Werther Effekt 2.0

Der Werther Effekt betitelt ein menschliches Verhalten der Nachahmung, das sich auf die Figur des Werthers aus Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ bezieht. Das psychologische Phänomen „Werther Effekt“ meint die Tatsache, dass es nach einer schlimmen Tat die viel Beachtung bekommen hat, viele Nachahmer gibt. Bei Goethe tötet sich der Werther aus Liebeskummer. Nach der Veröffentlichung des Buches töteten sich viele junge Männer auf die selbe Art und Weise, der Ruhm und Erfolg des Werthers inspirierten sie und schien den Suizid lohnend zu machen. 

Es ist bekannt bekannt und Usus, über Suizide nicht medial zu berichten. Absolut Tabu ist es gar Details zu nennen und den Suizid womöglich zu heroisieren. Die Medien halten sich an dieses Gebot. Läuft aber ein Mensch Amok und tötet einer welche im Zug, berichten die Medien in epischer Breite. Das Resultat ist bekannt und zeigt sich aktuell jeden Tag. 

Liebe Medien, gebt diesen Ereignissen nicht die Aufmerksamkeit, die sie sich wünschen und die sie nicht verdient haben. Das Töten von Menschen darf sich nicht lohnen. Es gehört nicht medial breitgetreten und heroisiert. Es gehört ignoriert. 

Münchens Masse

München stand still, und mit ihm die ganze Welt. Denn die saß am Fernseher und am Internet und suchte fieberhaft nach drei Tätern mit Sturmhaube und Langwaffen. Ich für meinen Teil wohnte entsetzt dem unglaublichen Schaustück der Massenpsychologie bei und verstand nicht, warum dieses viele gefährliche Halbwissen auch noch breitgetreten werden muss. Denn alles was die vielen Reporter uns gestern Abend zwischen 18 Uhr und Mitternacht bieten konnen waren die wenigen, wiederaufgewärmten Zeugenaussagen und einige Videos. Im Grunde wusste man nichts und stützte alle Berichterstattung auf das, was Menschen in Panik berichteten. 

Menschen in Panik werden von Adrenalin überschüttet. Sie geraten in eine schlimme Situation, bekommen großen Stress und dann geht es los. Hormone überfluten das Gehirn und man bringt sich in Sicherheit. Menschen in Panik regieren wie ferngesteuert, nicht rational oder überlegt. Ihre Hirne schalten auf „Überleben!“. Haben sie es geschafft zu überleben, setzt automatisch der Massenprozess ein. Dank diesem werden alle Menschen, die in den Prozess verwickelt waren, zu einer Masse. In Minuten werden Informationen ausgetauscht, nach dem Prinzip des Stärkeren bildet sich ein Konsens der Masse. Dieser Prozess findet nicht etwa an einem Ort statt, er findet im Netz statt; die Masse sind nicht die 30 Menschen am Ausgang, sondern sie besteht aus all denen, die fleißig im Netz mit posten. 

Über die Qualität des Massenkonsens lässt sich wenig gutes sagen. Die Masse urteilte in Panik. Aufgrund der Kürze der Zeit und der Hormone, die das Hirn fast lahmlegen, ist das was die Polizei  eine Zeugenaussage nennt, nicht mehr als eine wilde Mischung panischer Vermutungen. Und so kam es gestern Abend zu „drei Tätern mit Langwaffen“, gegen die zwar alle Fakten sprachen, die aber von der Masse als real beschlossen wurden. Die Quintessenz aus dem Lehrstück: Traue nie der Masse, auch wenn sie es nicht böse meint. Sie versucht nur sich zu retten, was sie nicht versucht ist rational ein Problem zu lösen. Wenn auch man das Massenverhalten nicht aufhalten kann, wäre es ein Traum gewesen die Medien hätten die Professionalität aufgebracht einfach aktiv nichts zu wissen. Denn der Panik und dem allgemeinen Frieden hätte das weit mehr genutzt  als  diese irre Panikmache. 

Kleiner Buchtipp am Rande:

Gustave Le Bon; Psychologie der Massen