf den Autoschlüssel. Auf das verlässliche „Klick“ folgt die Erkenntnis, dass hinter dem Kofferraum ein Busch ist. Geht nicht auf. Resigniert schließe ich den ohnehin fast noch geschlossenen Kofferraum und öffne eine Schiebetür. Fachmännisch versuche ich die obere Palette anzuheben; es macht „riss“ und die Dosen rollen wieder. Der Typ im Auto ist inzwischen verstummt. Ich schüttel den Kopf. Wieder öffne ich den Kofferraum, krieche recht hilflos von schräg unten hinein und erbeute einen Jutebeutel. Innerlich schimpfend lade ich Dose um Dose in den Beutel. Mit letzter Kraft lade ich den schweren Beutel auf die Rückbank. Der Typ im Nachbarwagen lässt den Motor an; er grinst breit.

Rückenschmerzen. Hirn verhöhnt mich. Uhr weint.

Ein Tag für mich

Heute ist mein freier Tag. Zu allem Überfluss sind die Kinder bei Oma und der Menne arbeitet. Ich habe also viele viele Stunden nur für mich. Die Möglichkeiten sind endlos. Kaffee mit netten Menschen, ein Bad. Fernsehen mitten am Tag oder in Ruhe lesen. Herrlich!

Die Realität ist leider eine andere und hat mich schnell eingeholt. Da es mir seit Monaten nicht gelingt eine zuverlässige Putzhilfe zu engagieren, sieht die Welt in etwa so aus: Samstag und Sonntag ist Familie und wir machen halt was man so macht. Montag bis Donnerstag arbeite ich; zu viel wenn man es realistisch betrachtet und Freitags genieße ich meinen freien Tag – gemeinsam mit meiner Waschmaschine, dem Staubsauger und allerlei Putzitensiel. Es ist zum kotzen!

Eine Hilfe zu bekommen habe ich mehrfach versucht. Ich wäre durchaus bereit eine Haushaltshilfe anzustellen. Da eine Schwarzanstellung für mich nicht in Frage kommt, suchte ich nach 450€ Kräften, die sich über die Minijobs Zentrale anmelden lassen würden. No way, trotz guter Bezahlung und netten Arbeitsumfeld ist da nichts zu machen. Auch den Schritt über eine Agentur habe ich versucht. No way, wenn alle ihre Provisionen bekommen haben, ist der Spaß definitiv zu teuer. Also putze ich weiter; schlecht gelaunt und wirklich unzufrieden.

Mein Mond

Vergangene Nacht war eine besondere Nacht. Zum ersten Mal seit langer langer Zeit kamen drei Ereignisse zusammen: Vollmond, Blue-Moon und Blutmond (zugegeben, nur in Japan zu sehen). Diese Konstellation ist selten und seit 35 Jahren nicht mehr zu sehen gewesen.

35 Jahre und 61 Tage um ganz genau zu sein. Und jetzt kommt der erstaunliche Teil: Vor 35 Jahren und 61 Tagen war der 1. Dezember 1982; der Tag bzw. die Nacht vor meiner Geburt! Und da man doch also davon ausgeht, dass Vollmonde Wehen auslösen, kann ich jawohl ganz sicher davon ausgehen, dass diese Trias unmittelbar für meine Geburt verantwortlich ist. Folglich ist heute, oder eben heute Nacht, mein wahrer Geburtstag.

Wieso ich das erzähle? Weil ich es ganz zauberhaft finde! Happy Birthday:)

Zeugnistag

Heute gab’s Zeugnisse. Für das A-Hörnchen das aller erste auf dem Gymnasium; der Schule, auf die er nicht empfohlen wurde. Auf der Grunschule war den Lehrern seit der ersten Klasse klar: Der bringt’s nicht. Nicht ganz richtig, etwas seltsam, scheinbar schräg. Mein Sohn gefiel den Lehrern nicht. Erst war er hochbegabt, dann dumm. Egal was er tat, es war falsch, zumindest aber zum falschen Zeitpunkt.

So bekamen wir in der 4. Klasse den dringenden Rat, dieses Kind auf eine Oberschule im unteren Segment einzuschulen; das könnte er schaffen. In keiner Sekunde habe ich an meinem Sohn gezweifelt, und auch wenn ich Gymnasien, Einser und all den Leistungsdruck verachte, war mir klar, dass A-Hörnchen keineswegs zu dumm für seine Grundschule war sondern allenfalls zu schlau. Ich wusste, dass er aufgrund von Langeweile mit angezogener Handbremse fährt. In jedem Fall aber war er immer richtig. Richtig laut oder leise, richtig langsam oder schnell.

A-Hörnchens erstes Zeugnis hat einen 3er Schnitt. Er hat kaum einen Finger gekrümmt, hatte ein tolles ersten Halbjahr. Er hat alles richtig gemacht – wie immer! Denn er ist einfach richtig – immer!

Und weil ich es so mag, hier noch den Zeugnistag von Reinhard Mey. DS zippelte mir nämlich den ganzen Tag im Kopf rum.

