Im Dunkeln

Schon als Kind hatte ich häufig Angst im Dunkeln. In meinem Bett gefangen, war ich nicht in der Lage die rettende Tür zu erreichen, da die Monster unter meinem Bett jederzeit bereit waren mich von hinten an zu springen oder mir die Beine hinterrücks weg zu reißen. Diese Angst hat mich etliche Nächte und viele viele Nerven gekostet. Genau genommen ist sie aber bis heute nicht ganz weg.

Nach den Geburten, wenn ich viel nachts die Kinder gestillt habe, habe ich regelmäßig geradezu panisch des nachts da gesessen, mich nicht getraut mich zu regen und habe abgewartet, da ich es vollkommen logisch fand, dass hinter der Gardine eben das Monster sitzt, dass Jahre zuvor noch unter meinem Hochbett gehaust hatte. Die Furcht vor dem unbekannten, der hinter der Fensterscheibe lauert, nur auf eine Regung wartet und darauf aus ist mir etwas fürchterliches an zu tun, ließ mich nächtelang panisch verharren und warten.

Auch heute ist von dieser Angst noch einiges vorhanden. Wenn ich mit den falschen Gedanken oder nach dem falschen Filmen ins Bett gehe, muss ich mich sehr anstrengen nicht panisch zu werden. Auch heute kann ich mir lebhaft vorstellen, dass hinter irgendeiner Ecke oder im Bettkasten jemand sitzt, der mich töten will. Sehr langsam, sehr grausam und sehr schmerzhaft! Tatsächlich habe ich es heutzutage wesentlich besser unter Kontrolle, jedoch gibt es nach wie vor Momente oder Situationen, in denen jede Kontrolle entgleitet und ich immer noch panisch werde. Besonders prädestiniert sind Situationen im Dunkeln und draußen. Da ich im Dunkeln recht schlecht gucken kann und ich fremden Menschen er mit einem Ur – Misstrauen entgegen trete, kann so einen Weg von irgendwo nach Hause für mich schnell zum Höllenritt werden. Auch hier gibt es gute und schlechte und ganz andere Tage, was genau die triggernden Faktoren sind, habe ich bis heute nicht ergründen können.

Evolutionär betrachtet, hat Dunkelheit zwei Komponenten. Zum einen bietet sie Schutz, weil man sich in ihr verstecken kann. Wenn einer in einer dunklen Ecke sitzt, kann er nicht aufgefunden werden, wer nich zu sehen ist, dem kann nichts geschehen. Die andere Seite der Medaille ist aber, dass man nicht sehen kann wer sich in der dunklen Ecke versteckt hat, wer einem auf lauert oder was einem geschehen könnte. Evolutionsforscher sagen, dass es einen Wendepunkt gegeben hat, als der Mensch die Bäume verließ und auf den unsicheren und überschaubaren Boden kam. In den Wipfeln der Bäume waren wir sicher. Es gab nicht allzu viel Richtungen, aus denen Feinde heranrücken konnten, die Dunkelheit bot und Schutz und Sicherheit. Auf dem Boden ist dies ganz anders. Vielleicht bin ich tief in mir ein Baumbewohner?!

Neurologen begründen die Angst erwachsene Menschen im Dunkeln damit, dass das Gehirn bei Dunkelheit auf hormoneller und Transmitter Ebene auf höhere Achtung und höre Aufmerksamkeit schaltet. Dies würde bedeuten, dass wir Nachts einfach besser wahrnehmen, besser deuten und besser funktionieren können. So rum betrachtet gestaltet sich die Sache noch unangenehmer. Bin ich nachts wirklich aufmerksamer, bedeutet dies dass ich die vielen potentiellen Gefahren einfach besser wahrnehme und sie womöglich wirklich alle da sind. Oder bin ich vielleicht einfach paranoid? Aufgrund unserer biologischen visuellen Disposition im Dunkeln, würde es dennoch viel Sinn machen wenigstens auf neuronaler Ebene die Sinne zu schärfen. Möglicherweise haben meine Sinne also recht; vielleicht lauern mir in der Dunkelheit eigenartige Gestalten – oder aber zumindest alkoholisierte Jugendliche auf, die es ungeheuer lustig fänden mich, vom Fahrrad zu treten. Wer weiß das schon…

Aus psychologischer Seite kann man die Sache analytisch Angehen und kommt schnell zu dem Schluss, dass der erwachsene Mensch, der sich im Dunkeln fürchtet, Angst davor hat die Kontrolle zu verlieren. Außerdem wird er von Verlustängsten und fehlendem Urvertrauen umgetrieben. Ob das der Fall ist? Ich möchte das im Leben nicht erörtern, viel lieber analysiere ich andere Menschen als einen ernsthaften Blick in mich selbst zu werden. Ich bin doch nicht verrückt!

