Akzeptanz

Nicht immer verstehe ich was andere Menschen so tun; warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten, wieso sie sind wie sie sind. Nicht immer stehe ich hinter den Entscheidungen anderer, finde sie klug oder nett. Was ich dennoch immer kann ist akzeptieren. „Akzeptanz beschreibt die uneingeschränkte Bereitschaft zur Hinnahme eines Sachverhaltes, einer Situation und/oder einer Person„, heißt es und was so leicht klingt, ist oftmals so unsagbar schwer.

Einen Sachverhalt hinnehmen; klar. Das klingt total machbar und ist es doch oftmals nicht. Genau genommen gerät man fast täglich in Situationen, in denen man etwas anders machen würde, eine Entscheidung dumm, sinnlos, gemein, unfair oder fahrlässig findet. Wenn ein anderer sich schlecht ernährt, einer zu viel raucht oder zu viel am PC sitzt. Wenn einer sich unangemessen kleidet, sein Geld für Müll ausgiebt oder nie ein gutes Buch liest, dann kann man das registrieren, kann seine Meinung haben – angehen tut es einen jedoch nichts. Akzeptanz bedeutet es hinzunehmen, die Entscheidung des anderen anzunehmen und ihm nicht die eigene Meinung aufzudrücken.

In meinem beruflichen Alltag ist es manchmal schwer mit der Akzeptanz. Ich arbeite mit schwer Suchtkranken Menschen, die täglich Entscheidungen treffen, die mich erschaudern lassen. Akzeptanz jedoch ist die Grundlage meiner Arbeit. Die Lebenswirklichkeit des einzelnen zu erkennen, Entscheidungen zu akzeptieren und dann, gemeinsam mit dem Klienten, Perspektiven aufzubauen, darum geht es. Meine Meinung, meine eigene kleine Welt, ist hier nicht gefragt und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das, was mein Gegenüber anstrebt.

Man muss nicht alles gut finden, was andere so machen. Ebenfalls ist es oftmals ok Bedenken, Sorgen oder Ideen zu äußern. Dennoch sollte Akzeptanz im Alltag, ob privat oder beruflich, oberste Priorität haben. Denn wenn wir einander nicht akzeptieren, können wir nicht auf Augenhöhe miteinander agieren. Und wenn wir das nicht tun, sind wir nunmal scheiße.

Schwellenabbau und Akzeptanz

Die Schwelligkeit eines Hilfsangebots beschreibt, wie viel Aufwand und Struktur ein potentieller Nutzer mitbringen muss, um Hilfen zu erhalten. Ein hochschwelliges Angebot ist zum Beispiel das Job Center; der Nutzer muss einen Termin erbitten, diesen einhalten, ggf. lange waren. Er muss Formalien wie Fristen einhalten und Formulare ausfüllen. Für Menschen, die sich in prekären Lebensverhältnissen befinden, ist dies kaum zu schaffen. Frustration, Misstrauen sowie dir Hürden des Alltags machen es um ein Vielfaches komplizierter als es eh schon ist.

Niedrigschwellige Angebote versuchen genau an diesem Punkt anzusetzen und dem Nutzer das Nutzen so leicht wie möglich zu machen. Die Einrichtungen haben zu bestimmten Zeiten geöffnet, je länger desto besser, und nehmen die Nutzer wie sie kommen. Zusätzlich arbeiten viele Einrichtungen mit Streetworkern, die auf der Szene versuchen Kontakte zu knüpfen und Ängste abzubauen. Wichtig ist, zu jederzeit im Kopf zu haben, dass die potentiellen Nutzer in aller Regel schwer traumatisiert sind und viele eine enorme Furcht vor dem Hilfesystem haben. Fingerspitzengefühl ist angesagt!

