Tolstoi, Tolkien, Trotzki

Ich liege im Garten auf der Bank in der Sonne. Es ist friedlich, in meinem Kopf wäge ich die Vor- und Nachteile von Tolkien, Trotzki und Tolstoi gegeneinander ab, suche nach Parallelen und Unterschieden. Im Hintergrund piepen ein paar Vögel, meine Versen und Schulterblätter schlafen wegen der Harten Unterlage langsam ein. Es ist gut. Plötzlich dringt von ganz weit weg ein zarten Stimmchen in meinen Kopf: „Benjamin, du lieber Eleelefant..“ singt es während es sich kreisend um mich bewegt.

Tolkiens, Tolstoi, Trotzki, Elefant. Es wurde kompliziert. Eine Hälfte meines Gehirns schlief, die andere versuchte krampfhaft die zarten Elefanten zu integrieren. „Beeennjjaaaaamin, du liiiieeebbbeer Eeellleefant…“, die Stimme wurde lauter. Tolkiens Olifanten trampelten durch mein Unterbewusstsein. Stampf stampf. Tolstoi, Anarchie, Elefant. Ein Knoten im Kopf bahnte sich seinen Weg. Meine Hirnareale spielten Ping Pong mit dem Elefanten. Frontallappen; nicht zuständig! Mit Vernunft und Kontrolle hat das hier nichts zu tun. Der Elefant fliegt ins Limbische Sysem; nicht zuständig. Wenn dieser Elefant eine Emotion ist, kann ich sie nicht bewerten!

„BENJAMIN, DU LIEBER ELEFANT..!!“, brüllt es in meinem Kopf. Die Stimme ist ganz nah! Der Temporallappen springt an: Hier ist es!! Es ist ein Geräusch!! Der Elefant schwillt zur ganzen Herde an, endlich schaltet sich die Hirnrinde zu: Mein Gedächtnis erinnert mich daran, dass ich Kinder habe. Vorsichtig öffne ich ein Auge. Vor mir steht kein Elefant, auch Tolstoi, Trotzki und Tolkien sind nicht zu finden. Das D-Hörnchen steht singend neben mir. Er ist stolz, er kann jetzt das Lied von Benjamin Blümchen auswendig! Den Rest des Tages habe ich einen penetranten Ohrwurm. Und Elefanten im Kopf; und die Revolution.

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Im Auto mit dem D-Hörnchen

Ich fahre mit dem D-Hörnchen im Auto. Ich lenke, gebe Gas, gucke raus. Er redet. 20 Minuten, ununterbrochen.

