Wahltag

Seit einer halben Stunde versuche ich nun einen sinnvollen Beitrag über die Wahl zu schreiben. Etwas hilflos versuche ich das Gefühl der Ungewissheit, der Angst und das Bange hoffen auf ein Wunder in hübsche Worte zu fassen; was mir nicht gelingt. Mein Eindruck: alles ist gesagt! Die Nazis wollen in den Bundestag, die Linken wollen das nicht. Bei Schwarz und rot bleibt alles wie es ist, Oder es wird sich alles ändern. Die Wahlbeteiligung ist ein Graus, vielleicht dieses Mal aber auch nicht. 

Durch die sozialen Medien, sagte der Wahlkampf auf mich dieses Mal völlig neu. Jeder Tag, seit Wochen, war durchzogen von aufrufen zu wählen, Slogans gegen die AFD, Häme und Spott, ernsten Beiträgen und ich weiß nicht was noch alles. Die Wahl – dieses Jahr so präsent wie noch nie. Aber wird das irgendwas bewirken? Gehen jetzt wirklich mehr Menschen wählen, und wenn ja welche, und wenn ja was? Somit bleibt nur ein Fazit: alles wie immer, Alles neu, alles ungewiss. Mehr wissen wir heute Abend. Aber eigentlich auch nicht. 

Also was bleibt zu sagen? „Leute geht wählen! Denn die Nazis tun es auch.“

Done that

Der 24.9. fällt dieses Jahr auf einen Sonntag. Zu dämlich, denn Sonntags habe ich keine Lust zur Wahl zu gehen. Gut, dass man das alles vorher weiß und sich somit frühzeitig um Briefwahl bemühen kann. Heute ist es also erledigt, die Wahl getroffen. Links ist es geworden, die Entscheidung fiel vor allem mit dem Gedanken vielleicht etwas zum Überschreiten der 5% beitragen zu können. Viele kleine Linke Parteien sind am Ende kein Segen füreinander, ein großes Gutes wäre sinniger. 

Und irgendwo dort beginnt auch das doofe ganze. Wenn alle das wählen, was Sinn macht, eben die Parei, die am ehesten über 5% kommt, sind die anderen erst recht chancenlos. Zersplittern sich die Stimmen aber zu sehr, haben die vielen Kleinst-Parteien keine Chance. Es ist verzwickt. 

Besinnen wir uns einen Moment auf’s wesentliche: Geht wählen! Jede Stimme zählt, und ich befürchte dieses Jahr mehr denn jeh. Wählt! Wählt rot, rosa, grün und im Notfall sogar schwarz. Wählt von mir aus die Veganer Partei oder Biebeltreue Christen – aber wählt!! Wählt euch um Kopf und Kragen, wählt was das Zeug hält.  Erhebt euch gegen rechts und lässt dem braunen Mob keinen Millimeter, keine Stimme, kein Prozent! 

Über Geld spricht man nicht – und über Politik auch nicht!

Es ist erstaunlich! Im Internet wird gern jeder noch so peinliche Fehltritt breitgetreten. Auch über Menstruationsrieten, das Sexualleben oder den letzten Ehestreit spricht man gern vor großer Masse. Bei jedem Stammtisch und auch in der Mittagspause ist es kein Problem, über die Schnarchgewohnheiten oder Unarten des Partners in Bad und Küche zu sprechen. Nichts ist peinlich, man kennt kein Tabu. Wo man hingegen jede Menge Tabu kennt, ist in Sachen Politik. Denn darüber spricht man nicht.

Im Grunde genommen ist es ja nicht sonderlich geheim. Die allermeisten Menschen in unserem Land wählen eine von etwa 6-7 großen Parteien. CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke, AFD und für die ganz ausgefallenen vielleicht noch die eine oder andere Randpartei. Mit einem kleinem bisschen statistischen Geschick ist es jedem durch aus möglich abzuschätzen, welche Partei sein gegenüber wählt. Eher links, eher rechts, eher radikal, eher konservativ? Und schon ist der Drops so gut wie gelutscht. Dazu kommt, dass die Wahl der Partei im Grunde genommen nichts über eine Person aussagt – bis auf eben die grobe politische Gesinnung.

Tatsächlich ist es sogar so, dass viele Dinge die wir sonst gerne über uns breit treten, wesentlich mehr aussagen. H&M, C & A, Primark, Ökoladen, Peek und Cloppenburg? Niemand hat Probleme darüber zu sprechen, wo er gern Einkauf. Real, Rewe, dem Markt, Lidl, Aldi oder doch lieber Bio laden? Auch das ist kein besonders pikantes Thema. RTL, ProSieben, RTL zwei, N 24 oder doch lieber Sky? Verrate mir was du kuckst, und ich verrate dir wer du bist. Kaum jemand scheut sich davor zu erzählen, was er gestern Abend im Fernsehen geguckt hat. Warum aber sprechen wir Deutschen nicht darüber, was wir wählen?

Ist es ein Relikt der NS Zeit, in der man Angst haben musste für seine politische Gesinnung bestraft zu werden? Oder ist es die Angst davor, sich rechtfertigen zu müssen? Hat man bedenken nicht gut genug informiert zu sein? Ich finde all das albern. Meine Meinung ist kein Geheimnis! Sie ist nicht peinlich, falsch, und hässlich oder sonst irgendwas komisches. Sie ist meine Meinung; sie bringt zum Ausdruck, was ich für mich und meine Familie möchte. Und die Partei die ich wähle, ist am Ende nichts weiter als die größte mögliche  Schnittmenge der von mir gewünschten Veränderungen. Bestenfalls gibt die Partei die ich wähle das wieder, was ich mir für mein Leben Wünsche – nichts Komisches, nichts Peinliches, nichts über das man die naserümpfen müsst und eigentlich auch nichts was nicht da wissen dürfte!

Die Wahl 

Noch drei Wochen sind es bis zu Wahl und ich fühle mich wieder einmal gestrandet in den Optionen und der Optionslosigkeit. Irgendwie kommt alles nicht in Frage. Die Großen eh nicht, was ich will und brauch verstehen die nicht. Die kleinen roten; denkbar. Viel mehr aber auch nicht.  Links riecht nach Kompromiss, Kommunist bin ich auch nicht und Piraten (zu denen rät der Wahl-O-Mat) sind irgendwie durcheinander. Letztlich lässt mir diese Wahl, bzw. dieses Wahlsystem keine Wahl. Ich will mich nicht für einen dieser Versuche entscheiden. Ich will keinen Kompromiss, kein kleines bisschen. Es geht um die Zufriedenheit in meinem Leben und um die Zukunft meiner Kinder – da ist ein Kompromiss nicht genug. 

Was also tun? Nicht wählen? No way! So googelte ich gestern ausgiebig, das Kanzlerduell im TV laberte während dessen  auf mich ein und trieb mich weiter an eine Lösung zu finden. Wendet man den Blick mal ab von all dem, was man eh so richtig scheisse findet, bleibt erstaunlich wenig über. Irgendwann fand ich die „Demokratie in Bewegung“, eine nagelneue Partei, die sich auf die durchaus rote Fahne schreibt Demokratie neu zu definieren. Ein Portal auf dem man mitbestimmen kann, eine Art Teilhabe ohne Parteimitglied zu sein. Die Richtung schmeckt mir. Weg von einem vorgefertigtem Manual, dass einem keine Luft zum denken lässt; hin zu Partizipation. Ich werde mich mal eindenken, in das Neue, das Mitbestimmende und das ganz andere. Am gespanntesten bin ich darauf, ob es denn wirklich anders und neu ist. Dann hat es vielleicht eine Chance verdient.