Die Comeback gGmbH in Bremen ist ein solches niedrigschwelliges Angebot. Die Zielgruppe sind Drogenabhängige, die Leistungen vielfältig. Der Kern der Einrichtung ist ein Café in dem man sich aufhalten kann. Die Nutzer können hier zur Ruhe kommen, für ein paar Stunden dem harten Leben „da draußen“ entkommen. Es gibt kostenlosen Kaffee, ein günstiges Frühstück und mittags frisch Gekochtes für 1,50€. Viele kommen um zu plaudern, andere suchen Ruhe. Neben dem Aufenthalt im Café kann man Wäsche waschen, duschen, Lebensmittel von der Tafel bekommen oder sich in der Kleiderkammer ausstatten. Auch der Erwerb sauberer Spritzen und Verbandsmaterialien gehört dazu. Ein wichtiger Bestandteil der Einrichtung ist die medizinische Ambulanz, in der neben Wundversorgung zB. auch EKGs geschrieben werden können. Täglich sind hier ein Arzt und eine Krankenschwester im Einsatz und versorgen die jenigen, die es in einer Hausarztpraxis schwer hätten.

Natürlich sind es nicht das Mittagessen und die frischen Klamotten, die langfristig helfen. Die Problemlagen der Nutzer sind vielfältig und so arbeiten in jeder Schicht Sozialarbeiter, die sich den Problemen und Nöten annehmen. Mit viel Zeit und einem feinen Händchen für zwischenmenschliche Beziehungen gelingt es dann, einen Draht zu den Nutzern aufzubauen und die wirklich pikanten Theman anzugehen. HIV und Hepatitis, Wohnungslosigkeit, Strafverfolgung gehören dazu, ebenso wie der Wunsch nach „Entgiftung“ und Therapie. Die Palette ist schier unendlich und jeder einzelne hat sein eigenes Päckchen zu tragen.

Manche Meschen begleitet man über Jahre, andere sind nur auf der Durchreise. Einige schaffen den Weg raus, in ein geregeltes Leben; viele nicht. Sucht ist eine schwere chronische Erkrankung. Das Leben, dass die Nutzer führen, ist hart, schmerzlich und nicht immer für uns Helfer nachvollziehbar. Deshalb ist eine wichtige Säule der Arbeit in diesem Bereich die Akzeptanz. Ich kann nicht alles verstehen, aber ich kann es akzeptieren!

Übrigens, die Drogenhilfe ist spärlich finanziert. Über Geld- und Sachspenden freuen sich Einrichtungen in jeder Stadt.

Microkosmos

Seit einer Woche bin ich nun Teil von etwas Großem. Es ist 16 Etagen hoch und steht am Bahnhof. 1962 erbaut bietet das 61m hohe Gebäude rund 500 Menschen einen Arbeitsplatz. Was hier zunächst so schnöde klingt, ist in Wirklichkeit viel mehr. Es ist mein neuer Arbeitsplatz, im Herzen von Bremen. Der Ort, an dem ich mich vor zwei Jahren schon einmal pudelwohl gefühlt habe, und an dem ich mit offenen Armen empfangen wurde.

Es ist wie in einem Dorf. Man kennt sich, den einen mehr, den anderen weniger. Vor allem aber ist man für einander da. Es ist ein durchaus hartes Pflaster, diese Drogenhilfe. Menschen mit schlimmen Problemen, krank oder aggressiv oder beides treffen aufeinander, suchen Hilfe oder was auch immer man grad braucht. Manchmal kracht es gewaltig und an anderen Tagen könnte man sich kaputt lachen. Lebensgeschichten, wie man sie sich kaum ausdenken könnte und elende Not und vor allem aber ganz viel zwischenmenschliches Allerlei. Der mit dem und die dafür gar nicht mehr – neue Schuhe oder eine zu eng gewordene Hose und gestern sind Gerda die Nudeln angebrannt.

Man ist für einander da und sieht sich als das was man ist: Mensch! An oberster Stelle steht die Akzeptanz; jeder wie er will und eben so wie er kann. Im Team steht man Schulter an Schulter. Einer für den anderen und eben alle gemeinsam. Bei so harter Kost ist das ‚wir‘ um so wichtiger. Ich bin dankbar Teil dieses Microkosmosses sein zu dürfen udn freue auf alles was noch kommt. Na ja, das meiste.