Primäre Bezugsperson ersten Grades

Man sagt, Entenküken folgen in ihrer Kindheit der Person, die sie nach dem Schlüpfen zuerst gesehen haben – in den meisten fällen ihrer Mutter. Bei Menschenküken ist das ähnlich, sie binden sich an eine Primäre Bezugsperson, bauen Urvertrauen auf und legen, besonders in den ersten 24 Monaten, ihr Leben in die Hände dieser. Bei den meisten Kindern wird diese Rolle durch die Eltern erfüllt; logisch. Heute geht man vollkommen logisch und emanzipiert davon aus, dass Väter und Mütter diese Rolle gleichermaßen erfüllen und die Kinder, ohne jeden Zweifel, an beide Eltern gleichermaßen gebunden sind. Ausgenommen sind hier die Kinder, die nach ihrer Geburt zunächst in Pflegestellen o.ä.Verharren müssen, auch sie binden sich auf die eine oder andere Weise an Bezugspersonen, durch die fehlende Konstante neigen sie jedoch zu Bindungsstörungen – das ist ein wichtiges aber anderes Thema.

Heute möchte ich über die herausragende Bindung meiner vier Hörnchen an mich – ihre primäre Bezugsperson – schreiben. Und ich möchte die Frage diskutieren, ob der Vater tatsächlich genauso unabdingbar ist wie die Mutter – und vor allem: ist er genauso gut sichtbar! Ihr seht, es wird hoch wissenschaftlich und bietet Konfliktpotenzial.

Ich habe meine Kinder ausgetragen, sie gestillt und monatelang auf mir schlafen lassen. Tagsüber trug ich sie und als sie krabbeln lernten, bot ich ihnen Raum für Autonomie. Ich stand immer, zu jeder Zeit, als Bezugsperson und Basis zur Verfügung, habe über Jahre hinweg jede Träne getrocknet und jedes Lachen geteilt. Ich war da. Inzwischen sind die Hörnchen groß. Mit 13 und 11 sind A- und B-Hörnchen unabhängig. Sie können sich nach der Schule etwas zu essen machen, sie gehen allein shoppen und verabreden sich ohne meine Hilfe. Wenn was ist, kommen sie zu mir. C- und D-Hörnchen nutzen meinen Support noch viele Male am Tag. Sie suchen wesentlich aktiver meine Nähe und zeihen ihre Kreise zwischen Autonomie („Ich gehe noch raus!“) und Nestschutz („Kann ich kuscheln?). Sie machen das gut und ich begleite alle vier gern auf ihrem Weg. Dennoch stehe ich immer wieder vor einem großen Rätsel: Warum immer ich?

Emanzipatorisch betrachtet ist mein lieber Mann ebenso bindungsrelevante, wie ich es bin. Zugegeben, in den ersten neun Monaten beschränkte sich der Kontakt auf Handauflegen und „Hallo“ rufen. Ja, und in der Zeit danach waren es die Zeitfenster zwischen den Stillphasen, die ihm zur Verfügung standen – zumindest dann, wenn er nicht arbeitete. Wir verbrachten die Wochenenden zusammen, die Urlaube. Und als C-Hörnchen neun Monate alt war, nahm er drei Monate Elternzeit. Selbstverständlich brachte er alle Kinder ins Bett, nachdem sie soweit abgestillt waren, wechselte Windeln und betreute die Kleinen, wenn ich Termine hatte. Er war immer das, was man einen modernen Vater nannte; jeden Tag zwischen 17 und 19.00.

Ins echte Leben übertragen heißt das, dass der Mann ohne Probleme mit den Kindern alles kann. Bedingungslos alles. Dies Regel setzt in dem Moment aus, in dem ich das Haus (oder den Garten oder was auch immer) betrete. Denn sobald das so ist, bin ich die bedingungslose Person of Interest. Allein bei einer einzigen Mahlzeit bringe ich es auf 20-30 Ansprachen. „Guck mal, mein Käse!“, „Mama, ich schmiere Brot. Guck mal wie mein Brot ist..“, „Mama kann ich dies, Mama kann ich das..“. Der Mann sitz dann natürlich bei uns, Bilderbuchfamilie und so, aber selbst wenn ich mich an einem Brotkrumen so verschlucken würde, dass nichts mehr gut, würden sie zunächst mich ansprechen.