„Der Kran ist auf dem Laster. Orange. Es gibt orange Kräne und grüne, da drüben ist ein Trecker, der Trecker ist auch grün, so wie ein Kran auch sein kann. Müllabfuhr ist weiß, nie orange. Müllabfuhr ist toll, da kann man rein gucken. Leider ist hier keine Müllabfuhr; guck mal da ein Verkehrsschild, ein neues Schild. Noch ein Schild. Noch ein Schild. Noch ein Schild. Alles neue Schilder, Schilder sind auch toll, aber noch toller ist Müllabfuhr. Müllabfuhr ist weiß. Schilder sind auch nie orange. Ein Schild. Da ist noch ein neues Schild. Noch ein Schild. Schild. Schild. Es gibt viele Schilder ne? Mama, hast du das Schild gesehen? Da war gelb. Gelb ist so ähnlich wie orange. Es gibt Kräne in orange. Eben war da ein Kran. Oh, ein Mann läuft da. Noch ein Mann. Noch einer, und eine Frau. Die Frau hat eine Jacke an. Braucht die Frau eine Jacke? Es ist warm. Ich brauche keine Jacke, oder? Kann Fenster auf? Mir ist auch warm. Wenn Fenster auf ist wird es hier kälter. Kälter es auch gut. Mir ist nämlich zu warm! Ist dir auch warm? Mama, ist dir warm? Mir ist ganz warm. Mir ist wirklich warm.… Ein Schild! Noch ein Schild. Noch ein Schild. Noch ein Schild. Noch ein Schild. Es gibt so viele Schilder! Hast du das Schild gesehen? Es gibt wirklich viele Schilder! Eben war eins mit Zahl. Mit Zahl oder Buchstabe? War das Zahl oder Buchstabe? Mama! War das Buchstabe oder Zahl? War das ein Schild mit 87? Kann ich jetzt Fenster aufmachen? Mama? Kann ich jetzt Fenster aufmachen? Mir ist ganz warm! Ich hab Jacke an, oder? Ich hab Jacke an weil ich Fieber habe! Ich hab aber gar kein Fieber mehr, das Fieber ist schon weggegangen. Vielleicht hat die Frau Fieber. Die Frau hatte auch Jacke an. Ich muss jetzt keine Jacke mehr anhaben, das Fieber ist nämlich schon weg. Das Fieber war eigentlich morgen viel mehr. Morgen hatte ich richtig Fieber, da war alles ganz warm. Da durfte ich nicht mal mit barfuß laufen, oder? Mama, darf man mit Fieber barfuß laufen? Kann die Müllabfuhr barfuß laufen? Die Müllabfuhr hat der Reifen! Mit Reifen kann man nicht Schuhe ausziehen, da hat man keine Schuhe an. Hast du das Schild gesehen? Da war ein Schild, das war ganz neu! Ein ganz neues Schild! Ein Schild. Noch ein Schild. Noch ein Schild. Noch ein Schild. Noch ein Schild. Es gibt so viele Schilder der ganze Weg ist voller Schilder. Ich wusste gar nicht, wie viele Schilder es gibt. Da war schon wieder ein Schild. Da ist wieder ein Mann lang gelaufen, und eine Kuh dahinten ist auch eine Kuh! Und ich glaube, da war auch ein Pferd . Ich glaube der war eine Kuh und ein Pferd! Vielleicht war der auch viele Pferde. Da waren ganz schön viele Pferde, vielleicht könnte man da auch Pferde reiten. Mama? Mama, kann man Kühe reiten? Kann man Kühe mit einem Sattel reiten oder kann man Kühe gar nicht reiten? Ich würde lieber Müllauto fahren! Müllautos sind besser als Kühe! In Müllautos kann man auch ein Papier rein stopfen! Müllautos sind ganz schön toll, und weiß! Müllautos sind nicht grün und nicht Orange und nicht lila und nicht rosa und nicht blau. Müllautos sind weiß! Immer weiß! Außer manche die sind anders. Mullautos sind richtig toll. Müllautos können auch gelben Sack reinstopfen! Müllautos können sogar stinkenden Müll rein stopfen! Die sind dann auch weiß! Aber die Tonnen nicht. Die Tonnen sind dann anders. Guck mal ein Schild. Guck mal ein Schild, noch ein Schild. Da war ein Schild. Noch ein Schild noch ein Schild. Mama? Mama, Mama! Mama… Wann sind wir da?

Wollt ihr den Rückweg auch noch genauer dokumentiert haben? Er war… Ähnlich attraktiv!

Wenn die Rechten immer rechter werden

In Ungarn wurde gewählt, und wieder ist ein rassistischer Idion mehr am Drücker. Die deutschen Medien sprechen nüchtern: „Die AFD jubelt, die SPD zeigt sich entrüstete. Die CDU ist gespalten und rät zur Vorsicht.“ Und im Prinzip ist damit wieder einmal alles gesagt. Die Nazis bejubeln die Nazis, soweit so gut. Die Linke, was also in diesem Fall die SPD darstellten muss, ist entrüstet und tut zunächst mal nichts und die Mitte, hier also die CDU, mahnt zaghaft.

Das Verhältnis von links und rechts, von politisch aktiv oppositionell zu politisch träge, hat sich massiv verschoben. Während die CDU vor wenigen Jahren noch der rechte Innenlappen war, ist sie heute deutlich mittig angesiedelt. Dies liegt jedoch nicht an einer Veränderung der Programme der CDU sondern an dem allgemeinen Rechtsruck. Alles schiebt sich, bei Beibehaltung der alten Phrasen, eine Spur nach links. So erschafft man schleichend Toleranz und sorgt dafür, dass die ursprüngliche Linke am linken Außenrand dümpelt; nicht salonfähig und mit der neuen Rolle scheinbar überfordert.

