Sucht

Gestern schrieb ich über den „internationalen Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen“, heute möchte ich noch ein paar Sätze mehr über Sucht verlieren. In der Bevölkerung sind Junkies nach wie vor mit der allgemeinen Meinung konfrontiert, sie „würden es ja nicht anders wollen“. Diese Ansicht ist für mich einer der größten Fehler im Umgang mit Sucht. Das, was ein süchtiger Konsument auf sich nimmt, was er an Strapazen, Logistik und Erniedrigung erträgt um seine Sucht zu befriedigen, tut kein Mensch freiwillig. Sucht macht keinen Spaß, hat nichts mit exzessiver Party zu tun. Sie ist purer Schmerz, der ertragen wird um noch schlimmeren zu vermeiden.

Sucht, und hierbei ist es ganz egal, ob es stoffliche oder andere Süchte sind, findet im Suchtzentrum des Hirnes statt, dem Nuceus Accumbens. Hier entsteht das, was man im Volksmund die psychische Abhängigkeit nennt. Erst im zweiten Schritt kommt in einigen Fällen eine körperliche Abhängigkeit dazu. Man unterscheidet in primäre (psychische) und sekundäre (körperliche) Abhängigkeit. Nicht alle Suchtmittel machen sekundär abhängig, jedoch alle greifen auf der psychischen Ebene.

Primäre Abhängigkeit entsteht aus einem einfachen Mechanismus: Man tut etwas, zum Beispiel an einem Spielautomaten spielen, hat Erfolg, findet es gut und es ist geschehen. Nun sagt man immer gern: Ich hab das schon 1000x gemacht und bin ja nicht süchtig! Richtig, nicht jeder Erfolg und nicht jedes Suchtmittel führen in die Sucht. Es muss eine gewisse Vor-Gefährdung geben, einen Verstärker, der den Menschen dafür prädestiniert das Suchtmittel anzunehmen. Im Falle der Spielsucht heißt das, dass der Betroffene bestenfalls spielt, weil er zB. Geldsorgen hat. Er hat einen gewissen Druck. Ist er womöglich zudem noch sozial schlecht integriert und sucht Freundschaft und Anerkennung, sorgt der plötzlich Gewinn von Geld auf drei Ebenen für Abhilfe: Die Geldprobleme werden geringer, andere Menschen interessieren sich und er bekommt Anerkennung. Diese Erfolge schütten im Hirn Glückshormone aus, der Mensch gerät in einen Rausch, alles ist leicht. An dieser Stelle tritt der Nucleus Accumbens auf den Plan. Er merkt sich alles ganz genau, speichert jedes Detail von Leichtigkeit und Glück; vor allem aber merkt er sich den Weg dorthin!

Tritt nun ein ähnlicher Notstand auf, also zum Beispiel Geldnot und Einsamkeit, weiß der Accumbens die Lösung. Ja, er weiß noch ganz genau wie der Weg war und vor allem wie erlösend der Moment war, in dem alles gut wurde. Es sei noch einmal gesagt, ob stoffliches Suchtmittel, also Alkohol, Koks oder Zucker oder nicht-stoffliches wie zum Beispiel Spielen, Sport oder Sex, ist an dieser Stelle egal. Der Rausch wird im Hirn erzeugt, entweder aus eigenen Mitteln oder durch zugesetzte Stoffe. Der Wunsch und die Not, den Rausch und die damit verbundene Leichtigkeit immer wieder zu spüren macht die Sucht.

Erst im zweiten Schritt kommt in einigen Fällen die körperliche Abhängigkeit hinzu. Sie kommt immer dann zu Stande, wenn ein Suchtmittel die Prozesse im Körper beeinflusst und sich in den Stoffwechsel mit einbaut. In vielen Fällen beginnt der Körper, die eigene Produktion von Botenstoffen herunterzufahren. Bleiben die Stoffe dann aus, kommt es zu Entzugserscheinungen. Schüttelfrost, laufende Nase, Durchfall, Krämpfe; das sind meistens die ersten Vorboten des Entzugs. Treten diese auf, ist es wieder der Nucleus Accumbens, der weiß was zu tun ist: Nachlegen, Glück erzeugen.

