Ich hasse Pubertäten

Leider komme ich zu der Erkenntnis, dass ich keine vier Pubertäten überleben werde. Genau genommen schaffe ich vermutlich keine einzige, denn das was allein die aller ersten Ausläufer machen, treibt mich an den Rand des Wahnsinns.

Ich selber war eine pubertierende Pest. Heute ziehe ich den Hut vor jedem, der es zwischen dem 13. und dem 17. Lebensjahr mit mir ausgehalten hat. Ja, ich war ein störrischer, nerviger Kotzbrocken, habe meine Eltern durchgängig an den Rand des Wahnsinns getrieben, und nicht nur die. Ich war dagegen, egal worum es ging. Ich musste alles testen, ging an jede Grenze und überschritt so einige. Nun ja, es ging vorbei, alle haben überlebt.

Heute ist es mein A-Hörnchen, dass mich neue Grenzen erreichen lässt. Mit einem unfassbaren Diskussionstalent, Treffgenauigkeit und beachtlicher Penetranz dominiert er derzeit jede Sekunde meines Alltags und zeigt mir immer wieder aufs neue, dass ich das Leben noch lange nicht zu Ende Gedacht habe. Wir streiten mit Leidenschaft, laut und intensiv. Wir argumentieren uns schon heute in Grund und Boden und müssen immer wieder das Gefüge von Autorität und Augenhöhe ausloten. Das Freiheitsbestreben meines Sohnes ist beachtlich, er erobert sich jeden Tag ein paar Quadratmeter mehr und arbeitet hart daran sich vom mir dominanter Ober-Mama abzugrenzen. Eine harte Aufgabe. Dennoch habe ich keinen Zweifel daran, dass er am Ende ein großartiger, persönlichkeitsstarker und selbstständiger Junger Erwachsener sein wird. Meine Währung sind Nerven, mein Lohn das Ergebnis – starke Kinder.

Und jetzt bitte einen Portion Mitleid; oder Kekse. Oder Schnaps. Oder beides.

Der Neue

Nach fünf Wochen im neuen Job bin ich so Mittel angekommen, habe langsam das meiste grob durchschaut und eine ganze Reihe Arbeit an Land gezogen. Ich bin jetzt ein Teil des Drogenhilfesystems unserer Stadt; etwas das ich lange wollte und für das ich gekämpft habe. Ich berate Schwangere Frauen mit Drogenthematik sowie Mütter bzw. Eltern nach der Geburt bis zum 2. Geburtstag des Kindes. Meine Stelle versteht sich als Schnittstelle zwischen Drogenhilfe und Kinderschutz; ich vermittle zwischen beiden Hilfesystemen, berate in drogenspezifischen fragen, mache die Therapievermittlung und bin halt irgehdwie da.

Was sich so runter geschrieben nich ganz easy anhört, ist in Realität irgendwas zwischen lehrreich, interessant, wunderschön und tottraurig. Ohne weit auszuholen kann ich sagen, dass die Fälle von traumhafter Familienidylle mit Vater Mutter Kind in eigener Wohnung bin hin zum großen Alptraum reichen. All das gehört dazu, all das ist Alltag. Nach so manchem Tag bin ich platt und wie überfahren, so viele Schicksal, so viel Traurigem, Grausamem oder Überraschendem, dass binnen weniger Stunden durch meinen Kopf fährt wie ein D-Zug.

Abgrenzung, Psychohygiene und Reflexion; Begriffe, die im Studium gebetsmühlenartig wiederholt wurden, bekommen plötzlich eine Bedeutung. Und trotzdem möchte ich keinen Tag und keine Stunde missen. Ich liebe es eine so wichtige und intensive Arbeit zu machen und freue mich über jedes Fünkchen an Aufklärung, dass ich irgehdwo leisten kann. Deutschland ist, nicht nur in Sachen Drogen, ein Entwicklungsland und noch meilenweit bin einer effektiven und guten Prävention entfernt. Ich hoffe in den kommenden vielen Jahren Teil eines Prozesses sein zu dürfen; hin zu einer liberalen und menschlichen Drogenpolitik ohne Repression.