Wie dem auch sei. Wichtig ist es, das Phänomen Angst, und hierbei ist es völlig egal Angst wovor jemand Angst hat, ernstzunehmen. Es ist weder dumm noch peinlich sich vor etwas zu fürchten, dumm ist es nur diesen Gefühl der Furcht nicht nachzugeben und sich womöglich selbst in Gefahr zu bringen. Denn wer panisch unterwegs ist, der bringt sich ganz ohne fremdes Zutun in Gefahr und hilft sich damit ganz bestimmt am aller wenigsten. Und erst in dem Moment, in dem eine Angst die eigene Lebensqualität einschränkt, gehört sie behandelt.

Von der braunen Kacke

Unterwegs mit dem A-Hörnchen; Fragestunde ohne Grenzen könnte man es auch nennen. „Was will eigentlich diese AFD so schlimmes?“, begann er dieses Mal und so klärte ich auf. Von Reichen die reicher werden, von Armen, die ärmer werden; von Menschen auf der Flucht und deren Tod, der billigend in Kauf genommen wird. Ich sprach vom klassischen Familienbild, von Frauen am Herd und von der Benachteiligung von Alleinerziehenden. Ich sprach und sprach, auch über die Umwelt und Ignoranz die Missachtung und den fehlenden Respekt dem Leben gegenüber.

„Aber warum wollen die das?“, fragte er weiter. Ich sprach über die Angst zu wenig zu bekommen, über Bedenken und Neid. Ich versuche darzustellen, wir Unsicherheit und Panik dazu führen, dass Menschen aufhören logisch zu denken, aufhören fair zu sein. Es ginge um Arbeitsplätze und teure Autos, um Wohnungen und all das. Ich erklärte die Zusammenhänge zwischen Staatseinnahmen und Ausgaben, die Von Steuer und Haushalt und irgehdwann waren wir bei den Goldreserven und Staatsverschuldung. Er hörte aufmerksam zu, nickte und schwieg.

„Und wenn es weniger gibt, die hier sind soll es für die wenigen leichter sein reich zu werden?“, fragte er nach einem langen Vortrag meinerseits und ich bestätigte ihm, dass dies die Ansichg der AFD sei. Er schlug sich an den Kopf: „Das ist so dumm! Viel besser wäre es das Geld von der Bundeswehr in Schule und sowas zu schieben. Dann werden alle schlauer und wer schlau ist, der kann wieder besser helfen, dass es allen gut geht.“

45 Minuten später kamen wir an. Mein Sohn ein bisschen schlauer und ich stolz und schwer verknallt. Und mal im Ernst, wenn ein elfjähriger das so einfach mal eben checkt… Man man man!

Eine Schande.

„Es gab keine Hetzjagt“, so behauptet zumindest Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und negiert auch den „Mob“ sowie die Progrome. Vorbei an den Berichten attackierter Journalisten, vorbei an Videomaterial und den Aussagen hunderter Menschen rief er noch dazu auf die Ereignisse nicht überzudramatisieren und kein falsches Urteil zu fällen.

Eine Schande wie ich finde. Die Ereignisse der vergangenen Tage waren, warscheinlich nicht nur für mich persönlich, ein Einschnitt. Die Intensität, in der Hass öffentlich gelebt wurde, hat unfassbar zugenommen. Die Instrumentalisierung eines Todesfalles und die bizarre Inszenierung der Rechten war erschreckend und beinahe entwaffnend dreist. Zu erleben, dass derartiges Verhalten von Polizei und Staat toleriert wird, war traurig und beängstigend zugleich. Zudem hat innerhalb weniger Tage eine Verschiebung der Werte stattgefunden; wer kein Nazi ist, ist Links. Die gesamte politische Mitte und damit das Selbstverständnis für ein menschliches Miteinander ist scheinbar aufgehoben, denn wer die einfachsten Grundrechte fordert, der ist ein Aktivist und damit potentiell gefährlich.