Duschen zu gehen heißt in der Welt einer primären Bezugsperson offenbar, beim rasieren der primären Beine ungefähr sieben Rücksprachen mit dem Volk darüber treffen zu müssen, ob es wirklich nötig ist, dass ich allein im Bad bin. Ebenso verhält es sich beim Toilettengang oder wenn man einen Magen- Darm Infekt hat. „Was machst du daaaa?“ ist ein geflügelter Begriff und jeder der schon mal auf dem Scheißhaus saß sollte annehmen, dass diese komplexe Tätigkeit für Außenstehende durchaus zu erkennen ist. Nun ja.

Eben mähte ich den Rasen. D-Hörnchen saß ununterbrochen im Kletterbaum und laberte auf mich ein, C-Hörnchen kam in den 15 Minuten 3x weinend mit Pipapo und B-Hörchne stand vielfach neben mir und fragte… was ich da mache. Der Mann, der Vater der Kinder, stand währen der ganzen Zeit im garten, frei. Und so ist es eben.

Mama, kann ich was Süßes?

Mama, wollen wir was spielen?

Mama, guckst du dir meine Höhle an?

Mama, guck mal den schönen Kackhaufen?

Mama mein Computer ist komisch (haha, und da fragst du mich???)

Mama, wann ist Abendbrot?

Mama, wie viele Tage noch bis Weihnachten?

Mama, Mama, Mama, Mama,…

Papa, wo ist Mama?

Ganz bestimmt kann ein Kind mehrer primäre Bezugspersonen haben. Primäre Bezugsperson ersten Grades und eben die anderen.

Die im Text als „Mama“ bezeichnete Person kann selbstverständlich auch jede andere Person im Leben eines Menschen sein. Ihre Rolle wird nicht durch die biologische Verwandschaft oder das Geschlecht bestimmt. Außerdem bitte ich darum, meine Worte mit Humor zu lesen und sich nicht auf den Schlips getreten zu fühlen (oder den BH). Ich schätze und würdige meinen Mann, das was er tut und tat und weiß, dass er für die Kinder bedingungslos wichtig ist. Dennoch mag ich zB allein auf Klo gehen total. Echt, TOTAL!!

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FAS, Ausgrenzung und Integration – ein Drahtseilakt

Seit einigen Monaten ist Janine in der Schulklasse meines C-Hörnchens. In den ersten Wochen war sie Thema Nummer eins unter den Drittklässler. Janine kann alles, die traut sich alles! Janine traut sich sogar gegen die Jungs und Janine macht richtig viel Quatsch. Nach einigen Wochen ebbte die Schwärmerei ab. Janine war nach wie vor allgegenwärtig, forderte viel Aufmerksamkeit. Janine verlangte von Pausenbrot, Janine haut wenn sie nicht mitspielen darf, Janine stinkt. C-Hörnchen war zunehmend überfordert und ich beriet sie in Sachen Abgrenzung. Vor wenigen Tagen ging ich zu einer Schulveranstaltung in die Klasse meines Hörnchens.

Als ich die Klasse betrat herrschte regen treiben. Mein Kind war zurückhaltend und führte mich zaghaft an den für mich vorgesehenen Platz. Nach gut drei Schritten umfasste mich ein mir fremdes Mädchen. Das auffällig zarte und kleine Kind hatte keine Zähne im Oberkiefer. Ihr Kopf erschien mir als sehr klein und schnell ploppte in meinem Kopf der Begriff FAS auf; Fetales Alkoholsyndrom.