Versteh mich doch

„Kabel an den Wänden, so dass man sie sieht. Und alte Sicherungen und andere Elektobauteile und alles irgehdwie verbunden miteinander!“

Mit diesen Worten erklärte A-Hörnchen die neusten Umgestaltungspläne für sein Zimmer. Er strahlte und hätte am liebsten sofort losgelegt. „Geht das, Papa?“, fragte er aufgeregt beim Frühstück. Der Menne schaute verknautscht drein und antwortete knapp: „Nee, das würde so nicht gehen. Sicherungen kann man nicht ohne Sicherungskasten verbauen und ich leg dir da doch keine Kabel mit 230V. Die Wände wären danach ja auch vollkommen durchlöchert..“ Traurig sah das A-Hörnchen mich an.

Als ich in der 6. Klasse war, hatte auch ich Wünsche und Pläne. Ich wollte mein Zimmer mit Postern und Postkarten tapezieren, eine kleine Festung sollte es werden. Kein Millimeter Tapete solle mehr zu sehen sein, und die Zwischenräume wollte ich mit Edding ausmalen. Mein Vater verneinte, schlug Bilderrahmen vor und ich kotze innerlich. Er verstand kein Wort. Was ich wollte waren nicht Poster sondern Abgrenzung. Ich wollte einen Ausdruck meiner Individualität schaffen, mich von der Masse meiner Klassenkammeraden abgrenzen, anders sein und da ich nunmal 11 war, war mein kleines Zimmer der zunächst einzige Ort, an dem dies geschehen konnte.

Es geschah trotzdem, nach und nach. Erst in meinem Zimmer später über Kleidung, Haare und alles andere. Ich baute mich selbst auf, erschuf meine Person, so wie sie in ihren Grundzügen noch heute erhalten ist. All das, das vollgepflasterte Zimmer, die ollen Klamotten, die bunten und abrasierten Haare, waren wichtige Schritte in meiner Selbstwerdung, in dem Prozess, der mich von der Masse abgrenzte, bis heute und für immer.

Und so erklärte ich dem Menne, im Beisein des A-Hörnchens, dass es vielleicht nicht um funktionierende 230V Leitungen geht, sondern um „anders sein“. Dass es vielleicht darum geht, ein Zimmer zu haben, dass so anders ist, dass alle anderen immer denken, dass das aber sehr anders ist. Dass es um die tolle Persönlichkeit des A-Hörnchens geht, und eben nicht um Strom. Als ich das so erzählte, kullerten dem Hörnchen Tränen der Erleichterung über die Wangen. Und auch der Menne verstand; zumindest rudimentär. Und ich begriff einmal mehr, dass mein Sohn schon echt mein Sohn ist. Apfel und Stamm und so.

Immer motzt du

Ich möchte ins Bad und starte die Aktion mit den Worten: „Ich gehe jetzt ins Bad und möchte dort mal eben meine Ruhe haben.“ So gehe ich durch die Tür, schließe sie und tue was man so tut. Nach 5 Minuten geht die Tür auf. C-Hörnchen kommt rein, setzt sich zufrieden auf den Klodeckel und legt los.

Einige Minuten lang hält sie einen Vortrag über die Vor-und Nachteile verschiedener Reiterhosen; ich hatte gar nicht danach gefragt. Nach zwei Minuten bitte ich sie höflich zu gehen und Verweise auf meinen Wunsch nach Privatsphäre. C-Hörnchen schüttelt den Kopf und plappert weiter. Ich bitte sie etwas energischer zu gehen. Abermals schüttelt sie den Kopf. Ich sehe dem Hörnchen in die Augen und sage ein letztes mal freundlich:“Geh raus!“. Nichts passiert. Nun schreie ich. „RAUS!!“ fetzt es durch den Raum. C-Hörnchen springt auf, geht zur Tür und heult im Rausgehen: „Immer musst du motzen!!!“. Fassungslos bleibe ich zurück. Woher dieser Protest, was macht das? Was ist so attraktiv daran, einen anderen zur Weißglut zutreiben und dann selbst daran zu verzweifeln?