Neben der Verleumdung der Ereignisse und ihrer Auswirkungen, erschreckt mich auch die implizite Bezichtigung der Opfer, gelogen zu haben. Mensch die angegriffen wurden, Mensch die gejagt und schwer diskriminiert wurden, werden durch die Verleugnungen von Herrn Kretschmer der Lüge bezichtigt und schlicht nicht ernst genommen. Hass, Progrom und Gewalt sind deutliche Symptome einer kranken Gesellschaft und können von der Regierung gar nicht ernst genug genommen werden. Herr Kretschmer, da stimmt was nicht! In Sachsen, in Deutschland und in ihrer Wahrnehmung!

Amygdala und Chemnitz

Die Amygdala ist ein winziger Teil des Gehirns. Ihr Fachgebiet sind Emotionen und die emotionale Einfärbung von Erinnerungen. Sehen wir etwas durch die sprichwörtliche rosa-rote Brille, ist es die Amygdala, die zB. die Erinnerung „essen gehen“ mit positiven Emotionen verknüpft. Ebenso tut sie dies mit weniger erfreulichen Erinnerungen, so assoziieren die meisten Menschen leichten Stress mit dem Geräusch von Sirenen oder viele ein Gefühl von Angst wenn die zB. Spinnen sehen. Die Amygdala ist effizient, was sie macht, das macht sie gründlich und so bleiben uns ihre Einfärbungen in der Regel lange erhalten. „Das ist unser Lied“, sagen Verliebte jahrelang und denken rosa-rot an einen bestimmten Abend zurück. Ebenso bleiben Geräusche wie das eines Verkehrsunfalls ewig im Hirn und sind deutlich mit Hilflosigkeit, Angst oder Panik assoziiert.

Neben der Neu-Einfärbung gemachter Erlebnisse greift die Amygdala aber noch auf ganz andere Informationen zurück. Sie kann uns Weisheiten aus längst vergangenen Tagen als das Nonplusultra präsentieren. So ist die Amygdala durchaus der Meinung, dass Fremde Menschen gefährlich sind. Denn damals, in grauer Vorzeit, da war jeder der nicht dem eigenen Stamm angehörte, potentiell gefährlich. Auch diese Ur-Information tragen wir in uns und sie färbt unser Urteil. Nun haben wir zum Glück die Möglichkeit uns weiterzuentwickeln. Jede gemachte Erfahrung, die die Ur-Thesis wiederlegt, trägt dazu bei sie zu überwinden. Denkt man an dieser Stelle an die momentan allgegenwärtige Angst vor Fremden, wird ganz deutlich: Angst vom Fremden liegt in jedem von uns. Das einzige was hilft sich ein realistisches Bild zu verschaffen ist: Kontakt zu Fremden. Konfrontationstherapie! Zahlen belegen übrigens, dass die Angst bzw. auch der Hass an den Orten signifikant höher ist, an dene weniger sogenannte Fremde leben.

Und da sind wir beim letzten Punkt. Angst ist schlecht in Statistik! Denn neben der hervorragenden Funktion der Angst, uns zu warnen, ist sie auch gut darin uns auf falsche Fährte zu locken. Angstbehaftete Situationen, und da kommt wieder die Amygdala ins Spiel, werden aufgrund der hohen Emotionalität, viel besser sichtbar im Gehirn gespeichert. So haben viele Menschen in unseren Breitengraden große rote Leuchtschrift im Cortex die besagt, dass Spinnen gefährlich sind. Die nüchterne Info hingegen, dass sie es in Europa nicht sind, kommt nur bei den wenigsten an und kann sich kaum gegen die Leuchtreklame durchsetzen. Ebenso ist es leider nach wie vor in vielen Köpfen was das Leben mit Menschen angeht. Angst dominiert. Konfrontation ist die beste Therapie, möglichst emotional eingefärbt. Gemeinsames Leben, gemeinsames Erleben ist das was Hilft. Denn nur dadurch begreifen unsere dummen Hirne, dass Menschen einfach Menschen sind.