Was hier ganz deutlich wird, ist das a) niemand vor Sucht geschützt ist; es sind immer innere und äußere Umstände, die Suchtmittel zu dem werden lassen, was sie sind und b) kein Süchtiger durch den puren Entzug des Suchtmittels geheilt werden kann. Therapie muss in mindesten drei Schritten stattfinden: Dem körperlichen Entzug, der psychischen Therapie und einer Adaption, einer Art Langzeittherapie mit Rückführung in ein geregeltes Leben. Für all das wird Zeit, Personal und Geld benötigt, all das fehlt fast überall. Statt dessen setzt man Süchtige aller Art unter Druck, drängt sie zurück in ihr altes Leben und damit immer wieder in ihre persönlichen Muster von Konsum und Kompensation. Menschen machen Dutzende Kurzzeittherapien um dann, nach wenigen Wochen, wieder in ihre alte Wohnung, die alte Umgebung und die alten Probleme zurückkehren – zum Glück weiß ja der Nucleus Accumbens jederzeit was zu tun ist.

La vida es un pero

Prinzipiell verstehe ich den menschlichen Organismus gut. Ich bin mit den Funktionen der Ein- und Ausgänge vertraut, durchblicke Energiezufuhr und Verwertung und kann recht zuverlässige Vorhersagen über so manchen Prozess machen. Ich weiß was unsere Organe können und was so passiert, wenn es nicht mehr klappt. Auch hirnanatomisch bin ich im Bilde. Ich weiß, warum ich bei der Arbeit rauche, zu Hause jedoch nicht. Ich weiß warum Schneeflocken, die zart auf meiner Jacke liegen bleiben, mich euphorisch hopsen lassen, und ich weiß wie Kaffee wirkt. Eine winzige Kleinigkeit bleibt mir jedoch ein Rätsel.

Wieso gibt es Migräne?

Unregelmäßig, manchmal alle zwei Wochen, manchmal drei Monate lang nicht, schleudert sie mich rücksichtslos zu Boden. Auslöser? Selbst nach jahrelanger Recherche unbekannt. Heute habe ich den Wind in Verdacht, vielleicht habe ich auch schief geschlafen, schlecht gegessen oder mich dem kosmischen Gleichgewicht entzogen. Selbst medizinisch ist dieses Schmerz wenig erforscht. Als Uraschen kommen zu enge oder zu weite Blutgefäße in Frage. Oder andere Sachen. Behandeln kann man mit verschiedensten Medikamenten; in der Regel wirken sie eh nicht. In 18 Jahren Migräne habe ich 100 Ärzte, 200 Medikamente und 500 Fachleute konsultiert, die auch schon mal Kopfschmerzen hatten. Helfen konnte keiner.

An Tagen wie heute lässt es einen verzweifeln. Wir Menschen verpflanzen Organe, klonen alles mögliche, reparieren Embryonen im Mutterleib und können Gemütszustände mit lustigsten Präperaten ändern. Wieso um alles in der Welt kann keiner was gegen dieses Aua machen. Das habe ich nicht verdient. Mitleid erwünscht, ich nehme auch Kekse.

Das Wunder des Körpers 

In der Straßenbahn erzählt mir das A-Hörnchen, dass der Sexualkunde-Unterricht jetzt in zwei Gruppen stattfände. Ich zeige mich interessiert und erkundige mich, was man denn so als Junge in Sexualkunde lernt. Ganz sicher war ich mir, dass die Antwort allenfalls ein: „Mama! Peinlich!“ sein würde, so wie bisher wenn dieses Thema aufkam. Etwas verwundert war ich hingegen, dass er es überhaupt angesprochen hatte. Und dann legte er los. 