Die Antwort ist leicht: Es ist die Abgrenzung. Kinder im Grundschulalter beginnen sich als autonome Persönlichkeiten wahrzunehmen. Während Kleinkinder eins mit der primären Bezugsperson sind, und auch Kindergartenkinder immer noch Teile ihrer Person über die Bezugsperson definieren, stellen Grundschüler fest: Ich bin ein Ich! Diese junge Konstrukt muss nun erprobt werden. Wie stabil ist mein Wille, wie viel kann ich durch mich erreichen und was passiert, wenn ich mein Wollen gegen das der Bezugsperson stelle? All diese spannenden Fragen klären Kinder im Alter von sechs bis etwa Zahn Jahren. Sie tun dies nicht um Eltern in den Wahnsinn zu treiben oder sich selbst als besonders oppositionell herauszustellen. Der Grund für diese Abgrenzungen ist, dass die Kinder sich zu selbständigen Wesen formieren, die dann schlussendlich stark genug sind, die eigene Pubertät und die damit verbundenen Veränderungen zu überstehen. Sich von Bezugspersonen abzugrenzen heißt letztlich nur, sich zu sich selbst zu bekennen, die eigenen Bedürfnisse zu erfassen und ihren Wert zu sehen. Wer als junger Mensch lernt sich abzugrenzen, hat es auch als erwachsener in aller Regel leichter sich selbst nicht zu verlieren. Und wer es schafft im Alltag bei sich zu bleiben, der hat für sein Leben und vor allem für seine psychische Gesundheit viel gewonnen.

Ich bin bei dir

D-Hörnchen hatte heute zum ersten Mal Schwimmkurs. Im Gegensatz zu mir, wusste er nicht im geringsten was ihn erwartet. Er war aufgeregt und freute sich. Als wir die warme und überfüllte Umkleide betraten wurde er zunächst still. Schon während wir uns umzogen, begonnen die ersten Kinder zu schluchzen. Es war laut. Mit den ersten weinenden Kindern begonnen die ersten Mütter zu schimpfen. „Du wollest doch hier her!“ „Stell doch nicht so an!“ und „guck dir mal den da an, der heult auch nicht!“. Der Ton in der Umkleide war entsetzlich und ich versuchte meinem Kind zu vermitteln, dass alles gut ist.

Bei Übergang in das Bad wurde es noch hässlicher. Die Schwimmlehrer waren nett, keiner übte Druck auf die Kinder aus. Die Eltern hingegen liefen zu Hochtouren auf. Sie schimpften und schoben um die Wette. Das „nein“ eines Kindes zahlte nichts, es war ein Tränenmeer. Ich blieb dicht an meinem verwirren Kind. Ich stand Seite an Seite, Haut an Haut und es war gut. Vorsichtig und ängstlich folgte er dem Programm, eng an Mama und dennoch allein. Im Wasser angekommen begann er zu lachen, das Eis war gebrochen. Während ein Vater sein weinendes Kind ins Wasser warf und andere die ihren verbal erniedrigten, kauerte ich applaudierend am Beckenrand.

Bei jedem Kind, bei jedem Schwimmkurs habe ich derartige Szenen beobachtet und jedes Mal wieder bin ich erschrocken. Was tun diese Eltern ihren Kindern an? Ist ihnen denn nicht bewusst, was sie da tun? Das deutliche „nein“ eines Kindes zu ignorieren bricht alles in ihm. Ein nicht erhörtes „nein“ heißt übersetzt: „Was du denkst, ist mir egal.“ An stelle von Halt und Verständnis, von Sicherheit und Vertauen rückt Zwang, Macht und Unterdrückung. Die Kinder lernen nur eins: Du bist mein, dein Wille ist mir egal.

Das „nein“ eines Kindes ist etwas heiliges! Wer den Mut hat laut „nein“ zu sagen, sorgt für sich selbst. Ein „nein“ grenzt ab, schafft Luft und Raum für sich selbst. Es gibt Respekt, Sicherheit und Selbstbewusstsein. Und nur wer als Kind lernt „nein“ zu sagen, der kann es später als als erwachsener; im Job oder nachts, auf dem Weg nach Hause. Also bitte, Eltern dieser Welt; respektiert die Grenzen eurer Kinder. Hört ihr „nein“ und stärkt sie! Es lohnt sich.