Tolstoi, Tolkien, Trotzki

Ich liege im Garten auf der Bank in der Sonne. Es ist friedlich, in meinem Kopf wäge ich die Vor- und Nachteile von Tolkien, Trotzki und Tolstoi gegeneinander ab, suche nach Parallelen und Unterschieden. Im Hintergrund piepen ein paar Vögel, meine Versen und Schulterblätter schlafen wegen der Harten Unterlage langsam ein. Es ist gut. Plötzlich dringt von ganz weit weg ein zarten Stimmchen in meinen Kopf: „Benjamin, du lieber Eleelefant..“ singt es während es sich kreisend um mich bewegt.

Tolkiens, Tolstoi, Trotzki, Elefant. Es wurde kompliziert. Eine Hälfte meines Gehirns schlief, die andere versuchte krampfhaft die zarten Elefanten zu integrieren. „Beeennjjaaaaamin, du liiiieeebbbeer Eeellleefant…“, die Stimme wurde lauter. Tolkiens Olifanten trampelten durch mein Unterbewusstsein. Stampf stampf. Tolstoi, Anarchie, Elefant. Ein Knoten im Kopf bahnte sich seinen Weg. Meine Hirnareale spielten Ping Pong mit dem Elefanten. Frontallappen; nicht zuständig! Mit Vernunft und Kontrolle hat das hier nichts zu tun. Der Elefant fliegt ins Limbische Sysem; nicht zuständig. Wenn dieser Elefant eine Emotion ist, kann ich sie nicht bewerten!

„BENJAMIN, DU LIEBER ELEFANT..!!“, brüllt es in meinem Kopf. Die Stimme ist ganz nah! Der Temporallappen springt an: Hier ist es!! Es ist ein Geräusch!! Der Elefant schwillt zur ganzen Herde an, endlich schaltet sich die Hirnrinde zu: Mein Gedächtnis erinnert mich daran, dass ich Kinder habe. Vorsichtig öffne ich ein Auge. Vor mir steht kein Elefant, auch Tolstoi, Trotzki und Tolkien sind nicht zu finden. Das D-Hörnchen steht singend neben mir. Er ist stolz, er kann jetzt das Lied von Benjamin Blümchen auswendig! Den Rest des Tages habe ich einen penetranten Ohrwurm. Und Elefanten im Kopf; und die Revolution.

Anarchie? 

Ich habe überlebt. Ein Nachmittag im Indoorspielplatz, demokratisch herbei geführt. Demokratisch entschieden von einer Familie, in der auf das Wohl des einzelnen geachtet wird. In einer heilen Welt. 

Als wir ankamen war der Parkplatz voll. Brechend voll, elend. Wir schafften es unser Schiff zu parken und dann ging es auf ins Vergnügen. Hunderte Menschen in einer alten Tennishalle. Spielgeräte, Fahrzeuge, tosende Gebläse um diverse Gummieattraktionen am Leben zu halten. Hunderte Menschen, die meisten unter sechs Jahre. „Eltern haften für ihre Kinder“ und „bitte nicht ohne Socken“, so das Regelwerk. Ich befand mich in einer gelebten Anarchie. Im Kletterturm Kinder mit Socken, ohne Hose aber mit überquellender Windel. Essensreste, Fäkalien und erbrochene Pommes zieren den Weg. Die Eltern blind. Überall Kolonnen von Dreirädern mit Anhängern und Bobby Cars, hohes Tempo ohne Rücksicht auf Verluste. Wer die Füße nicht rechtzeitig weg bekommt, bekommt blaue Zehen. Gratis. Erwachsene schlagen sich um Stühle, Sitzplätze und das beste Auto für das brüllende Balg. Anarchie? 

Keineswegs. Die Hölle muss es gewesen sein. Denn weder Leo Tolstoi noch Michail Bakunin hatten eine Gesellschaft vor Augen, in der es alle gegen alle herrscht, in der einen Schei** auf das Wohl des anderen gesetzt wird. Eine grausame Atosphäre, in die wir uns mit viel Mühe einen Nachmittag lang einfügen könnten. Einen anstrengenden Nachmittag lang, der uns irgendwie auch zum Arsch auf Zeit machte. Denn letztlich bewache auch ich das BobbyCar vom D-Hörnchen. Denn wenn alle ätzen, ist es am Ende nicht klug nett zu sein. Traurige Welt. 

Alle Macht den Volke…

… und alle Arbeit dem Mutti. 

So bat ich eben das C-Hörnchen darum, schon einmal die Gabeln auf den Tisch zu legen. Empört sah sie mich an und erklärte:“ Ich bin ein Pinguin. Ich bin viel zu langsam und habe keine Hände zum da was rein nehmen! Du musst das schon selber machen.“

Das ist sie dann wohl, die moderne Staatsform. Der Pöbel entscheidet und ich bilde Regierung, Proletariat und Judikative in einem. Hier sollte jeder Politiker mal ein Praktikum machen. Nie hatte ich geahnt, wie eng Marx, Engels, Rousseau und Mama zusammen liegen.