Ich setzte mich um mir vom C-Hörnchen verschiedene Dinge zeigen zu lassen. Noch bevor mein Kind mir etwas zeigen konnte hatte ich das fremde Kind auf dem Schoß. Sie roch erbärmlich nach kaltem Zigarettenqualm und ich musste mich bemühen nicht abweisend zu reagieren. Ich schob sie vorsichtig aber bestimmt von meinem Bein und fragte nun mal, wer sie denn sei. „Janine“, lautete die Antwort. „Meine Mama macht sowas hier nicht, das ist albern!“ erklärte sie noch und machte sich daran, zurück auf meinem Schoß zu klettern. Ich lehnte dies ab und zeitgleich kam mein C-Hörnchen um mir nun endlich Dinge zu zeigen. Auf jedes Wort vom Hörnchen folgten drei von Janine. Sie dominierte die Situation, zog alle Aufmerksamkeit und schaffte es mich fortwährend zu überfordern. Ich wollte nicht abweisend sein aber mein Hörnchen litt unter der Übergriffigkeit und zog sich immer mehr zurück.

Ich verließ die Schule an diesem Tag mit gemischten Gefühlen. Janines Lebenssituation erschloss sich mir schnell. Ihr Verhalten als auch ihre körperliche Erscheinung lassen vermuten, dass ihre Mama während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Die Folge ist das genannte FAS, das Fetale Alkoholsyndrom. Neben den körperlichen Symptomen wie zarter Statur, einem kleinen Kopf, geringer Körpergröße und verschiedenen Veränderungen im Gesicht, haben die Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, teilweise Intelligenzminderungen und Lernbehinderungen zu kämpfen. Die Kinder ecken an. Soziale Regeln und Absprachen erschließen sich oftmals nicht, hinzu kommt die Frustration. Schulische Leistungen sind ehr schlecht, mit den anderen Kindern läuft es nicht und in der Klasse klappt auch nie was. Es ist zum verzweifeln.

Was den Kindern in dieser Situation hilft ist ein warmes, liebevolles Elternhaus und eine optimale Kooperation zwischen Schule und Familie. Klare Regeln, feste Struktur und liebevolle Arme, die einen halten, wenn es doch wieder nicht geklappt hat. Die Kinder benötigen Unterstützung auf allen Ebenen. Der Schulstoff muss verfestigt werden, sie müssen mehr üben. Soziale Interaktion braucht oftmals Anleitung und Begleitung und gleichzeitig muss in allen Lebensbereichen konsequent und nachvollziehbar erzogen werden. Weiter profitieren die Kinder, wie alle andern Menschen auch, enorm von einer sicheren Bindung an ihre primären Bezugspersonen. Mama und Papa (oder wer auch immer die Rolle der Bindungsperson übernommen hat) müssen als sicherer Hafen zur Verfügung stehen. Verlässlichkeit, Sicherheit und absolute Liebe sind die Faktoren, die der geschundenen Seele immer wieder versichern: „Du bist gut. Ich bin da!“.

Und genau an dieser Stelle hinkt das System erneut. Denn leider sind es ja insbesondere die Kinder, die von FAS betroffen sind, die all das eher nicht erhalten. Zu Hause ist keiner der Sicherheit vermittelt, keiner der tröstet, wenn wieder keiner mit einem spielen will. Zu Hause ist niemand, der ein geplatztes Spiel-Date beweint und ebenso niemand, der die blöden 1×1 Zahlen zum 100. Mal übt. Kontakte und die Schule laufen eher schleppend, die Dringlichkeit kommt hier nicht an. Um das Kind in die Klasse zu integrieren werden Sozialpädagogen hinzugezogen. Das Pädagogen-Team ist am Limit, somal oftmals nicht nur ein Kind mit besonderem Bedarf in der Klasse ist.

Um es ganz deutlich zu sagen, ich mahne nicht die betroffenen Kinder, Eltern oder Pädagogen an. Jeder im System tut was er kann. Die Eltern sind so groß geworden, wie sie es eben sind. Sie geben weiter was sie können, agieren mit dem, was sie selber zur Verfügung haben. Auch die Pädagogen versuchen lediglich irgendwie der Situation Herr zu werden; zu wenig Menschen, die den Auftrag haben zu viele Probleme zu sortieren und zu lösen.