Es beginnt bei jedem von uns

In Berlin wurden zwei Obdachlose im Schlaf angezündet, in Dresden rufen hunderte „absaufen“ in lauten Chören auf einer Kundgebung der AFD, im Mittelmeer ertrinken täglich Menschen und ebenso täglich gehen wir in den Fußgängerzonen der Republik an Menschen in Not vorbei ohne sie auch nur wahrzunehmen. Der Mensch verroht, in den letzten Monaten in Höchstgeschwindigkeit. Hass wird immer salonfähiger; Äußerungen, die die Menschenwürde verletzen und zum Tod einzelner aufrufen, werden auf der großen Bühne getroffen und bejubelt. Auf die Frage wie sowas passieren kann, gibt es keine einfache Antwort. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Die mangelnde Empathie, die Abstumpfung und die Prägung durch die Umwelt des einzelnen.

Empathie ist die Fähigkeit des einzelnen, sich emotional in andere hineinzuversetzen. Als Basis hierfür braucht der Mensch Kenntnis über seine eigenen Emotionen. Diese erlangt er während seiner frühen Kindheit. Über gemachte Erfahrungen und eine Bindungsperson lernen Kinder zu unterscheiden, ob sie eher wütend sind oder eher traurig, ob sie sich freuen oder eigentlich aufgeregt sind, ob etwas Angst oder Ekel ist. Sie lernen ihre Emotionen zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Im nächsten Zug beginnen sie im Kindergartenalter, die Emotionen des anderen zu erkennen. „Er weint weil er Aua hat!“ ist eine bahnbrechende Erkenntnis, die darauf aufbauende, dass „pusten und trösten“ guttut, ist dann die Königsdisziplin. Menschen, die diese wichtigen Schritte nicht gelernt haben, sind auch im Erwachsenenalter nicht in der Lage abzuleiten, wie welche Handlungen beim Gegenüber ankommen. Hinzu kommt eine oftmals schlechte Regulation der eigenen Emotionen, was die Aggressionen noch anfeuert.

Natürlich zündet nicht jeder, der in seiner Kindheit zu wenig mit Emotionen zu tun hatte Obdachlose an! Der zweite Faktor ist eine Abstumpfung in Sachen Gewalt. Jede Gewalttat, in die ein Mensch verwickelt ist, macht die nächste wahrscheinlicher. Verbale Wortgefechte, Rangeleien, ein aggressiver Umgangston sind oft der Beginn. Bei vielem Menschen wird schon hier schnell klar, dass dieser Weg nicht gut sein kann, man steigt aus, das Hirn zieht eine klare Grenze. Tut es das aber nicht, weil in Sachen Empathie nicht viel passiert und weil ja die Gewalt bisher auch keine negativen Folgen hatte, macht der Mensch weiter und jede geglücktes Aktion legitimiert die nächste.

Allgemein ist es erschreckend, wie sehr unsere Gesellschaft in Sachen Gewalt schon abgestumpft ist. Denn die Absumpfung findet nicht nur beim einzelnen statt. Jeder einzelne von uns lernt jeden Tag Not, Elend und Gewalt nicht wahrzunehmen. Angst und Hilflosigkeit sind hier der Motor. Eine Schlägerei in der Öffentlichkeit; zu gefährlich. Diskriminierung in der Bahn; was soll man da sagen. Auch Menschen in Not werden nicht gesehen, sie laufen oftmals unter dem Radar – das ist sicherer und was soll man denn auch tun. Die Angst etwas falsch zu machen, in etwas verwickelt zu werden oder selbst in Not zu geraten ist zu groß, und so schalten wir ab, bleiben auf Abstand.

Die Angst spielt auch im letzten Punkt eine große Rolle. Panikmache durch Parteien oder Gruppierungen, Angst die in den Familien geschürt wird, erstellen ein Feindbild von allem was fremd und neu ist. Fehlende Empathie begünstigt die Erstellung des Feindbildes und schürt neue Ängste. Ängst führt zu dem Bedürfnis nach Schutz und kompensiert sich in Agression. Hier schließt sich der Kreis. Alle die, die irgendwie fremd oder eben nicht in der persönlichen Norm sind, sind falsch und potentiell gefährlich. Wer gefährlich ist muss – und das ist neu – darf offen bekämpft werden. Und da dagegen auch kaum einer was sagt, muss es ok sein.