Die Masse fährt mit, freut sich über die kleinsten Schritte. Wie sehr ein großer Teil schon abgestumpft ist, fällt kaum auf. Rassismus wird geduldet, Wettern gegen Fremde ist inzwischen voll normal. Mehrfach täglich ist man mit Platten und vollkommen unreflektiertem rassistischem Inhalt konfrontiert und das schlimmste: Keinen stört’s! Ein bisschen Jammern, ein bisschen Fürchten, das gehört zum guten Ton. Es ist grauenhaft.

Ich will das nicht mehr. Wo bleibt denn der Linksruck? Wann werden die Reste des Linken Außenlappens wieder wach und beginnen sich der soganennten neuen Mitte entgegenzustellen? Ich für meinen Teil höre nicht auf zu reden. An jeder Supermarktkasse, in der Kita und auch sonst überall. Ich dulde keine Rassismen, und hoffe weiter. Denn wenn auch die letzten Linken anfangen zu schweigen anstatt laut zu sein, dann …

ist bald die CDU links.

Ewig Mama

Am Telefon erzählte ich meiner Mutter, dass die Kinder aufräumen müssten und mal wieder rebellieren würden. Die Geschichte ist so alt wie die der Erde, viel dazu zu sagen gibt es nicht. Meine Mutter jedoch verblüffte mich mit ihrer Reaktion: „Dann räum du aber auch mal deine Rumpelkammer auf“, sprach sie mit einem Lachen in der Stimme. Ich erwiderte ebenfalls lachend, dass das ja gewiss was anderes sei und wir kamen zum nächsten Thema. Am kommenden Tag hatte ich 30 Minuten Freizeit und musste schon sehr über mich selbst lachen als ich feststellte, dass ich die Rumpelkammer aufräumte. Mama hat’s gesagt, los geht’s. Was ist das? Wieso mache ich das?

Wie so oft spielt hier der Begriff der Bindung eine erhebliche Rolle. Eltern und Kinder sind, so dann alles gut verlaufen ist, eine feste Einheit. Selbst im Konfliktsfall oder bei längerer Trennung bleibt das Band der frühkindlichen Bindung bestehen; und mit ihm gewisse Verhaltensweisen. Kaum etwas auf der Welt prägt Kinder so sehr, wie ihre ersten 10-15 Lebensjahre und das was ihnen in dieser Zeit vermittelt wird. Die elterlichen Werte sitzen fest, ebenso wie das Verständnis für Familie und Zusammenhalt. Natürlich ist all das später noch veränderbar, natürlich entwickeln wir eigene Werte, jedoch bleiben die alten, die ersten Pfade immer deutlich im Hirn.

Gerade in den ersten Jahren nach der Pubertät, in den Jahren, in denen wir ein selbstständiges Leben aufbauen, messen viele alles an dem was wir gelernt haben. Keiner kocht so gut wie Mutti und einkaufen kann man am besten da, wo Mama es stets tut. Nach den Sturm und Drang Jahren der Pubertät suchen junge Erwachsene abermals nach Orientierung im neuen Erwachsenen-Dasein. Und die finden sie eben dort, wo sie sie zuletzt erlebt haben – in den alten, Vertrauten Strukturen des Elternhauses.

Mit den Jahren entwickeln sich eigene Muster. Gerade wenn mehrer Menschen zusammen leben, bauen sich neue Wertesysteme zusammen, eine Mischung aus allem eben. Meine Mama, deine Mama, keine Mama. Und dann eben gibt es diese Momente, in denen man ganz deutlich merkt wo man hergekommen ist. Wenn man die Rumpelkammer aufräumt, sich beim Rauchen in der Straße der Eltern schlecht fühlt oder man Sätze sagt, die 1:1 von Mama oder Papa sein könnten. Wir bleiben auf ewig Kinder unserer Eltern – und Eltern unserer Kinder.

Wenn der Tag gekommen ist

Heute wird mein Opa beigesetzt. Für mich eh ein negativ-Highlight; ich mag es einerseits dieses letzten Tag zu begehen, lege viel Wert auf das Drumherum. Andererseits fällt es mir wahnsinnig schwer mit der Endgültigkeit umzugehen. Verstehen, dass jemand wirklich weg ist, tue ich erst am offenen Grab. Als besondere Herausforderung gehen die drei großen Hörnchen mit. Für sie war es keine Frage, dass sie sich auch von ihrem Uropa verabschieden wollen. Und so haben wir in den letzten Wochen viel geredet, gedacht und auch zusammen geweint. Kindliche Trauer hat wenig mit dem zu tun, was wir großen kennen. Hinzu kommt, dass jede Altersstufe eigene Bedürfnisse und Mechnaismen hat.