Um Familien zu erreichen braucht es aber Personal. Gutes, geschultes Personal. Prävention beginnt nicht nach der Geburt oder während der Schwangerschaft; viel früher und mit viel Power muss man da ran. Fingerspitzengefühl braucht es und Zeit um Vertrauen aufzubauen. Und vor allem braucht es eine Veränderung in der Sicht, die man auf diese besonderen Familien hat. So lange man von „den Assis“ spricht und versucht die „Schuldfrage“ zu klären, kann man nicht gut und empathisch miteinander umgehen. Die Grundannahme sollte sein, dass jeder es versucht so gut zu machen, wie er es eben kann.

Was bleibt, ist die Schwierigkeit sich selbst abzugrenzen und seie eigenen Möglichkeiten realistisch zu sehen. Für Janine, C-Hörnchen und mich bedeutet das, dass ich in aller erster Linie mein C-Hörnchen darin stärke sich gegen Janine abzugrenzen wenn notwendig und sie dennoch nicht unnötig wegzustoßen. Janine kann, sofern C-Hörnchen das möchte, Zeit hier verbringen. Da ich die Mama noch nie gesehen habe, fehlt mir jede Idee davon, wie es mit weitern Kontakten zwischen den Welten aussehen kann. An dieser Stelle muss möglicherweise ein professionelles System greifen – und das bin ich in diesem Fall nicht!!

You never walk alone

Heute Morgen, auf dem Weg zum Kindergarten, fing das D– Hörnchen fast an zu weinen. Aus irgendeinem Grund muss er plötzlich realisiert haben, dass er eines Tages groß ist und ein eigenes Leben führt. Mit glasigen Augen sah er mich an und teilte mit:“ Ich will für immer in eurer Familie bleiben!“ Etwas verwirrt sah ihn an und versicherte ihm, dass er auch für immer bei uns bleiben wird. Wo soll er denn auch hin? Er ist unser D – Hörnchen und gehört ganz genau zu uns, so wie eben die andern drei auch. Wir fuhren ein Stück weiter und da platzte es aus ihm heraus:“ Auch wenn ich groß bin!“ Und erst jetzt verstand ich wovon er sprach.

Beim Abendessen ploppte das Thema dann noch einmal auf. Für immer will er bei uns bleiben, in seinem Zimmer wohnen, in seinem Bettchen schlafen und im Sommer mit uns nach Wangeroge fahren. Für immer immer immer! Das C – Hörnchen pflichtete ihm bei und beteuerte, dass das auch ihr Plan fürs Leben sein. Für immer in ihrem schönen Bett schlafen, für immer in ihrem Zimmer spielen und für immer immer immer bei uns wohnen bleiben. B – Hörnchen nickte bestimmt und hatte dem ganzen nicht mehr viel hinzuzufügen. Lediglich das A-Hörnchen enthält sich der Thematik und schwieg. Fragend stellte ich in den Raum, ob denn keiner der drei sich vorstellen konnte eines Tages eine eigene Familie zu haben, vielleicht zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Sechs Augen sahen mich verzweifelt an. Nein! Keiner von ihnen konnte sich auch nur in Ansätzen vorstellen jemals das heimische Nest zu verlassen.

Es ist immer wieder erstaunlich, aber es gibt sie wirklich – diese ödipale Phase. In dieser bestimmten Phase sind die Eltern die vollkommensten und wunderbarsten Menschen der ganzen Welt. Kinder in dieser Altersstufe können sich nicht vorstellen, ihre Eltern jemals zu verlassen oder mit anderen Menschen zusammen zu leben. Die Tatsache, dass Kinder ihre Eltern so bedingungslos lieben ist großartig! Es verfestigt die vorhandene Bindung, schweißt Eltern und Kinder sagenhaft eng zusammen und sorgt dafür, dass sich die Kinder eines Tages dann doch abkapseln können. Andererseits ist es grausam! Denn Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos, auch wenn diese eigentlich nicht viel dazu tun oder der Beziehung sogar aktiv schaden. Kinder lieben ihre Eltern! Kinder lieben schlagende Eltern, trinkende Eltern, vernachlässigende Eltern, grausame Eltern und eben alle andern Form von Eltern die man sich so vorstellen kann – oder auch nicht.

