Sehnsucht 

Es ist 16.45 Uhr. Ich stehe an der Uni an der Bahnhaltestelle. Es wird langsam dunkel, der Tiefnebel hatte sich den ganzen Tag nicht aufgelöst. Es ist bitterkalt, der Wind pfeift durch meine drei oder zehn Schichten Klamotten. Ich bibbere, halte die Fäuste verkrampft in den Jackentaschen. Ein langer Unitag geht zu Ende, ein unendlich langer und vor allem langweiliger. Ich starre über eine trübe Wiese ins grau und sehe eine Frau mit ihrem Hund. Plötzlich packt mich die Sehnsucht. 

Von jetzt auf gleich kann ich es nicht erwarten in mein warmes, wohliges, geborgenes Chaos zu kommen. Alles fehlt mir. D-Hörnchen, wie er hinter mir herläuft und von Feuerwehrmann Sam redet, C-Hörnchen, wie sie mir die Dramen des Tages berichtet. Ich sehne mich nach B-Hörnerns stolze Augen, wenn Sie mir ihr Buch entgegen hält um zu zeigen wie weit sie schon ist; und ich sehen mich nach A-Hörnchen, der vor lauter Langeweile und Groß-sein fast keine Zeit hat irgendwas anderes zu zu machen als zu meckern. Ich sehne mich nach meinem Mann, den Storys des Tages. Nach Ofenwärme und einem heißen Kaffee. Ich kann es kaum erwarten übers Zimmeraufräumen zu debattieren, Vokabeln abzufragen und Streit zu schlichten. 

Was bin ich für ein gesegneter Mensch. Ohne jeden Zweifel habe ich das beste Zuhause der Welt. Und die besten Kinder, den besten Mann! Was für ein Volltreffer!  

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Große Überraschung am Morgen. Ich komme vor der Uni mit C- und D-Hörnchen in den Kindergarten. Es herrscht Chaos. C-Hörnchens herzensgute Erzieherin kommt mit glasigen Augen und bebender Stimme auf uns zu. Es herrsche Notdtand. Die Hälfte der Erzieher wäre krank, die Leitung dazu. Es gäbe einen Notdienst für die Kinder der berufstätigen Eltern. Um uns herum toben dutzende Kinder. Einige Mütter sitzen stumpf da, trinken Kaffee tratschen ein wenig und gehen dann ohne ihre Kinder nach Hause. Mütter schieben ihre Babys rein, lassen das große Kind da und schieben mit ihren Babys wieder nach Hause. Schwangere reichen ihre Kinder rein und ziehen sich dann aufs Sofa zurück. 

Ich bin überfordert. An der Uni warten drei Termine, einer davon mit meinem Prüfer. Vier Vorlesungen stehen an, alle durchaus wichtig. Technisch bin ich damit ein berufstätiger Notfall. Faktisch war der Kindergarten zu diesem Zeitpunkt, um 8.05 Uhr schon überfordert. Es brach mir das Herz. Überfordert und gleichermaßen wütend nahm ich meine Kinder wieder mit. Zuhause rief ich den arbeitenden Mennne an, dank einiger Überstunden rettete er die Uni-Termine. 

Ich bin in solchen Situationen immer wieder entsetzt, wie egoistisch und unfair die Eltern zueinander sind. Die jenigen, die ihre Kinder in solchen Fällen selbst betreuen, sind immer die, die arbeiten gehen und für die es mit Stress und Umplanen zu tun hat. Die Leidtragenden sind die Erzieher, die überfordert einem tobendem Mob gegenüber stehen. Ich finde das traurig. Ich war viele Jahre lang schwanger und in Elternzeit. Ich habe mich an vielen Montagen auf einen ruhigen Vormittag gefreut und jedes einzelne Mal alles möglich gemacht um das System Kita zu entlasten. Und wer entlastet mich? Gibt es keine Solidarität unter Eltern?