Johnny Thunders

Grad schenkte mir die Shuffle-Funktion von Spotify „Das Wort zum Sonntag“ von den Toten Hosen. Lange nicht gehört, ganz lang! „So lange Johnny Thunders lebt, so lange bleib ich ein Punk…“ singt Campino und gibt mir das Gefühl alles sei gut.

Johnny Thunders, denke ich. Wer ist das eigentlich? Und so Google ich mich schlau. Amerikanische Punk-Ikone der 70er und 80er Jahre. Bis 1975 Gitarrist der „New York Dolls“, bis 1978 bei den „Heartbreakers“ und danach solo unterwegs. Großer Einfluss in der Punk-Szene, viel zitiert, Heroinabhängig und dann das! Johnny Thunders ist tot! 1991 verstorben, an den Folgen seines Konsums.

„Ich bin noch keine 60 und ich bin auch nicht nah dran.. und wenn ich wirklich einmal anders bin, ist mir das heute noch scheiss egal.“

Johnny Thunders lebt gar nicht mehr, die Hosen machen keinen Punk und was ist eigentlich mit mir? Immerhin, die Vorstellung alles sei gut, so lange Johnny Thunders lebt, stammt in meinem Fall aus den mittleren 90ern, aus einer Zeit, in der Er schon tot war. Somit war also noch nie alles ok – oder eben doch schon immer. Alles ist gut, ich bin noch keine 60 und eines Tages werde ich es dennoch sein. So oder so.

Plötzlich alt

Heute war meine Schwester zu Besuch; sie ist 1,5 Jahre jünger als ich. In irgendeinem x-beliebigem Kontext, der hier garantiert nichts zu Sache tut, erwähnte sie, dass sie ja nun 34 wäre und bla. Ich gackerte auf und klärte sie hämisch darüber auf, dass sie wohl eher 33 wäre, schließlich sei ich 34 und gerade wäre die Hälfte im Jahr, in der ich nur ein Jahr älter sei. Gut gelacht, die ist ja putzig.

Dass ich 34 bin war zuletzt klar wie Kloßbrühe, wurde ich doch im neuen Job nur allzu oft gefragt, wie alt ich bin. 34, habe ich 1000x geantwortet. Logo.

Meine Schwester prustete nicht schlecht, lachte laut auf und klärte mich danach einfühlsam und liebevoll darüber auf, dass ich im Winter 1982 geboren sei und somit dieses Jahr 36 werden würde.

Glaubt es mir oder nicht, mir fehlt ein Jahr. In meiner Welt war ich 34, den 35. Geburtstag habe ich nicht erlebt und somit ist es seltsam, in einem halben Jahr schon 36 zu werden. Abgefahren, plötzlich einfach so ein Jahr älter zu sein. Und noch ein „sorry“ von Herzen, an all die, die ich versehentlich angeflunkert habe. War keine Absicht, ich bin so doof.

34

Irgendwas war komisch mit dem Gucken. Ne Brille trage ich seit ich mit 18 den Führerschein gemacht habe; gelegentlich hat sich was an meiner Kurzsichtigkeit verändert. Mit den Jahren hatte es sich bei -2,5 Dioptrien eingependelt. In den letzen Wochen bemerkte ich ein Komisch und so machte ich mich heute auf zum Optiker. Nach dem Sehtest stand die Diagnose fest. 

Altersweitsichtigkeit ! Meine Augen sind viel besser geworden! Die Optikerin erklärte noch schnell, dass das bei Menschen um die 40 normal ist.  …um die 40!! Hiermit also erwiesen: 34 ist das neue 40. Ich altere rapide und ganz offenbar sind meine gelegentlichen temperaturbezogenen Wehwehchen doch ganz sicher die ab 50 zu erwartenden Wechseljahre. Denn wenn 34 = 40, dann 40 = 50. 

Mich stört das alles gar nicht. Alter hat nur Vorteile. Die Augen werden wieder besser, die Menstruation bleibt (irgendwann) wieder aus, die Rente rückt näher und die Haare werden grau. Ich finde lange, graue Haare sehr ehrwürdig. Auf auf also, zu ehrwürdigen Zeiten. Noch die war ich so jung wie heute. 