Ich für meinen Teil freue mich über jede Portion Zuneigung und Liebe die ich von meinem Hörnchen bekomme. Ich freue mich, dass sie alle für immer hierbleiben wollen und ich freue mich mindestens genauso sehr darüber, dass ich weiß dass sie eines Tages gehen werden. Sicher und gefestigt auf eigenen Wegen mit einer großen Portion Selbstvertrauen und einer noch größeren Portion Liebe im Herzen.

Mein Filzstift

„Manchmal gehst du von mir weg, Mama. Manchmal bist du nicht da.“, klagt das C-Hörnchen morgens ganz früh im Bett. Sie liegt unter meiner Decke und halt meine Hand ganz fest. Ich erkläre, dass ich zwar jeden Tag zur Arbeit gehe, mich manchmal mit Freunden Treffe oder einkaufen gehe, ich aber immer zu ihr zurück käme. Immer! Sie hält meine Hand noch fester. „Einmal waren wir mit Papa weg, eine Woche, und du wärst hier!“. Latent liegt Empörung in ihrer Stimme, es ist ihr ernst. Ich ziehe den Bogen weiter, erläutere abermals, dass ich viel arbeiten musste und Papa etwas schönes mit den Kindern machen wollte. Nach einer Woche, gebe ich zu bedenken, wären wir alle wieder zusammen gewesen und alles war gut. Überhaupt, so erkläre ich weiter, wisse ich immer wo ich hingehöre, jede Sekunde meines Lebens, nämlich zu meinen Kindern.

Einen kleinen Moment denkt das kleine Wesen in meinem Arm nach, halt meine Hand und atmet ruhig und kräftig. Dann blickt sie auf, schaut ganz ernst und erklärt: „Ich bin dein Filzstift und du bist mein Deckel!“

Ich mag diese Metapher sehr. Mein Filzstift malt und malt, braucht er aber eine Pause, kommt er zu seinem Deckel zurück. Der Stift kann langfristig nicht ohne Deckel, der Deckel hingegen ist ohne Stift irgendwie nutzlos. Nur dieser eine Deckel passt optimal. Zwar können andere Decke den Stift theoretisch vorm Austrocknen bewahren, so richtig optimal ist aber nur der eine. Und so kommen beide immer wieder zusammen, mal oft mal weniger, mal intensiv mal beiläufig. Der Filzstift entwickelt sich weiter, kann zunehmend länger und besser ohne Deckel, aber die Kenntnis vom passenden Deckel gibt ihm Kraft und Sicherheit und macht es ihm erst möglich, sich immer weiter zu entwickeln. Und irgendwann bin ich so eine Art W- LAN Deckel. Den sieht man nie und bemerkt nur dass er da ist wenn was nicht funktioniert.

Emotionale Haverie

Läuft im Fernsehen was trauriges, bin ich eigentlich nicht die, die Tränen vergießt. Allgemein ist es eher kompliziert mir Tränen zu entlocken, ich zerdenke das Problem, ja jede Tragödie bevor sie mir auf die Pelle rücken kann. Nicht klug, vielleicht auch nicht gesund, aber so ist es eben.

Jetzt, da die Sonnerferien begonnen haben, gehen die Kinder am Morgen mit dem Menne aus dem Haus. Sie gehen in ein Tages-Feriencamp, damit wir arbeiten können. Soweit so gut. Eben verließen sie dann das erste Mal das Haus, in einer Reihe stapften sie los und krabbelten ins Auto. Ich stand in der Tür und eine Welle irgendwas überkam mich. Während mein Frontallappem alles gab und mir meine goldene Zukunft skizzierte („Bald ziehen sie alle aus!“ „Du wirst ganz allein sein!“ „Niemand wird dich brauchen“) produzierte meine Amygdala eine Mischung aus Stolz und Liebe, was wiederum die endokrinen Systeme dazu verleitete allerlei Bindungshormone zu kippen. Meine Füße bekamen den Befehl zu laufen, sie zu stoppen und als das Auto los fuhr, kullerten ein paar einzelne Tränen über meine Wangen. Die Babys werden groß.