Das A-Hörnchen ist analytisch an die Sache herangegangen. Was ist passiert, wie ist der Mensch gestorben? Was passiert danach? Er hat sich auf biologischer Ebene erklären lassen, was tot bedeutet, blieb bis heute sachlich. Er hat ein wenig geweint, konnte aber schnell wieder Fassung gewinnen und zu seiner analytischen Herangehensweise zurück finden. Gelegentlich kamen ihm, wie aus dem Nichts, Fragen auf. Diese konnte er kurz und knapp stellen und sie sich beantworten lassen. So schnell wie das Thema kam, war es dann auch wieder erledigt.

B – Hörnchen hat bisher wenig Emotionen gezeigt. Sie hat kurz geweint, sich kurz alles erklären lassen und das Thema dann zu den Akten gelegt. Auch ob sie mit zur Beisetzung möchte, hat sie erst spät entschieden. Sie macht alles mit sich, in ihrem Kopf aus. Von außen ist es schwer ihre Trauer zu sehen, vor allem aber bereitet es mir Sorge. Es bleibt die Hoffnung, dass sie so gut für sich sorgt, dass am Ende alles gut ist und sie ohne Knoten im Herzen aus der Sache heraus geht.

C – Hörnchen trauert auf ihre ganz eigene Art und Weise. Sie überdenkt alles dreimal gut, macht sich um jeden Schritt Sorgen. Geht es dem Opa gut dort wo er jetzt ist? Ist das Grab auch schön genug? Was soll ich zur Beisetzung anziehen? 1000 Fragen schwirren ihr durch den Kopf und so versucht sie auf diese Art und Weise, dass nicht begreifliche irgendwie in Kategorien zu fassen. Dies gelingt ihr nur rudimentär, denn der Verstand ist schon viel zu wach um sich mit Fantasiegespinsten abspeisen zu lassen. Auf der anderen Seite wird ganz deutlich, dass noch nicht ausreichend Verständnis für Leben und Tod da ist, um auch nur in Ansätzen zu verstehen was geschehen ist.

Das D-Hörnchen erlebte den Verlust phantastisch. Er versteht von all dem Tod und Leben noch recht wenig, sich vorzustellen, dass ein Mensch ganz und gar weg ist, ist in fast unmöglich. Somit hat sein Köpfchen eine ganz eigene Realität geschaffen. Ohne mein Zutun ist der zu dem Entschluss gekommen, dass der Opa zu den Wolken gefahren ist, sein Körper gebröselt ist und der Opa uns jetzt von dort oben zu sehen würde. Von diesem Moment an fiel es dem D – Hörnchen leicht sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Alles hat seine Ordnung, alles war logisch und erklärbar. Freudig hatte im Kindergarten gespielt, dass er der Friedhof-Mann ist und alle Leichen ausbuddeln muss.

So hat jeder seinen eigenen Umgang. Meine Aufgabe ist es, jeden so vorzubereiten, dass er den Tag gut überstehen kann und sich gut aufgehoben fühlt. Diese ersten Erfahrungen mit dem Tod sind prägend für das ganze Leben und in erster Linie wünsche ich jedem meiner Kinder, dass sie einen guten und vor allem angstfreien Umgang mit dem Tod finden. Denn genau das ist es, was vielen Erwachsenen fehlt. Der Tod, und alles damit verbundene, ist nichts vor dem man große Angst haben muss. Vielleicht ist es nicht zu begreifen, nicht zu verstehen und irgendwie komplex. Beängstigend aber sollte es nicht sein.

Müde, wie immer

Wieder ist ein erster Tag nach den Ferien geschafft. Wieder war ich endlos müde, als um 6 der Wecker sang. Wieder waren alle vier Hörnchen mehr tot als lebendig und wieder stellte sich die Frage, für wen beginnt die Schule um acht? Ich zumindest kenne niemanden, weder Lehrer noch Schüler noch Eltern, der großen Wert darauf legt, morgens um acht in der Schule zu sein.