Das Alter

Ich scheine gute Gene zu haben. Meine Uroma wurde 97 Jahre alt. Meine Oma ist 87 und erfreut sich durchaus guter Gesundheit, auch mein Opa ist mit 85 Jahren noch gut im Geschäft. In meiner Jugend fand ich Besuche bei Oma und Opa lästig. Als ich erwachsen wurde, schlief der Kontakt zunehmend ein. Zu viel um die Ohren, zu beschäftigt, das waren meine immer gleichen Ausreden an mich selbst. 

Ich sah meine Großeltern zu Familienfesten, sprach kurz und wenig mit ihnen und es war so wie es war. Lag einer von ihnen im Krankenhaus, besuchte ich ihn dort und fühlte nur dabei stets schlecht. Es kam mit selbst scheinheilig vor sie nur dann zu besuchen, wenn es schlecht ging. Trotz des wiederkehrenden Ärgers habe ich an diesem Muster über Jahre hinweg nichts verändert. Aus Faulheit – denke ich. 

Aktuell liegt mein Opa wieder einmal im Krankenhaus. Er ist in den letzten Monaten plötzlich alt geworden und nun, da es oh schlechter geht, wird auch mir dies bewusst. In den letzten Tagen hatte ich viel Kontakt zu Opa und Oma und habe mir nun eins hoch und heilig versprochen: Nutze die guten Zeiten! Natürlich sollen die Kranken besucht werden, viel wichtiger ist es aber doch, die gesunden zu besuchen. Während es bei den Jungen heißt: In schlechten Zeiten zeigt sich, wer dein wahrer Freund ist, muss man bei den Alten eben anders herum denken. 

Vorhin habe ich meine Oma (von der anderen Seite) angerufen; einfach so. Wir haben geplaudert, sie hat von ihrem Tag erzählt, ich von meinem. Es war schön. Es tut nicht weh, ist nicht aufwendig und schadet keinem. Ich möchte es von nun an als etwas besonderes sehen, noch so fitte Großeltern zu haben, als ein Geschenk; und will ihre guten Tage miterleben. Denn dann kann ich in den möglicherweise kommenden schlechten Zeiten an ihrer Seite stehen – weil ich es will und nicht weil ich es muss. 

30 Dinge

Soeben entdeckt im www: 30 Dinge, die ich vor meinem 30. Geburtstag erledigt haben soll. Es ist also aller höchste Zeit eine „drei-Jahre danach Bilanz“ zu ziehen. Lucky oder Looser sozusagen. 

1. Eine Rucksackreise! Eine Woche, einen Monat, ein Jahr – ganz egal!—Nun ja, ich war schon mal mit dem Fahrrad und ’ner Satteltasche auf großer Reise; das sollte reichen. 

2. Blutspenden gehen!—Nicht bisher. Schlimm? Ja, eigentlich schon. Irgendwie hat es sich nie ergeben. Letztlich war ich jahrelang schwanger oder stillend, was das Blutspenden ja ausschließt. Aber mein Tag wird kommen. Oder ich spende vorher Organe…

3. Lernen, wie man eine gute, selbst gemachte Sauce Hollandais macht.— Check!! Das kann ich. 
4. Eine Kreditkarte besitzen.—Nope. Brauch‘ ich nicht. 
5. Bei seinem Traumjob arbeiten. Zumindest solltest du wissen, was dein Traumjob ist und wie du dort hingelangen kannst!— Ich habe schon so oft gedacht meinen Traumjob gefunden zu haben. Inzwischen denke ich realistisch und suche allenfalls nach dem Job, der sich mit der Familie vereinbaren lässt und mich nicht zu sehr stresst. 

6. Einmal alleine vereisen. Du wirst schon sehen wieso!— Ich bin nie nie nie allein. Schon allein deswegen nicht, weil ich es nicht mag allein zu sein. Das absolute Maximum ist allein zur Uni zu fahren. Immerhin rauche ich nur deswegen so selten, weil mir selbst 7 Minuten allein vor der Tür mir selbst zu allein sind. 