Und ich werde nicht allein sein, und sie werden mich immer brauchen. Manchmal, manchmal nicht und dann vielleicht wieder ganz doll. Alles wird anders, jetzt und immer wieder. Aber eine Mama bleibt eine Mama, so ist das eben. Und genau das, was mich eben an der Tür überrollte, wird mich und sie für immer verkletten. Auch im Auslandssemester in Gambia, auch wenn sie nach Neuseeland ziehen und sogar dann, wenn ich nicht weiß wo sie sind. Und könnten sie nicht trotzdem noch ein bisschen ganz klein bleiben? Ein einziges Jahr noch…

Ewig Mama

Am Telefon erzählte ich meiner Mutter, dass die Kinder aufräumen müssten und mal wieder rebellieren würden. Die Geschichte ist so alt wie die der Erde, viel dazu zu sagen gibt es nicht. Meine Mutter jedoch verblüffte mich mit ihrer Reaktion: „Dann räum du aber auch mal deine Rumpelkammer auf“, sprach sie mit einem Lachen in der Stimme. Ich erwiderte ebenfalls lachend, dass das ja gewiss was anderes sei und wir kamen zum nächsten Thema. Am kommenden Tag hatte ich 30 Minuten Freizeit und musste schon sehr über mich selbst lachen als ich feststellte, dass ich die Rumpelkammer aufräumte. Mama hat’s gesagt, los geht’s. Was ist das? Wieso mache ich das?

Wie so oft spielt hier der Begriff der Bindung eine erhebliche Rolle. Eltern und Kinder sind, so dann alles gut verlaufen ist, eine feste Einheit. Selbst im Konfliktsfall oder bei längerer Trennung bleibt das Band der frühkindlichen Bindung bestehen; und mit ihm gewisse Verhaltensweisen. Kaum etwas auf der Welt prägt Kinder so sehr, wie ihre ersten 10-15 Lebensjahre und das was ihnen in dieser Zeit vermittelt wird. Die elterlichen Werte sitzen fest, ebenso wie das Verständnis für Familie und Zusammenhalt. Natürlich ist all das später noch veränderbar, natürlich entwickeln wir eigene Werte, jedoch bleiben die alten, die ersten Pfade immer deutlich im Hirn.

Gerade in den ersten Jahren nach der Pubertät, in den Jahren, in denen wir ein selbstständiges Leben aufbauen, messen viele alles an dem was wir gelernt haben. Keiner kocht so gut wie Mutti und einkaufen kann man am besten da, wo Mama es stets tut. Nach den Sturm und Drang Jahren der Pubertät suchen junge Erwachsene abermals nach Orientierung im neuen Erwachsenen-Dasein. Und die finden sie eben dort, wo sie sie zuletzt erlebt haben – in den alten, Vertrauten Strukturen des Elternhauses.

Mit den Jahren entwickeln sich eigene Muster. Gerade wenn mehrer Menschen zusammen leben, bauen sich neue Wertesysteme zusammen, eine Mischung aus allem eben. Meine Mama, deine Mama, keine Mama. Und dann eben gibt es diese Momente, in denen man ganz deutlich merkt wo man hergekommen ist. Wenn man die Rumpelkammer aufräumt, sich beim Rauchen in der Straße der Eltern schlecht fühlt oder man Sätze sagt, die 1:1 von Mama oder Papa sein könnten. Wir bleiben auf ewig Kinder unserer Eltern – und Eltern unserer Kinder.

Nicht ohne meine Mama

Bisher war es nie ein Problem, das D-Hörnchen zum Kindergarten zu bringen. Auch andere Kinder zu besuchen war easy. Er verabredete sich gern und oft. Seit kurzem aber ist die Welt im Wandel.