Wie jedes Mal zeigen die Ferien und hervorragend auf, wie der gesunde Rhythmus unserer Familie aussieht. Aufstehen gegen halb neun, Leistungen ab zehn. Mittag gegen halb zwei, danach Siesta und gern noch mal ein Hoch. Essen abends gegen sieben, halb acht geht auch und zwischen acht und neun kehrt Ruhe ein. Kein Streit, keine müden Diskussionen, keine Kinder, die aber noch nicht schlafen können. Leistungsbereite Gehirne, wohlgesonnene Persönchen und alles läuft wie von selbst.

Außerhalb der Ferien ist es das frühe Aufstehen, dass den Tag zerlegt. Zum Frühstück noch keinen Appetit, zum Handeln zu müde. Die ersten zwei Schulstunden schläft der klassische Schüler; die Lehrer auch. All das gilt inzwischen als erwiesen. Dutzende Studien zeigen Leistungskurven, Wirtschaftswachstum und eine zufriedenere Gesellschaft auf, würden die dogmatischen Rhythmen um zwei Stunden verschoben. Und wir? Wir klugen Menschen, die Krone der Schöpfung? Sein wir realistisch. Wir diskutieren seit 20 Jahren über die Abschaffung der Zeitumstellung. Die Mühlen mahlen langsam, der Deutsche ist weder experimentell noch mutig. Und deshalb werden wir auch in 20 Jahren noch um sechs aufstehen, damit die Kleinen pünktlich um acht müde in der Schule sitzen. Wahrscheinlich sind wir auch einfach zu müde um was dran zu ändern.

Gute Nacht!!

Immer motzt du

Ich möchte ins Bad und starte die Aktion mit den Worten: „Ich gehe jetzt ins Bad und möchte dort mal eben meine Ruhe haben.“ So gehe ich durch die Tür, schließe sie und tue was man so tut. Nach 5 Minuten geht die Tür auf. C-Hörnchen kommt rein, setzt sich zufrieden auf den Klodeckel und legt los.

Einige Minuten lang hält sie einen Vortrag über die Vor-und Nachteile verschiedener Reiterhosen; ich hatte gar nicht danach gefragt. Nach zwei Minuten bitte ich sie höflich zu gehen und Verweise auf meinen Wunsch nach Privatsphäre. C-Hörnchen schüttelt den Kopf und plappert weiter. Ich bitte sie etwas energischer zu gehen. Abermals schüttelt sie den Kopf. Ich sehe dem Hörnchen in die Augen und sage ein letztes mal freundlich:“Geh raus!“. Nichts passiert. Nun schreie ich. „RAUS!!“ fetzt es durch den Raum. C-Hörnchen springt auf, geht zur Tür und heult im Rausgehen: „Immer musst du motzen!!!“. Fassungslos bleibe ich zurück. Woher dieser Protest, was macht das? Was ist so attraktiv daran, einen anderen zur Weißglut zutreiben und dann selbst daran zu verzweifeln?

Die Antwort ist leicht: Es ist die Abgrenzung. Kinder im Grundschulalter beginnen sich als autonome Persönlichkeiten wahrzunehmen. Während Kleinkinder eins mit der primären Bezugsperson sind, und auch Kindergartenkinder immer noch Teile ihrer Person über die Bezugsperson definieren, stellen Grundschüler fest: Ich bin ein Ich! Diese junge Konstrukt muss nun erprobt werden. Wie stabil ist mein Wille, wie viel kann ich durch mich erreichen und was passiert, wenn ich mein Wollen gegen das der Bezugsperson stelle? All diese spannenden Fragen klären Kinder im Alter von sechs bis etwa Zahn Jahren. Sie tun dies nicht um Eltern in den Wahnsinn zu treiben oder sich selbst als besonders oppositionell herauszustellen. Der Grund für diese Abgrenzungen ist, dass die Kinder sich zu selbständigen Wesen formieren, die dann schlussendlich stark genug sind, die eigene Pubertät und die damit verbundenen Veränderungen zu überstehen. Sich von Bezugspersonen abzugrenzen heißt letztlich nur, sich zu sich selbst zu bekennen, die eigenen Bedürfnisse zu erfassen und ihren Wert zu sehen. Wer als junger Mensch lernt sich abzugrenzen, hat es auch als erwachsener in aller Regel leichter sich selbst nicht zu verlieren. Und wer es schafft im Alltag bei sich zu bleiben, der hat für sein Leben und vor allem für seine psychische Gesundheit viel gewonnen.