Was tun? Zunächst muss jeder bei sich selbst genau hinsehen. Wie nehme ich die Welt wahr, wie offen bin ich? Im zweiten Schritt kann man beobachten, wie man in komplexeren, potentiell überfordernden Situationen reagiert, wovor man Angst hat, um dann zu überprüfen, wie berechtigt diese sind. Aufmerksamkeit ist der Schlüssel, geht mit offenen Augen durch’s Leben und mischt euch sein. Jeder Eklat der verhindert wurde, jede Form von Gewalt, die unterbunden wurde, hemmt eine weitere. Die Spiale kann umgedreht werden, von jedem von uns.

Bamf II

Gestern nahm ich Stellung zu dem soganennten Skandal um das Bamf, das angeblich unerlaubt Asylbewerbern gestattet hat hier in Deutschland zu bleiben. Heute möchte ich etwas genauer hinsehen. Eine Leserin bat mich die Rolle der unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge zu betrachten.

Exemplarisch für die tausenden von jungen Menschen, halben Kindern und Teenagern, die in den Jahren hier angelandet sind, stellen wir uns also einen 16 jährigen Teenie in Syrien vor. Mutter tot, Vater verfolgt. Würde dieser Junge in Deutschland leben, deutscher Staatsbürger sein, würde er bereits an dieser Stelle als schwer traumatisierte gelten. Er bekäme alle Hilfen dieser Erde um den Verlust der Mutter zu verkraften, die Familie bekäme Schutz. Unser Teenie ist aber nicht in Deutschland. Er lebt in Syrien, er bekommt nichts; nur Angst.

Der verfolgte Vater beschließt mit dem Jungen zu fliehen. Sie lassen alles zurück, Haus, Freunde, Familie, den Ort an dem man immer gelebt hat. Sie machen sich auf eine lange, beschwerliche und lebensgefährliche Reise. Würde die Familie in Deutschland leben, waren an dieser Stelle alle Behörden alarmiert. In Syrien ist die Flucht jedoch der bessere, der sicherere Ausweg. Für einen Teenie ist es ein schweres Trauma alles zurück zulassen, inklusive der Erde, auf der die Mutter starb.

Auf der Monatelangen Flucht wird das Geld knapp. Schlafen im Freien, Kälte und Hunger machen jeden Tag zu einer Qual. Der Vater des Jungen wird schwächer. Er schafft es nicht. Als Vollwaise schlägt er sich allein durch, hilflos, allein gelassen und voller Angst. An was soll man sich halten, wenn alles was man erfährt Schmerz, Elend und Angst ist. Da es für den Rückweg allein zu spät ist, zieht der Junge weiter. Immer mit der Masse, nach Europa. Nach Monaten erreicht er ein Auffanglager in Deutschland.

Endlich angekommen und auf Hilfe hoffend, ausgezehrt udn schwer traumatisierte von den vergangenen Monaten wird nun geprüft. Ob er wirklich 16 wäre, ob er wirklich allein sei. Anstatt sorgsam mit den seelischen Wunden des Teenies umzugehen, zwingt man ihn immer und immer wieder seine Identität zu beweisen, seine Geschichte zu erzählen. Für einen traumatischen Menschen ist dies eine Qual. Während das Gehirn versucht die Ereignisse zu vergraben, sie unzugänglich macht, zwingt das Außen zum Graben. Helfen würde hier eine gute, sensible, langjährige Therapie – sicher aber keine Befragungen.

Nach weiteren Monaten des Wartens im Lager bekommt der Junge eine Aufenthaltserlaubnis. Er darf bleiben. In der letzten Zeit hatte er zaghaft erste Schritte in sein neues Leben gemacht. Eine Schule besucht, die neue Sprache erlernt und endlich Kontakt zu netten Menschen hergestellt. Sogar seine schweren Verluste durfte er endlich vorsichtig bearbeiten, es ging voran.

Seit einigen Wochen nun ist es wieder aus mit der Ruhe. Der Skandal um die Asylverfahren lässt alles wieder aufkochen. Aus wohlwollenden Mitmenschen werden plötzlich Zweifler. Jeder, Asyl bekommen hat, muss sich nun rechtfertigen. Ist das alles rechtes? Haben die dich vielleicht auch einfach nur durchgewunken? Ging es dir denn wirklich so schlecht? Und an dieser Stelle ist es nicht das Bamf, dass die Wellen hochschlagen lässt, es sind die von den Medien aufgepeitschten Bürger, die wieder zweifeln, wieder skeptisch sind.

