Selektive Wahrnehmung

D-Hörnchen sieht alles. Jede Eichel, jeden Stein, jedes noch so kleine Fizzelchen Plastik. Beim Radfahren macht er die unglaublichsten Vollbremsungen aus voller Fahrt, weil er irgehdwo in einer Hecke das schönste Stöckchen der Welt gesehen hat. Die tote Amsel auf dem Weg, an der sich die Fliege labten und in deren aufgeplatztem Bauch tausende Maden kreischten, übersah er. Ein Segen!

Man wirft dem Menschen gern vor er wurde das Elend um sich herum absichtlich oder aus Boshaftigkeit übersehen. Und ja, auch ich habe schon unterstellt andere würden wegsehen, Gewalttaten oder medizinische Notfälle aus Angst ignorieren, doch gibt es eine Komponente im menschlichen Gehirn, die macht, dass wir genau das tun. Wir gehen weiter. Das liegt daran, dass unser Gehirn Begebenheiten, Situationen oder einzelne Bilder, die es als traumatisch einstuft, quasi ausfiltert. Während gewöhnliche Information erfasst, bewertet und dann abgespeichert wird, wird dieses traumatische Material nach der Bewertung weggelegt, es kommt nie auf der Bewusstseinsebene an. Menschen, die schwere Traumata erlitten haben, weisen duch diesen Mechanismus zum Teil große Amnesien auf – und gelegentlich blendet jeder von uns aus. Was zu viel ist, ist zu viel.

Das erstaunliche an dieser Funktion ist, dass sie sich ständig modifiziert und weiterentwickelt. Hat ein Mensch zum Beispiel als Kind Gewalt erlitten, reagiert der Filter hochsensibel auf derartiges Material. Entscheidet der selbe Mensch jedoch bewusst, sich mit dem Thema „Gewalt in der Kindheit“ auseinanderzusetzen, wird der Filter immer toleranter und das zumutbare Material somit wahrscheinlicher. Wie so oft im Leben kommt es auf die bewusste Entscheidung an und darauf, sich mit Problematiken auseinanderzusetzen. Natürlich ist es das gutes Recht eines jeden, seine Traumata zu hüten und die eigene Psyche nicht in Gefahr zu bringen. Trotzdem kann es ein Ansatz sein mit wachen Augen durch’s Leben zu gehen und den nächsten Notfall vielleicht zu erkennen; auch wenn er einen überfordert. Denn 112 rufen kann jawohl jeder.

Es beginnt bei jedem von uns

In Berlin wurden zwei Obdachlose im Schlaf angezündet, in Dresden rufen hunderte „absaufen“ in lauten Chören auf einer Kundgebung der AFD, im Mittelmeer ertrinken täglich Menschen und ebenso täglich gehen wir in den Fußgängerzonen der Republik an Menschen in Not vorbei ohne sie auch nur wahrzunehmen. Der Mensch verroht, in den letzten Monaten in Höchstgeschwindigkeit. Hass wird immer salonfähiger; Äußerungen, die die Menschenwürde verletzen und zum Tod einzelner aufrufen, werden auf der großen Bühne getroffen und bejubelt. Auf die Frage wie sowas passieren kann, gibt es keine einfache Antwort. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Die mangelnde Empathie, die Abstumpfung und die Prägung durch die Umwelt des einzelnen.

Empathie ist die Fähigkeit des einzelnen, sich emotional in andere hineinzuversetzen. Als Basis hierfür braucht der Mensch Kenntnis über seine eigenen Emotionen. Diese erlangt er während seiner frühen Kindheit. Über gemachte Erfahrungen und eine Bindungsperson lernen Kinder zu unterscheiden, ob sie eher wütend sind oder eher traurig, ob sie sich freuen oder eigentlich aufgeregt sind, ob etwas Angst oder Ekel ist. Sie lernen ihre Emotionen zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Im nächsten Zug beginnen sie im Kindergartenalter, die Emotionen des anderen zu erkennen. „Er weint weil er Aua hat!“ ist eine bahnbrechende Erkenntnis, die darauf aufbauende, dass „pusten und trösten“ guttut, ist dann die Königsdisziplin. Menschen, die diese wichtigen Schritte nicht gelernt haben, sind auch im Erwachsenenalter nicht in der Lage abzuleiten, wie welche Handlungen beim Gegenüber ankommen. Hinzu kommt eine oftmals schlechte Regulation der eigenen Emotionen, was die Aggressionen noch anfeuert.