Freiheit

Manchmal sehe ich auf mein Leben und bekomme den Eindruck einer Sardine in der Dose. Dann erscheint mir alles eng und ohne Option. Ein tolles Haus, das will bezahlt werden. Dazu einen tollen Job, damit der Rubel rollt. Eingekesselt zwischen Kindergarten und Schule, zwischen Pflichten und sogenannten Hobbies. Was im Leben tut man eigentlich aus freien Stücken, oder anders herum, wo hat man begonnen aus Vernunft zu handeln?

Mein Leben ist heute gebunden. Durch die Kinder und das Leben, das ich mir zutraue mit ihnen zu führen. Ja, tatsächlich würde ich gern mit ihnen reisen, die Welt sehen. Ein paar Jahre auf Bali am Strand, ein paar wo anders. Lernen was das Leben so hergibt, beisammen sein. Zeit haben das Leben gemeinsam zu genießen und nicht zwischen Frühstücksbroten und Abendessen hin und her zu hetzten. Leben, frei und selbstbestimmt leben. Unvernünftig und in den Tag hinein, minimalistisch und ohne doppelten Boden. Ja, das wäre ein Traum.

Das Problem? Meine Feigheit. Viel zu sehr eingesessen in das bequeme Zwangsleben in der Zivilisation. Bildung, Kankenversicherung und Rentensystem halten mich, und die Angst meinen Kindern nicht alles mitgeben zu können, was sie brauchen. Und am Ende am wichtigsten ist es doch, den kleinen Menschen in meiner Obhut vor allem den Mut mitzugeben, dass sie alles werden können was sie wollen. Überall. Den Mut und das Selbstvertrauen überall auf der Welt genau richtig zu sein. Und, auch das ist nicht zu verachten, Ihnen die Zeit zu schenken sich selbst in diese Welt einzusortieren. Denn sein wir mal ehrlich, mit 18, nach dem Abi, weiß doch kaum einer wer er ist. In der Ruhe liegt die Kraft. Und irgendwann kommt auch meine Zeit; auf Bali am Strand. Ohne Krankenversicherung aber mit jeder Menge Glück an Bord.

Beisammen sein

Grosse Feste, egal ob religiösen oder familiären Ursprungs, gehören von jeh her zur Kultur des Menschen. Zusammen kommen, gemeinsam essen und trinken und besondere Momente feiern, den Rausch der Geselligkeit erleben und die Gegenwart geliebter Menschen genießen. Menschen (zumindest die meisten) mögen das und freuen sich auf diese Ereignisse. Junge und alte kommen zusammen, kochen gemeinsam und tauschen wichtiges und lustiges aus. So, oder so ähnlich sind die Feste in Lönneberga und auch die auf den mittelalterlichen Burgen beschrieben. Viel Arbeit, viel Ertrag. Menschen mit Menschen als eigentlichen Sinn.

Geselligkeit stärkt die Gesellschaft. Erlebnisse, die Menschen gemeinsam erleben, schweißen sie zusammen. Je mehr gemeinsames eine Gesllschaft hat, je mehr gutes, wildes, lustiges und schönes sie erlebt hat, desto enger steht sie beisammen. Erfahrungen, die wir im Glück machen sind voll von Hormonen und bleiben dadurch um ein Vielfaches fester im Hirn verankert. Große Feste unserer Kindheit prägen uns ein Leben lang und so sind es gerade diese Erfahrungen, auf die wir im Erwachsenenalter zurückgreifen und mit denen wir unsere Kinder prägen. Beisammen sein ist Kultur, ist Leben.

Heute sind viele dieser großen Ereignisse zu lahmen Fressveranstaltungen geworden. Die Kinder verbinden mit Ostern keinen duftenden Hefezopf, nicht Oma und Opa und nicht ausgelassenes Beisammen sein – für die Meisen geht es um die schiere Menge an Schokolade und Geschenken. Traurig wie ich finde. Bei uns gibt es zu Ostern eine Kleinigkeit zu Baseln und etwas Süßes dazu. Nach dem Frühstück mit Oma und Opa haben alle zusammen gebastelt. Und trotz aller Bemühungen merken auch wir, wie die Kinder sich mit jedem Jahr mehr zu Konsummonstern verwandeln. Kommendes Jahr gibt es selbst gebackenes und Bauklötze.