Im Zweifel für den Zweifel

Gestern Abend sah ich im Kino einen Dokumentarfilm über den G20 Gipfel in Hamburg 2017. Es war traurig die zahllosen gewalttätigen Übergriffe der Polizei auf Demonstranten zu sehen, die endlosen Repressalien. In vielen Interviews mit Anwälten und Hamburger Politikern sowie Demonstranten und Polizei wurde deutlich, dass die Eskalationen und zum Teil schwersten Verletzungen wenigstens billigend in Kauf genommen wurden, wenn nicht sogar teilweise von staatlicher Seite provoziert.

Nach dem Film war meine Stimmung gedämpft und während der Abspann begann, spielte das Lied „Im Zweifel für den Zweifel“ von Tocotronic an:

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Und für die Pubertät

Im Zweifel gegen Zweisamkeit

Und Normativität

Im Zweifel für den Zweifel

Und gegen allen Zwang

Im Zweifel für den Teufel

Und den zügellosen Drang

Im Zweifel für die Bitterkeit

Und meine heißen Tränen

Bleiern wird mir meine Zeit

Und doch muss ich erwähnen

Im Zweifel für Ziellosigkeit

Ihr Menschen, hört mich rufen!

Im Zweifel für Zerwürfnisse

Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für Verzärtelung

Und für meinen Knacks

Für die äußerste Zerbrechlichkeit

Für einen Willen wie aus Wachs

Im Zweifel für die Zwitterwesen

Aus weit entfernten Sphären

Im Zweifel fürs Erzittern

Beim Anblick der Chimären

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Und die Unfasssbarkeit

Für die innere Zerknirschung

Wenn man die Zähne zeigt

Im Zweifel fürs Zusammenklappen

Vor gesamtem Saal

Mein Leben wird Zerrüttung

Meine Existenz Skandal

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel fürs Zerreißen

Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Im Zweifel für den Zweifel

Das Zaudern und den Zorn

Erstarrt vor Hilflosigkeit glotzte ich auf die vorbeilaufenden Buchstaben, die Namen und den Dank. Dann sickerte der Text des Liedes nach und nach zu mir durch.

„…gegen all den Zwang… für die Bitterkeit und meine heißen Tränen..“

„Im Zweifel für Ziellosigkeit

Ihr Menschen, hört mich rufen!

Im Zweifel für Zerwürfnisse

Und für die Zwischenstufen“

Und plötzlich dachte ich, ja! So ist es nämlich. Ziellosigkeit führt zu neuen Zielen, zu Orientierung. Zerwürfnis, Diskussion, das ist der Stoff, aus dem ein offener Geist, und aus dem neue Lösungswege gemacht sind. Stillstand, immer nur nicken und ja sagen, bloß nicht anecken und mit dem Strom schwimmen; das ist gefährlich.

„…für meinen Knacks …die äußere Zerbrechlichkeit…“

Ja bitte! Aufhören sich zu verstecken, jede Macke leben und die Welt mit sich selbst zu bereichern – das bringt Menschen weiter, das macht uns zu Individuen. Jede Eigenart macht und zu zauberhaften Wesen, denn im Grunde sind es nicht unsere Hautfarbe und Herkunft, in der wir uns unterscheiden, sondern unsere Macken und Eigenheiten – und die gilt es zu pflegen!

„… für das Zaudern und den Zorn..“

und eben dafür nicht aufzuhören zu kämpfen, zu strampeln und der zu sein, der man ist. Und, das ist unabdingbar, dazu beizutragen, dass die Welt immer ein kleines bisschen mehr die wird, die man sich wünscht. Im Zweifel für den Zweifel, für das selber denken, den erweiterten Horizont.

Nach dem Abspann war es besser. Ein kleiner Kampfgeist sitzt seither auf meiner Schulter, mit Lust zum Debattieren. Ein kleiner Revolutionär, der nicht vor hat, die ganze Scheisse einfach so hinzuhalten. Seine kleine Linke Faust streckt er in den Himmel und schreit laut „Viva la revolution“.

Murmelgetier

Früher, bevor ich Kinder hatte, habe ich gern lange geschlafen. Der Menne auch, ohne Probleme haben wir am Wochenende bis zwölf, eins oder Montag geschlafen. Mit den Kindern kam der Umbruch. Irgendwer stand immer früh auf und schnell wurde acht das neue zwölf. Wir wechselten uns an den Wochenenden ab, so dass jeder an einem Tag ausschlafen konnte und irgendwie gewöhnten wir uns daran, wenn auch es nie schön war! 

Seit einigen Tagen ist alles anders. Die Hörnchen haben sich zu Murmeltieren verwandelt und wir bekommen mehr Schlaf denn jeh! Zehn, halb elf – plötzlich wieder realistisch. Selbst die kleinen Hörnchen, die sonst um halb sieben das Bett verließen, schlafen ewig. Erstaunlich! 

So werden wir heute best-ausgeschlafen in unseren Silvesterabend starten. Lecker essen, etwas fernsehen und dann alle das tun, was wir am besten können: Schlafen!! 

Gute Nacht

äh! Guten Rutsch!