Schwellkörper und deren Funktion, weshalb es wichtig sei, dass Penisse steif würden und wo genau die dann hingehörten. Ohne Scham und Gekicher erklärte er mir den gesamten Akt in akkuraten Fachbegriffen. Kein roter Kopf, kein Stammeln. Selbst Erektionen und Ejakulat konnten ihn nicht aus der Fassung bringen und so erklärte er mir weiter wie dann Eier zu Samen finden und Frauen zu Mamas werden. Selbst eine Abhandlung über Gifte in der Schwangerschaft inklusive Contagan bekam ich. 

Ich staunte nicht schlecht und fragte, ob das ganze gar nicht mehr peinlich und doof wäre. Da holte das A-Hörnchen tief Luft uns sagte im Brustton der Überzeugung: „Mama weißt du, ich finde den Körper und wie das alles funktioniert und so, so interessant! Da ist gar nichts peinlich, das ist ja alles so gedacht!“ Ich war baff! Ich meine, genau so sehe ich das auch. Körper und all ihre Funktionen sind toll und können gar nicht ausgiebig genug bestaunt und benutzt werden. Aus dem Munde meines kleinen Jungen jedoch war das neu und ungewohnt. Nun bin ich stolz; mein Sohn!!!

Anatomie 

Ich liebe den menschlichen Körper und all seine Funktionen. So ist es nicht verwunderlich, dass auch meine Hörnchen recht früh beginnen sich mit dem Wunder der Anatomie auseinanderzusetzen. So entstehen regelmäßig Gesprächskreise, in denen die Organe, ihre Funktionen oder die Knochen besprochen werden. Zuletzt hatte auch das D-Hörnchen ein Buch in der Hand, in dem der Körper erklärt wurde. Wie gebannt ließ der kleine Kerl sich erklären, wie das Essen seinen Weg durch den Körper nimmt und wie es wieder rauskommen. Er war begeistert. Auch die Tatsache, dass im Kopf eine Matsche ist, die denken kann, fand er ganz großartig! 

Heute dann hörte ich Rufe von Klo. Das D-Hörnchen saß dort und sinnierte:“ Mama, in welches Gehirn geht nochmal das Pipi?“ Ich war entzückt! Wie viel er schon verstanden hat! Und wievieles dann eben doch noch nicht. Süß! Später am Abend erfolgte dann noch einen Geschlechtsteil-Untersuchung mit C-Hörnchen. Die quetschte an ihrer Hühnerbrust herum und erklärte, dass da auch schon bald ein Busen wachsen würde. Ihr Bruder griff sich entschlossen an den Bauch und fügte hinzu:“ Wenn ich später ein Mädchen bin, wächst mit da sich ein Busen!“ 

Omas Gehirn

Meine Mutter hat vor einiger Zeit einen Hirnscan machen lassen müssen, und hat mir die Bilder mitgebracht. Quasi statt Blumen. Für Psychologiestudenten ein durchaus tolles Geschenk.

Als da dann vorhin eine DVD mit den Bildern auf dem Tisch lag, fragte B-Hörnchen was denn da drauf wäre. Ich antwortete:“Omas Gehirn.“ B-Hörnchen antwortete sachlich aber leicht geschockt:“Das ist nicht gut!“ Die Maus fand es sehr beruhigend, dass es nur Bilder VOM Hirn sind, und Oma ihr’s noch hat… Hihi

Später habe ich mir die Bilder dann zusammen mit dem A-Hörnchen angesehen. Der kommt ganz nach Mama und findet sowas auch hoch interessant. Ich habe ihn über Amygdala und Hippocampus aufgeklärt, habe ihm die Funktionen der verschiedenen Hirnlappen und des Stammhirns erklärt und und und. Ganz zum Schluss kam das Foto, das ihr hier sehen könnt. Ich hatte keinen Schimmer, was darauf zusehen ist. Also teilte ich dies meinem Sohn mit. Ich sagte ihm, dass es irgendwie zwei große Löcher wären, ich habe keinen Plan hätte, wo solche Löcher wären. Vielleicht in der Hüfte, oder so. Aber bei ’nem Hirnscan? Unlogisch.

A-Hörnchen lachte laut auf und prustete:“Mama! Das sind die Luftröhre und die Speiseröhre. Das ist der Hals.“ Jap. Stimmt. Asche auf mein Haupt…