Zunächst begann sich das Hörnchen mit dem Alter, dem Altern und dem Ableben zu befassen. Wie alt ist Oma, wie alt ist Uroma? Wann hat man zu Ende gelebt? Viele große Fragen die in seinem kleinen Kopf herumspukten. Neuerdings mag er nicht gern im Kindergarten bleiben; am besten wäre es mit Mama zusammen. Und verabreden? Na ja, eben mit Mama.

Was zunächst skurril oder sogar beunruhigend klingt, ist im zweiten Blick ganz normal. Mein Hörnchen wird groß! Jetzt, mit 4,5 Jahren schärft er seinen Blick für das was war und das was kommt. Er kann sich die Zukunft vorstellen, zumindest die nahe – und das ist nicht immer einfach oder schön. Hinzu kommt die schleichende Vorbereitung auf einen großen Schritt: Die Abnabelung von Mama und der Gang in die Selbstständigkeit. Jetzt, etwa 1,5 Jahre vor diesem riesigen Schritt ist es einfach wichtig für seine kleine Seele, die Basis zu stärken und die bestehenden festen Bänder noch stärker zu knüpfen. denn zumindest sein Unterbewusstsein weiß ganz genau: Je fester die Verbindung, desto leichter kann man sich auch entfernen.

Für mich als Mama ist es nicht immer leichte diese Schritte zu begleiten. Manches wirkt gradezu verrückt, albern oder arg rückschrittig. Tatsächlich aber folgt er einem verborgenen Programm und alles was ich gutes tun kann, ist mich dem hhinzugeben. Ich möchte ihm bis in jede Faser seiner Selbst zeigen, dass ich immer da bin, immer verlässlich und konstant. Ich bin da um mich zu freuen, zu staunen, zu weinen, zu trösten und um hibbelig auf den Weihnachtsmann zu warten. Ich bin da wenn er etwas unglaublich tolles geschafft hat und ich bin da wenn mal was in die Hose gegangen ist. Ich bin Mama. Ich bin pro-Hörnchen; immer!

Out-of-Baby-Error

Mein Baby ist weg. Außerhaus. Er schläft im Kindergarten; freiwillig. Ich meine, ich habe ihn da nicht vergessen oder so. Er hat ganz regulär eine Übernachtung im Kindergarten. Schlimm schlimm. 

Mein Baby, das ist übrigens das D-Hörnchen, dieses 2,5 Jahre alte Bürschchen, das inzwischen erschreckend selbstständig ist, alles allein kann und immer malwieder rotzfrech ist. Mein kleines Baby, mein jüngster. Mein Nesthäkchen. Während ich bei den Großen stolz auf jeden Schritt in die Selbstständigkeit bin, bedauere ich beim Nesthäkchen jeden einzelnen. Wenn er mich nich mehr braucht, wer braucht mich dann? 

Das ist nicht gut, ganz und gar nicht. Ich muss auch ihn gehe lassen, wenn es so weit ist. Auch mein Baby hat das Recht groß zu werden und von mir dabei begleitet zu werden. Auch mein Baby wird zur Schule kommen, sich verabreden und irgendwann ausgehen. Auch er wird eines Tages ausziehen und dann nicht mehr hier sein. Nur eins ist er dann überhaupt nicht. Nämlich weg. Ich bleibe die Mama, egal was kommt. Und er bleibt der Baby, egal wie groß er wird.  

Gute Analyse

Ich sitze mit C-Hörnchen im Auto und wir schnallen uns an. Neben uns, auf den Gehweg, spielt sich folgende Szene ab:

Eine Mama, ein Papa und zwei Kinder von etwa 3 und 12 Jahren sind mit einem Abschied beschäftigt. Mama und das große Kind wollen gehen, Papa und das kleine Kind bleiben zurück. Das kleine Kind schreit und weint stark, Mama versucht die Situation zu retten, geht dann aber. Papa übernimmt. 

C-Hörnchen analysiert stichfest:“Man muss aber auch mal ohne die Mama bleiben wenn die weg muss. Und außerdem bleibt ja auch der Papa da!“ Ich fand das beachtlich gut und schnell zusammengefasst, sonst sie ja nur Bild ohne Ton hatte. Und vier ist.