Natürlich zündet nicht jeder, der in seiner Kindheit zu wenig mit Emotionen zu tun hatte Obdachlose an! Der zweite Faktor ist eine Abstumpfung in Sachen Gewalt. Jede Gewalttat, in die ein Mensch verwickelt ist, macht die nächste wahrscheinlicher. Verbale Wortgefechte, Rangeleien, ein aggressiver Umgangston sind oft der Beginn. Bei vielem Menschen wird schon hier schnell klar, dass dieser Weg nicht gut sein kann, man steigt aus, das Hirn zieht eine klare Grenze. Tut es das aber nicht, weil in Sachen Empathie nicht viel passiert und weil ja die Gewalt bisher auch keine negativen Folgen hatte, macht der Mensch weiter und jede geglücktes Aktion legitimiert die nächste.

Allgemein ist es erschreckend, wie sehr unsere Gesellschaft in Sachen Gewalt schon abgestumpft ist. Denn die Absumpfung findet nicht nur beim einzelnen statt. Jeder einzelne von uns lernt jeden Tag Not, Elend und Gewalt nicht wahrzunehmen. Angst und Hilflosigkeit sind hier der Motor. Eine Schlägerei in der Öffentlichkeit; zu gefährlich. Diskriminierung in der Bahn; was soll man da sagen. Auch Menschen in Not werden nicht gesehen, sie laufen oftmals unter dem Radar – das ist sicherer und was soll man denn auch tun. Die Angst etwas falsch zu machen, in etwas verwickelt zu werden oder selbst in Not zu geraten ist zu groß, und so schalten wir ab, bleiben auf Abstand.

Die Angst spielt auch im letzten Punkt eine große Rolle. Panikmache durch Parteien oder Gruppierungen, Angst die in den Familien geschürt wird, erstellen ein Feindbild von allem was fremd und neu ist. Fehlende Empathie begünstigt die Erstellung des Feindbildes und schürt neue Ängste. Ängst führt zu dem Bedürfnis nach Schutz und kompensiert sich in Agression. Hier schließt sich der Kreis. Alle die, die irgendwie fremd oder eben nicht in der persönlichen Norm sind, sind falsch und potentiell gefährlich. Wer gefährlich ist muss – und das ist neu – darf offen bekämpft werden. Und da dagegen auch kaum einer was sagt, muss es ok sein.

Was tun? Zunächst muss jeder bei sich selbst genau hinsehen. Wie nehme ich die Welt wahr, wie offen bin ich? Im zweiten Schritt kann man beobachten, wie man in komplexeren, potentiell überfordernden Situationen reagiert, wovor man Angst hat, um dann zu überprüfen, wie berechtigt diese sind. Aufmerksamkeit ist der Schlüssel, geht mit offenen Augen durch’s Leben und mischt euch sein. Jeder Eklat der verhindert wurde, jede Form von Gewalt, die unterbunden wurde, hemmt eine weitere. Die Spiale kann umgedreht werden, von jedem von uns.

Nicht leicht ablenkbar

Mein C-Hörnchen ist nicht unbedingt mit Aufmerksamkeit gesegnet. Soll sie sich anziehen, erzählt sie fleißig, ist es Zeit zum Zähneputzen, tanzt sie und wenn tanzen oder erzählen an der Reihe sind, macht sie eben was ganz anderes. Oftmals ist es ein echtes Stück Arbeit sie bei der Stange zu halten. „Konzentriere dich bitte!“ und „jetzt bitte nichts anderes!“ gehören, besonders wenn es schnell gehen muss, zum Standardrepertoire. Mich nervt das selber oft, dieses ständige Einschränken, zerren und hetzen. Nur, fast ebenso oft fällt mir auch nichts klügeres ein.

Eben war C-Hörnchen dabei ihren Mini-Legobausatz aus dem Adventskalender zu basteln. Sie schniefte stark und ich wollte, dass sie eben schnell ihre Nase putzt. Sie reagierte nicht. Einmal, zweimal, dreimal bat ich sie zu kommen. Nichts, nur schniefen. Nach der dritten Aufforderung dann drehte sie sich um und sagte:“ Ich mach das hier zu Ende, mich kann man nämlich nicht leicht ablenken!“

Wie klug sie ist! Ablenken lassen, keine Aufmerksamkeit haben; das sind doch alles Behauptungen aus meinem Blickwinkel. C-Hörnchen hingegen hat einen ganz anderen. Sie hat viel Aufmerksamkeit für alles wichtige. Außerdem kann sie hervorragend den Fokus halten – auf allem was ihr wichtig ist. Ein vorbei fliegendes Flugzeug und ein Licht im Haus genau gegenüber! Ein singender Vogel und ein parkendes Auto. Ein Regentropfen, der ganz langsam die Scheibe runter läuft und eine Wolke, die aussieht wie ein Drache. Für all diese Herrlichkeiten hat mein Kind einen Blick und viel Aufmerksamkeit. Oftmals leidet unter diesen Prioritäten all das, was ich für wichtig halte. Aber mit fehlender Aufmerksamkeit und hoher Ablenkbarkeit hat das rein gar nichts zu tun! C-Hörnchen setzt kluge Prioritäten – eben besser als ich.