7. Seinen eigenen Stil finden! Frag dich selbst: Was steht mir? Trage ich es nur, weil es gerade Trend ist? Was will ich besonders betonen?— Ich bin total der Stil. Ich habe nicht nur einen Stil, ich habe Dutzende. Mein Lieblingsstil ist der Schlafanzug. 

8. Eine Rede auf einer Hochzeit halten. —Check, und die Braut hat vor Rührung geweint.  

9. Teenie-Bilder sortieren, egal ob in einem Album oder in einer Schublade.— Jap, gar nicht so lange her. Es war ein großes Vergnügen. 

10. Sich über seine Rentenversicherung Gedanken machen.— Ups. 

11. Den Großeltern Löcher in den Bauch fragen! Über dich, deine Eltern, ihr Leben, ihre Ansichten…—Vor allem habe ich mich früher viel zu oft mit meinem Opa gestritten; wegen seiner Ansichten und jedem anderen Mist. Den wahren Wert seiner Lebenserfahrung habe ich viel zu spät erkannt.  

12. Lernen, sich auf die eigenen Instinkte zu verlassen!—Check. Ich mag die Dinger inzwischen und kann mich ziemlich gut auf sie verlassen.  

13. Freiwilligenarbeit leisten!—Check! Ich habe mich eine zu kurze, aber tolle Zeit in der aufsuchenden Arbeit auf den Platten unserer Stadt versucht. Bis ich schwanger wurde und mir das Unterfangen zu heikel wurde. 

14. Das Kinderzimmer für die Eltern “frei” geben. Auch wenn es irgendwie beruhigend ist, das alte Kinderzimmer im Originalzustand zu wissen, deine Eltern können sich vielleicht den lang ersehnten Hobbyraum daraus zaubern.— Frei geben; niedlich. Ich war noch nicht vom Hof, da war es schon in Gebrauch. 

15. Nach New York fliegen!— Ich würde so gern; aber wer zahlt das? 

16. Gesünder leben! Bis jetzt war Gemüse nur die lästige Beilage vom Braten? Probier mal andere Rezepte aus!—Wenn man meine Kinder fragt, lebe ich viel zu gesund. Und die müssen es wissen. Grad heute habe ich wieder versucht die armen Kreaturen mit Bohneneintopf zu vergiften. 

17. Eine teure Handtasche kaufen! Quasi als Investment Piece fürs ganze Leben.— Scheiss drauf. Von dem Geld flieg ich lieber nach New York

18. Eine Familientradition kreieren! — Haben wir. „Große-Kinder-Urlaub“, „Familiensommerfest“ und „Weihnachten“ erfunden. Ach nee, eins gab’s schon vorher. 

19. Einen Klassiker lesen. Wie wäre es mit “Hamlet”, “Das Parfum” oder doch “Buddenbrooks”? —Ich kann die ersten 10 Seiten von Goethes Faust auswendig. Reicht das? Ich war am Grab des Altherren und habe seinem Gingko gehuldigt.  Ich liebe klassische Literatur und habe viel gelesen. 

20. Geld spenden—Check

21. Gedanken darüber machen, was man sich vom Leben noch erwartet.— Mache ich viel zu oft. Vor allem Nachts wenn ich eigentlich schlafen sollte. Und dann mache ich mir Gedanken darüber, wie ich den nächsten Tag schaffen soll, wo ich doch so müde bin. 

22. Ein Instrument lernen!— Ich kann Blockflöte. Nix zum Angeben, aber ein Instrument. Früher wollte ich immer gern Kontrabass spielen. Heute hätte ich Lust auf Schlagzeug. Dann sähe ich aus wie Bela B. 

23. Die Problemzonen und Schokoladenseiten deines Bodys kennen- und liebenlernen!— So ein Quatsch. Worüber soll ich dann jaulen; lieber ernähre ich mich noch gesünder und sporte gewaltig durch. 

24. Ein Hobby suchen, das du ein Mal die Woche ausübst.— Gern. Auch gern öfters. Ich mag Hobbies; zumindest meine eigenen. 

