Wenn der Tag gekommen ist

Heute wird mein Opa beigesetzt. Für mich eh ein negativ-Highlight; ich mag es einerseits dieses letzten Tag zu begehen, lege viel Wert auf das Drumherum. Andererseits fällt es mir wahnsinnig schwer mit der Endgültigkeit umzugehen. Verstehen, dass jemand wirklich weg ist, tue ich erst am offenen Grab. Als besondere Herausforderung gehen die drei großen Hörnchen mit. Für sie war es keine Frage, dass sie sich auch von ihrem Uropa verabschieden wollen. Und so haben wir in den letzten Wochen viel geredet, gedacht und auch zusammen geweint. Kindliche Trauer hat wenig mit dem zu tun, was wir großen kennen. Hinzu kommt, dass jede Altersstufe eigene Bedürfnisse und Mechnaismen hat.

Das A-Hörnchen ist analytisch an die Sache herangegangen. Was ist passiert, wie ist der Mensch gestorben? Was passiert danach? Er hat sich auf biologischer Ebene erklären lassen, was tot bedeutet, blieb bis heute sachlich. Er hat ein wenig geweint, konnte aber schnell wieder Fassung gewinnen und zu seiner analytischen Herangehensweise zurück finden. Gelegentlich kamen ihm, wie aus dem Nichts, Fragen auf. Diese konnte er kurz und knapp stellen und sie sich beantworten lassen. So schnell wie das Thema kam, war es dann auch wieder erledigt.

B – Hörnchen hat bisher wenig Emotionen gezeigt. Sie hat kurz geweint, sich kurz alles erklären lassen und das Thema dann zu den Akten gelegt. Auch ob sie mit zur Beisetzung möchte, hat sie erst spät entschieden. Sie macht alles mit sich, in ihrem Kopf aus. Von außen ist es schwer ihre Trauer zu sehen, vor allem aber bereitet es mir Sorge. Es bleibt die Hoffnung, dass sie so gut für sich sorgt, dass am Ende alles gut ist und sie ohne Knoten im Herzen aus der Sache heraus geht.

C – Hörnchen trauert auf ihre ganz eigene Art und Weise. Sie überdenkt alles dreimal gut, macht sich um jeden Schritt Sorgen. Geht es dem Opa gut dort wo er jetzt ist? Ist das Grab auch schön genug? Was soll ich zur Beisetzung anziehen? 1000 Fragen schwirren ihr durch den Kopf und so versucht sie auf diese Art und Weise, dass nicht begreifliche irgendwie in Kategorien zu fassen. Dies gelingt ihr nur rudimentär, denn der Verstand ist schon viel zu wach um sich mit Fantasiegespinsten abspeisen zu lassen. Auf der anderen Seite wird ganz deutlich, dass noch nicht ausreichend Verständnis für Leben und Tod da ist, um auch nur in Ansätzen zu verstehen was geschehen ist.

Das D-Hörnchen erlebte den Verlust phantastisch. Er versteht von all dem Tod und Leben noch recht wenig, sich vorzustellen, dass ein Mensch ganz und gar weg ist, ist in fast unmöglich. Somit hat sein Köpfchen eine ganz eigene Realität geschaffen. Ohne mein Zutun ist der zu dem Entschluss gekommen, dass der Opa zu den Wolken gefahren ist, sein Körper gebröselt ist und der Opa uns jetzt von dort oben zu sehen würde. Von diesem Moment an fiel es dem D – Hörnchen leicht sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Alles hat seine Ordnung, alles war logisch und erklärbar. Freudig hatte im Kindergarten gespielt, dass er der Friedhof-Mann ist und alle Leichen ausbuddeln muss.

So hat jeder seinen eigenen Umgang. Meine Aufgabe ist es, jeden so vorzubereiten, dass er den Tag gut überstehen kann und sich gut aufgehoben fühlt. Diese ersten Erfahrungen mit dem Tod sind prägend für das ganze Leben und in erster Linie wünsche ich jedem meiner Kinder, dass sie einen guten und vor allem angstfreien Umgang mit dem Tod finden. Denn genau das ist es, was vielen Erwachsenen fehlt. Der Tod, und alles damit verbundene, ist nichts vor dem man große Angst haben muss. Vielleicht ist es nicht zu begreifen, nicht zu verstehen und irgendwie komplex. Beängstigend aber sollte es nicht sein.

Wenn der Tag gekommen ist

Eben witzelte ich mit meiner Schwester über meine eigene Beerdigung. Lustige Musikauswahl, kluge letzte Worte; allerlei Unfug um eine bedrückende Situation erträglicher zu machen. Eben noch lachte ich sehr und versprach was lustiges dazu zu schreiben. Jetzt, wo ich so darüber nachdenke, gelingt das nicht.

Eine Beerdigung zu planen ist nicht leicht. Sie so zu gestalten, dass sie den Anwesenden gefällt, ist das eine. Sie so zu gestalten, dass sie dem Verstorbenen gefallen hätte, ist das ganz andere. Ich mag den Gedanken, die Sache aufzulockern. Ich mag dem Gedanken, über Lustiges zu lachen; ganz wichtig finde ich es aber auch an gemeinsames zu erinnern, Schönes zu ehren und Schlimmes zu würdigen. Für alle Anwesenden ist dieser letzte Moment das, was im Kopfe haften bleiben wird. Ein bescheidener Redner, welke Blumen oder schlechte Musik, alles bleibt dann für immer.

Ich, als grenzenloser Perfektionist, habe zwei Welten in mir. Zum einen sollte ich wahrscheinlich rechtzeitig alles selber planen, damit es auch gut wird, zum anderen hoffe ich sehr, dass es am Ende Menschen auf der Welt geben wird, die in der Lage sein werden meine wesentlichen Züge und das wofür ich gelebt habe in diesen letzen Akt zu geben.

In einigen Tagen werden wir unseren Opa beerdigen. Hoffentlich gefällt es ihm.