Zora

Eben klemmte ich mir böse den Daumen im Geschirrspüler. Nicht gerade heldenhaft, dafür sehr schmerzhaft. Ich hüpfte, meinen Daumen pustend und schreiend, durch die Küche und schnell war das A-Hörnchen da. Er erkundigte sich was passiert sei und nahm mich tröstend in den Arm. Ich sah ihn verstört an und fragte:“ Sag mal A-Hörnchen, gibt es außer mir noch einen Erwachsenen, dem ständig so dumme Sachen passieren?“ A-Hörnchen dachte kurz an und sagte dann überzeugt und doch leicht zögernd: „Zora?!“

Zora ist meine beste Freundin, seit immer. Und seit mindestens schon immer verfolgen wir einen unausgesprochen Wettbewerb. Wir kämpfen um den Preis für die größte anzustellende Dummheit. Gut sind wir beide, das steht außer Frage. Was wir neben selbstverletzenden Dummheiten ganz besonders gut beherrschen ist es, in Situation verwickelt zu werden, in denen andere Menschen sich vollkommen absurd verhalten.

Das zauberhafte an dem Moment mit der bösen Spülmaschine ist jedoch nicht etwa die Dummheit. Was mich verzaubert hat ist A-Hörnchens großes Empfinden für den Moment. Seine Empathie ist immer wieder überwältigend, ebenso wie sein Sinn für Humor. Ich liebe diesen kleinen großen Kerl!!

Paradoxe Intervention

Es gibt Zeiten,in denen ist das Klima hier etwas rau. A-Hörnchen motzt alles und jeden an, alles weiß er besser. Ins besondere C-Hörnchen reagiert darauf mit heftigen Protest. Gleichzeitig ist es C-Hörnchen, die immer wieder das D-Hörnchen nervt und bevormundet, so dass er außer sich gerät. Auf diese Bevormundungen reagieren wiederum A- und B-Hörnchen mit Reglementierungen in Richtung des C-Hörnchens, was diese zum erneuten Protest ermutigt.

Ja, manchmal ist es zum weglaufen. Die ständige Gereiztheit schlägt, vor allem dem Menne und mir, massiv auf’s Gemüt. Und das bekloppte ist, wettert man immer noch dagegen, wird es in nu noch ungemütlicher. Verhext, denn nichts dazu zu sagen, kommt faktisch auch nicht in Frage. Heute morgen hatte ich dann eine bahnbrechende Idee:

Immer wenn jemand quängelt, motzt oder jammert, sagen wir: „Hansterkäfig!“, schreit einer: „Stoooop!“, „lass das“ oder ähnliches in einer beschriebenen Konfliktsituation, sagen wir „Kaninchenstall!“. Klingt hirnlos? Ist es aber nicht!

Durch das Einbringen der vollkommen unpassenden Worte geschehen zwei Dinge. Zum einen wird der abgenutzte Konflikt unterbrochen, zum anderen wird verdeutlicht, wie oft der immer selbe Dialog zwischen den verschiedenen Parteien geführt wird. Dadurch, dass wir aber als Intervention nicht meckern, sondern etwas sinnloses sagen, verschlechtert die Intervention nicht zusätzlich das Klima. Paradoxe Intervention ist der Fachausdruck für dieses irre aber manchmal sinnvolle Vorgehen. Und was auch in der klinischen Praxis gelegentlich erfolgreich ist, kann doch hier nicht so schlecht sein.

Hört nicht auf drüber zu sprechen

Am 27. Januar 1945 ist das Vernichtungslager Auschwitz befreit worden. Erst seit 1996 gibt es einen Gedenktag für die Opfer der Shoah. Viel zu lange wurde geschwiegen, viel zu lange war dieses Kapitel der Geschichte so Tabu-besetzt, dass es wieder ein stiller Teilnehmer am gesellschaftlichen Leben vieler Menschen werden konnte.

Leider ist es des Menschen Natur, über unangenehme Dinge im Leben nicht zu sprechen. Sind die unangenehmen Dinge dann noch so unbegreiflich, dass man sie kaum zu Ende denken kann, verstummt der Mensch und lässt das ungeheuerliche geschehen.

Mit den Jahren habe ich viel über die Shoah gelesen. Augenzeugenberichte, Studien, lange Arbeiten, Fakten und Daten. Verschiedenste Autoren versuchen mir zu erklären, was damals passiert ist, was die Gedanken, die Ursachen und die Mechanismen waren. All dies zu begreifen und weiter zu geben ist eines jeden Menschen Pflicht. Denn wer versteht wie aus Angst und Verzweiflung Hass wird, wie eng Hoffnung und Selbstaufgabe beieinander sind, der kann frühzeitig erkennen. Es wird immer dumme, gewalttätige, diktatorische und irre Menschen geben. Worauf es ankommt ist, dass zu jeder Zeit eine aufgeklärte und geeinte Menge an Menschen den Dummen entgegensteht und dafür sogt, dass das Gute gewinnt.