25. Ein smartphonefreies Wochenende verbringen!—Nö. Hab ich ja früher oft genug gemacht. 

26. Ausmisten, aber so richtig!—Check. Ist noch gar nicht lange her. Wo sechs Menschen leben ist der Platz oft rar. 

27. Die Namen aller wichtigsten Politiker kennen! —Wer bestimmt denn wer wichtig ist? Ich … kenne Leo Tolstoi

28. Einmal so richtig viel Kohle bei einer coolen Partynacht mit deinen Mädels auf den Kopf hauen!— Lieber haute ich früher die Kohle fremder Männer auf den  Kopf, als mein sauer verdientes Geld auszugeben. Da bin ich viel zu geizig!! Heute gehe ich selten aus, und wenn dann reichen drei Bier. 

29. Entdecken, wie sehr ein Saunagang entspannt.— 1000 mal probiert, 1000 mal ist nichts passiert. Ist ok, nett. Aber nicht mehr. Außerdem sieht man da meinen Bauch. 

30. Geld anlegen! Die ferne Zukunft kommt ja doch irgendwann— Angelegt … Ausgegeben!! Zukunft muss warten. 

Nach Abschluss meiner Bilanz komme ich zu dem sicheren Schluss, dass der Mensch, der das alles beschlossen hat, nicht ‚ich mit 29‘ war. Komische Vorstellungen von dem, was wichtig ist. Und warum bitte bis 30? Bin ich denn etwa schon tot? 

Einzelkinder aller Länder vereinigt euch!

Jeden Morgen fahren wir auf dem Weg zum Kindergarten an einem grossen Altenheim vorbei. Seit Wochen haben wir jeden Morgen nur ein Thema: „Was machen denn die ganzen alten Leute da?“ „Wieso gucken die immer nur raus?“ und „Wieso werden die rumgeschoben und laufen nicht?“

Vielleicht habe ich mir ein bisschen zu wenig Mühe gegeben, objektiv zu erklären, wieso das denn alles so ist. Plötzlich versteift sich A-Hörnchen’s Miene. „Mama! Ich will nicht ins Altersheim wenn ich mal alt bin!“ „ Gar kein Problem“ entgegnete ich. „Du musst einfach auch Kinder haben, die dann später für dich sorgen können.“ So zumindest meine ideale Vorstellung. Irgendwann einmal im Kreise meiner Lieben in Ruhe und Würde altern zu können. Enkelkinder um mich zu haben, vielleicht sogar noch in der eigenen Wohnung… In meinem Kopf duselt das „Haus am See“ von Peter Fox und ich beginne die realistische Anzahl von Enkelkindern zu berechnen. „Wir können dann ja alle zusammen auf euch aufpassen.“ quäkt plötzlich B-Hörnchens Stimme von schräg vor mir.

Ja! Ja, ganz genau. Ihr seit dann vier. Das ist machbar. Das ist auch zumutbar. Das ist vielleicht sogar wirklich ganz schön. Ich werd´ja nicht dement oder so. Wir rücken dann einfach nur etwas zusammen, die Geschwister sind für einander da, und alle zusammen sind wir dann eine grosse, starke Familie. Herrlich…

Mama? Wer sorgt dann für Oma Helga und Opa Holger?“A-Hörnchen holt mich abrupt in die Realität zurück. Mein Mann ist Einzelkind. Wer soll schon Oma und Opa pflegen. Ich atme einmal tief ein, atme wieder aus. „Wir machen das natürlich, mein Schatz!“

Liebe Eltern! EIN Kind zu haben bedeutet zwar , nur ein Kind großziehen zu müssen, aber vor allem bedeutet es für das arme Kind Sie dann ganz allein pflegen zu müssen. Und plötzlich werden aus den Berechnungen der potentiellen Enkelkinder Berechnungen über potentielle Pflegefälle. Getrennte Eltern bedeuten schon zwei potentielle Pflegefronten; und meine Mutter hat sich sogar einen neuen, kinderlosen Freund gesucht.

Einzelkinder aller Länder, lasst euch das nicht bieten, ihr habt mehr verdient!