Liebe Leute, wer alles zurück lässt, sich Monate lang auf eine furchtbare Flucht begiebt, wer friert und hungert, in kauf nimmt, dass Familienangehörige sterben, der tut dies weil die Situation im eigenen Land es verlangt. Jeder, der diesen Scheiss auf sich nimmt, sucht Hilfe, weil er Hilfe braucht. Oder was müsste alles passieren, damit DU noch heute mit einem Rucksack, deinem Pass und deinen Kindern losziehst; nach Finnland.

Traue niemandem!

„Herzlich Willkommen im Faschismus des 21. Jahrhunderts“, so oder so ähnlich scheint der Soundtrack unserer Zeit zu klingen. Beinahe täglich schmettern grausame Tatsachen durch die Timeline, gnadenlos und brutal. Polizeigesetz geSödert, der Bäckerskandal vom Lindner um nur die dicksten Fliegen meiner letzten Tage zu nennen. Jeden Tag eine neue Hiobsbotschaft, nationale und internationale Katastrophen reihen sich fein aufgefädelt aneinander um dann, am Abend eines jeden Tages, fast unbemerkt wieder in der Versenkung zu verschwinden, runter gescrollt. Nur weniges hält sich länger als ein paar Tage.

Was dem menschlichen Geist nach so einem Tag bleibt ist eine Art emotionaler Nachgeschmack. Die sachbezogenen Inhalte sind weg, die emotionalen bleiben. Und die verkaufen sich wie warme Semmeln: Menschen sind böse, fast alle. Manche sogar sehr böse! Man hat stets Grund zu großer Angst, vertraue niemandem. Missachte das Fremde, verurteilt das Unbekannte. Setze dich nicht unvorsichtig mit dem Gedankengut des anderen auseinander; viel zu gefährlich. Menschen sind gefährlich, eigentlich fast alle, am meisten die, die du nicht kennst. Jeder kann der nächste Killer sein, eigentlich bist du fast tot. Traue keinem, traue nur deiner Angst. Deine Angst ist sicher, ist die Konstante in deinem Leben. Pflege deine Angst, lecke deine Wunden.

Menschen zu manipulieren ist so leicht. Dankbare Opfer, die sich nach einer einleuchtenden Lösung sehnen. Wenn man ihnen halt sagt, dass alle böse sind – dann sind alle böse. Guter Trick, denkt man da. Und so unfair und so dumm zugleich. Menschen sind nicht böse. Der Mensch ist ein hochsoziales Wesen, dass sich nach anderen seiner Art sehnt. Von Urzeit an lebte der Mensch in Gruppen, profitierte von einander und teilte seine Güter. Die Gruppe, unverdorben und frei von faschistischer Propaganda, ist in der Lage die Kleinen im Verband zu erziehen und die Schwachen zu tragen. Der Mensch ist ein Wesen das akzeptiert, neugierig ist und die Welt erfahren will. Unsere Vorfahren überlebten dank einer Mischung aus Vorsicht, sozialen Dasein und Neugier.

Boshaftigkeit, Skepsis und Hass machen einsam und verbittert. Sich im eigenen Saft zu wenden und keine neuen Einflüsse zuzulassen, ja sie zu verteufeln, führt zu gar nichts – außer zu verbitterten, ängstlichen Menschen, die nichts mehr erschaffen können außer Angst, Hass und Verbitterung. Und die sind dann das, was als kulturelles Erbe an die nächsten weitergegeben wird. Ein Lebensgefühl als Weisheit: Traue niemandem, du bist allein!

Mehr Demokratie

Das Land schreit nach mehr Demokratie und die Rechte schreit mit. Das Volk soll bestimmen, und das am besten direkt. Die Definition von Demokratie lautet „Regierungsform,bei der eine gewählte Volksvertretung die politische Macht ausübt.“ Doch ist dies wirklich das, was die Rechtspopulisten überall auf der Welt so gewinnbringend verkaufen? Ich denke nicht.

Demokratie ist Deutschland hat eine gewisse traditionelle Last zu tragen. Zwar sind in den letzten 70 Jahren viele Wahlen durchgeführt worden und einige Parlamentarier haben gewählt, so richtig demokratisch mitbestimmt haben die Menschen jedoch wenig. Nachdem die schlimmsten Kriegsschäden beseitigt und die größte Not bezwungen waren, ging es den Menschen im Land rasch recht gut. Es gab eine stabile Mittelschicht, man hatte Arbeit, eine schöne Wohnung und für ein mal im Jahr in den Urlaub. Die Politik baute dieses System aus, langsam und statig und der Bürger war zufrieden. Die Kluft zwischen Arm und Reich war vorhanden aber nicht relevant. Man lebte gut.

