Augen auf!

Heute morgen um fünf wachte ich auf. Mein erster gequälter Gedanke war: Schüttelfrost! Mein ganzer Körper bebte, ich hatte Mühe meine Gliedmaßen zu kartographieren. “ Alle da, wenig Kontrolle“ war das Ergebnis nach wenigen Sekunden. Ich schleppte mich zum Klo, kam dort mehr schlecht als recht an. Das Klo ist nicht weit vom Schlafzimmer entfernt, jedoch ist es festerlos und innenliegend. Zwischen dem Schlafzimmer mit geöffnetem Fester und dem kleinen Abort lag ein Temperaturunterschied von gut 10 Grad. So bemerkte ich erst hier, dass mir sehr kalt war. Ich bibberte vor Kälte, so stark wie noch nie zuvor. Zurück im Bett deckte ich mich zu und brauchte ungefähr 12 Stunden um wieder warm zu werden. Ich musste meine Decke im Schlaf weggeschoben haben und dank der letzten REM-Phase lag ich bewegungslos und ausgeliefert da.

Kälte im Schlaf ist teuflisch. Zu Beginn ist sie deutlich unangenehm, Füße und Hände werden kalt, schmerzen heftig. Das liegt daran, dass der Körper die Peripherie nicht mehr versorgt wenn es zu kalt wird. Ab einer Körper-Kerntemperatur von etwa 35 Grad beginnt der Körper dann, ähnlich wie beim Schütelfrost, alle Muskeln zu kontraktieren um Wärme zu produzieren. Außerdem beginnt er Fett zur Wärmegewinnung zu verbrennen. Erst bei einer Kerntemperatur von 32 Grad hört das Zittern allmählich auf. Der Körper schaltet auf Ruhe. Von nun an werden nur noch Gehirn, Herz und Lunge versorgt. Der Herzschlag geht massiv zurück, bis auf 2 Schläge/ Minute. Das Denken wird zäh und wirr, Bewegungen sind fast unmöglich. Erst bei 29,5 Grad wird das Großhirn allmählich heruntergefahren – der Mensch stirbt.

Wohlgenährte m, nüchterne Menschen in Häusern erfrieren nicht. Und auch wenn es hoch unangenehm ist, durchgefroren aus wirren Träumen wachzuwerden, war ich zu keiner Sekunde in Gefahr. Mein Körper wusste was zu tun ist, er hat mir Bescheid gegeben. Jedoch sollten wir, gerade jetzt, immer bedenken, dass es in jeder Stadt Menschen gibt, die kein Zuhause haben. Obdachlose sind im Winter hoch-gefährdet. Schlechte körperliche Verfassung, Alkohol- und Drogenkonsum intensivieren die Ohnehin große Gefahr nachts zu erfrieren.

Bitte, wenn ihr einen Menschen in der Kälte seht, der möglicherweise gefährdet ist, sprecht ihn an! Vergewissert euch, dass der Mensch sich selbst helfen kann und versorgt ist. Bei der kleinsten Unsicherheit oder wenn ihr euch nicht traut (was total ok ist!!) ruft 112 und sorgt dafür, dass dem Menschen geholfen wird. Ohne gute Ausrüstung, das heißt Schlafsäcke, Iso-Matten, Winterkleidung und guter körperlicher Verfassung ist das Übernachten im Freien im Winter kaum zu schaffen. Alkohol und Drogen führen außerdem dazu, dass das körpereigene Alarmsystem wenig zuverlässig agiert. Jedes Jahr sterben, auch in Deutschland, Menschne durch Erfrieren. Also bitte, Augen auf!

Nachts um halb zwei

Letzte Nacht um halb zwei stieg ich in eine Straßenbahn. Als erfahrene Ausgeherin kann mich nachts wenig schocken. Streit, kotzen, prügeln; alles schon gesehen. Letzte Nacht erwischte es mich dennoch kalt. Ich stieg ein, setzte mich hin und mein Hirn brauchte einige Sekunden um zu begreifen was es sieht. Mir gegenüber saß eine Familie; Papa, Mama und ein etwa 6-7 jährigen Kind. Ich konnte nicht wegsehen. Die ganze Fahrt über suchte ich nach einer Antwort auf die Frage, wieso ein so kleines Kind um diese Zeit in der Bahn sitzt. Es zerbrach mir das Herz wie die kleine immer wieder hilflos mit dem Kopf an der Scheibe einschlief und des aufgrund des feierndes Volkes um sie herum dennoch nicht schaffte.

Von außen zu beurteilen, ob Eltern gut oder schlecht handeln ist fast unmöglich. Jedes noch so irrwitzige Verhalen kann einen Grund haben, jeder Ausrutscher eine Vorgeschichte haben. Und doch bleibt der ewige Zwiespalt zwischen Einmischen und Nicht-einmischen. Auch bei mir hat schon eine Nachbarin geklingelt weil das damals 5-jährige A-Hörnchen nicht aufhörte zu brüllen – er sollte Socken allein ausziehen. In dem Moment starb ich vor Scham, passiert ist halt nix. Hätte ich aber wirklich mein Kind misshandelt, hätte es dieser Moment sein können, der mir wenigstens zeigt: Du wirst gesehen und gehört!

Ich werde nie dahinter kommen, ob die Kleine von letzter Nacht vielleicht eine schwere Krankheit hat und kein Sonnenlicht verträgt. Vielleicht war die Familie auch so eben ausgebrannt und nun mit der Bahn auf dem Weg zu den Großeltern. Vielleicht. Höchstwahrscheinlich aber waren es einfach scheiss Eltern, die einen Scheissdreck darauf gegeben haben, wie ihre Tochter sich nachts um halb zwei in der Straßenbahn fühlt. Und ich habe es verkackt.