Der Ruf nach Mitbestimmung kam in den späten 60ern zum ersten Mal auf. Studenenproteste, Anti-Atombewegung und schließlich der so benannte Linke Terror der RAF. Durch wachsende Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung wurde eine Niesche geschaffen. Die Linke nahm diese für sich in Anspruch, machte sich bemerkbar und bündelte die Unzufriedenen. Auch Ende der 80er entstand eine solche Niesche. „Die Mauer muss weg“, und so sollte es geschehen. Wieder war es die Unzufriedenheit, die die Menschen mobilisierte.

Heute ist die Schere zwischen Arm und Reich erschreckend weit auf. Ein großer Teil der Bevölkerung ist unzufrieden, viele fühlen sich existenziell bedroht. Die Politik schafft es schon lange nicht mehr, alle zufrieden zu stellen. Eine Niesche tat sich auf, eine große. Und auch dieses Mal werden die Unzutriedenen aufgefangen und gebündelt. Der Unterschied ist, dass es dieses Mal eben die Rechten sind, die den Menschen eine vermeintliche Richtung, eben eine Lösung aufzeigen. Und so lange, wie Mitte und Links keine bessere, lautere, attraktivere oder einfacherer Lösung haben, werden die Massen folgen. Rechtsradikalismus lasst sich nicht mit gutem Zurden, mit netten Worten bekämpfen. Die Alternative, und zwar nicht blau-rote, muss laut, kräftig und überzeugend sein. Eine wohl-formierte Linke, die Vertrauen schenken und Sicherheit bieten kann, die brauchen ängstliche und verunsicherte Menschen. Keine rot-blauen Hampelmänner, die selbst kaum wissen was sie wollen und leider einfach zum richtigen Zeitpunkt „Hier“ geschrien haben.

Feige und dumm

Zum wiederholten Male wurde die Fatih-Moscheen in Bremen mit Islamfeindlichem Mist beschmiert. Parolen, die den Ausdruck Parole kaum verdient haben, wurden da feige, bei Nacht und Nebel an die Fassade geschmiert und hinterlassen Angst und Unbehagen. Gratis dazu gibt es einen Einblick in die schier endlose Dummheit des Menschen. Was, wozu und wogegen soll es gut sein, Menschen zu bedrohen.

Religionen erfüllen für mich, als nicht religiösen Menschen, alle den selben Zweck. Sie erschaffen eine Gemeinschaft, stellen Regeln des Zusammenlebens auf, bieten Halt, Sicherheit und Orientierung. Daran ist nichts auszusetzen, mit Sicherheit ist es sogar für viele Menschen eine gute Lösung. Ich persönlich brauche keine Religion, respektiere die der anderen und bitte darum, nicht missioniert zu werden. Tatsächlich bin ich mir recht sicher, dass das Parolen-sprühende Volk mir soweit sogar zustimmen würde. Das worum es doch geht, was sie aber nicht begreifen, ist die Radikalisierung, das „über das Ziel hinaus“. Das macht Angst, verfolgt kein unterstützbares Ziel, will einschränken oder bedrohen. Mit Islam, Christen- und Judentum hat dies jedoch nichts zu tun.

Extreme gibt es in jeder Bewegung – und fast immer ist es mir zu doll. Die Grundfesten der RAF konnte ich gut tragen, dann wurde es zu viel. Ich stehe auf gesunde Ernährung und peacige Tierhaltung – Vorträge über militanten Veganismus möchte ich trotzdem nicht hören. Trotzdem, oder gerade deswegen, versuche ich Fremdem und Neuem gegenüber stets offen zu sein. Die Dinge auf dieser Welt, die ich mir rational und ohne Furcht angesehen habe, die kann ich bewerten. Und wenn man sich so eine Moschee und die damit verbundene Gemeinde einfach mal ansieht, mit dem Menschen spricht und einen guten Tee geniest, dann kann man fast nur feststellen, dass es am Ende eben egal ist ob diese Menschen Moslems, Christen, Juden oder Holländer oder Dänen sind. Mensch bleibt Mensch und wer dummes Zeug auf Häuser sprüht, der ist nunmal extrem dumm.